ERO-Vollversammlung in Istanbul

Kernprobleme im internationalen Blick

Die diesjährige ERO-Vollversammlung in Istanbul hatte eine randvolle Tagesordnung. Es ging vor allem um ureigene Belange des Berufsstands: Qualität, Fortbildung und der Einsatzrahmen des zahnärztlichen Teams. Besonders die deutsche Delegation konnte in den Diskussionen punkten.

Die diesjährige ERO-Vollversammlung fand am 18. und 19. April in Istanbul statt. Von den insgesamt 40 Mitgliedsländern waren 29 vertreten.

Prof. Dr. Taner Yücel, Beauftragter des Türkischen Zahnärzteverbandes für Internationale Arbeit, informierte über die zahnärztliche Versorgung und Berufsausübung in der Türkei. 1908, vor 100 Jahren, wurde in Istanbul die erste zahnärztliche Fakultät in der Türkei gegründet. Heute gibt es 18 zahnärztliche Fakultäten und sieben weitere sind geplant. Die Ausbildung beträgt fünf Jahre. Insgesamt gibt es 5 500 Zahnmedizinstudenten, pro Jahr werden 1 000 Graduierte entlassen, so dass es einen Zuwachs an Zahnärzten von rund sechs Prozent jährlich gibt.

Die Zahl der Zahnärzte insgesamt beträgt 21 000, davon sind 14 000 in eigener Praxis tätig, die übrigen im öffentlichen Sektor (5 000), beziehungsweise 2 000 von ihnen arbeiten in einem Mix von eigener Praxis und öffentlicher Anstellung. In der Türkei kommt ein Zahnarzt auf 3 428 Einwohner, wobei die Zahnärzte jedoch sehr unterschiedlich über das Land verteilt sind. So beträgt die Zahnarztdichte in Istanbul 1:2 100, 1:30 000 in ländlichen Gebieten in Anatolien und über 1:60 000 in entlegenen Provinzen.

Das Geschlechterverhältnis ist erstaunlich ausgeglichen: 51 Prozent Zahnärzte zu 49 Prozent Zahnärztinnen. Die Zahnärzte in der Türkei sind von der Altersstruktur sehr jung. Die Zahl der zerstörten beziehungsweise kariösen Zähne beträgt bei Zwölfjährigen 4,1, bei 20- bis 24-Jährigen 5,5 und bei 30- bis 34-Jährigen 8,3.

Als Trend stellte Yücel fest, dass in den letzten Jahren immer mehr Kapitalgesellschaften in zahnärztliche Einrichtungen investieren und dass Zahnärzte sich von einer Berufsgruppe, die selbständig arbeitete, zu einer Berufsgruppe, die von anderen abhängig ist, entwickelt habe. Dies sind Tendenzen, die in vielen europäischen Ländern zurzeit zu beobachten sind, dass nämlich fachfremde Unternehmen, deren Teilhaber Nicht-Zahnärzte sind, durch neue Gesetzgebungen begünstigt Zahnarztpraxen und -kliniken eröffnen und betreiben.

Freie Berufsausübung

Daher war eine Resolution der AG Freie zahnärztliche Berufsausübung auch wichtig, die maßgeblich von Dr. Ernst-Jürgen Otterbach (FVDZ) erarbeitet und mit Zahnarzt Ralf Wagner (Delegierter der KZBV) abgestimmt in Istanbul einstimmig verabschiedet wurde (siehe Kasten).

Weitere wichtige Themen aus den Arbeitsgruppen waren Qualität, Fortbildung und Einsatz beziehungsweise Befugnisse des zahnärztlichen Teams. Die Arbeitsgruppe Qualität in der Zahnmedizin wird zunächst Informationen über vorhandene Maßnahmen zur Qualitätsförderung in den Ländern sammeln, um dann nach Bedarf Empfehlungen auszusprechen. Dr. Peter Engel (Delegierter der BZÄK) plädierte dafür, das Thema Qualität, das bisher dem Berufsstand eher von außen aufgedrängt wurde, aus dem Berufsstand selbst heraus weiterzuentwickeln. Dabei sollten Unterschiede zwischen Qualitätssicherungsmaßnahmen in der Industrie und im medizinischen Bereich deutlich herausgestellt werden, da Maßnahmen, die sich in der Industrie bewährt haben, nicht einfach auf medizinisches Handeln übertragbar seien. Nur der Berufsstand selbst sei für Qualität verantwortlich und könne geeignete Maßnahmen definieren. Prof. Dr. Wolfgang Sprekels, Vizepräsident der BZÄK, warnte davor, dass Leitlinien, Standards oder Indikatoren einheitlich auf europäischer Ebene erarbeitet werden. Dies widerspreche dem Grundsatz, die Harmonisierung der europäischen Gesundheitssysteme nicht voranzutreiben.

Nur unter Supervision

Die neue Arbeitsgruppe zum zahnärztlichen Team solle sich, so das engagierte Plädoyer von Sprekels, insbesondere mit der Frage beschäftigen, wie die selbständige Tätigkeit von Dentalhygienikerinnen und Zahntechnikern in den europäischen Staaten verhindert werden könne. Die Einführung von Bachelorabschlüssen für Berufe des Gesundheitswesens fördere die Verselbständigung dieser Berufe, die jedoch nur auf Anweisung und unter Supervision des Zahnarztes tätig werden dürfen. Sprekels appellierte an die ERO-Delegierten: „Wir müssen hier als Versammlung europäischer Zahnärzte formulieren, wie wir es haben wollen. Alleine, in einem Land, haben wir keine Chance, lassen Sie uns zusammen eine entsprechende Resolution formulieren, auch wenn in einigen Ländern die Realitäten schon anders sind.“ Dieser Antrag der deutschen Delegation fand breite Zustimmung.

Fehlervermeidung

Das Fachthema der diesjährigen ERO-Sitzung war das Thema Risikomanagement und Fehlervermeidung. Dabei zeigte sich die Bedeutung, die Themen wie Patientensicherheit, vermeidbare unerwünschte Ereignisse oder Fehlermeldesysteme, alle mit dem Ziel der präventiven Gefahrenvermeidung, in vielen europäischen Ländern bereits erreicht haben. Externe Kontrollen wurden hierbei für nicht zielführend gehalten. Insbesondere gelte es, so wurde in der Diskussion festgestellt, eine vom Berufsstand selbst initiierte Fehlervermeidungskultur zu fördern.

Die deutsche Delegation brachte zu allen bei der ERO-Sitzung behandelten Themen konstruktive Vorschläge ein und war in der Diskussion sehr aktiv.

Barbara Bergmann-Krauss
Universitätsstr. 73
50931 Köln

INFO

ERO-FDI Resolution - Externe Intervention in die zahnärztliche Berufsausübung

Zur externen Intervention in die zahnärztliche Berufsausübung formulierten die Delegierten eine Resolution von ERO und FDI. Hier der Wortlaut:

„Freie zahnärztliche Berufsausübung bietet die beste Grundlage für eine Patientenbehandlung, weil sie sich nicht an kommerziellen Interessen orientiert und weil sie in der eigenen therapeutischen Verantwortung des Zahnarztes ausgeführt wird, basierend auf dem Vertrauensverhältnis zwischen Zahnarzt und Patient.

Daher gefährden jegliche Interventionen, jegliche staatliche Privilegien für Praxen mit berufsfremden Investoren diese besondere Beziehung zwischen Patient und Zahnarzt und schließlich die Gesundheit im Allgemeinen.“

 

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