Leitartikel

Fehlermanagement - anonym und freiwillig

Dr. Dietmar Oesterreich Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer Foto: BZÄK

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

Patientensicherheit und Fehlervermeidung im Gesundheitswesen – dieses Thema wird in jüngster Zeit gerade in unseren Medien wieder intensiv diskutiert. Dabei ist das Ganze nicht neu – der Impetus kommt sowohl aus internationalen Organisationen wie auch aus dem Berufsstand selbst heraus und die eigentlichen Wurzeln liegen bei der Luftfahrt: Blickt man beispielsweise zur WHO oder zur OECD, so steht dieses Anliegen dort schon lange auf der Agenda. Der Europäische Rat hatte in 2006 an seine EUMitgliedsstaaten eine entsprechende Empfehlung herausgegeben. Die europäische Ärzteschaft formulierte 2002 ein politisches Positionspapier zur Patientensicherheit und zum klinischen Risikomanagement.

Auch in Deutschland ist die Debatte in vollem Gange (siehe Titelgeschichte zm 5/2008), nicht zuletzt öffentlichkeitswirksam angekurbelt durch die Initiativen des Aktionsbündnisses Patientensicherheit. Hier arbeiten mit Unterstützung durch Ulla Schmidt wesentliche Akteure und Verantwortungsträger mit dem Ziel zusammen, die Sicherheit der Gesundheitsversorgung durch konkrete Maßnahmen zu erhöhen. Die Ärzteschaft hat mit ihrem Forum Patientensicherheit umfangreiche Maßnahmen zum Thema etabliert. Prominente Ärzte haben sich geoutet, indem sie in Veröffentlichungen eigene Behandlungsfehler zugaben. Internet-Plattformen wie www.jeder- fehler-zaehlt.de der Hausärzte oder das CIRSmedical (Critical Incident Reporting System) von BÄK, KBV und ÄZQ schaffen Foren, in denen sich Ärzte freiwillig und anonym über Fehler austauschen.

So weit – so gut. Der ärztliche Sektor ist intensiv mit dem Thema befasst – Zeit auch für eine zahnärztliche Standortbestimmung. Nun müssen wir Zahnärzte das Rad nicht neu erfinden, spielen doch Patientensicherheit und Risikomanagement in unserem Praxisalltag eine tragende Rolle. Zwar geht es bei uns nicht – wie oft bei den Ärzten – spektakulär um Leben und Tod, aber ein Null-Risiko bei der Gesundheitsversorgung ist nun mal per se nicht möglich und gibt es auch bei uns nicht. Von der Diagnose, der Praxisausstattung, der Infektionskontrolle, der Patientenkommunikation bis hin zum Abfallmanagement – der Prävention von Fehlern kommt eine große Bedeutung zu.

Es ist aber nicht nur der einzelne Zahnarzt in der Praxis, sondern auch der gesamte Berufsstand gefordert. Es gilt, nach einer sauberen Standortbestimmung die Diskussionen zielgerichtet zu führen, um dann entsprechende Handlungsstränge daraus abzuleiten. Das betrifft das Qualitätsmanagement in der Praxis genauso wie Aspekte der Qualitätssicherung oder der Aus-, Fort- und Weiterbildung.

Wichtig ist, dass auch im zahnärztlichen Bereich eine Fehlerkultur herrscht, die keinem Zwang und keinen Sanktionen von außen unterliegt, sondern in Eigenregie und auf freiwilliger Basis, frei vom Zugriff Dritter, frei von Haftungsdiskussionen, anonym und unbürokratisch erfolgt. Es geht um Ursachenforschung statt Schuldzuweisung: Wir müssen Fehlern ursächlich auf den Grund gehen, noch bevor ein Patient davon Schaden nehmen kann. Gerade weil unsere Medizin so komplex geworden ist, müssen wir uns dafür einsetzen, dass eine systematische Aufarbeitung von Fehlern im Sinne einer Vermeidungskultur erfolgt.

Ein gut funktionierendes Fehlermanagement kann nur aus dem Berufsstand heraus entwickelt werden. Wir müssen in dieser Hinsicht unsere bisherigen Aktivitäten einordnen, bündeln und – zum Beispiel in Modellprojekten zu einem Fehlerberichtssystem – weiterentwickeln. Auch auf europäischer Ebene ist der Berufsstand sensibilisiert. So hat der Council of European Dentists CED auf seiner letzten Sitzung in Portoroz eine Resolution zur Patientensicherheit verabschiedet und auch die ERO, europäische Regionalorganisation zur FDI, hat kürzlich intensiv über Risikomanagement beraten.

Wichtig ist Transparenz: Ein offener Umgang mit dem Thema verhilft zur verstärkten Vertrauensbildung und Glaubwürdigkeit - ein Pfund, mit dem wir nicht nur in der Patientenberatung, sondern auch in der Öffentlichkeitsarbeit wuchern können. Hier gilt es, Aufklärung darüber zu betreiben, wie Fehler entstehen können – und wie man sie vermeidet. Das kommt allen zugute: dem Zahnarzt, dem Berufsstand und vor allem dem Patienten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Dietmar Oesterreich
Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer