Schlaganfall

Jedes Risiko zählt

Rund 200 000 Deutsche erleiden jedes Jahr einen Schlaganfall. Wichtige Risikofaktoren sind Bluthochdruck, Diabetes, Rauchen, Bewegungsmangel, Übergewicht und Fettstoffwechselstörungen. Studien belegen zudem, dass vor allem Frauen, die an einer Migräne mit Aura leiden, besonders gefährdet sind. Gerade für Risikogruppen sind Prävention und schnelle Hilfe im Ernstfall wichtig.

Eine Migräne mit Aura bedeutet US-Forschern zufolge besonders für Frauen eine erhöhte Gefahr,einen Schlaganfall zu bekommen. Foto: stockdisc
Ältere Menschen trifft ein Schlaganfall amhäufigsten, aber auch die Jüngsten könnenbetroffen sein. Fotos: Christoph Pueschner/Zeitenspiegel
Sofortmaßnahme bei Warnsymptomen: die Notrufnummer 112 wählen.
Eine schnelle Akutversorgung erfordert eine gute Zusammenarbeit von vielen Beteiligten wie Rettungskräften und Ärzten. Fotos: Christoph Pueschner/Zeitenspiegel
„Eine zügige Behandlung ist für das Überleben und die Vermeidungvon Langzeitfolgen,wie schweren Behinderungen, enormwichtig“, betont Liz Mohn, Präsidentinder Deutschen Schlaganfall-Hilfe.

Schlaganfälle sind eine der häufigsten Todesursachen weltweit und eine der wesentlichen Ursachen für dauerhafte Behinderung und reduzierte Lebensqualität, berichtet das Bundesgesundheitsministerium. Auch wenn rund 80 Prozent der Patienten 60 Jahre oder älter sind, kann ein Hirnschlag prinzipiell jeden treffen – junge Erwachsene, Jugendliche und selbst Kinder und Säuglinge. Gleichwohl steigt die Wahrscheinlichkeit mit zunehmendem Alter, weiß die Stiftung Deutsche Schlaganfall- Hilfe. Rund zwei Drittel der Betroffenen sollen Frauen sein.

Der wichtigste beeinflussbare Risikofaktor für einen Schlaganfall ist der Stiftung zufolge der Bluthochdruck. Hinzu kämen Diabetes mellitus, erhöhte Blutfette (Fettstoffwechselstörungen) und Herzrhythmusstörungen wie das Vorhofflimmern. Auch Rauchen, übermäßiger Alkoholkonsum, starkes Übergewicht und Bewegungsmangel erhöhten das Risiko eines Hirnschlags.

Zudem addiere sich der negative Einfluss mehrerer Faktoren – und potenziere sich. Auch das Alter, die ethnische Zugehörigkeit, das Geschlecht und vorangegangene Gefäßerkrankungen in der Familie spielten eine Rolle.

Risikofaktor Aura-Migräne

Die Migräne mit Aura hat viele Vorzeichen: Blitze im Kopf, ein plötzliches Flimmern vor den Augen, Halbseitenlähmungen, Sensibilitätsstörungen oder spontane Sprachstörungen. Mit dem eigentlichen Kopfschmerz verschwinden diese neurologischen Symptomen zwar, doch vor allem bei Frauen bleibt einer US-Studie zufolge die erhöhte Gefahr eines Hirnschlags.

Bei diesen Patientinnen wurde ein wesentlich erhöhtes Schlaganfallrisiko festgestellt, berichtet Dr. Matthias Maschke. Der Chefarzt der Neurologie und Neurophysiologie am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier beruft sich auf eine Bostoner Untersuchung: Demnach führe die weitaus häufigere Migräne ohne Aura jedoch nicht zu einem höheren Schlaganfallrisiko. Eine zweite Studie, die jedoch nicht zwischen Migräne mit und ohne Aura unterschied, habe eine erhöhte Gefährdung von erkrankten Männern ergeben.

Eine Vielzahl von Studien belegt der Stiftung zufolge, dass ein großer Teil der Erkrankungen vermieden werden könnte: Wichtige Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes, Rauchen und Bewegungsmangel seien durch einen gesunden Lebensstil zu vermindern. Ernüchternd sei jedoch, dass der Transfer dieses Wissens in die praktische Umsetzung nur unzureichend gelinge.

Volkskrankheit mit Vorsorgepotenzial

Auch bei jungen Menschen müsse verstärkt Aufklärungsarbeit zu den Gefahren geleistet werden, fordert Maschke, der Sprecher des kürzlich gegründeten Schlaganfallverbunds Trier-Saarburg ist. „Dabei sind Herzrhythmusstörungen und Störungen der Blutgerinnung hauptsächliche Risikofaktoren für sogenannte juvenile Schlaganfälle“, erläutert er.

„Gerade Frauen mit einer Migräne mit Aura sollten daher nicht rauchen, regelmäßig Ausdauersport betreiben und auf ihr Gewicht achten“, sagt Maschke. Neue Risikofaktoren sollten die schon gefährdeten Patientinnen seiner Meinung nach vermeiden, bereits vorhandene – soweit möglich – durch eine Verhaltensänderung ablegen oder optimal behandeln lassen.

