Der Zahnarzt im Film

Ein schräger Typ

Die Darstellung des Zahnarztes im Film ist für den Berufsstand wenig schmeichelhaft. Das Bild ist geprägt durch ein stereotypes marktschreierisches Muster, das sich medial gut verkaufen lässt: Gewalt, Habgier und ein schräger Charakter. Die Gründe sind vielfältig, wie diese Expertise des Autors zeigt. Doch es gibt eine positive Botschaft: Die Änderung dieses Images hat die Profession selbst in der Hand.

 

Ein Zahnarzt ist ein Taschenspieler, … der, während er Metall in deinen Mund hineinsteckt, Münzen aus deiner Tasche herauszieht.“, (Ambrose Bierce, 1842-1914). So wurden schon vor fast einem Jahrhundert in der öffentlichen Wahrnehmung die Zahnärzte beschrieben. Erstaunlicherweise hat sich das Klischee des geldgierigen, materialistischen und betrügerischen Zahnarztes bis in die heutige Zeit erhalten – und das betrifft nicht nur die USA oder Deutschland, sondern ist ein internationales Phänomen.  

Verfolgt man die Entwicklung der Profession nur innerhalb der letzten fünf Dekaden, so stellt man fest, dass es immer wieder um die gleichen Problemfelder geht, die im Zusammenhang mit den Zahnärzten sowohl in den Printmedien als auch multimedial gebetsmühlenartig thematisiert werden: Auseinandersetzungen um Honorare und Vergütung, Abrechnungsbetrug und anderweitige Felder, die den Zahnmediziner entweder als Person oder als Mitglied eines ganzen Berufsstandes diffamieren oder zumindest in ein negatives Licht stellen.

Nicht allein das Klischee von der Geldgier macht in der Bevölkerung die Runde, sondern auch Charakterzeichnungen, die allzu oft jenseits der Seriosität und des guten Geschmacks liegen. Da ist es kein Wunder, dass sich Filmregisseure bei der Beschreibung einer prägnanten zahnärztlichen Filmfigur bei den kursierenden Stereotypen und vermeintlichen Persönlichkeitsmerkmalen eines Zahnmediziners bedienen, um der Dramaturgie eines Filmtextes eine gewisse „Würze“ zu verleihen. Für die Zahnärzte und ihre Reputation vielleicht ein Glück, dass sie nur selten in Spielfilmen vorkommen und viele Filme auf dem (deutschen) Markt überhaupt nicht oder nicht mehr erhältlich sind.

Stereotype Muster

Die Wahrnehmung der Filmkollegen durch das Publikum ist verschwommen, und wenn etwas in Erinnerung bleibt dann sind es insbesondere Gewaltszenen. So stößt man unabhängig vom Filmgenre regelmäßig auf die gleichen, dramaturgisch offensichtlich äußerst dankbaren drei übergeordneten Muster: die Gewalttätigkeit, die Habgier (Reichtum) und die „deviante“ Persönlichkeitsstruktur des handelnden Zahnarztes. Dabei ist es nicht unbedingt Grundvoraussetzung, dass dieser in seinem professionellen Umfeld der Praxis oder Klinik verortet ist.

Im Gegensatz dazu stehen die Ärzte, die entweder – in älteren Produktionen – in der Rolle selbstloser heroischer Retter oder Halbgötter in Weiß glänzten oder – heutzutage – in seichten Dailysoaps bei dramatischen Lebensrettungsaktionen ihre fachliche Kompetenz demonstrieren dürfen.

Auch in der deutschen Medienwissenschaft scheint der Zahnarzt nicht die gleiche Bedeutung zu haben wie der Arzt. Hier und da liest man in diesem Zusammenhang vom „Schmalspurmediziner“ und von einem Minderwertigkeitskomplex der Zahnmediziner gegenüber den „richtigen“ Ärzten, was ihre „reduzierte“ Beliebtheit und Auftrittsfrequenz im Film erklären könnte.

Ein eigenständiges Genre „Zahnarztfilm“ gibt es im Gegensatz zum „Arztfilm“ jedenfalls nicht.

