23. Karlsruher Konferenz

Tradition hochkarätiger Fortbildung bleibt ungebrochen

Eine Bresche für die Qualität in der Praxis und im Speziellen für den Zahnersatz zu schlagen, das war das Thema der diesjährigen 23. Karlsruher Konferenz, die unter der Führung von Prof. Winfried Walther, dem Amtsnachfolger des verstorbenen Prof. Michael Heners, in gewohnter Weise mit hochkarätiger Wissenschaft gespickt war und somit die langjährige Tradition in gleicher Brillanz fortführte. Weit über 400 Teilnehmer und Teams waren nach Karlsruhe gereist, um sich fortzubilden, Erfahrungen auszutauschen und das Erlernte im Kollegenkreis zu diskutieren.

Mit der diesjährigen Themenwahl wollte  Prof. Dr. Winfried Walther, Leiter der Akademie,  vor allem auf die Bedürfnisse der Patientengeneration  eingehen, die noch nicht  präventionsorientiert groß geworden ist. Er  ging in seinem Impulsreferat auf die Verantwortlichkeit  des Zahnarztes ein, die dieser  seinen Patienten gegenüber hat, und der  damit selbst eine große Qualitätskomponente  darstellt. Walther stellte die Komplexität  der prothetischen Behandlung vor, die  nicht nur aus der zahnmedizinischen Arbeit,  sondern auch aus der Gemeinschaftsleistung  von Zahntechniker und Patienten  besteht. Erst dann, wenn alle drei mit ihrer  Leistung zufrieden sind, ist von einer sogenannten„Qualität“ zu sprechen. Nachdem  der Referent einen „Ausflug“ zur Qualität inder Prothetik gemacht hat – einige treffende  Aussagen sind an dieser Stelle als Zitate  wiedergegeben – schritt der Akademieleiter  zur Uraufführung eines Projektes,  das bislang in der Zahnmedizin einzigartig  ist. Es soll eben dieser Qualitätsicherung bei  der Planung einer großen prothetischen  Restauration dienen und über die Prognose  der Pfeilerzähne mittels eines eigens dafür  erstellten Computerprogramms „DentHelp“  Auskunft und damit Behandler und Patient  Sicherheit geben.

„DentHelp“ wurde von der Akademie für  Zahnärztliche Fortbildung Karlsruhe in Zusammenarbeit  mit der Universität Bremen  entwickelt. Der innovative Aspekt des Systems  ist die fallbasierte Expertise zum Überlebensverhalten  von Konuskronenpfeilern.  Auf Grundlage eines Trainingsdatensatzes,  der das Schicksal von 730 Patienten dokumentiert,  errechnet die Anwendung, ob der  im individuellen Fall zu planende Konuspfeiler  ein Intervall von zehn Jahren überleben  wird.

Prognose der Pfeilerzähne einfach errechnen lassen

Durch Einsatz von induktiven Lernverfahren  wurden daraufhin Entscheidungsregeln  generiert, die auf neu zu planende Fälle angewendetwerden können. Die Regeln beschreibenden Zusammenhang zwischen  dem initialen zahnärztlichen Befund, weiteren  Patienten- und Konstruktionsparametern  und dem Auftreten einer Extraktion im  weiteren Fallverlauf. Um die Regeln zu verifizieren,wurde eine zehnfache Kreuzvalidierungdurchgeführt. Dadurch kann die  Sensitivität und die Spezifität der Expertise  errechnet und schließlich angegeben werden.  Die Eingaben des Anwenders dienen  ausschließlich zur eigenen Planung. Generell  wird garantiert, dass keine Daten gespeichertwerden. Das Entscheidungsunterstützungssystem  ist eine Internetanwendung  und kann unter www.karlsruhe.  de aufgerufen werden. Sein Einsatz ist  kostenfrei. Prinzipiell gilt, dass dem Zahnarzt  durch das System die Therapieentscheidung  nicht abgenommen wird. Dieses fallbasierte  Entscheidungsunterstützungssystem  soll ihm jedoch eine vertiefte Reflexion  über den Einzelfall ermöglichen, die Entscheidungsfindung  vereinfachen und auch  eine Sicherheit für den Patienten liefern.