Zur Primärprävention von Schlaganfällen bei Frauen hat das Bundesgesundheitsministerium Ende vergangenen Jahres ein Forschungsprojekt vergeben. Gemeinsam mit dem Kompetenznetz Schlaganfall und Kollegen aus der Neurologie sucht das Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie an der Charité Berlin nach neuen Vorsorgeansätzen und -strategien.

Jede Minute zählt

Kommt es zum Schlaganfall, zählt buchstäblich jede Minute: „Time is Brain!“, unterstreicht das Kompetenznetz Schlaganfall. Das Netzwerk, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, will Patienten durch praxisnahe Forschung helfen. Die Experten betonen: Bereits unmittelbar nach Einsetzen der Beschwerden beginnen die betroffenen Hirnzellen abzusterben.

Dies bekräftigt die Deutsche Schlaganfall- Hilfe. Sie startete vergangenen Monat die Aufklärungskampagne „Jede Minute zählt: Jeder Schlaganfall ist ein Notfall! Symptome erkennen und richtig handeln.“ Mit der neuen Aktion will sie die Bevölkerung sensibilisieren, wie wichtig Symptom- und Handlungswissen zu der Volkskrankheit ist. Die Notfall-Versorgung in Deutschland werde zunehmend besser, urteilt Dr. Karl Max Einhäupl, Direktor und Chefarzt der Klinik für Neurologie an der Berliner Charité. „Ein Problem ist immer noch, dass der Notruf zu spät getätigt wird, weil die Schlaganfall-Symptome nicht erkannt oder nicht ernst genommen werden“, hebt er hervor. In den vergangenen Jahren zeigten der Stiftung zufolge mehrere wissenschaftliche Studien, dass die Symptome sowohl in der Bevölkerung als auch bei den an der Rettungskette Beteiligten nicht ausreichend bekannt sind.

„Eine zügige Behandlung ist für das Überleben und die Vermeidung von Langzeitfolgen wie schweren Behinderungen enorm wichtig“, betont Liz Mohn, Präsidentin der Deutschen Schlaganfall-Hilfe zum 15. Jahrestag der Organisation. Die Stiftung fordert jetzt eine um eine Viertelstunde schnellere Akutversorgung in Deutschland.

„Bislang kommen nur 25 bis 30 Prozent der Betroffenen rechtzeitig innerhalb des wichtigen ‘Drei-Stunden-Zeitfensters’ in eine geeignete Klinik“, sagt Franca Piepenbrock aus der Geschäftsleitung der Stiftung. Vor allem müsse sich die Zusammenarbeit zwischen den vielen Beteiligten an den Schnittstellen in der Versorgung verbessern. jr

Weitere Informationen gibt es unter http://www.schlaganfall-hilfe.de

INFO

Fünf wesentliche Schlaganfallsymptome

Treten ein oder mehrere dieser folgenden Warn-Symptome auf, sollte sofort die Notrufnummer 112 gewählt werden, so die Empfehlung der Deutschen Schlaganfall- Hilfe:

1. Gefühl der Lähmung/Taubheit
Der Betroffene nimmt plötzlich eine Körperseite als gelähmt wahr. Sein Berührungsempfinden ist gestört – wie bei einem eingeschlafenen Fuß. Gesicht, Arm und Hand sind häufig stärker betroffen. Typisch ist ein heruntergezogener Mundwinkel. Einige berichten über ein einseitiges Pelzigkeitsgefühl.

2. Sehstörungen
Das Gesichtsfeld ist schlagartig eingeschränkt, die Person ignoriert etwa Gegenstände und Menschen, die sich auf einer bestimmten Körperseite befinden. Störungen des räumlichen Denkens und Doppelbilder sind möglich. Vielleicht greift der Betroffene bei der Kaffeetasse daneben.

3. Störungen in Sprache oder Verstehen
Die Sprache ist bei leichten Fällen oft stockend, abgehackt. Der Betroffene verdreht Silben oder verwendet falsche Buchstaben. Er kommuniziert im Telegrammstil, hat eine verwaschene oder lallende Sprache. Oder: Die Person versteht nicht mehr, was man ihr sagt. In seltenen Fällen kann sie gar nicht mehr sprechen.

4. Schwindel mit Gangunsicherheit
Das plötzliche Empfinden, das Gleichgewicht oder die Koordination zu verlieren, beschreiben Schlaganfall-Patienten als Karussell fahren, mit dem Schiff auf bewegter See sein oder mit dem Fahrstuhl hinabsausen.

5. Extremer Kopfschmerz
Vorher nicht gekannte, äußerst heftige Kopfschmerzen – auch mit Übelkeit und Erbrechen – können durch plötzlich auftretende Durchblutungsstörungen einer bestimmten Hirnregion oder durch Einblutungen in das Hirngewebe bedingt sein und bis zu Bewusstseinsverlust oder Verwirrtheit führen.

Die Schlaganfall-Hilfe rät, den Betroffenen erstmal zu beruhigen. Getränke oder Medikamente seien wegen möglicher Schluckstörungen tabu. Bewusstlose sollten in die stabile Seitenlage gebracht werden. Setzten Atmung und/oder Herzschlag aus, müssten sofort Wiederbelebungsmaßnahmen erfolgen.

Weitere Bilder
Bilder schließen