Gastkommentar

Pille von der Tanke

Der Gesetzgeber hat die Rahmenbedingungen gelockert, die Apotheker sähen es trotzdem lieber verboten: Der Bezug von rezeptpflichtigen Arzneimitteln via Internet gehört nicht reglementiert, sondern zur Entscheidungsfreiheit des Kunden, meint

 

Andreas Mihm

Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Die Politik sorgt sich mal wieder um die Sicherheit der Bürger. Diesmal geht es nicht um jugendliche Schläger mit „Migrationshintergrund“, Datenklau in Netz oder die Energieversorgung, sondern um die Gesundheit. Denn die ist angeblich in Gefahr, weil immer mehr Bürger das Internet als Bezugsquelle für Arzneimittel entdeckt haben. Neuerdings kann man rezeptpflichtige Arzneimittel auch in ausgewählten Supermärkten bestellen: Händler wie die Drogeriemarktkette dm oder Schlecker dienen dabei als Sammel- und Ausgabepunkt – neudeutsch: Pick-Up-Stelle – für eine Versandapotheke, die das Pharmageschäft abwickelt. So viel unternehmerische Freiheit und Kundenservice hat das Bundesverwaltungsgericht im März ausdrücklich gebilligt. Doch seither wird landauf landab mit Empörung kolportiert, künftig würden Arzneimittel an der Tankstelle oder am Zeitungskiosk abgegeben. Warum eigentlich nicht, solange Recht und Gesetz eingehalten werden? Sollen doch die Kunden darüber entscheiden, auf welchem Vertriebsweg sie ihre Arzneien beziehen – der Staat hat nur den Rahmen zu setzen.

Den hat der Bundestag 2004 gegen den erbitterten Widerstand der Apothekerzunft gelockert, und auch das erst, nachdem der Handlungsdruck aus der EU immer größer geworden war. Seither sind deutsche Apotheken berechtigt, den Versandhandel mit Arzneien zu betreiben. Versandapotheken aus Großbritannien und den Niederlanden sind nach Auskunft des Bundesgesundheitsministeriums dabei übrigens so sicher wie jede deutsche Versandapotheke. Der Versandhandel mit Arzneien hat einen schwunghaften Auftrieb genommen. Die Angaben über den Marktanteil schwanken zwischen einem und vier Prozent.

Den in der ABDA vereinigten Apothekenverbänden und -kammern und inzwischen auch vielen Länderregierungen geht der Versandhandel mit Arzneimitteln aber viel zu weit. Unlängst argumentierte die bayerische Staatsregierung im Bundesrat, vier Jahre Versandhandel belegten, dass die flächendeckende Versorgung gefährdet, die Sicherheit bei der Arzneimittelabgabe nicht gewährleistet sei und nicht mehr Effizienz in der Gesundheitsversorgung erreicht worden sei. Illegale Versender würden immer mehr aktiv. Verbraucher seien aber nicht in der Lage, zwischen legalen und illegalen Anbietern zu unterscheiden. Deshalb müsse der Versandhandel mit rezeptpflichtigen Arzneien verboten werden. Doch die populäre Schlussfolgerung greift zu kurz. Denn die Verbraucher wissen, was sie tun, wenn sie ohne Rezept irgendwo in der Welt Potenzmittel bestellen, verbotene Muskelaufbaupräparate im World-Wide- Web bestellen oder auf ostasiatischen Märkten billig erworbene, oft aber verfälschte Schlankmacher und andere Pillen nach Hause schleppen.

Kein Zweifel: Es gibt einen wachsenden Markt für gefälschte Arzneimittel. Wer beim Bezug auf den illegalen Handel setzt, der geht ein erhebliches Gesundheitsrisiko ein. Dass im Internet illegale Geschäft abgewickelt werden, ist aber kein Grund, das ganze System zu verteufeln. Mit der gleichen Logik müsste das Autofahren verboten werden, weil jedes Jahr unverantwortliche Raser andere Menschen zu Tode fahren.

Wie so oft hilft auch hier bei der Wahrheitssuche die Frage: Wem nutzt die Debatte? Den Apothekern. Die kämpfen an vielen Fronten. Im September befasst sich der Europäische Gerichtshof mit ihrem durch Fremd- und Mehrbesitzverbote abgeschotteten Markt. Die Konkurrenz der Versandhändler war den Apothekern schon immer ein Dorn im Auge. Deshalb werfen sie illegalen und legalen Versandhandel munter in einen Topf, schüren Ängste da, wo sie sich als Aufklärer gerieren.

Um schlecht beraten zu werden, muss man übrigens gar nicht ins Internet gehen. Es reicht zuweilen der Gang in die nächste Apotheke um die Ecke. So hat die Stiftung Warentest unlängst 20 Apotheken in Berlin untersucht und dabei „zum Teil Erschreckendes erlebt: Falscher Rat zu Medikamenten, verpfuschte Rezepturen und Fehler beim Blutdruckmessen“.

Gastkommentare entsprechen nicht immer der Ansicht der Herausgeber.

 

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