Umnutzung von Altbauten

Von der Manufaktur zur Dentalklinik

Die Auswahl einer attraktiven Immobilie bietet dem Zahnarzt nicht nur die Möglichkeit zur optimalen Positionierung seiner Praxis, sondern auch die Basis für ein harmonisches Gestaltungskonzept. Wer bewusst auf Individualität setzt, für den kann die moderne Praxis im denkmalgeschützten Altbau eine interessante Option sein. Mit reizvollen Kontrasten zwischen Alt und Neu und einem Ambiente, das wenig Raum für optische Sterilität lässt und auf den ersten Blick Vertrauen schafft.

Wer seine Praxis in einem stilvollen Altbau einrichtet, der vermittelt ein ganz anderes Bild von sich und seiner Tätigkeit als jemand, dessen Räumlichkeiten in einem reinen Zweckbau untergebracht sind. Und er wird dementsprechend auch ganz andere Patienten ansprechen. Die Suche nach einem geeigneten Altbau-Objekt muss nicht auf das repräsentative Stadthaus aus der Gründerzeit hinauslaufen.

Das zeigt das Beispiel der Praxis für Kieferorthopädie in einer ehemaligen Seidenweberei in Willich-Schiefbahn bei Krefeld. In enger Zusammenarbeit mit dem Planungsbüro Hopp, Klebach Architekten aus Neuss gelang es der Zahnärztin Theodora Assimakopoulou, die Atmosphäre eines denkmalgeschützten Altbaus erlebbar zu machen und mit modernen Elementen zu verbinden.

Von der Seidenweberei zur Praxis

Nachdem der Komplex der ehemaligen Seidenweberei nach der Einstellung der Produktion 1998 in die Denkmalliste aufgenommen worden war, gab es verschiedene Überlegungen darüber, was auf dem Areal weiter geschehen sollte. Nach und nach entstand schließlich das Konzept, die Fläche für einen Mix aus Wohnungen und Gewerbeeinheiten zu nutzen. Theodora Assimakopoulou fuhr damals zufällig vorbei und war von der Atmosphäre sofort begeistert: „Ein richtiger Glücksfall“, erzählt sie rückblickend. „Ich plante damals gerade meine Praxis und war auf der Suche nach einem attraktiven, individuellen Objekt. Die Räume hier in der alten Seidenweberei entsprechen genau meinen Vorstellungen!“

Besonders angetan war die Zahnärztin von dem beeindruckenden industriellen Ambiente mit den hohen, durch Oberlichter belichteten Räumen. Gemeinsam mit dem teilweise erhaltenen historischen Eisentragwerk boten sie den idealen Rahmen für eine Praxisgestaltung mit individuellem Loftcharakter. „Ganz bewusst haben wir dabei auf moderne und kühle Materialien wie Glas, Stahl oder weiße Putzflächen gesetzt, um einen interessanten Kontrast zwischen Alt und Neu zu schaffen“, beschreibt der mit der Planung beauftragte Architekt Jörg Klebach das gestalterische Konzept. Die über 160 Quadratmeter große Praxis entstand im ehemaligen Verwaltungsgebäude der 1889 errichteten Seidenweberei.

Um festzustellen, ob ein Objekt für einen Umbau geeignet ist, sollte ein interessierter Zahnarzt schon im Vorfeld der Planungen einen Experten hinzuziehen. Nur der kann entscheiden, ob das ausgesuchte Gebäude überhaupt sanierungsfähig ist, welche Denkmalschutzauflagen es eventuell gibt und welche Kosten einkalkuliert werden müssen. Assimakopoulou hatte zunächst vor, die Praxis in einem anderen Gebäudeteil einzurichten und orientierte sich nach dem Gespräch mit dem Architekten um. „Gott sei Dank“, wie sie heute sagt. „Denn das jetzt realisierte Konzept hätten wir sonst in dieser Form gar nicht umsetzen können.“

Neben den Architekten hatte Assimakopoulou auch den Lichtplaner Klaus Mager aus Köln sowie den Innenarchitekten Hartwig Göke aus Düsseldorf hinzugezogen. Für das Praxis-Interieur wandte sie sich schließlich an einen etablierten Praxiseinrichter in der Nähe. In enger Zusammenarbeit entwickelten alle Beteiligten ein ergonomisch optimiertes, qualitativ hochwertiges und optisch ansprechendes Praxisambiente, in dem sich die Patienten auf den ersten Blick wohl fühlen und in dem die Mitarbeiter konzentriert und effektiv arbeiten können.

Das Gestaltungskonzept aus Einrichtung, Farbgebung und Beleuchtung zeichnet sich durch einen gelungenen Kompromiss von alter Industriekultur und den Ansprüchen einer modernen kieferorthopädischen Praxis aus. Die faszinierende Atmosphäre der großzügigen Räume mit den Oberlichtern der alten Sheddach-Konstruktion wurde dabei geschickt mit raumhohen Trennwänden aus Glas, edel wirkenden Fußböden, eleganten Funktionsmöbeln sowie einer zurückhaltenden künstlichen Beleuchtung mittels schlanker Pendelleuchten kombiniert.

„Solch eine individuell maßgeschneiderte Praxisplanung entsteht immer im Dialog zwischen Arzt und Architekt“, so Göke. „Denn um die Effizienz der Praxis zu optimieren, erfordert jede Bauaufgabe ein speziell angepasstes Konzept für eine schlüssige Raumordnung. Dafür kann es keine Standard-Lösung von der Stange geben.“

Dentalklinik in alter Zehntscheuer

Eine ähnlich charaktervolle Praxisgestaltung in alten Gemäuern gelang beim Umbau einer ehemaligen Zehntscheuer aus dem 15. Jahrhundert in Sulzfeld bei Karlsruhe. Im Mittelalter dienten diese Lagerhäuser zur Aufbewahrung des vor Ort als Steuer eingezogenen Getreides. Nachdem der Bau in Sulzfeld über Jahrzehnte leer stand, wurde er jetzt zu einer modernen Dentalklinik umfunktioniert. „Damals war der historisch interessante Bau in einem ziemlich schlechten Zustand“, beschreiben die Zahnklinikbetreiber, das Ehepaar Köhver, ihren ersten Eindruck von der Zehntscheuer. „Dennoch hatten wir sofort das Gefühl, dass die alten Gemäuer genau das richtige Ambiente bieten würden, um hier unsere geplante Klinik einzurichten.“

Um seine Vision in die Tat umzusetzen, wandte sich der Zahnarzt schon zu Beginn seiner Planungen an eine nur wenige Meter weiter ansässige Möbelmanufaktur, die individuelle und bedarfsorientierte Lösungen unter anderem für Praxen entwickelt. Mit dem hinzugezogenen Architekten Wolfram Pfaus aus Sulzfeld wurde das baufällige Gebäude in seiner Substanz gesichert, saniert und anschließend eine funktionale und atmosphärische Inneneinrichtung realisiert – in einer fünfmonatigen Umbauphase.

Um für das Objekt eine optimale Funktionalität und einen reibungsfreien Arbeitsablauf zu ermöglichen, basiert die gesamte Innenraumplanung des zweigeschossigen Gebäudes auf der genauen Analyse der internen Praxisabläufe. „Gleichzeitig wollten wir ganz bewusst eine Wohlfühlatmosphäre schaffen, um so die Ängste der Patienten zu verringern“, so Manufakturleiter Mayer. Ausgehend von diesen Vorgaben entwickelten die Planer in genauer Absprache mit dem Behandlerteam ein harmonisches Ambiente mit fünf großzügigen Behandlungszimmern, mit OP-Bereich, mit verschiedenen Aufwach-, Labor- und Sozialräumen sowie mit zwei Wartebereichen.

Das ganzheitliche Einrichtungskonzept, das die Gestaltung von Wand, Boden, Licht und Raumdekoration mit einschließt, überzeugt durch seine zurückhaltende Eleganz und den gelungenen Materialmix aus Aluminium, Glas und verschiedenen Hölzern mit abgestimmten mediterranen Farben.

Zentrale Blickpunkte beim Betreten der Zahnklinik sind zunächst das hohe flutende Glaselement und die alte Sandsteinfassade, die den spannungsreichen Kontrast von Tradition und Moderne beeindruckend erlebbar machen. Im Innenraum angelangt treffen die Patienten auf eine rund gebogene Rezeptionstheke, die in Hochglanz lackiert mit einem Ahornrand ausgebildet wurde. Das unmittelbar anschließende Wartezimmer im Erdgeschoss wurde durch ein rotes Wandpaneel und dazu passende Ledersessel elegant in Szene gesetzt. Das Sprechzimmer wurde dagegen mit hellen Möbeln gestaltet, um so eine angenehme und entspannte Gesprächsatmosphäre zu schaffen. Und das Behandlungszimmer bietet durch eine freundliche, pastellige Wandfarbe einen warmen und beruhigenden Charakter, der als angenehmer Kontrast zur kühlen, in Aluminium gestalteten Arbeitszeile wirkt.

In der oberen Ebene des Gebäudes wurde ein oralchirurgische Bereich eingerichtet. Zentrale Raumelemente sind hier eine wellenförmig ausgebildete Rezeptionstheke in Ahorn sowie eine Dachgalerie, von der aus durch großzügige Oberlichtelemente viel Licht in das Gebäudeinnere fällt. Im OP-Bereich herrscht eine zurückhaltend-nüchterne Atmosphäre vor, die der edle Charakter des Steinbodens zusätzlich aufwertet.

Durch die individuelle Farbgestaltung und Materialauswahl sowie die intelligente Anordnung der verschiedenen Räumlichkeiten gelang eine funktional und ästhetisch überzeugende Lösung. „Von unseren Patienten und den Mitarbeitern erhalten wir darauf durchweg positive Rückmeldungen“, berichten die Zahnärzte. „Die aufwendige Sanierung und die Umnutzung haben sich also vollauf gelohnt.“ Ganz wichtig dabei war ihnen das direkte Gespräch mit der Möbelmanufaktur – vom ersten Grundrissentwurf über den individuellen Einrichtungsplan bis hin zur Produktion und Montage aller Möbel. Ebenso wichtig für die durchgängige Harmonie des Konzepts war die integrierte Planung und Steuerung durch den Architekten. Sie habe nicht nur ein einheitliches Gestaltungskonzept und die Vermeidung von Übertragungsfehlern ermöglicht, sondern auch die exakte Abstimmung und Einhaltung sämtlicher Kosten und Zeitpläne.

Adieu Büro

Zugegeben – um einen geeigneten Altbau zu finden, braucht es schon etwas Glück. Doch es muss ja gar nicht ein Jahrhundertealtes historisches Gebäude sein.

Die beiden Zahnärzte Dietrich Fischer- Brocks und Robert Weinreich entschieden sich bei der Suche nach einem geeigneten Objekt für ihre Gemeinschaftspraxis bewusst für eine ehemalige Büroetage in einem außen unauffälligen Verwaltungsgebäude aus den Fünfzigerjahren. Im Zentrum von Frankfurt am Main.

Die exponierte Lage in unmittelbarer Nähe zur Alten Oper und das anspruchsvolle Klientel erforderten eine Raumkonzeption auf höchstem Niveau. Um diesen Anspruch zu erfüllen, beauftragten die Zahnärzte das Kölner Büro pd raumplan, das vornehmlich Konzepte für die Um- und Neugestaltung von Arztpraxen realisiert.

Die Gemeinschaftspraxis setzt sich aus zwei räumlich getrennten Bereichen zusammen – der „A1 Lounge“ im Erdgeschoss und der „ A1 Zahnarztpraxis“ im ersten Obergeschoss des Gebäudes. Bei der A1 Lounge verwandelten die Planer ein ehemaliges Antiquitätengeschäft in ein modernes Bleaching-Institut. Direkt darüber wurde eine 360 Quadratmeter große Büroetage zu einer Praxis für ästhetische Zahnmedizin umgenutzt. Bei beiden Einheiten war zunächst eine komplette Entkernung der jeweiligen Räumlichkeiten nötig: „Die ganze Etage war damals in 20 winzig kleine Büroeinheiten unterteilt“, berichtet Fischer- Brocks rückblickend. „Erst nachdem die Fläche komplett entkernt war, haben wir überhaupt eine Vorstellung der Räumlichkeiten bekommen.“

Nach dem Umbau erinnert nichts mehr an die ehemalige Nutzung. Statt enger Bürozellen wurde eine offene und helle Raumsituation mit fließenden Übergängen zwischen den unterschiedlichen Bereichen Empfang, Warten und Behandlung geschaffen. „Aufgrund der ästhetischen Ausrichtung legen die Patienten der Praxis großen Wert auf eine besondere Gestaltung, in der sie sich wohlfühlen“, erklärt Interior Designer Hubert Günther. „Um diese hohe Erwartung zu erfüllen, haben wir bewusst eine moderne und eindeutige Architektursprache mit hochwertigen Materialien und harmonischen Proportionen verfolgt.“ Markante Blickpunkte sind dabei die dunklen Fußböden aus geräuchertem Eichenparkett, die schon beim Betreten der Praxis eine großzügige und edle Atmosphäre schaffen, die transparenten Fadenvorhänge zwischen Empfang und Wartebereich sowie die geschwungene, hinterleuchtete Empfangstheke aus Aluminium, die mit ihrer veränderbaren Lichtsteuerung unterschiedliche Raumstimmungen erzeugt. Ein weiteres wichtiges Gestaltungselement ist die intelligente Lichtführung, die die Patienten vom Empfang bis in die jeweiligen Behandlungsbereiche leitet.

Das räumlich von der Praxis getrennte Bleaching-Institut im Erdgeschoss wurde im Kontrast dazu mit einer ausschließlich in Weiß gehaltenen Inneneinrichtung gestaltet.

Wie die Auftraggeber sind auch deren Patienten von dem Konzept durchweg begeistert. Kein Wunder: Die großzügige Aufteilung der komplett umgestalteten ehemaligen Büroetage lässt jeden auf den ersten Blick eher an eine Hotellounge als an eine Zahnarztpraxis denken. Für Angst bleibt da nur wenig Raum.

Robert Uhde
Grenadierweg 39
26129 Oldenburg

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