Typ 2-Diabetes

Neuartiges Antidiabetikum – gute Alternative zu Insulin

Im Speichel einer amerikanischen Echse haben Wissenschaftler einen Wirkstoff entdeckt, der die Effekte des Darmhormons GLP-1 nachahmt. Die Substanz heißt Exenatide und wurde jetzt als Antidiabetikum in Europa zugelassen. Sie ist Studien zufolge ebenso effektiv wie Insulin, muss ähnlich wie dieses injiziert werden, bietet gegenüber Insulin aber deutliche Vorteile für den Patienten.

Das neue Antidiabetikum Exenatide ist der  erste Vertreter der Gruppe der Inkretin-Mimetika.  Das sind Wirkstoffe, die ebenso wie  das Darmhormon (Inkretinhormon) GLP-1  (Glucagon-like-Peptid) die Insulinsekretion  steuern, und zwar in direkter Abhängigkeit  von der Höhe der Blutzuckerspiegel. Exenatide  ahmt damit ein physiologisches Prinzip  nach: GLP-1 wird im Darm auf einen Glukosereizhin gebildet und kurbelt in der  Bauchspeicheldrüse die Insulinproduktion  an. Ebenso  wirkt Exenatide: Der Wirkstoff  stimuliert ebenfalls die  Insulinproduktion im Pankreas  und führt so zu einer  nachhaltigen Blutzuckersenkung.  Da dies wie beim  GLP-1 nur bei erhöhten Glukosespiegeln  geschieht, drohen  unter einer alleinigen  Behandlung mit Exenatide,  anders als zum Beispiel unter  einer Insulintherapie, keine  Hypoglykämien.

Physiologisches Wirkprinzip

Wie GLP-1, so hemmt auch  Exenatide darüber hinaus  die Glukoneogenese in der  Leber, wirkt auf das Sättigungszentrum  im Gehirnund verzögert die Magenentleerung.Das hat in aller  Regel zufolge, dass die  Patienten weniger essen und  somit langfristig an Gewicht  abnehmen, ein günstiger Effekt, da speziell  Typ 2-Diabetiker in der Mehrzahl der Fälle  übergewichtig sind. „Exenatide ist damit  eine gute Alternative zu einer Insulintherapie“,  betonte Professor Dr. Oliver Schnell  aus München bei der Vorstellung des neuen  Antidiabetikums in Berlin.

Das belegen zwei Vergleichstudien, in denen  der Wirkstoff eine dem Insulin ebenbürtige  Wirksamkeit aufwies. Eine Vergleichsstudie  bei 253 Patienten, die nur  Metformin plus Sulfonylharnstoff erhalten  hatten, ergab, dass sie keine adäquate Blutzuckerkontrolle  erreichten. Verabreichte  man ihnen jedoch ergänzend Exenatide, so  erfolgte eine ebenso gute Blutzuckersenkung  wie bei der zusätzlichen Behandlung  mit einem Mischinsulin. In beiden Studienarmen  wurde außerdem eine deutliche Reduktion  des HbA1c-Wertes gesehen, also  des Wertes, der als Maß für die langfristige  Blutzuckerkontrolle angesehen wird. Unter  Insulin sank das HbA1c um 0,89 Prozent  und unter Exenatide sogar noch ein wenig  ausgeprägter um 1,04 Prozent.

Die gute Blutzucker senkende Wirksamkeit  von Exenatide zeigte sich unter anderem  auch darin, dass bei jedem dritten Patienten  durch die Therapie ein HbA1c von 7 Prozent  erreicht wurde und bei jedem fünften  Patienten sogar ein HbA1c-Wert unter 6,5  Prozent, was einer deutlich verbesserten  Blutzuckereinstellung entspricht. Auffällig  war außerdem ein günstiger Gewichtsverlauf  unter dem Inkretin-Mimetikum: Die Patienten  nahmen 2,5 Kilogramm ab, unter  dem Mischinsulin jedoch 2,9 Kilogramm zu.  Eine zweite Vergleichsstudie bei 114 Typ 2-Diabetikern bestätigte die vergleichbare klinische  Wirksamkeit gegenüber Insulin mit  sogar deutlich stärkerer Besserung der postprandialen  Blutzuckeranstiege unter Exenatide.

Vorteile gegenüber Insulin

Bei folglich gleich guter Wirksamkeit weist  Exenatide laut Professor Schnell einige Vorteile  gegenüber Insulin auf. Zwar muss der  Wirkstoff auch subkutan injiziert werden,  dies aber geschieht zweimal täglich in einer  Standarddosierung. „Wiederholte Blutzuckermessungen  wie sie bei der Insulintherapie  erforderlich sind, sind bei der neuen  Behandlungsoption nicht notwendig“, berichtet  der Mediziner. Das ist nach seinen  Worten komfortabler für die Patienten und  spart zugleich Kosten.

Wichtiger aber noch dürfte das deutlich geringere  Risiko einer Hypoglykämie unter der  Behandlung sein und die Tatsache, dass  Exenatide die Gewichtsabnahme fördert.

Die meist übergewichtigen Patienten nahmen  in den vorliegenden Studien im  Schnitt immerhin 4,5 Kilogramm in zwei  Jahren ab.

Die Krankheitsprogression aufhalten

Für viele Patienten ist Exenatide nach  Schnell somit gegenüber Insulin die bessere  Wahl, wenn mit oralen Antidiabetika alleine  keine befriedigende Blutzuckereinstellung  mehr gelingen will. Seine Bedeutung  könnte künftig noch zunehmen. Denn es  gibt tierexperimentelle Befunde, wonach  Exenatide die Betazelldysfunktion bessert  und die Betazellmasse wieder ansteigen  lässt. Das aber deutet an, dass die Substanz  möglicherweise die Progression der Stoffwechselstörung  aufhalten kann, ein Effekt,  der bislang so beim Menschen noch nicht  belegt werden konnte.

In den USA ist der neue Wirkstoff seit mehr  als einem Jahr verfügbar, nun wurde er  auch in Deutschland zugelassen. Er wird bei  der Behandlung von Patienten eingesetzt,  bei denen durch Metformin und/oder Sulfonylharnstoff  eine adäquate Blutzuckerkontrolle  nicht erwirkt werden kann. Das  Arzneimittel wurde in 35 kontrollierten Studien  bei mehr als 4 000 Patienten mit Typ 2-Diabetes geprüft. In den Studien wurde dokumentiert,dass die Substanz die Blutzuckerkontrolle  nachhaltig bessert und ein  gutes Sicherheitsprofil besitzt.

Christine Vetter
Merkenicherstraße 224
50735 Köln

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