Unsichere Zeiten für Anleger

Krisenmanagement gefragt

Dass amerikanische Häuslebauer einmal die Finanzwelt weltweit erschüttern würden, damit hat kaum jemand gerechnet. Sie stehen als Symbol für einen Markt, auf dem nur die Gier regiert und alle Regeln außer Kraft gesetzt scheinen. Banken haben Milliarden Euro verzockt und ihre Kunden aufs Tiefste verunsichert. Private Anleger sollten ihr Kapital in Sicherheit bringen und jeden Ratschlag sorgfältig prüfen.

Auf eine Billion Dollar oder gut 600 Milliarden Euro schätzt der Internationale Währungsfonds (IWF) die Risiken, die die Finanzkrise schon offenbart hat beziehungsweise noch zeigen wird. Und es könnte auch noch mehr werden – so jedenfalls lautete der Tenor bei dem Treffen Anfang April in Washington. Inzwischen sind viele international operierende Banken betroffen.

Auch Deutschlands größtes Geldinstitut, die Deutsche Bank, muss mehr Verluste abschreiben als zunächst gedacht. Wusch zu Beginn der Krise Vorstandschef Josef Ackermann seine Hände noch in Unschuld, rief er Ende März nach dem Staat, weil er glaubte, dass die Märkte die Risiken nicht mehr allein in den Griff bekommen würden. Auf rund fünf Milliarden Euro belaufen sich die krisenbedingten Belastungen bei der Deutschen Bank bis jetzt.

Auf stolze zwölf Milliarden Franken brachte es der Welt größter Vermögensverwalter, die schweizerische UBS. Landesbanken, wie die Sächsische, Bayerische oder die WestLB, räumten ihr Versagen ein. Die Mittelstandsbank IKB konnte nur mit Steuergeldern gerettet werden. „Und das Ende der Fahnenstange ist noch lange nicht erreicht“, so lautet jedenfalls die Überzeugung von Thomas Bieler, bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen für den Bereich Geldanlage zuständig.

Wie es zu diesem weltweiten Verfall der Finanzmärkte kommen konnte, der in seinen Ausmaßen an die Depression von 1929 erinnert, ist inzwischen hinlänglich bekannt. Und dennoch kann man es kaum glauben. Denn letztendlich führte ausschließlich menschliches Versagen dazu, dass die Notenbanken eine Rettungsaktion nach der anderen starten und dennoch die Probleme nur sehr zögerlich in den Griff bekommen.

Ben Bernanke, oberster amerikanischer Währungshüter, setzte den amerikanischen Leitzins innerhalb von wenigen Wochen von 5,25 auf 2,25 Prozent herunter. Damit sollten die Banken wieder die Chance zur Kreditaufnahme bekommen. Warnungen, dass die Immobilienblase in den USA platzen könnte, hat es viele gegeben. Doch die Zocker in den Banken erlagen ihren Allmachtsgefühlen und verkauften sich gegenseitig die Risiko behafteten Kreditpakete ohne Warnhinweis und zudem auch noch auf Kredit. Und irgendwann, als niemand mehr dazu in der Lage war, die herumgereichten Kredite zu bedienen, platzte die Riesenblase. „Die Auswirkungen werden uns noch bis zum Herbst nächsten Jahres beschäftigen“, prognostiziert Norbert Walter, Chefökonom der Deutschen Bank. Thomas Bieler rechnet damit, „dass die nächsten Quartalsergebnisse so mancher Bank für unangenehme Überraschungen sorgen werden.“

Viele Anleger stehen diesem Riesendesaster hilflos gegenüber. Wem sollen sie noch glauben? Verbraucherschützer Bieler warnt davor, „den Ratschlägen der Bankberater blind zu vertrauen. Sie hetzen ihre Kunden jetzt aus den Fonds in andere Produkte hinein. In einem halben Jahr locken sie sie wieder in die alten Anlagen. Für diese Bewegungen kassieren sie viel Provisionen und Gebühren.“ Aber wie sollen Anleger auf die großen Unsicherheiten auf den Kapitalmärkten reagieren? Die Prognosen für die nächsten Monate gehen weit auseinander. Das zeigt, dass im Grunde niemand ein Rezept hat. Deshalb dürfte der beste Tipp sein, Vorsicht walten zu lassen und unbekannte Gebiete zu meiden.

Derzeit flüchten die Anleger aus den Aktien. Das Deutsche Aktieninstitut in Frankfurt beklagte, dass mit 4,047 (Stand: Ende 2007) Millionen die Zahl der Aktionäre ihren Tiefststand seit zehn Jahren erreicht hat. Und die letzten Entwicklungen an der Börse dienen auch nicht gerade als Lockmittel. Seit seinem Jahreshöchststand im Januar mit 8 100 Punkten sank der wichtigste deutsche Aktienindex, der Dax, um 23 Prozent. Die Expertenprognosen für seine nahe Zukunft schwanken zwischen 5 650 und mehr als 8 000 Punkten. Solche Spannweiten verschärfen die Unsicherheiten. Hinzu kommt noch die Abgeltungssteuer als Grund für die Flucht aus den Anteilsscheinen.

Wer jetzt noch Aktien besitzt, kann sich entscheiden zwischen halten und verkaufen. Das ist auch eine Frage der Risikobereitschaft und der Ausdauer. Fürs Halten spricht, dass sich der Markt irgendwann auch wieder drehen wird. Denn gerade deutsche Standardaktien sind derzeit nicht gerade überbewertet. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), das den Jahresgewinn einer Aktie in Relation zu ihrem Kurs setzt, liegt derzeit für die Dax-Werte im Durchschnitt bei zehn, längerfristig betrachtet stand es in der Vergangenheit bei 15. Doch für eine Schnäppchenjagd dürfte es nach Ansicht eher vorsichtiger Ratgeber deutlich zu früh sein: Eine erneute Talfahrt ist nicht ausgeschlossen.

Eher auf Sicherheit setzen meist Anleger, die sich für Zinspapiere entscheiden. Doch auch sie finden keine einfache Situation vor. Die Inflation stieg in Deutschland im März um 3,1 Prozent, in der Eurozone sogar um 3,7 Prozent. In den USA sinken die Zinsen, um den Banken billiges Geld für ihre Krisenbewältigung zur Verfügung zu stellen. In Frankfurt hält Europas oberster Währungshüter Jean-Claude Trichet die Stellung. Bislang weigert er sich, den Leitzins zu senken. Doch auf längere Sicht erwarten vor allem die Unternehmer, dass auch er nachgibt und die Zinsen senkt, um Kredite zu verbilligen. Von Aktien auf Anleihen umzustellen, ist deshalb nicht unbedingt ein lukratives Unterfangen. Wer auf Nummer sicher geht – in diesen Tagen zweckmäßig – und auf Staatsanleihen setzt, muss sich mit jährlichen Renditen von 3,7 Prozent zufriedengeben. Gibt Trichet dem Druck nach, und senkt er den Leitzins, werden die nächsten Anleihen mit einem attraktiveren Kupon ausgestattet sein. Die älteren Papiere verlieren dann an Attraktivität.

Gut geparkt

Geradezu verlockend wirken dagegen die Konditionen für Tages- und Festgeld. Für Anleger, die die Börse in den nächsten Monaten meiden und einfach abwarten möchten, bis die Lage sich entspannt hat und wieder Ruhe auf den Finanzmärkten eingekehrt ist, bilden diese Parkplätze gute Alternativen. Besonders beliebt sind derzeit die einfach zu führenden Tagesgeldkonten. Mit besonders guten Konditionen versuchen die Banken, über diese Schiene Neukunden zu akquirieren. Zu den Spitzenangeboten gehören die Konditionen der Comdirect. Die Internetbank bietet 4,75 Prozent zwar ab dem ersten Euro für maximal 30 000 Euro. Allerdings gilt das nur für Neukunden beziehungsweise für frisches Geld von Altkunden und nur für ein halbes Jahr. Anschließend gibt es für Beträge bis zu 100 000 Euro nur noch 3,8 Prozent. Denselben Satz zahlt die indische ICICI-Bank. Die Einlagen sind bis zu einer Summe von 1,5 Millionen Euro geschützt, weil das Institut wie auch die Comdirect dem Einlagensicherungsfonds deutscher Banken angehört. Gute Konditionen und sichere Einlagen offeriert aber auch die Norisbank (4,25 Prozent) für alle Kunden oder die VWBank (4,25 Prozent) für Neukunden bis zum 31. Oktober 2008.

Den attraktivsten Lockvogel aber setzt derzeit (Stand: 18. April 2008) die isländische Kaupthing Bank auf Neukunden an. Sie bietet stolze 5,10 Prozent als Basiszins plus einen auf sechs Monate befristeten Bonus von 0,55 Prozent. Allerdings sichert das Institut die Einlagen nur bis zur gesetzlichen Grenze von 20 000 Euro ab. In Deutschland firmiert sie unter Kaupthing Edge.

Vor der Kontoeröffnung sollten Interessenten bei allen Instituten die Konditionen genau studieren, um sich vor Enttäuschungen zu schützen. Im Festgeldbereich steht die Kaupthing Edge mit Zinssätzen zwischen 5,11 Prozent für einen Monat und 5,20 Prozent für zwölf Monate an der Spitze. Die Vakifbank wirbt mit Konditionen von 4,20 Prozent für einen Monat bis zu 4,90 Prozent für ein Jahr und 5 000 Euro. Aber Vorsicht ist geboten, denn die Einlagen sind nur bis zu 20 000 Euro geschützt. Die Parexbank zahlt zwischen 4,10 (ein Monat) und 4,70 (zwölf Monate) ebenfalls für mindestens 500 Euro. Die deutsche Niederlassung der lettischen Bank gehört dem Einlagensicherungsfonds deutscher Banken an; die Einlagen sind bis zu einer Summe von 1,5 Millionen Euro abgesichert.

Wer auch in unsicheren Zeiten Erträge von mehr als 5 Prozent kassieren will und zu mehr Risiko bereit ist, muss sich in den Zertifikate-Dschungel begeben.

Damit die Unsicherheit noch überschaubar bleibt, geben Anleger Discountzertifikaten den Vorzug. Sie rentieren sich dann, wenn der Kurs einer zugrunde gelegten Aktie oder eines Index eine bestimmte Schwelle nicht unterschreitet.

Je höher diese Schwelle ist, desto höher die Rendite und entsprechend das Risiko. In der jetzigen Situation eignet sich beispielsweise der Dax eher als einzelne Aktien. Allerdings werden beim Kauf von Zertifikaten Gebühren fällig.

Sichere Horte gesucht

Eine sichere Bank für Gewinne waren in den vergangenen Monaten Rohstoffe. Sie haben den entscheidenden Vorteil, dass ihre Preise sich unabhängig von der Börse entwickeln. Dennoch empfiehlt sich für den privaten Anleger die Investition in einen einzelnen Rohstoff nicht, weil die Risiken zu groß sind. Interessanter sind dagegen Fonds, die in verschiedene Märkte investieren.

Sicherheitsbewusste Anleger setzen nach wie vor auf Gold, obwohl die Feinunze bereits die 1 000-Dollar-Grenze berührt hat. Fans des gelben Metalls, wie der Honorarberater Wolfgang Schuhmacher, Vorstand der Gebsen & Partner Vermögensberatung in Frankfurt, prognostizieren eine Preis von 5 000 Dollar je Unze für 2020. Allerdings rechnet auch Schuhmacher für die nähere Zukunft mit Rückschlägen. Anleger, die sich mit Sicherheitsgedanken plagen, sollten bedenken, dass Gold oder das begehrte Silber keine laufenden Erträge abwerfen.

Jetzt auf Immobilien zu setzen, erscheint auf den ersten Blick widersinnig. Sind doch unbezahlte Häuser der Grund für die Misere, unter der jetzt die gesamte Finanzwelt leidet. Doch offene Immobilienfonds gelten derzeit als sichere Unterkunft für Sparkapital. Die Kurse entwickeln sich gut. Viele Fonds konzentrieren sich bei ihren Investitionen in Bürogebäude auf europäische Länder. Wichtig für die Kaufentscheidung sind der Wert und die Erträge aus diesen Immobilien. Die nicht bezahlten Kredite betreffen aber amerikanische Wohnhäuser.