Und doch tauchen sie auf – die zahnärztlichen Filmkollegen – allerdings allzu oft in einer Art und Weise, die die Profession nicht unbedingt erfreut, weil sie so gar nicht ihrem positiven Eigenbild entspricht. Dieses Eigenbild ist geprägt von Schlagworten wie hohe Leistungsmotivation, Perfektionismus und Beherrschung immer ausgefeilterer Behandlungstechniken zum Wohle des Patienten – und zum Wohle des eigenen Geldbeutels, was selbstverständlich so offen nicht gesagt wird.

Naturgemäß erfordert der Beruf des Zahnarztes ein überdurchschnittliches handwerkliches Geschick und einen gewissen Hang zur Akribie. Kehrt man diese Begriffe ins Negative um, so werden daraus die Schlagzeilen, die in der Yellowpress zu finden sind: „Die Zahnärzte … Sadisten! ... Raffzähne! … ’Verbohrte’ Charaktertypen!“ Im Rahmen einer Masterarbeit des Masterstudiengangs Integrated Practice in Dentistry, der von der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg in Kooperation mit der Akademie für Zahnärztliche Fortbildung Karlsruhe durchgeführt wird, hat der Autor dieses Artikels die Klischees, die im öffentlichen Diskurs über Zahnärzte vorhanden sind, exemplarisch anhand einer Filmanalyse des B-Movies „The Dentist“ von Brian Yuzna (USA 1996) aufgespürt. Es wurde der Frage nachgegangen, wie diese hier und auch in anderen Produktionen filmisch vermittelt, sozusagen „ verpackt“ werden.

Auch für einen Zahnarzt ist es sehr spannend, sich die Methoden der Filmemacher, ihre „Filmsprache“ einmal etwas genauer anzusehen. Medien haben ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten wie sie Botschaften transportieren. Sie ge- oder missbrauchen das Recht, einen Sachverhalt zu verzerren oder zu überzeichnen. Das bewegte Bild, der Spielfilm, bietet in diesem Kontext ungleich viel mehr Möglichkeiten als beispielsweise eine Karikatur, weil er mehrfache Perspektivenwechsel zulässt und mehrere Sinnesmodalitäten gleichzeitig anspricht. Der vermeintliche Wahrheitsgehalt eines filmischen Textes wird dabei leider oft überhaupt nicht infrage gestellt. Das Publikum, das die filmischen Informationen in oft konfektionierter, schlagzeilenartig verpackter Form rezipiert, erhält quasi als Nebenprodukt die proklamierten Stereotype und/oder Vorurteile mitgeliefert.

Der Fantasie keine Grenzen gesetzt

Der schöpferischen Fantasie sind im Spielfilm keine Grenzen gesetzt, wie eine ganze Reihe mehr oder weniger berühmter Produktionen nicht nur aus Hollywood beweist.

Jedem Cineasten ist der „Marathon Man“ (USA, 1976) ein Begriff, und man erinnert sich in erster Linie an die grausamen Folterszenen, in denen der sadistische Dr. Szell eine „Zahnbehandlung“ bei Dustin Hofman alias Babe Levy durchführt. Die Kamera fängt Schmerz und Leid über Nah- und Detailaufnahmen ein und registriert die Gestik und Mimik der die Szene beobachtenden Mitschauspieler stellvertretend für den Zuschauer. In die gleiche brutale Kerbe schlagen Low-Budget-Produktionen wie „Campfire Stories“ (USA, 2001) oder „The Dentist 1“ (USA, 1996) und „The Dentist 2“ (USA, 1998), die Gewaltszenen entweder im Dämmerlicht und abgedunkelten Räumen stattfinden lassen oder mittels einer grell ausgeleuchteten Kulisse beziehungsweise weißen Farbgebung eine sterile und damit kalte und brutale Stimmung erzeugen. Wenn dann noch reichlich Blut fließt, bekommt die Arztfarbe Weiß, die eigentlich für Reinheit und Hygiene steht, eine gänzlich andere Konnotation.

