Horace Wells

Der tragische Pionier der Anästhesie

Anästhesie ist in der Medizin nicht mehr wegzudenken. Einer der Pioniere war zu Beginn des 19. Jahrhunderts der amerikanischen Zahnarzt Dr. Horace Wells. Er setzte mit seiner Forschung einen Meilenstein in der Geschichte der Medizin.

Der Mann, der am 24. Januar 1848 im „Tombs Prison“ von New York tot aufgefunden wurde, verbannte den Schmerz aus der Medizin. Er entdeckte die Anästhesie und gab den entscheidenden Anstoß für die Anwendung in der Zahnmedizin. Der Anblick des Toten ist sicher nicht schön gewesen, denn Wells nahm sich durch das Aufschneiden der linken Beinschlagader das Leben. Zuvor hatte sich der Zahnarzt durch Chloroform das Schmerzempfinden genommen, ein Akt der Anästhesie, die sein Leben – nicht zuletzt auf tragische Weise – bestimmt hat.

Auf die Welt kam Horace Wells am 21. Januar 1815 in Hartford im US-Bundesstaat Vermont. Seine Eltern waren Horace und Betty Heath Wells, die nach ihm noch zwei weitere Kinder, Charles und Mary, bekamen. Wells besuchte seit 1821 Schulen in Neuengland und begann 1834 mit dem Studium der Zahnmedizin in Boston. Am 9. Juli 1838 heiratete er Elizabeth Wales (1818-1889). Das Paar bekam 1839 den Sohn Charles Thomas Wells (gestorben 1909), der keine Nachkommen hatte.

Erfolgreiche Praxis

Im Jahre 1836 eröffnete er seine Praxis in Hartford, der Hauptstadt des US-Bundesstaates Connecticut. Die Praxis in der Main Street lief bald sehr gut und Wells wurde einer der erfolgreichsten Zahnärzte der Stadt. Unter seinen Patienten war auch die Familie des Gouverneurs von Connecticut. Sein Augenmerk galt früh der Vermeidung von Schmerzen bei der Extraktion von Zähnen. Im Jahre 1838 veröffentlichte er seine Arbeit „An Essay on Teeth, Comprising a Brief Description of their Formation, Disease, and Proper Treatment“. Nach einer Reihe von fehlgeschlagenen Experimenten mit unterschiedlichen Narkotika glaubte er seit 1840 an die Effizienz des Stickoxyduls, dessen genaue Bezeichnung heute Distickstoffmonoxid lautet und das umgangssprachlich Lachgas genannt wird.

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Vor Horace Wells hatten schon andere die Bedeutung des Stickoxyduls vermutet. Bereits Ende des 18. Jahrhunderts beschrieb der Universalgelehrte Joseph Priestley (1733-1804) das Oxydul des Stickstoffes. Der englische Chemiker Sir Humphry Davy (1778-1829) und spätere Präsident der Royal Society in London hatte 1799 die bewusstseinstrübende und erheiternde Wirkung des Gases erkannt. Er empfahl das Lachgas zur Behandlung von Zahn- und Kopfschmerzen. Aber diejenigen, die Lachgas eher für eine Belustigung auf Jahrmärkten oder die „Partydroge“ der gehobenen Schichten hielten, brachten Davy davon ab, die Eigenschaften des Gases weiter zu erforschen.

Vorführung mit Lachgas

Horace Wells wurde im Dezember 1844 in Hartford Zeuge bei einer Vorführung mit Lachgas. Initiator war Gardiner Quincy Colton, der mit seiner Lachgas-Show umherzog. Der „Hartford Courant“ kündigte das Ereignis so an: „A GRAND EXHIBITION of the effects produced by inhaling NITROUS OXIDE, EXHILARATING or LAUGHING GAS! will be given at UNION HALL, THIS (Tuesday) EVENING, Dec. 10th, 1844.”