Damit in Zukunft ähnliche Katastrophen wie die Subprime-Krise vermieden werden, trafen sich im April die 375 Mitglieder des Weltbankenverbandes IIF (Institute of International Finance) unter Vorsitz des Deutsche Bank-Chefs Josef Ackermann. Da man staatlichen Eingriffen zuvorkommen wollte, wurde ein 98-Punkte-Programm beschlossen, um die Dinge selbst in den Griff zu bekommen. Eine der wichtigsten Maßnahmen ist die Bildung einer Gruppe von 20 Bankern, der nur die Crème de la Crème angehören soll. Der Verband fordert eine bessere Aufklärung der Kunden, damit diese in Zukunft über die Risiken einer Anlage besser informiert sind. Zusätzlich beschlossen die G-7-Länder eine straffere Aufsicht der weltgrößten Banken, um die als dramatisch eingestuften Mängel im weltweiten Finanzsystem zu beheben.

Doch was des einen Leid ist, kann des anderen Freud’ sein. Hedge-Fonds-Manager John Paulson jedenfalls reibt sich angesichts der Subprime-Krise die Hände. Ihm bescherte der Preisverfall auf dem amerikanischen Immobilienmarkt den sensationellen Jahreslohn von 3,7 Milliarden Dollar. Er erkannte ganz einfach frühzeitig die Gefahr und nutzte die blinde Gier der Finanzwelt aus: Er wettete auf die Verluste und gewann.

Marlene Endruweit
m.endruweit@netcologne.de

INFO

Sichere Anlagen

Grundsätzlich sind Einlagen bei in Deutschland tätigen Banken bis zu 90 Prozent und maximal 20 000 Euro geschützt. Zu den gesicherten Einlagen gehören Sichteinlagen auf Girokonten, Sparguthaben auch auf Tagesgeld- und Festgeldkonten sowie auf den Namen des Kunden lautende Schuldverschreibungen, Schuldscheine und Verbindlichkeiten aus Wertpapiergeschäften. Die meisten Geldhäuser bieten ihren Kunden sehr viel weiter gehende Sicherungsmaßnahmen:

• Private Geschäftsbanken

Droht einer Bank Insolvenz, die dem Einlagensicherungsfonds des Deutschen Bankenverbandes angeschlossen ist, gilt die Regel, dass alle Einlagen bis zu 30 Prozent des haftenden Eigenkapitals der jeweiligen Bank sicher sind. Das macht bei beim kleinsten Institut 1,5 Millionen Euro, weil das Gesetz über das Kreditwesen ein Mindesteigenkapital von fünf Millionen Euro vorschreibt.

• Sparkassen

Sie garantieren die 100-prozentige Absicherung ihrer Kunden, indem die Institute sich gegenseitig stützen. Zunächst werden die zwölf regionalen Stützungsfonds aktiv. Reicht das nicht, springen die Fonds der Landesbanken und Girozentralen mit ihrem Kapital ein. Als letztes Auffangnetz fungiert die Gewährträgerhaftung. Dann sind Länder und Gemeinden – also der Steuerzahler – gefragt.

• Volksbanken

Das Sicherungssystem dieser Banken besteht aus einem Garantiefonds und einem Garantiebund. Alle Banken leisten solidarisch ihre Beiträge und unterstützen sich Ernstfall gegenseitig, so dass kein Kunde zu Schaden kommt.

Zertifikate und Anleihen unterliegen nicht dem Schutz der Einlagensicherung. Sie sind immer nur so sicher wie der jeweilige Emittent. Bei diesen Papieren handelt es sich um Schuldverschreibungen. Für den Käufer heißt das, dass er im Insolvenzfall den Schaden alleine zu tragen hat. Wertpapierdepots fallen nicht in die Konkursmasse. Über sie können ihre Inhaber jederzeit verfügen.

 

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