Abgemilderte Gewaltszenen – aber immerhin drastisch genug, um entsprechende Gänsehaut beim Panikpatienten zu provozieren, finden sich in Spielfilmen wie „The three stooges – the tooth will out“ (USA, 1951), „Die Züricher Verlobung“ (BRD, 1957) und seinem völlig misslungenen Remake aus dem Jahre 2007 (kürzlich in der ARD), „Kinderarzt Dr. Fröhlich“ (BRD, 1971), „Little Shop of Horrors“ (USA, 1980), der ZDF-Produktion „Trouble im Penthouse“ (1988), „Eversmile New Jersey“ (Argentinien, 1989), oder „Houseguest“ (USA, 1994). Fast immer sind es Zahnextraktionen, die in gleichsam akrobatischer Manier über den wild um sich schlagenden Patienten gebeugt vom Zahnarzt vollzogen werden.

In der zahnmedizinischen Literatur wurde schon des Öfteren ein Überblick über Filme mit Zahnarztbeteiligung gegeben. Dr. Almud Rischer aus Berlin beispielsweise stellt mittels ihrer Promotion aus dem Jahre 2001 eine Liste von Filmen mit zahnärztlichen Szenen zusammen, die naturgemäß auch deswegen unvollständig sein muss, weil mittlerweile neue Produktionen hinzugekommen sind und das Medium Internet eine intensive Filmrecherche zulässt.

So stößt man auch auf ältere US-amerikanische Spielfilme, zum Beispiel „Bells are ringing“ (1960), in der der Zahnarzt Dr. Kitchell mittels eines Druckluftschlauchs Töne erzeugt und diese als Vorlage für die Komposition von Liedern benutzt. Um dessen Skurilität neben seinem schrillen Verhalten auch optisch Glaubwürdigkeit zu verleihen, trägt er eine Brille mit flaschenbodendicken Gläsern.

Ähnliche Strukturelemente finden sich in der deutschen Nachkriegsschnulze „Ein Engel auf Erden“ aus dem Jahre 1957, in der sich eine überängstliche Romy Schneider von einem ebenfalls durchgeknallten, mit einem Lachtick behafteten Kollegen behandeln lassen muss, der ständig in der Wir- Form spricht und eingehend auf die Ängste der Patientin despektierlich bemerkt: „Zerbrechlich sind wir alle, aber ein Zahn ist schließlich nicht die Welt und ein Zahnarzt ist kein Henker – hähähä.“ Oft sind es also die durch Körpersprache und Dialoge vermittelten Eindrücke, die den Zahnarzt als etwas schrägen Vogel bloßstellen oder ihm eine besondere auffällige Charakternote zuweisen.

Filmzahnärzte werden von ihren Patienten oder anderen handelnden Figuren schon mal als Henker oder Sadist tituliert und in Yuzna´s Horrorwerk „The Dentist“ bemerkt ein Polizist, immerhin eine Respektsperson und Vertreter des Staates: „Zahnärzte sind zu allem fähig!“

Bisweilen wird’s auch schon mal philosophisch, etwa im Thriller „Novocaine“ (USA 2001), in dem der Protagonist Dr. Sangster bereits in der Eingangssequenz bemerkt; „Ein Mensch hat vieles zu verlieren, zum Beispiel kann er sein Gesicht verlieren, odersein Leben. Aber das Schlimmste was er verlieren kann sind seine Zähne …“, – und dieser Kommentar unter Einblendung des Röntgenbildes eines menschlichen Schädels. Da wird ganz subtil der Tod mit dem Zahnarzt in Verbindung gebracht. Wie überhaupt das Röntgenbild ein Filmaccessoire ist, das als typische Bauform im zahnärztlichen Kontext mindestens genausooft vorkommt wie demonstrativ in Nahaufnahme eingefangene Zangen, Bohrer und Fräsen, die – wie könnte es auch anders sein – zumeist Unheil anrichten.

Nicht selten greifen Filmemacher auf alte Filmproduktionen zurück und bedienen sich dort hemmungslos an bereits vordefinierten Charakterzeichnungen von Zahnarztfiguren, Bauformen und Erzählelementen. Ein solcher „Referenz-Film“ etwa ist der 25-Minuten Streifen aus dem Jahre 1932 „The Dentist“ mit W.C. Fields als Hauptdarsteller. Der hier auftretende Zahnarzt scheint Vorbild für viele spätere Produktionen gewesen zu sein, die eine reichhaltige Palette an „Devianzen“ der Zahnmediziner zeichnen.

