Elektronische Gesundheitsdienste in Europa

Wunsch trifft Wirklichkeit

Das Interesse an elektronischen Gesundheitsdiensten (E-Health) in Europa wächst – und wird aus rein ökonomischer Sicht gern vorangetrieben. Die EUKommission wittert in diesem Bereich einen Riesen-Markt. Die europäische Ärzteschaft steht den Entwicklungen aus ethischen und datenschutzrechtlichen Gründen eher differenziert bis kritisch gegenüber. Eine Haltung, die zum Beispiel auch die Zahnärzteschaft in Deutschland teilt.

Europaweit gesehen greifen zahlreiche Ärzte bereits auf moderne Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) zurück, um Behandlungsdaten zu verwalten, sich fortzubilden oder um mit Kollegen und Patienten zu kommunizieren. Die Industrie liefert zudem fortlaufend neue Ideen für E-Health-Anwendungen. Die Europäische Union (EU) ist allerdings noch weit entfernt von einer breit angelegten Nutzung oder gar grenzüberschreitenden Vernetzung von elektronischen Gesundheitsdiensten.

Etwa 70 Prozent der europäischen Allgemeinärzte nutzen das Internet, 66 Prozent setzen den Computer bei der Patientenberatung ein. Auch speichern und übermitteln Ärzte medizinische Daten, zum Beispiel Diagnosen, Laborergebnisse und Röntgenaufnahmen, immer häufiger elektronisch. Das ergab eine von der Europäischen Kommission in Auftrag gegebene Befragung von 7000 europäischen Allgemeinmedizinern in 29 Ländern (27 EU-Länder sowie Norwegen und Island).

Deutliche Unterschiede

Die Zahlen täuschen allerdings darüber hinweg, dass der Einsatz von IKT und E-Health nicht überall in der EU schon selbstverständlich ist. Vielmehr, so ein weiteres Ergebnis der Studie, gibt es deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern. Als Vorreiter gelten Dänemark, die Niederlande, Finnland, Norwegen, Schweden, Island und Großbritannien. In diesen Ländern gehören Computer zur Standardausstattung von Arztpraxen. Ganz anders hingegen sieht es in Lettland, Litauen, Polen und Rumänien aus. Hier findet man einen PC in weniger als der Hälfte aller Sprechzimmer. Die deutschen Ärzte tummeln sich im Mittelfeld.

Die nationalen Unterschiede lassen sich auch an konkreten Anwendungsbeispielen festmachen. So stellen der Umfrage zufolge bereits 97 Prozent der dänischen Allgemeinärzte elektronische Rezepte aus, gefolgt von ihren schwedischen und niederländischen Kollegen (81 beziehungsweise 71 Prozent). Der EU-Durchschnitt liegt bei lediglich sechs Prozent. Auch gehört es für 60 Prozent aller dänischen Ärzte längst zum Tagesgeschäft, über E-Mail mit ihren Patienten zu kommunizieren, während dies nur vier Prozent aller übrigen europäischen Ärzte tun. Der Austausch medizinischer Daten über Landesgrenzen hinweg spielt indessen bislang fast gar keine Rolle. Hier erreichen die europäischen Ärzte zusammengenommen noch nicht einmal die Ein-Prozent-Marke.

Kommission macht Druck

Dass die breit angelegte Nutzung telemedizinischer Anwendungen in Europa nur schleppend vorankommt, wurmt die zuständige EU-Kommissarin Viviane Reding. Denn der E-Health-Bereich gehört nach Einschätzung der Kommission zu den sechs zukunftsträchtigsten Märkten der EU mit einem hohen Beschäftigungspotenzial und enormen Wachstumsmöglichkeiten. Die Branche werde innerhalb der nächsten Jahre zum drittgrößten Wirtschaftszweig im Gesundheitswesen heranreifen, prophezeit Reding, übertroffen nur noch von der Pharma- und der Medizinprodukteindustrie.

Derzeit beträgt das Marktvolumen der europäischen E-Health-Industrie schätzungsweise 21 Milliarden Euro. Unter optimalen Rahmenbedingungen seien zweistellige Wachstumsraten zu erzielen, so die Kommissarin. Grund hierfür sei die zunehmende Zahl hilfebedürftiger Senioren und chronisch kranker Patienten, für deren Versorgung „intelligente“ medizinische Lösungen gefunden werden müssten. Seit Anfang der 90er-Jahre hat die EU daher bereits weit über 500 Millionen Euro in die Entwicklung und Vernetzung von E-Health-Projekten investiert.  

