Psychologie in der Geldanlage

Kopf oder Bauch

Es geht Experten und Laien an – sie treffen Entscheidungen gegen jede Vernunft und wider besseres Wissen. Der Grund: Sie alle tappen bei der Geldanlage in Fallen, die die Psyche ihnen stellt. Behavioral Finance heißt die Disziplin, mit der Wissenschaftler Bauch- und Kopfentscheidungen der Anleger auf eine Linie bringen wollen.

„An der Börse sagt uns oft das Gefühl, was wir machen und der Verstand, was wir vermeiden sollen.“ Mit diesem Satz umfasst der immer noch nicht nur in Expertenkreisen bekannte und 1999 verstorbene Börsenguru André Kostolany die ganze Crux der Anleger. Gefühl und Verstand liegen bei der Geldanlage häufig nicht auf einer Linie. Da nützen auch Chartbetrachtungen, mathematische Berechnungen und Marktanalysen nicht so viel wie erhofft. Der Mensch lässt sich nur ungern von Kopf und Verstand leiten, obwohl er glaubt, dass genau dies der Fall ist. Stattdessen bestimmen die Lust am Risiko, Gier sowie die Angst vor Verlusten die Entscheidungen in der Geldanlage. Wie stark die Psyche eines Menschen sein Handeln bestimmt und wie ernst die Experten-Welt diese Tatsache nimmt, beweist die Verleihung des Nobelpreises für Wirtschaft 2002 an den Amerikaner Daniel Kahnemann. Der Psychologe hat das systematische Fehlverhalten von Investoren analysiert.

Anleger – Laien wie Profis – lassen ihr Unterbewusstsein schalten und walten und glauben dennoch, dass sie die Kontrolle über ihr Tun bewahren. Nach außen hin studieren sie die Charts, analysieren Branchen und Firmen, ihre Entwicklung in der Vergangenheit. Daraus ziehen sie dann ihre Schlüsse für die Zukunft. Versorgt mit all dem Wissen, entscheiden die Profis. Private Anleger lassen sich auf dieser Basis beraten und kaufen oder verkaufen dann aufgrund scheinbar rationaler Entscheidungen. In Wirklichkeit aber schauen sie, was die anderen machen, gieren nach Geheimtipps, die – einmal weitergegeben – längst keine mehr sind, und treiben so im Extremfall ausgewählte Papiere in ungeahnte Höhen. Eine Blase entsteht, irgendwann platzt sie und die Kurse stürzen ins Bodenlose. Doch statt möglichst schnell zu verkaufen, setzen sie ihre Hoffnungen auf ein Drehen des Marktes. Nach ihrer Motivation befragt, würden sie immer noch behaupten, nach kühlem Kalkül zu handeln. In Wirklichkeit handeln sie nach ganz anderen Motiven.

Hauptübel Überschätzung

In den USA vor einigen Jahren als neue Disziplin entdeckt, forschen auch in Deutschland Wissenschaftler auf dem Gebiet zwischen Ökonomie und Psychologie. Zu den bekanntesten Vertretern des Behavioral Finance gehört der Professor für Finanzwirtschaft Martin Weber von der Universität Mannheim. In seinem Buch „Genial einfach investieren“ (Campus Verlag) erklärt er zusammen mit den Mitarbeitern seines Lehrstuhls, „warum bei der Geldanlage allein die Vernunft zum Erfolg führt und welche psychologischen Fallen den Anleger dabei hindern können“. Er machte verschiedene Denk- und Verhaltensweisen aus, die den Anleger in die falsche Entscheidung locken. Eines der Hauptübel ist, dass Anleger sich generell maßlos überschätzen. Overconfidence Bias – so lautet der wissenschaftliche Fachausdruck für die Überheblichkeit, mit der Anleger beispielsweise glauben, die Entwicklung von Aktienkursen vorhersagen zu können, nur weil sie in der Vergangenheit einen bestimmten Verlauf genommen haben. Die Charttechniker, die anhand der Kursverläufe die Entwicklung einer Aktie für die Zukunft voraussagen wollen, können aber unvorhersehbare Ereignisse, wie den 11. September 2001 oder die Aufdeckung des Bestechungs-Skandals bei Siemens, nicht einkalkulieren. Selbst die Finanzmarktkrise, die sich lange ankündigte, wollten viele nicht wahrhaben. Sie passte nicht ins Schema, und in den Türmen der Banken hatte man sich leider sehr weit von der Realität draußen entfernt. Dabei werden die Kursverläufe von Aktien von sehr vielen Informationen beeinflusst, die ein einzelner Investor kaum alle in der richtigen Gewichtung berücksichtigen kann. Profis haben in dieser Beziehung dank der weitreichenden Informationsquellen die weitaus größeren Chancen, Prognosen wagen zu können.