Diese Palette reicht vom Vorsitzenden einer rassistischen Neonazi-Partei im Film „Der Papagei“ (BRD, 1983), dem pädophilen Zahnarzt in Almodovar’s Sozialdrama „Que he hecho yo para merecer esto“ (Spanien, 1984), dem profilierungssüchtigen Prominentenzahnarzt Dr. Carl Friedmann in „Kir Royal“ (BRD, 1986), dem äußerst verhaltensgestörten Dr. Jeffrey Korcheck in Steven Soderbergh’s „Schizopolis“ (USA, 1997), über den hysterischen Zahnarzt Jean-Pierre in „Die Zeitritter – auf der Suche nach dem heiligen Zahn“ (Frankreich, 1998), den promisken homosexuellen Zahnarzt Pedro im Film „Cachorro“ (Spanien, 2005), bis hin zum Komplizen eines Mordes in der Folge „Monk und der sadistische Zahnarzt“ (USA, 2006).

Sex als Nebenprodukt

Die Thematisierung von Sexualität in all ihren Spielformen im Kontext des zahnärztlichen Handelns ist nicht selten ein delikates Nebenprodukt der Dramaturgie. Da wird am Zahnarztstuhl schon mal geflirtet, geknutscht und gefummelt, und manchmal auch mehr – gesehen in Filmen wie „Nachtschwester müsste man sein“ (Italien, 1978) „La Boum“ (Frankreich, 1980), „Compromising positions“ (GB, 1985), „Captives“ (GB, 1994), „The Dentist 1“ (USA, 1996), „Sidewalks in New York“ (USA, 2001) oder „Novocaine“ (USA, 2001). Zahnärzte dürfen Schwerenöter sein, wie im Klassiker „Die Kaktusblüte“ (USA, 1969), promisk, bisexuell und pädophil – nichts ist tabu.

Ganz drastisch geht es zur Sache in Russ Meyer’s „Beneath the valley of Ultravixens“ (USA, 1979) oder in der Hongkong-Produktion „Raped by an angel 2 – uniform fan“ (1998). Ein weiteres Beispiel ist der hypochondrische Zahnarzt „Schmerzloser Bohrer“ im satirischen Antikriegsstreifen „Mash“ (USA, 1968), der mit seinem großen „Gerät“ bei den Frauen sehr beliebt ist. Er versagt erstmalig als Liebhaber und ist von da an überzeugt, latent homosexuell zu sein – er hegt aufgrund dessen ernsthaft Selbstmordgedanken. Genau deswegen erinnert man sich an ihn – nicht etwa wegen seines hervorragenden chirurgischen Könnens im Feldlazarett.

Die männliche Potenz als solche wird nicht selten im Gespräch mit dem Patienten direkt oder versteckt angesprochen, etwa im ZDF-Fernsehfilm „Ein gemachter Mann“ (BRD, 1988). In „Boum Boum“ (Spanien/ Belgien 1990) verwechselt ein männlicher Patient nach der Behandlung durch seine Zahnärztin in deren Erklärungen das Wort „Insuffizienz“ mit „Impotenz“ und ist völlig konsterniert darüber, dass eine Zahnbehandlung Impotenz zur Folge haben könnte. Die Zahnärztin kann das Missverständnis aber rechtzeitig aufklären.

Zu tun hat die Einbindung sexueller Konnotationen einerseits mit der intimen Situation am Zahnarztstuhl: Zahnärzte arbeiten in einem hoch erotischen Bereich, der Mundhöhle, den Lippen, der Zunge, und das in einem Augenabstand, der den üblicherweise tolerierten um ein Erhebliches unterschreitet. Andererseits steht der Zahn kulturhistorisch als Chiffre für Stärke, Macht, Vitalität und sexuelle Potenz. Dem entsprechend häufig finden sich sexuelle Themen in die Filmsyntax eingearbeitet.