Zu dem Besuch im Lachgaszirkus hatte Horace Wells seine Frau Elizabeth überredet, damit er ein wenig von der Arbeit ausspannen könne. Der Freizeitausflug in die Union Hall von Hartford sollte aber ungeahnte Folgen für die Entwicklung der Medizin haben. Einer der Männer, die sich freiwillig gemeldet hatten, um das Gas einzuatmen, war ein gewisser Samuel Cooley. Unter den Freiwilligen war auch Wells selbst. Als unter dem Einfluss des Lachgases Cooley stürzte und sich schwer am Schienbein verletzte, beobachtete Horace Wells, dass der Mann keinen Schmerz zu spüren schien.

Direkt am darauf folgenden Tag ging Horace Wells dem Phänomen auf den Grund. Er ließ sich in seiner Praxis durch den Kollegen Dr. John Mankey Riggs (1810-1885) unter der Narkose von Stickoxydul, das ihm Colton gab, einen Weisheitszahn ziehen. Als er wieder zu sich kam, soll der ausgerufen haben: „A new era in tooth-pulling!“ Durch den erfolgreichen Selbstversuch ermutigt, ließ sich Wells die Herstellung und Verabreichung des Lachgases von Colton erklären. Wells wandte das Gas als Narkosemittel sofort in der eigenen Praxis an. Vielen seiner Patienten konnte er so schmerzfrei die Zähne ziehen.

Ausgepfiffen

Um seine Entdeckung einer breiteren medizinischwissenschaftlichen Öffentlichkeit zu demonstrieren, ging Wells am 20. Januar 1845 nach Boston. Dorthin hatte ihn der berühmte Chirurg Dr. John Collins Warren (1778-1856) zu seiner Vorlesung an das Massachusetts General Hospital der Harvard University eingeladen, um die Wirkung des Stickoxyduls an einem Studenten vorzuführen. Aber da passierte das Missgeschick, das von nun an Wells Leben negativ beeinflussen sollte. Anstatt von dem anwesenden Auditorium im so genannten Bulfinch Building der Universität gefeiert zu werden, misslang die Demonstration. Sehr wahrscheinlich war die Dosierung des Gases zu gering oder das selbst hergestellte Lachgas nicht rein genug. Horace Wells wurde von den Studenten ausgepfiffen und als Scharlatan bezeichnet und das Narkosegas als Humbug abgetan.

Der gute Ruf des Hartforder Zahnarztes war in der medizinischen Fachwelt erst einmal dahin. Dennoch wendete Wells in seiner Praxis bei der Zahnextraktion weiterhin erfolgreich Lachgas als Narkosemitteln an. Eine Reihe von Patienten hielt ihm auch die Treue, wie Honorare von bedeutenden Bürgern Hartfords belegen können. Trotz des Misserfolges in Boston war Wells in den folgenden Jahren erfolgreich bei Operationen als Anästhesist tätig. Seine Zahnarztpraxis gab er allerdings auf.

In der Zwischenzeit hatte der Zahnarzt William Thomas Green Morton (1819-1868) unter dem Einfluss des Gelehrten Charles Thomas Jackson (1805-1880) begonnen, mit Äther als Narkotikum zu experimentieren. Morton war seit 1841 Schüler von Wells gewesen und danach für kurze Zeit sein Partner.

Äther als Narkosemittel

Die betäubende Fähigkeit des Äthers hatte schon 1818 Michael Faraday (1791-1867), Assistent von Humphry Davy, beobachtet. In der Zahnmedizin soll Äther als Narkosemittel bereits im Januar 1842 durch William E. Clarke eingesetzt worden sein. Er soll in Rochester im US-Bundesstaat New York einer Patientin durch ein Handtuch Äther verabreicht haben. Danach soll ihr der Zahnarzt Elijah Pope einen Zahn gezogen haben. Wenig später, im März 1842, glückte dem Arzt Crawford Williamson Long (1815-1878) angeblich die erste Operation unter der Narkose von Äther, was er aber erst 1849 öffentlich machte.