Warum private Anleger dennoch glauben, mithalten zu können, ist nicht zu verstehen. Weber nennt dieses Phänomen Hindsight Bias und erklärt: „Gemeint ist die Neigung vieler Menschen, das zu überschätzen, was sie vor einem Ereignis darüber gewusst oder geahnt haben.“ Diese Überheblichkeit führt dazu, dass die meisten nicht aus der Vergangenheit lernen, denn „sie haben es ja gewusst.“ Erfolge schreiben Anleger gerne eher sich als äußeren Einflüssen zu, Misserfolge aber sind die anderen schuld. Generell ertragen die Menschen Unsicherheiten nur sehr schlecht. Sie möchten alles kontrollieren können. So wollen sie genau wissen, wie das Wetter morgen, übermorgen und nächste Woche sein wird. Selbst eine relativ genaue Vorhersage mit einer Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent, dass es nicht regnet, schützt nicht vor einem plötzlichen Schauer. Genau diese Unsicherheit halten Anleger nicht aus. Allzu gern glauben sie beispielsweise die Prognose eines sogenannten Experten, dass der DAX am Jahresende bei 8 000 Punkten sein wird, und treffen deshalb die falschen Entscheidungen. Dabei hat der Berater, der es nur gut meint, keinen konkreten Hinweis für seine Annahme.

Eine besondere Versuchung

Eine ganz besondere Versuchung stellt der hinter vorgehaltener Hand gegebene heiße Tipp dar. Ihm erliegen vor allem Hobby- Börsianer, die sich regelmäßig über Newsletter, Anlagemagazine und Börsenbriefe informieren. Ikonen der Unterhaltungsindustrie, wie Thomas Gottschalk und Günther Netzer, werben für Aktien und Fonds. Sie geben der Empfehlung den seriösen Anstrich und der Laie glaubt: Wenn die diese Anlage für richtig halten, ist das für mich auch gut. Allzu gern vergisst er dabei, dass der Promi für seine Werbung bezahlt wird und sein Geld vielleicht nur in Immobilien anlegt. Dies alles verarbeitet der Börsianer zu einer Kaufentscheidung, die in den meisten Fällen nicht wirklich erfolgreich ausgeht. Wer hat keine T-Aktien gekauft, als Liebling-Kreuzberg- Darsteller Manfred Krug sie allabendlich angepriesen hat? Und hält sie immer noch, obwohl ihr Wert drastisch gesunken ist.

Private Anleger können den Indizes wie den DAX auf Dauer nicht schlagen. Natürlich kann es in einem Jahr mal besonders gut laufen. Dieses Ereignis rangiert dann unter Zufall. Doch mit System kann der Laie den Markt nicht schlagen. Das gelingt auch nicht mit besonderen Strategien, zumal private Anleger kaum über die nötigen Mittel verfügen. Hinzu kommt noch ein weiteres Übel, dem begeisterte Spekulanten nur wenig Aufmerksamkeit schenken. Allzu leicht vergessen enthusiastische Börsianer, dass sie für jede Transaktion, die sie tätigen, um ihre großen Ziele umzusetzen, Gebühren berappen müssen. Dass diese Ausgaben in vielen Fällen die erzielte Rendite wieder zunichte machen, verdrängen die meisten.