Klassische Rollenzuteilung

Auffällig selten sind Frauen in zahnärztlichen Rollen zu finden. Sie agieren auch hier eher auf Nebenschauplätzen denn als Zahnärztinnen. Wichtiger ist ihre klassische Rollenzuteilung als Geliebte, etwa eines Mehrfachmörders wie im Spielfilm „Captives“ (GB 1994) oder als geldgierige, korrupte Xanthippe, die illegale Einwanderer behandelt und dafür Schwarzgeld kassiert – eindrucksvoll zu sehen im Blockbuster „Burglar“ mit Whoopi Goldberg in der Hauptrolle (USA 1987).

Oftmals sind es völlig unscheinbare, harmlose deutsche Nachkriegsfilme, die es in sich haben. Heinz Rühmann alias Dr. Stegemann im Film „Meine Tochter und ich“ (BRD, 1962) darf sich so definieren: „Gentleman – das bin ich nicht! Ich bin Zahnarzt!“ Was bestätigt er damit: Zahnärzte sind eben keine edlen Menschen, sondern das Gegenteil. Und dazu ist er auch noch sehr wohlhabend: riesige Villa, Weltreisen, Havanna-Zigarren, ein Mercedes-Cabrio als Geburtstagsgeschenk für die Tochter und ein für damalige Verhältnisse reichhaltiges Kameraequipment stehen stellvertretend für die materielle Sorgenfreiheit und den Reichtum des Zahnarztes. Und Dr. Stegemann ist kein Einzelfall. Meist haben Filmzahnärzte schicke Autos, protzige Häuser und Praxen oder verwöhnte Luxusbräute an ihrer Seite und sie spielen nicht selten in elitären Golfclubs.

In „Alter Kahn und junge Liebe“ (BRD, 1957) nimmt der schmerzgeplagte Patient zutiefst erschreckt durch Schreie aus dem Behandlungszimmer Reißaus. Dieser auditive Schlüsselreiz und das dazugehörige Fluchtverhalten kurz vor der Behandlung ist ein äußerst beliebtes Setting bei Filmemachern. Es findet sich auch in „Witwer mit 5 Töchtern“ (BRD, 1957) oder ganz drastisch im verschollenen Hollywoodschinken „The shakiest gun in the west“ (USA, 1968), wo ein Zahnmedizinstudent sich sogar mit einer Patientin prügelt, die nicht den Mund aufmachen will.

Das „intraorale Auge”

Eine besonders interessante Variante das Fluchtverhalten kamera- beziehungsweise tricktechnisch umzusetzen, ist das „Intraorale Auge“. Die Kamera zieht sich mit dem Zuschauer in die Mundhöhle zurück und gewährt über die Zunge hinweg und durch die Zahnzwischenräume hindurch einen Blick auf den Zahnarzt, der meistens genüsslich mit seinem Instrumentarium herumfuchtelt. Eine solche Montage hat den Effekt, dass der Rezipient den Zahnarzt in seinem Tun sehr stark auf die Mundhöhle reduziert, ihn über den Mund überhaupt erst definiert. Sie bietet weiterhin dem angsterfüllten Betrachter die Möglichkeit, sich Schutz suchend in die Mundhöhle zu flüchten, sich quasi vor dem Zahnarzt in Sicherheit zu bringen.

Andererseits erhalten das zahnärztliche Instrumentarium und seine Hände durch die perspektivische Verzerrung eine bedrohliche Dimension. Diese Kameraeinstellungen finden sich neben vielen anderen Filmen sehr gut umgesetzt im Musical „Little shop of Horrors“ (USA 1986) oder „Charlie und die Schokoladenfabrik“ (USA 2005).

Fremdbild ambivalent

Die Zahnärzteschaft ist – ganz offensichtlich in Kenntnis ihres ambivalenten Fremdbildes in der Öffentlichkeit in Bezug auf ihren vermeintlich hohen Verdienst – redlich bemüht, ihre Außendarstellung zu optimieren. Sie haben hierbei das enorme Potenzial des Internets erkannt.