Am 16. Oktober 1846 gelang Morton bei einer Operation erfolgreich die Anästhesie durch den Einsatz von Äther. Einem Patienten konnte ein Tumor unterhalb des linken Unterkiefers schmerzfrei entfernt werden. Morton hatte ein halboffenes Narkosesystem entwickelt. In einen Glaskolben mit zwei Öffnungen war ein Schwamm mit Äther getränkt. Durch den Glaskolben atmete der Patient ein Gemisch aus Raumluft und Äther ein, wobei das Ausatmen durch ein spezielles Ventil nach außen erfolgte. Unter den Augen des Chirurgen Dr. John Collins Warren war Morton am Massachusetts General Hospital der Erfolg vergönnt, der Wells im Jahre zuvor durch unglückliche Umstände versagt geblieben war. Morton erhielt sogar ein Patent für seine Äthernarkose. Diese Tatsache muss für Wells umso deprimierender gewesen sein, denn Morton heimste nun die Meriten ein, die eigentlich ihm zuerst zugestanden hätten.

Experimente mit Chloroform

Neben Lachgas und Äther experimentierten Mediziner zu Beginn des 19. Jahrhunderts auch mit Chloroform, das bei Überdosierung aber immer wieder zu Todesfällen geführt hatte. Seit den 1870er-Jahren hatte sich Äther als Narkosemittel in der Medizin durchgesetzt. Gegen Ende des 19. Jahrhundert kam Lachgas als Narkosemittel wieder vermehrt zum Einsatz.

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Seit 1846 reiste Horace Wells durch die USA und ab 1847 auch nach Europa, um Wissenschaftler auf seine Entdeckung aufmerksam zu machen. Wells versuchte vor allem in Paris, im damaligen „Mekka“ der Medizin, als Erfinder der Inhalationsnarkose anerkannt zu werden. Im Februar 1847 hatte er einen Brief an die französische Académie des sciences geschrieben, in dem er über seine Entdeckung berichtete und die Erstlingsrechte einforderte. Horace Wells verfasste 1847 eine Schrift, die er „A History of the Discovery of the application of Nitrous Oxide Gas, Ether and Other Vapors to Surgical Operations“ nannte. Mit Recht konnte Wells darauf verweisen, dass er seit 1844 eine große Zahl von Zahnoperationen unter Lachgasnarkose durchgeführt hatte. Und dies bei konstantem Erfolg. Auch seine Fähigkeiten als Anästhesist waren offenkundig. Im Februar 1847 wurde eine Hodenoperation bei einem Patienten von Dr. E. E. Marcy aus Hartford durchgeführt, bei der Wells selbst die Anästhesie übernahm. Der Patient hatte ausdrücklich bestätigt, außer einem kurzen Anfangsschmerz, während des gesamten Eingriffs schmerzfrei gewesen zu sein. Dr. Marcy war fest von den Vorzügen des Lachgases gegenüber Äther als Narkotikum überzeugt, was er im „Boston Medical and Surgical Journal“ 1847 manifestierte.

Anerkennung verwehrt

Der durchschlagende Erfolg um die Anerkennung seiner Arbeit blieb Horace Wells zu Lebzeiten verwehrt. Der empfindsame Mann wurde depressiv und schließlich, durch die häufigen Selbstversuche mit Lachgas, Äther und Chloroform, chloroformsüchtig. Wells war 1847 nach New York City umgezogen, wo er den Umgang mit Narkotika unterrichtete. Seinen Sitz hatte er in der Chamber Street 120 auf der West Side Manhattans.

