Editorial

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Liebe Leserinnen und Leser,

Briten haben ja bekanntlich einen besonders sarkastischen Humor. Das ihnen zugeschriebene Sprichwort „Der Ärzte Fehler werden mit Erde zugedeckt“ steht ganz in dieser Tradition.

Für Mediziner ist das auf den ersten Blick alles andere als schmeichelhaft. Dahinter verbirgt sich aber auch eine ganz entscheidende Wahrheit: Auf Heilberuflern lastet eine außerordentlich hohe Verantwortung für ihre Mitmenschen.

Logisch, dass mit dieser Last die Anstrengungen, Fehler zu vermeiden, bei Weitem höher sein müssen als in vielen anderen Bereichen des Lebens. Hilfe von außen gibt es hier keine. Selbst das dem Arzt in früheren Zeiten vom Volksmund zugeschriebene Attribut des „Halbgottes in Weiß“ half allenfalls, Fehler zu verdecken, nicht, sie zu vermeiden. Gegen den „Albtraum“ des folgenschweren Fehlers wappnet nun mal keine „halbgöttliche Allmacht“.

Folglich muss es Aufgabe des Heilberufsstandes sein, Wege zu beschreiten, mit denen Fehler zugegeben, analysiert und für die Zukunft möglichst systematisiert ausgeschlossen werden können. Richtige Schritte zu dieser neuen Form einer systemisch organisierten Fehler-Kultur erfolgen in jüngerer Zeit mehrfach. Die ersten Erfahrungen mit den modifizierten Umgangsweisen sind durchaus Erfolg versprechend.

Denn das neue Denken räumt auch ein Fehlverhalten aus, das eine systematisierte Vermeidungsstrategie in den zurückliegenden Jahrzehnten massiv erschwert hat. Das zu früheren Zeiten mögliche Prinzip der Verdrängung – „es kann nicht sein, was nicht sein darf“ – ist damit Vergangenheit.

Die Möglichkeit, medizinische Lapsi anonymisiert darzustellen, entschärft die Problematik. Und sie beseitigt damit – jenseits des individuellen Handelns – eine ganz entscheidende kollektive Fehlerquelle: Unwissenheit. Die anonymen Foren ermöglichen das systematische Erfassen von Fehlern ärztlicher Kunst, Wissenschaft und Praxis. Nur die umfassende Kenntnis schafft die Voraussetzung, ähnliche Fehler künftig zu vermeiden. Die systemische Auflistung beseitigt zudem eine weitere Schwachstelle des bisherigen Umgangs mit medizinischen Fehlern: Die Analyse erlaubt die Erforschung möglicher Fehlerquellen. Selten ist falsches menschliches Handeln monokausal bedingt. Die umfassende Kenntnis der Umstände, die nur durch eine genaue, möglichst angstfreie Schilderung von Fehlverhalten erzielt werden kann, leistet mehr als das vom Gesetzgeber installierte Vorsorgeprinzip der Strafbarkeit unzulänglichen ärztlichen Handelns. Hierzu gibt es, wie die Titelgeschichte dieses Heftes aufzeigt, eine durchaus Hoffnung schaffende Entwicklung. In unserem „Zeitalter“ perfektionierter Qualitätssicherung ist das sicherlich ein eindeutig positiv herausstellbarer Ansatz.

Letztlich gibt es ohnehin keine Alternative zu dieser selbstkritischen Vorgehensweise. Es ist menschlich, dass wir aus den Fehlern anderer lernen. Denn wir leben ohnehin nicht lange genug, so lehrt gegenüber britischem Humor nicht minder ironisches persisches Gedankengut, „um alle Fehler selbst zu machen“.

Egbert Maibach-Nagel
zm-Chefredakteur