Zahnärzte präsentieren sich ganz bewusst als innovativ, hoch motiviert und patienten- sprich kundenorientiert – und sie werden in ihren Bemühungen um Imagepflege tatkräftig und teuer unterstützt von einem immer größer werdenden Tross an Beratungsfirmen und Werbestrategen. Ihre Botschaften sind entlarvend eindeutig: Patientenbindung, Gewinnmaximierung, Erhöhung des Praxisumsatzes. Ganz unvermittelt drängt sich da die Erinnerung an die Anfänge der Zahnmedizin auf, als auf öffentlichen Marktplätzen von halbseidenen Dentisten oder Betrügern zahnärztliche Behandlungen in marktschreierischer Manier angeboten und für passables Salär durchgeführt wurden. Das Thema „Geld“ also, das um die Profession kreist, werden die Zahnärzte nicht so schnell los, weder im öffentlichen Diskurs noch in seiner filmischen Verarbeitung. Erst recht nicht, wenn der Hick-Hack ums (sektorale) Budget und andere öffentlichkeitswirksame Verteilungskämpfe anhalten.

Und das Thema Gewalt? Angesichts einer steigenden Zahl von weiblichen Zahnmedizinstudenten wird dieses schaurige Bild hoffentlich irgendwann von alleine verblassen, rechnet man den Frauen doch ihrem traditionellen Image gemäß eine eher fürsorglich-empathische und sanftere Behandlungsweise zu. Gewaltsame und blutrünstige Aktionen eines testosterongetriebenen Dr. Finestone im Horrorstreifen „The Dentist“ sind bei weiblichen Rollen recht unwahrscheinlich, wenn nicht sogar völlig undenkbar.

Wandel durch Fortschritt

In neuerer Zeit hat sich in der öffentlichen Wahrnehmung zudem ein Wandel hin zu positiveren Bewertungen vollzogen, der sicher mit dem rasanten technischen Fortschritt in der Zahnmedizin zusammenhängt, der das Thema Schmerzen (nicht jedoch die Schmerzerwartung!) in den Hintergrund gedrängt hat.

Dass das Vertrauen der Bevölkerung in die Kunst des Zahnarztes mittlerweile größer ist, ändert aber nichts an der Tatsache, dass der Zahnarztbesuch meist mit Angst besetzt ist. Und hier setzten die Filmschmieden erfolgreich das Stereotyp ein. So lange also Filmproduzenten wie Brian Yuzna Splattermovies der perversesten Art produzieren, wird sich wohl auch zukünftig mit „Zahnreißern“ beim entsprechenden Publikum Kasse machen lassen. Dafür binden das zahnärztliche Instrumentarium und der dental-therapeutische Rahmen einfach viel zu viel brutale Phantasie.

In Spielfilmen haben seriöse Themenfelder rund um die Welt des Zahnarztes im Gegensatz zu den Arztfilmen kaum Relevanz. Der Fokus liegt nach wie vor auf dem Image des dentalen Handwerkers, der mit seinen Händen mal Gutes, aber zumeist Schlechtes vollbringt. Selbst in aktuellen narrativen Filmen, beispielsweise „Babel“ (USA 2007), der sich mit der schicksalhaften Verstrickung von Menschen aus drei Kontinenten beschäftigt, oder „Reign over me“ (USA 2007), der sich des Themas Posttraumatisches Belastungssyndrom nach dem Terroranschlag 911 in New York annimmt, finden sich im Umfeld der hier agierenden Zahnärzte subtile Anklänge an die Eingangs beschriebenen drei übergeordneten Muster – Gewalttätigkeit, Habgier (Reichtum) und „deviante Persönlichkeit“, und sei es nur durch Einspielen einer Szene, in der eine pubertierende Taubstumme während der zahnärztlichen Untersuchung die Hand des irritierten Zahnarztes ergreift, um sie sich in ihren Schambereich zu drücken.

Entweder ist der Zahnarzt als Person schon auffällig, oder es fließen, wenn er ansonsten ein normales Auftreten hat – im professionellen Setting allerlei Absurditäten ein, wo man ernsthaft nach deren dramaturgischem Zweck fragen darf. Da bleibt nur der erneute Verweis auf die schöpferische Freiheit des Filmemachers und seine eigenen Erfahrungen mit dem Zahnarzt.