Das schöne Lächeln im Wandel der Zeit

Dr. Sandro Siervo, Mailand, besprach das  Für und Wider der prothetischen Versorgung  mittels Implantaten, deren Ziel es ist,  den Patienten mit einer ästhetischen Versorgungund so mit einem natürlichen  Lächeln zu rehabilitieren. Seiner Auffassung  nach ist das Inserieren von festsitzendem,  implantatgetragenem Zahnersatz heute Tagesgeschäft.  Jedoch sollte individuell mehr  als genau geplant werden, ob nicht „weniger“  „mehr“ ist. So zeigte er auch den Entwicklungsschrittauf, den die Implantatprothetik  in den letzten drei Jahrzehnten genommen  hat, und gab Tipps zur Qualitätssicherung.  Ganz entscheidend ist seiner Erfahrung  nach der Zustand des Parodonts,  denn dieses gäbe bereits Auskunft über die  Prognose des Implantats beziehungsweise  der definitiven Versorgung. Während früher  bei einem neuen Patienten das OPG über  den weiteren Therapieverlauf Auskunft gab,  so ist es heute das „Wax up“, auf dem eine  radiologische Schablone angefertigt wird,  sowie das anschließende OPG mit Schablone.  Generell empfahl er, nur mit der  Schablone zu implantieren. Bei der Sofortimplantationsei die Verordnung von mindestensvier Wochen Weichkost obligatorisch.Auch gilt für ihn: Keine ästhetischeProthetik ohne ein perfekt durchdachtesWeichteilmanagement. „Geben Sie beimSchneiden acht, dass sich die Papille 100  Prozent regenerieren kann!“

Professor Dr. Jörg Strub, Freiburg, stellte  sich die Frage, ob neue Technologien  tatsächlich eine bessere Qualität liefern.  Ausgelöst durch die Informiertheit der Patienten  durch die breiten Medien, ist der Anspruch  an beste Ästhetik heute kein Sonderfall  mehr. „Der Patient, der nur noch  vernünftig beißen will, ist heute so gut wie  ausgestorben!“ Strub präsentierte Langzeitergebnisse  mit einem Verlauf von rund 17  Jahren in situ und diskutierte die Ergebnisse  beziehungsweise die heutige Optimierbarkeit.  Er stellte komplexe Fälle vor, die mittels  CAD/CAM und Vollkeramik durchgeführt  worden sind, und diskutierte die  tatsächlichen Kosten für die Praxis. Besonderen Wert legte er trotz des technischer  Fortschritts auf die intensive Zusammenarbeit  zwischen Zahnarzt und Zahntechniker:  „Das wird sich auch in den nächsten fünf  Jahren nicht ändern“, so der Wissenschaftler.  Er gab einige klare Botschaften: Die  CAD/CAM-Technologie liefert heute eine  unschlagbare und vor allem reproduzierbare  Qualitätsgarantie! Eine hohe Kosten- Nutzen-Effizienz jedoch besteht für den  Praktiker, so Strub, nur für das Stuhlgerät.  Er warnte davor, Zirkonoxid – ein Material,  das durchaus seine großen Vorzüge für die  Ästhetik zeigt – in jeder Konsequenz anzuwenden,  da für einige Indikationsbreiche  immer noch die Langzeitdaten ausstünden.  So konnte er auch zeigen, dass bei dreigliedrigen,ZrO2-verblendeten Brücken immer  wieder Abplatzungen auftreten und  meinte, „Sie können Ihrem Patienten hierfür  keine Langzeitprognose abgeben.“

Die Frage nach Qualität trotz Gesetzeskandarre

Die Frage, ob Qualität in der zahnärztlichenPraxis trotz der gesetzlichen Vorgaben  überhaupt noch möglich ist und welche  Gestaltungsmöglichkeiten der Kassenzahnärztlichen  Bundesvereinigung (KZBV)  dabei noch bleiben, stellte Dr. Wolfgang  Esser, KZBV-Vorstandsmitglied, in einem  Referat, das in der Ausgabe zm 9/08 vom  16. 4. 2008 bereits auszugsweise veröffentlicht  wurde. Er reflektierte die Situation und  zeigte auf, in welchem Spannungsverhältnis  zwischen Praxis und Systemebene sich  nicht nur die Selbstverwaltung, die verantwortungsbewusstfür ihre Vertragszahnärzte  in Verhandlung mit dem Gesetzgeber  tritt, bewegt, sondern jeder Zahnarzt  selbst. Sein Fazit: „... Qualität kann man  nicht erzwingen. Qualität ist immer nur  dort möglich, wo die Anreizmechanismen  und die Rahmenbedingungen stimmen.  Deswegen kann unter anderem die zahnmedizinische  Versorgung immer nur so gut  sein, wie die berufspolitische Arbeit, die  dafür die Rahmenbedingungen schafft!“

Die Software „DentHelp“ ist über die  Seite www.za-karlsruhe.de  kostenfrei herunterzuladen und für alle  gängigen Computersysteme kompatibel.  Sie ersetzt nicht die Therapieentscheidung  des behandelnden Zahnarztes.


 

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