16. Symposium Parodontologie

Immer den Risikopatienten im Blick

Über 120 Sanitätsoffiziere und interessierte zivile Zahnärzte trafen sich Ende Mai mit der 14. Frühjahrstagung der Neuen Arbeitsgruppe Parodontologie (NAgP e.V.) zur größten parodontologischen Fortbildungsveranstaltung des Zahnärztlichen Dienstes der Bundeswehr und der Bezirkszahnärztekammer Koblenz: dem 16. Symposium Parodontologie am Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz.

Die Begrüßung des Auditoriums übernahmen Oberstarzt Dr. Kollmann, Kommandozahnarzt des Sanitätskommandos II aus Diez, und Prof. Dr. Eickholz, Direktor der Poliklinik für Parodontologie am Universitätsklinikum Frankfurt am Main und 2. Vorsitzender der NAgP e.V.

Der dentogene Fokus

Der Initiator und langjährige Organisator des Symposiums Parodontologie Oberfeldarzt Dr. Thomas Eger aus dem Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz stellte zunächst die historische Entwicklung der Begriffe „dentogener Fokus“ und „Herdgeschehen“ dar. Radikale Zahnextraktionen zur Vermeidung von Vergiftungserscheinungen aufgrund wurzelkanalbehandelter oder parodontal erkrankter Zähne, wie sie erstmalig im Jahre 1913 veröffentlicht wurden, gehören Dank des besseren Verständnisses der Ätiologie und Pathogenese, der teilweise gegenseitigen Beeinflussung von kardiovaskulären Erkrankungen, Diabetes und Parodontitis sowie der Weiterentwicklung antiinfektiöser Behandlungsmöglichkeiten in der Zahnheilkunde weitgehend der Vergangenheit an.

Anhand verschiedener Fallbeispiele von Soldatenpatienten aller Dienstgrad- und Altersgruppen, deren Parodontitis- und/ oder Periimplantitis-Progression bei bestehenden schweren Allgemeinerkrankungen zu multiplen Zahn- beziehungsweise Implantatverlusten führte, wurden die Zuhörer auf die Bedeutung systemischer Erkrankungen, wie Diabetes mellitus, koronare Herzerkrankung, Osteoporose, Tumorerkrankungen und deren medikamentöse Therapie, hingewiesen. Die frühzeitige Erkennung einer Parodontitis anhand des Parodontalen Screening Index (PSI) sowie anhand von Röntgenbildern ist die Basis zur Vermeidung von Zahnverlust. Jeder Zahnarzt ist nach dem Studium dazu in der Lage, Parodontitis zu diagnostizieren und sollte leichte bis moderate Fälle von chronischer Parodontitis auch erfolgreich therapieren können. Curriculare Fortbildungen ermöglichen den Ausgleich von Defiziten auf dem Gebiet der Parodontologie beziehungsweise die Auffrischung gegebenenfalls veralteten Wissens: Ein Zahnarzt mit Tätigkeitsschwerpunkt ist also in der Lage, einfache Parodontalerkrankungen auch bei bestehendem Endokarditisrisiko erfolgreich ohne Zahnverlust zu behandeln.

Fachzahnärzte und Spezialisten mit dreijähriger Vollzeitweiterbildung sind befähigt, komplexe Fälle umfassend zu therapieren, insbesondere wenn es sich um Patienten mit aggressiver Parodontitis, schwerer, gar rezidivierender chronischer Parodontitis, Periimplantitis oder endoparodontalen Problemen handelt oder um Patienten mit allgemeinmedizinischen Risiken. Diese sind Diabetes mellitus, Zustand nach Herzklappenoperation oder Tumoroperation. Auch in der Schwangerschaft sind jederzeit Zahnreinigungen möglich. Das 2. Trimenon eignet sich besonders zur Parodontitistherapie, um risikobehaftete Frühgeburten zu vermeiden.

Anhand von Langzeit-Therapieergebnissen von zehn Jahren ohne weiteren Zahnverlust bei Patienten mit schweren Allgemeinerkrankungen und Parodontitis konnte Dr. Eger allen Anwesenden das Potenzial parodontaler Therapie und die Komplexität des Themas verdeutlichten. Er hob dabei den Stellenwert der Parodontaltherapie im Hinblick auf die Reduktion allgemeinmedizinischer Risikofaktoren hervor. Der weitere Tagungsverlauf sollte dies noch unterstreichen.

Rauchen und Parodontitis

Oberfeldarzt d.R. Dr. Gregor Gutsche, Koblenz, berichtete in seinem Vortrag über ein Rauchentwöhnungsprogramm für die Praxis. Nikotin ist der herausragende Sucht erzeugende, aber nicht der vorrangig pathogene Wirkstoff beim Raucher.

