Editorial

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Liebe Leserinnen und Leser,

verfolgt man Diskussionen um die medizinische Versorgung, erstirbt eigentlich jegliche Phantasie für die „Halbgötter in Weiß“, die „Herren über Leben und Tod“, die Fernseh- Arztserien Abend für Abend via „Flimmerkiste“ der Öffentlichkeit vorgaukeln.

Prof. Brinkmann, Schwarzwaldklinik, Gabi Dohm und ihre Fernseh-Krankenhauswelt aus der Zeit, in der Arztserienbilder laufen lernten, braucht man dafür gar nicht erst zu strapazieren. Deren Liebe, Lust und Leid – getragen von der Gelassenheit eines Wussowschen „Edelmannes“ und „Alleskönners“ – sind nicht mehr das Maß der Dinge, die Fernsehserien-„Medizin“ von heute antreibt. Das verfilmte Groschenheft-Klischee hat seine Zeit gehabt.

Abgehärtete Augen und Hirne heutiger Medienprägung gieren nach anderen Darstellungsformen. Drastischere Reizflut, Zugeständnisse an weit verbreitetes Internet- Halbwissen und anders eingepflegte gesellschaftliche Themen lassen wenig Platz für die aus heutiger Sicht naiv geprägte heile Fernseh-Welt des letzten Jahrhunderts.

Aber besteht damit Hoffnung auf ein größeres Maß an Wahrheit und Objektivität? Ganz illusionslos vorweg: Unterhaltung hat andere Ansätze und Ziele, als über so etwas wie den Wachstumsmotor Gesundheitswesen und seine fragliche Zukunft oder den Praxisalltag eines Zahnarztes aufzuklären.

Und wer meint, man könne gegen „schiefe“ Imagebilder vorurteilsbehafteter Drehbücher angehen, der braucht – wie der ARD-Sonntagabendkrimi gezeigt hat – eine ganz andere Lobby als die des ärztlichen oder zahnärztlichen Berufsstandes. Ernüchternd, aber wirklichkeitsnah ist hier wohl Federico Fellinis Einsicht, dass das Bekämpfen des Fernsehens ebenso schwierig wäre wie das der Schwerkraft.

Aber warum das immense Interesse an den Serien rund um Krankenhaus, Landarzt oder Berliner Kiezpraxis? Eine Antwort dürfte sicherlich sein, dass das Feld der medizinischen Versorgung für jeden Menschen ein mehr oder weniger bekanntes Terrain ist. Und im nach wie vor bestehenden Spannungsverhältnis zwischen der väterlich-wohlwollenden Rolle verfilmter „Sauerbruchs“ und dem heute als beratenden Partner des Patienten agierenden Arztes kann die abendliche Unterhaltungs- Fantasie sich herrlich ausleben. Mit der Realität, dem tatsächlichen Alltag des Gesundheitswesens hat das nach wie vor wenig zu tun. Geldmangel, Rationierung und bürokratische Stolpersteine sind kein Thema für die „Glotze“. Das ist und bleibt den Ärzte- und Zahnärztetagen, der politischen Auseinandersetzung oder den politischen Teilen der Medien vorbehalten.

Trotzdem bleibt zu hoffen, dass das, was via Bildschirm angeboten wird, zumindest dem grob-kritischen Blick Sachverständiger standhält. Serien, die etwas auf sich halten, nutzen medizinische Beratung, um nicht völlig daneben zu liegen. Wäre das nicht auch ein Modell für die Gesundheitspolitik?

Vergnügen beim Lesen wünscht Ihr

Egbert Maibach-Nagel
zm-Chefredakteur