Unter dem Einfluss einer Überdosis Chloroform beging er genau an seinem 33. Geburtstag einen Säureanschlag auf Prostituierte am Broadway. Daraufhin wurde Wells in das berühmt-berüchtigte „Tombs Prison“ von New York gesteckt. Ihm wurde noch gestattet, das Notwendigste aus seiner Wohnung in Manhattan zu holen, auch ein Rasiermesser. Unbemerkt von den Wachen konnte Wells auch eine Flasche Chloroform mit in die Zelle schmuggeln. Der sehr religiöse Horace Wells fühlte sich so schuldig an dem schrecklichen Verbrechen, dass er Selbstmord beging. Wie verzweifelt Wells gewesen sein muss, zeigen die Worte, die er am 23. Januar vor seinem Selbstmord an die Hinterbliebenen schrieb:

„Great God! has it come to this? Is it not all a dream? Before 12 o’clock this night I am to pay the debt of nature. Yes, if I was to go free tomorrow I could not live and be called a villain. God knows I am not one. O, my dear mother, brother and sister, what can I say to you? My anguish will only allow me to bid you farewell. I die to-night, believing that God, who knoweth all hearts, will forgive the dreadful act. I shall spend my remaining time in prayer.” (W. Harry Archer, „Chronological History of Horace Wells, Discoverer of the Anesthesia,“ in: Bulletin of the History of Medicine, Band VII, Nummer 10, Dezember 1939, Seite 1162 bis 1163). Horace Wells wurde 1848 zunächst auf dem Old North Cemetery von Hartford bestattet. Erst 1908 ließ der Sohn Charles den Vater und die Mutter auf den Cedar Hill Cemetery umbetten und beauftragte den Bildhauer Louis Potter, eine ganz spezielle Grabplastik zu schaffen.

Ehre erst posthum

Wie bei so vielen Entdeckern, wurde auch Horace Wells erst nach seinem Tod die gebührende Ehre zuteil. In der französischen Hauptstadt steht heute ein Monument des amerikanischen Zahnarztes. Die Parisian Medical Society (die englisch sprechende Medical Society wurde von dem englischen Arzt John Hughes Bennett 1837 in Paris gegründet) entschied 1848, dass Wells die Erstlingsrechte für die erfolgreiche Anwendung von Gas zur Anästhesie in der Medizin zustehen. Die Nachricht erreichte Wells tragischerweise nicht mehr vor seinem Selbstmord.

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Die Stadt Hartford hat ihrem Bürger Wells im Bushnell Park ein von Truman H. Barlett geschaffenes Denkmal errichtet. Dazu stand in der New York Times vom 26. Juli 1875 folgendes: „The memorial to Dr. Horace Wells. The Hartford Courant gives a brief description of the statue of Dr. Horace Wells, made at the joint expense of the State of Connecticut and the City of Hartford as a witness to their conviction that it was he who first discovered the practicability of rendering the human system insensible to pain during dental and surgical operations.“ Die Inschrift auf dem Sockel des Denkmals ist eindeutig: „Horace Wells, The Discoverer of Anesthesia, December 1844“. Das Parlament von Connecticut hatte bereits 1847 beschlossen, dass Wells die Ehre gebühre, als erster die Anästhesie entdeckt zu haben und dadurch die Arbeit von Zahnmedizinern und Medizinern entscheidend weiterentwickelt zu haben. Dies bestätigten auch die American Dental Association 1864 und die American Medical Association 1870 und 1944. Im Menczer Museum of Medicine & Dentistry in Hartford befindet sich eine Resolution, die 1873 die Mediziner und Zahnmediziner von England an Frau Wells zu Ehren ihres verstorbenen Mannes richteten. Daneben bewahrt das Museum viele Gegenstände aus dem Leben von Horace Wells auf. Zu sehen sind unter anderem die Totenmaske von Wells und seine Tagebücher.

Die größte Ehrung für Horace Wells ist aber die Tatsache, dass noch heute Lachgas wegen seiner geringen Nebenwirkungen im Gegensatz zu Äther und Chloroform in der Medizin als Narkosemittel eingesetzt wird. Es dient bei Kombinationsnarkosen mit anderen Anästhesiepräparaten für lang dauernde Operationen oder findet mit Sauerstoff als „Lachgasanalgesie“ bei kürzeren chirurgischen Eingriffen Anwendung.

Kay Lutze
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