Leitartikel

Geisterschiff

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Spekulieren macht Spaß! Und: Von Nichts kommt nichts! Die zwei Binsenwahrheiten prägen derzeit die Mutmaßungen über die jüngsten Eskapaden in der deutschen Versicherungswirtschaft: 17 Manager aus den Reihen des Gesamtverbandes der Versicherungswirtschaft (GDV) hatten unter dem Arbeitstitel „Soziale Sicherung 2020: Angebote der deutschen Versicherungswirtschaft" Gedanken formuliert. Das unter der Führung eines Axa-Vorstandes erstellte Papier kam in die Öffentlichkeit. Nur zur Unzeit? Als womöglich gezielte Indiskretion im Rahmen eines Richtungsstreits zwischen dem von den Großkonzernen beherrschten GDV und dem von den klassischen Krankenversicherungen geführten PKV-Verband? Große Aufregung, denn das Papier war schon von Brisanz: Es war ein klares Bekenntnis zur Einheitsprämie bei PKV und GKV mit Grundsicherung und Kontrahierungszwang sowie entsprechenden Optionen auf Zusatzversicherungen, die dann von der PKV angeboten werden sollten. In den Medien wurde daraus – noch schlimmer – die Botschaft: „PKV für die Einheitsversicherung!"

Im BMG muss man vor Freude das Lametta herausgeholt haben – ein Gefühl wie Weihnachten. Da ging noch vor gar nicht so langer Zeit die PKV „vierspurig nach Karlsruhe und auf dem Feldweg zurück" (so Franz Knieps aus dem BMG) – und nun das! So kam das Dementi kaum überraschend: Nicht abgestimmt, erst recht nirgendwo beschlossen, nur mal unautorisiert angedacht und aufgeschrieben, so sinngemäß die kleinlaute Rechtfertigung.

Da hier sämtliche Vollversicherer drohten, über die Planke zu gehen, ist nachvollziehbar, warum der PKV-Verband hier schnell einen Schuss vor den Bug geben musste. Mit hoch offiziellem Dementi stellte PKV-Verbandsvorsitzender Reinhold Schulte jedes Detail des Arbeitspapiers in Abrede. Und prompt begann das, was mit allgemeiner öffentlicher Verwunderung als Kehrtwende und Rückkehr in den Heimathafen des Verbandes wahrgenommen wurde. Ein Geisterschiff oder sogar ein falscher Kurs der GDV? Voll auf's Riff oder nur leichte Grundberührung?

Für das Gesundheitswesen in seiner von gefährlichen Rahmenbedingungen durchzogenen See wäre die Aufgabe der PKV-Vollversicherung sicherlich eine Untiefe, die große Löcher in das System reißen kann. Die medizinische Versorgung lebt, so wurde es jüngst noch einmal herausgestellt, von den im Vergleich zum ausgehöhlten GKV-Geschäft realistischeren Zahlungen der PKV. Nur dieser System-Mix hat bisher verhindert, dass die durch Budgets und Reglementierungen knapp gehaltene Praxiswelt der GKV schon in früheren Jahren zum Ruin von Forschung und Praxis im Gesundheitswesen geführt hat. Hier kann sich die Gesellschaft keine Havarien leisten.

Aber warum dann dieser blinde Aktionismus? Nähere Erkenntnis schafft ein Blick unter die Wasserlinie. Es ist offensichtlich, dass die gezielten Schläge des Gesetzgebers – zum Beispiel jüngst die Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze in der GKV – das Geschäft der Vollversicherer deutlich geschwächt haben. Man stecke in der Kostenfalle, monieren die Privaten hinter vorgehaltener Hand. Und gerade diejenigen, die nicht als Kauffahrer von Krankenvollversicherungen unterwegs sind, wittern Morgenluft im prophezeiten Land der Zusatzversicherungen. Daher weht der Wind für künftige Freibeuter im System. Und erklärt die kabbelige See.

Aber natürlich muss ein Unternehmen, muss auch ein Unternehmensverband – erst recht nach dem bislang erfolglosen Gang nach Karlsruhe vor's Bundesverfassungsgericht – einen Plan B haben. Und so gesehen erklärt sich womöglich die aufgeschriebene Gedankenwelt der Versicherungsmanager. Jedermann in der Branche, in der Politik und unter den Gesundheitsexperten weiß, dass unser deutsches zweigleisiges Versicherungssystem aus GKV und PKV ein weltweites Unikat ist. Die begehrlichen Blicke gesundheitspolitisch Ratsuchender über die Grenzen, besonders in die Niederlande und in die Schweiz, stoßen dabei immer wieder auf dieses Unikat. Die gesundheitspolitisch Radikalen tragen den Dolch schon im Gewande, die Schlachtbank im Visier.

Daher ist die prompte Reaktion des PKV-Verbandes richtig, rechtzeitig und notwendig. Nur: Die Frage sei erlaubt, wieviel sie denn letztlich wert ist. Die Geister, die man rief ... . Die festen Grundsätze der PKV: Verschollen im Bermuda-Dreieck!

Mit freundlichen kollegialen Grüßen

Dr. Jürgen Fedderwitz
Vorsitzender der KZBV