Reding ist zudem davon überzeugt, dass sich die Gesundheitskosten europaweit drastisch senken ließen, wenn die EU-Länder telemedizinische Dienste konsequent anwenden würden. Das zeige das Beispiel Dänemark. Dort habe die Einführung elektronischer Patientenüberweisungen zu Effizienzsteigerungen in Höhe von einer Million Euro jährlich geführt. Bei einem weitgehenden Verzicht auf elektronische Gesundheitsdienste hingegen steige der Anteil der Gesundheitskosten am Bruttoinlandsprodukt in der EU bis zum Jahr 2020 vermutlich von derzeit durchschnittlich neun auf voraussichtlich 16 Prozent, so ihre Prognose. Für ausbaufähig hält Reding insbesondere IKT für den Krankenhausbereich, wie Computerunterstützte Diagnosesysteme oder elektronische Trainingsprogramme für die Chirurgie. Große Wachstumspotenziale verspricht sich die Kommissarin zudem von telemedizinischen Diensten in der Radiologie oder zur Fernüberwachung von Patienten in ihren eigenen vier Wänden sowie von elektronischen Patientenakten und E-Rezepten.

Auch zahlreiche europäische IKT-Experten sind der Ansicht, dass europaweite E-Health-Infrastrukturen dazu beitragen können, die Gesundheitsversorgung zu revolutionieren. Auf einer E-health-Konferenz der EU Anfang Mai im slowenischen Portoroz forderten die Teilnehmer, die Forschungsanstrengungen im E-health-Bereich zu intensivieren und klare rechtliche Grundlagen für die Anwendung der Telemedizin zu schaffen.

Ungeklärte Erstattungs- und Haftungsfragen sowie undurchsichtige Datenschutzbestimmungen hemmten bislang die Investitionsbereitschaft vieler Unternehmen in den E-health-Markt, meint auch Reding.

Der Europäische Verband für Gesundheitstelematik (EHTEL) begründet die Verzögerung zudem mit zu langen Testphasen für Telemedizin-Projekte, unsicheren Kapitalrenditen für kleine und mittelständische Unternehmen sowie einer unzureichenden Rückerstattung telemedizinischer Anwendungen durch die Krankenversicherungssysteme.

„Der E-health-Markt befindet sich zwar auf dem richtigen Weg“, so Martin Denz, Präsident von EHTEL. Allerdings werde zu wenig über integrierte Versorgungskonzepte nachgedacht, die sowohl medizinische als auch soziale Dienste umfassen.

Eine Illusion

Daniel Mart von der europäischen Ärztevereinigung CPME (Comité Permanent des Médecins Européens) hält indessen die These, E-health-Lösungen könnten dazu beitragen, die Kosten in der medizinischen Versorgung drastisch zu senken, für eine Illusion. Er kritisiert, dass die E-Health-Industrie in Europa zu viel Einfluss genießt. „Kostenaspekten und der Wettbewerbsfähigkeit der Branche wird Vorrang vor der Frage eingeräumt, welchen tatsächlichen Nutzen die Telemedizin für die Patienten und die Gesundheitssysteme hat“, so Mart. Dabei ist auch das CPME nicht grundsätzlich gegen elektronische Gesundheitsdienste. Die europäische Ärztevereinigung fordert jedoch, Ärzte und Patienten bei der Entwicklung neuer Technologien stärker mit einzubeziehen. Auch seien ethische und datenschutzrechtliche Bestimmungen ausreichend zu berücksichtigen, um die vertrauensvolle Arzt-Patienten-Beziehung nicht zu zerstören.

Petra Spielberg
Rue Belliard 197/b4
B-1040 Brüssel

INFO

Pilotprojekt

SOS lautet der Name eines europäischen Pilotprojekts für den E-Health-Bereich, das in Kürze starten soll. Ziel von SOS ist es, nationale elektronische Infrakstrukturen miteinander zu vernetzen, um Informationen über Diagnosen und Arzneimittelverordnungen eines Patienten sowie elektronische Rezepte grenzüberschreitend verfügbar zu machen. An dem Projekt sind zwölf EU-Länder beteiligt, darunter Deutschland. An der Spitze steht ein Konsortium mit Vertretern der Gesundheitsministerien der Länder unter der Federführung von Schweden. Die Industrie ist durch 31 Unternehmen vertreten. Das Projekt ist auf drei Jahre angelegt. Die EU-Kommission unterstützt den Pilotverbund mit acht Millionen Euro. Ein Netzwerk aus Patientenverbänden, Vertretern von Ärzten und Apothekern sowie anderen Standesorganisationen sollen die Projektbeteiligten bei ihrer Arbeit beraten.