In die gravierendste Psychofalle tappen die Menschen, wenn das teuer gekaufte Papier an Wert verliert. Denn sie bewerten Verluste viel schwerer als Gewinne. So schmerzt sie der Verlust von 10 000 Euro zweieinhalbmal so heftig wie der Gewinn der gleichen Summe sie frohlocken lässt. Aus diesem Grund, fällt es den Menschen unglaublich schwer, sich von einer unrentablen Anlage zu trennen. Das erklärt auch, warum sich die Anleger nicht von ihren T-Aktien trennen konnten, als deren Kurs in den Keller rauschte. „Die Menschen haben an ihre Verluste eine viel stärkere Bindung als an die Gewinne“, begründet der Analyst Joachim Goldberg die Verhaltensweise. Er ist Geschäftsführer des von ihm mit begründeten Instituts Cognitrend und Experte für Behavioral Finance, „Das führt dazu, dass Anleger Verluste bis zum bitteren Ende aussitzen, weil sie sie nicht realisieren wollen, und Gewinner-Aktien viel zu früh verkaufen“, erklärt er die Konsequenzen menschlichen Handelns gegenüber der FAZ. Statt einen Verlust zu begrenzen, lassen sie sich Ausreden einfallen, um das Versagen nicht hinnehmen zu müssen. Jede Erklärung und jeder Hinweis dafür, dass es ja auch wieder aufwärts gehen könnte, ist willkommen. So oder so ähnlich muss auch Jerôme Kerviel gedacht haben, als er das System der Société Générale in Paris umgangen hat. Erst überkamen ihn Größenwahn und Allmachtsgefühle. Er glaubte, dass alles möglich sei. Als dann die Finanzmarktkrise ihre Krallen zeigte, verwandelten sich Gewinne in Verluste. Statt sie zu begrenzen, glaubte er, er habe die Märkte im Griff und könnte das Ganze noch einmal drehen. Also produzierte er noch mehr Verluste frei nach dem Motto „Was nicht sein darf, kann auch nicht sein. „Meine Verlustentscheidung mache ich nur dann rückgängig, wenn ich mit heiler Haut aus der Geschichte herauskomme“, sagt Joachim Goldberg. Und auf diese Weise häuften sich die Verluste. Der junge Händler erhöhte vielleicht sogar den Einsatz in der Hoffnung, mit heiler Haut davonzukommen. Commitment heißt es in der Fachsprache, wenn jemand an einer einmal getroffenen Entscheidung festhält. Jerôme Kerviel hatte sich sozusagen dazu verpflichtet, eine einmal eingeschlagene Strategie, die anfangs erfolgreich war, bis zum bitteren Ende durchzuziehen. Wie hoch der Berg angewachsen war, hat Kerviel wohl gar nicht mehr registriert. Solche Summen kann man sich nicht vorstellen. Deshalb schmerzt die Menschen ein Verlust von 1 000 Euro mehr als der von einer Million. Das Vorstellungsvermögen wird außer Kraft gesetzt. Die Bank machte dann Nägel mit Köpfen und realisierte die Verluste. Das Ergebnis war die Rekordsumme von fünf Milliarden Euro. Sie hatte zu allem Unglück einen denkbar schlechten Zeitpunkt erwischt. Ähnliche Gedanken wird sich wohl vor ein paar Jahren der Engländer Nick Leeson gemacht haben, als er mit Zins- und Währungsspekulationen die englische Barings Bank in den Ruin getrieben hat. Er produzierte Verluste in Höhe von 1,4 Milliarden US-Dollar. Darüber regte sich damals die ganze Welt auf. Die fünf Milliarden Euro, die die Société Générale abschreiben durfte, bekümmerten angesichts der Finanzmarktkrise, bei der sich die Gesamtverluste auf rund eine Billion Dollar beliefen, fast nur am Rande. Die Psychologen haben für dieses Phänomen eine Erklärung. Sie sagen, je größer die Gewinne sind, desto weniger werden sie wahrgenommen. Bei den Verlusten verhält es sich ähnlich. Der erste Verlust wiegt am schwersten, danach wird es leichter.

Das weltweite Finanzmarktsystem sieht menschliche Regungen aber nicht vor. Es wird unterstellt, dass die beteiligten Menschen Informationen aufnehmen und sie sofort objektiv in ihre Entscheidungen einbeziehen. Dabei neigt der Anleger wie alle anderen Menschen auch dazu, Informationen, die ihm nicht gefallen, einfach zu verdrängen.

Planung statt Prognose

Viel einfacher wäre es, endlich zu akzeptieren, dass die Zukunft unsicher ist. Jeder Berater, der Prognosen darüber abgibt, wo der DAX am Ende des Jahres steht, hat schon gelogen. Genauso vergessen können Kunden die Hinweise darauf, wie gut sich ein Produkt im Vorjahr entwickelt hat, oder die Jahreshöchststände von bestimmten Fonds oder Aktien. Wichtiger ist die langfristige Entwicklung. Statt hektischen Handelns ist Gelassenheit angesagt. Und wer glaubt, er bekäme die Planung einer guten Altersvorsorge umsonst, der irrt. Auch für den scheinbar kostenlosen Bankservice zahlt der Kunde. Er übersieht beispielsweise, dass von den 50 000 Euro, die er in einen Fonds anlegt, drei Prozent – also 1 500 Euro – als Ausgabeaufschlag in die Taschen des Beraters wandern. Besser ist es – auch wenn die Deutschen sich sehr schwer tun damit, dass gute Beratung ihren Preis hat – das Geld gleich an einen unabhängigen Berater zu zahlen und dafür eine individuell zugeschnittene Altervorsorge- Planung zu bekommen. So lautet auch die Empfehlung von Buchautor Martin Weber: „Dabei sind direkte Zahlungen in Form eines expliziten Stundensatzes für beide Seiten transparenter als Kosten in Form von Ausgabeaufschlägen, Marketinggebühren oder jährlichen Managementgebühren.“

Marlene Endruweit
m.endruweit@netcologne.de

 

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