Gesundheitsschädigend wirken zahlreiche andere Bestandteile des Zigarettenrauchs (wie Kohlenmonoxid). Deshalb kommt der Tabaksubstitution durch Nikotinersatzpräparate neben der individualtherapeutischen psychologischen Heranführung und persönlichen Willensentscheidung zum Rauchstopp der Patienten große Bedeutung zu. Die Rauchentwöhnung kann in den Ablauf einer systematischen Parodontaltherapie integriert werden und führt bei dauerhaftem selbstbestimmtem Tabakverzicht zu einer Verbesserung der Behandlungsergebnisse sowie zur Vermeidung von Zahnextraktionen und ermöglicht damit eine kostengünstigere zahnmedizinische Versorgung.

Therapiekonzepte bei Diabetes und Übergewicht

Oberfeldarzt Dr. Jochen Weyer vom Bundeswehrkrankenhaus Berlin stellte heraus, dass neben Blutzucker- und Gewichtskontrolle sowie regulärer Einnahme der jeweiligen Medikation eine engmaschige unterstützende Parodontitistherapie entscheidend für den Therapieerfolg ist. Der Referent erläuterte die wechselseitige Beeinflussung zwischen der diabetischen Stoffwechsellage und der parodontalen Situation. In diesem Kontext machte er auf die notwendige Berücksichtigung allgemeinmedizinischer Belange (Antibiotika- Prophylaxe, ungestörte postoperative Nahrungsaufnahme) bei der Behandlung von Diabetikern aufmerksam.

Systemische Antibiose bei aggressiver Parodontitis

Oberstabsarzt d.R. Prof. Dr. Peter Eickholz aus Frankfurt am Main konnte eindrucksvoll zeigen, dass auch früh einsetzende und/ oder rasch fortschreitende Formen der Parodontitis bei möglicherweise genetischer Disposition nicht zum Zahnverlust führen müssen. Voraussetzungen sind eine frühzeitige, adäquate (auch mikrobiologische) Diagnostik, eine nicht chirurgische mechanische Therapie, gegebenenfalls in Kombination mit systemischer Antibiotikagabe, und eine konsequente Nachsorgetherapie bei möglichst guter Patientencompliance. Allerdings ist die Therapie aggressiver Parodontitiden nicht unkompliziert. Deshalb sind diese Fälle am besten bei Spezialisten beziehungsweise Fachzahnärzten für Parodontologie aufgehoben.

Regenerative Parodontaltherapie

Parodontalchirurgische Behandlungsmöglichkeiten waren das Thema von PD Dr. Stephan Hägewald aus Berlin. Sofern ortsständige gesunde Zellen vorhanden sind, kann eine Steuerung der parodontalen Regeneration durch Einsatz von Membranen, Schmelzmatrixproteinen, Wachstumsfaktoren oder Knochen beziehungsweise Knochenersatzmaterialien erfolgen. Neben der Defektmorphologie sind eine gute Mundhygiene des Patienten und bereits präoperativ entzündungsfreie Gewebe ausschlaggebend für den Erfolg.

Risikoorientierte Parodontitistherapie

Zum Schluss der Tagung, gab Dr. Eva Streletz, Heusenstamm, den Teilnehmern eine Vielzahl von Organisations- und Abrechnungshinweisen. Sie rief zur kollegialen und offenen Zusammenarbeit von Medizinern, Zahnmedizinern und Pflegepersonal auf, um gerade auch bei Risikopatienten langfristigen Zahnerhalt zu ermöglichen.

Alle parodontologisch interessierten Kollegen können sich schon heute auf die weitere erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen dem Sanitätskommando II, Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz, der NAgP e.V. und der Bezirkszahnärztekammer Koblenz freuen, die am 25. 4. 2009 mit dem 17. Symposium Parodontologie diese Veranstaltungsreihe unter dem Thema „Dentinhypersensibilität, Ursachen und Therapie einer Zivilisationskrankheit?” fortsetzt.

OFA Dr. Thomas Eger
Abt VIIA - Fachzahnärztliche Ambulanz
Parodontologie
Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz
Rübenacherstr. 170
56072 Koblenz

Dr. Beate Schacher
Poliklinik für Parodontologie,
Zentrum der Zahn-, Mund- und
Kieferheilkunde (Carolinum)
Johann Wolfgang Goethe-Universität
Frankfurt am Main,
Theodor-Stern-Kai 7
60590 Frankfurt

 

Weitere Bilder
Bilder schließen