Karlsruher Vortrag „Mund auf“

Die Balkanfrage

„Mund auf“ lautet das Motto eines Ereignisses, das an der Akademie für zahnärztliche Fortbildung Karlsruhe ein überregionales, gesellschaftliches Erlebnis darstellt und rund 1 200 Gäste, nicht nur Zahnärzte, sondern auch Honoratioren diverser Professionen in die Karlsruher Stadthalle ruft. Die Intention ist, Gastredner, die bislang noch nicht vor einem derartigen Zuhörerkreis gesprochen haben, zu einem Themenfeld referieren zu lassen, das alle etwas angeht. So machte in diesem Jahr Dr. Wolfgang Schüssel, Ex-Kanzler von Österreich, zur „Rolle Europas und der Stabilität am Balkan“ den „Mund auf“.

Die Nachrichtensprecher vermeldeten sie jeden Abend, die Städte Mostar, Vukovar, oder Srebrenica. Unsere Erinnerung verbindet diese Namen mit Grausamkeiten, Massenmorden, Vergewaltigungen und jeder Menge verbrannter Erde sowie einem Volk, dessen Vertriebene als unsere Mitmenschen nicht nur in Deutschland ein neues – oft trauriges – Zuhause gefunden haben. Dass die Geschichte dieser Region lebt und schon immer lebte, machte Dr. Wolfgang Schüssel, in den Jahren 2000 bis 2007 Kanzler in Österreich, als österreichischer Bürger hinter dem Grenzzaun sowie aus der Sicht des Staatsmannes mit dem entsprechenden Blickwinkel deutlich.

Der Referent nahm das Publikum, das wie ein Mosaik zusammengesetzt war aus Zahnärzten, Hochschullehrern, Juristen, Führungspersönlichkeiten der Karlsruher Ämter, Behörden und Gerichten, führenden Theologen und vielen Bürgern, die in der Karlsruher Gesellschaft eine Rolle spielen, mit auf eine Reise durch die Geschichte. Er zog einen weiten Bogen über die Historie der Römer, die einst die Gebiete, die wir heute unter „Balkan, was Gebirge bedeutet“, bezeichnen, bewohnt hatten, präsentierte dem Publikum wie in einem Zeitraffer den Einmarsch der Türken, die den Islam mitbrachten und nicht nur damit ihre Spuren bis zum heutigen Tag hinterließen. Er erinnerte an Namen, Kaffeehäuser, die gerade in Wien eine jahrhundertelange Tradition bewahren, und an die Gestaltung der Bahnhöfe, die den mauretanischen Baustil bis heute präsentieren, und erklärte, dass die Wiener Kipferln dem Türkischen Halbmond in ihrer Formgebung nachempfunden wurden. Schüssel rief die Annextion Österreichs an Deutschland vor 70 Jahren ebenso ins Gedächtnis der Zuhörer wie die Annetion von Bosnien 1905. Er beschrieb die darauf folgenden Zyklen der Geschichte, die Zeit mit Tito und seiner absolutistischen Ideologie und schließlichseinem Tod, der den Wunsch nach Unabhängigkeit bei den Kossowaren auf den Plan rief – aber blutig endete. Trotz allem war Jugoslawien ein Vielvölkergebilde und frei von Zwängen und militärischen Verpflichtungen des Warschauer und des Nordatlantik-Paktes. Bald schon folgte Milosevics konsequente Manipulationsregierung, wie Schüssel es ausdrückte.

Und die Welt hat weggeschaut

Das Drama der Abspaltung und der Bestandssicherung der einzelnen Republiken begann. Die Verfassung von 1974 war zwar noch Grundlage des Gesamtstaates Jugoslawien und seiner sechs sozialistischen Bundesländer, von denen die Republik Serbien noch die zwei autonomen Randprovinzen Wojwodina und Kosovo besaß, aber die Vielvölkerschaft sowie die damit verbundenen diversen Glaubensrichtungen wirkten kontraproduktiv. Milosevic beherrschte es immer mehr, die Massen der selbstbewussten Serben zu manipulieren und verstand es, auf diese Weise zu lenken. Am 600sten Jahrestag der verlorenen Schlacht auf dem Amselfeld schwebte er unter großem Applaus wie ein rettender Engel (mit dem Hubschrauber) vom Himmel und beeindruckte damit über eine Million dort versammelter Serben mit der Auffassung, das Kosovo sei für immer serbisch. Der Konflikt schürte weiter und betraf vor allem die vielen dort ansässigen Albaner. Unabhängigkeit, das war der Antrieb der Kriege, die in den folgenden Monaten aufflammten und sich im Schatten der Golfkriege abspielten. Kosovo – das war ein Begriff, den man in Europa zwar kannte, aber nicht verinnerlichte, geschweige denn das Problem wurde von einzelnen Regierungshäusern aufgegriffen. Blutorgien spielten sich ab, das Leid der Regionen und der dort lebenden Menschen erinnerte an die letzten Monate des zweiten Weltkrieges. Das alles spielte sich direkt vor unserer Haustür ab, denn, so Schüssel, „... der Balkan beginnt für den Wiener bereits am ´Inneren Ring´”.

Europa soll für Stabilität und Frieden sorgen

Erst die dramatische Auslieferung von Milosevic an Den Haag zeigte, dass sich das Blatt wenden würde. „Aber wie konnte man schließlich zu einer alle befriedigenden Lösung kommen?“, stellte der Österreicher in den Raum. Denn der Balkan und das Kosovo sind Teile Europas und schließlich seiner Geschichte. Trotzdem wird in Brüssel nicht mit einer Stimme gesprochen. Und der einzige Weg, Ruhe in die Region zu bringen, ist, so der ehemalige Staatsmann, der gesamten Region mit allen ihren Teilen den Beitritt zur EU zu gewähren. „Europa muss hier mit einer Stimme sprechen!“ Schüssel weiter: „ Die Europäische Union ist die einzige Perspektive, die die Regionen dort haben. „Der Balkan darf nicht das Armenhaus Europas werden!“, warnte Schüssel. Das ist eine historisch, kulturell und in ihren Provinzen wirtschaftlich sehr reiche Region, reich auch an Jugend, Leben und Schaffenskraft – und vor allem auch Schaffensfreude. Jeder dort geschaffene Arbeitsplatz zieht weitere in der EU nach sich, prognostizierte er. Schüssel zeigte sich äußerst engagiert für die Region, die direkt vor den Toren Österreichs liegt und daher für ihn und seine Landsleute auch im direkten Interessensfokus liegt.

Er setzte sich mit einem die Zuhörer überzeugenden Engagement ein für die Länder mit verbrannter Erde, die es „in sich haben“, irgendwann zum Wirtschaftsmittelpunkt zu werden.

Wortreich , eloquent und sehr lebendig zog der Staatsmann seine Zuhörer in den Bann und ließ sie teilhaben an einem europäischen Problem, dass in Deutschland wohl bislang in dieser Konsequenz noch nicht angesprochen worden ist. Er machte den Mund auf für den Balkan und freute sich, zu einer Zeit leben zu dürfen, in der der Einzelne noch mitgestalten kann und schloss mit den Worten: „... Und wir sind mittendrin!“ Anhaltende Standing Ovations waren der Dank der rund tausend Zuhörer an den Cello- und Fußballspieler, Politiker und vor allem durch und durch europäisch denkenden Festredner. Als sichtbare Anerkennung, dass er zu diesem brisanten Thema den „Mund auf“ gemacht hat, erhielt Dr. Wolfgang Schüssel eine schwere Metallplastik des Künstlers Joachim Czichon aus den Händen des Karlsruher Oberbürgermeisters.


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