Editorial

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Liebe Leserinnen und Leser,

dass sich die Deutschen immer mehr zu einer multikulturellen Gesellschaft entwickeln, stellt heute kaum jemand in Frage. Diskutiert werden allenfalls die Bedingungen, unter denen diese Gesellschaft funktionieren soll. Hier geben demokratische Grundwerte, die hoch gehaltene Freiheit der Andersdenkenden aber auch religiöse Vielfalt einen Rahmen vor, der gegenseitige Toleranz induziert, gerade hier aber vielfach auch Interpretationsstreitigkeiten schafft.

Ganz unabhängig von politischen, ethischen oder religiösen Glaubensfragen gibt es Bereiche, in denen die Grundwerte unserer Gesellschaft gar nicht in Frage zu stellen sind. Die ethische Verpflichtung der Heilberufe, für die Gesundheit der Menschen Verantwortung zu übernehmen und im Falle von Krankheit eine medizinische Versorgung zu leisten, zählt zweifellos dazu.

Nicht von ungefähr kommt daher der im deutschen Gesundheitswesen auffällige Impetus, über alle sprachlichen, religiösen und kulturellen Barrieren hinweg dafür Sorge zu tragen, dass Prävention, medizinische Versorgung und Heilung kein Privileg bestimmter gesellschaftlicher Gruppen sein dürfen.

Während in anderen Teilen der Gesellschaft um den Begriff Integration, dessen Notwendigkeit und Ausmaß kontrovers gestritten wird, gibt es hierzu in der ärztlichen Ethik kein Pendant. Menschen mit Migrationshintergrund werden hier seit Jahren durch immer ausgefeiltere Konzepte informiert, befragt und behandelt. Dabei werden die Methoden, insbesondere solche zur Überwindung von Sprachbarrieren oder aufgrund anderer Verhaltensweisen erwachsende Diagnostik-Probleme, zunehmend verfeinert.

Lernen, wie man Barrieren erkennt und überbrückt oder ganz beseitigt, müssen in diesem Fall beide Seiten, also Arzt und Patient. Für einen Berufsstand, der sich der sprechenden Zahnheilkunde verpflichtet fühlt, ist das eine besondere Herausforderung, der sich jeder im Alltag stellen kann. Übergeordnete Initiativen schaffen hier systemische Hilfen, ersetzen aber nicht die Bereitschaft, individuell auf den jeweiligen Patienten abgestimmt zu handeln.

Das erfordert, aufeinander zuzugehen, ein Miteinander zu schaffen, das die Voraussetzungen gewährt, damit das gemeinsame Ziel, Krankheit abzuwehren oder zu bewältigen, optimal angegangen werden kann.

Diese eindeutige Deckungsgleichheit des Ziels ist im ansonsten sehr divers betrachteten Feld einer wachsenden Multikultur schon etwas Besonderes. Hier gibt es keine bewusste Abschottung, hier müssen alle Beteiligten zwangsläufig auf gegenseitiges Verständnis setzen. Bei Licht betrachtet ist das ein Modell, das sich eigentlich auf andere Ebenen der Gesellschaft übertragen ließe. Es geht darum, bewusst zu machen, dass wir gemeinsame Ziele haben.

Den Heilberuflern, die auf diesen Ebenen initiativ geworden sind, gebührt Respekt, nicht nur seitens ihrer Kollegen, sondern der gesamten Gesellschaft.

Mit freundlichem Gruß

Egbert Maibach-Nagel
zm-Chefredakteur