Hauptziel der genannten Masterarbeit war es, den Blick ein wenig dafür zu schärfen, dass Spielfilme Spiegel für das gesellschaftliche Bild und insbesondere der Stereotype der Zahnärzte sein können. Der Film per se trägt über Emotionalisierung bestimmter Sachverhalte erheblich zu deren Verfestigung in der Bevölkerung bei, nach dem – abschätzig gemeinten – Motto: „Typisch Zahnarzt!“.

Veränderung nur aus der Profession heraus

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass eine Veränderung des Bildes der Zahnärzte in den Medien als Gesamtheit und in den Spielfilmen im Speziellen nur aus der Profession selbst heraus erfolgen kann. In diesen Zusammenhang passt eine Empfehlung von H. G. Sergl, die er in seinem Artikel zum Thema „Zahnarzt und Gesellschaft“ gab: „Was der Einzelne zur Verbesserung des Images unseres Berufsstandes tun kann, ist gute Arbeit leisten, einen korrekten und freundlichen Umgang mit dem Patienten pflegen und weder durch einen überzogenen Lebensstil noch durch großspuriges Auftreten in der Öffentlichkeit Kritik auf sich ziehen“, (Sergl 1991,22-23).

Versöhnlich stimmt die Tatsache, dass im Kontakt mit „seinem eigenen Zahnarzt“ beim Patienten die größtenteils medial vermittelten stereotypen Vorstellungen vom zahnärztlichen Berufsstand aufbrechen und einer differenzierten Betrachtungsweise weichen. Das hat das Allensbach-Institut für Demoskopie in einer Studie aus dem Jahre 2002 bestätigt.

Dr. Harald Hildenbrand, MA
Höhenstr. 16
65824 Schwalbach am Taunus

Der Autor, Dr. Harald Hildenbrand, MA, ist Zahnarzt und hat in seiner im Text zitierten Masterarbeit das Thema „Zahnarzt im Film“ wissenschaftlich vertieft. Für die zm hat er die Kernergebnisse in einem essayistischen Beitrag zusammengefasst.

INFO

Weg vom Handwerkermodell

Das Selbstbild des Zahnmediziners

Im Gegensatz zu den Ärzten spielt das Eigenbild des Zahnarztes „aus Berufung“ eine eher untergeordnete Rolle. Das hängt sicher mit der Tatsache zusammen, dass zahnärztliche Eingriffe bei Weitem nicht die existenzielle Bedeutung haben wie zum Beispiel eine Operation am offenen Herzen oder intensivmedizinische Interventionen. Auch das viel beschriebene „Helfersyndrom“ scheint auf Zahnärzte nicht so richtig anwendbar zu sein. Der Zahnarzt definiert seinen Beruf eher über „manuelles Tun“, über die immer ausgefeiltere Technik, ohne die moderne, Substanz schonende und schmerzfreie Behandlungen nicht möglich wären.

Gleichwohl hat sich gerade in den letzten Jahren eine gewisse Wandlung weg vom „Handwerkermodell“ ergeben. Zunehmend kommen allgemeinmedizinische Aspekte ins Blickfeld, insbesondere unter dem Druck der Alterspyramide. Eine alternde Bevölkerung schreit förmlich nach synoptischer Zahnmedizin die allgemeinmedizinische, teils sehr komplexe Belange integriert. Zusammenhänge zwischen Parodontitis und Diabetes etwa haben Therapierelevanz. Alles was technisch machbar und zahnmedizinisch wünschenswert erscheint, stößt mitunter auf „Altersgrenzen“: Senilität, Altersdepressionen, Immobilität, Multimorbidität oder Pflegebedürftigkeit. Und immer mehr erkennt man auch die psychologischen Aspekte zahnmedizinischen Tuns, etwa im Zusammenhang mit der Craniomandibulären Dysfunktion oder mit psychogenen Prothesenunverträglichkeiten. Spätestens bei diesen Themen hilft rein kausal-mechanistisches Denken in der Zahnmedizin nicht mehr weiter und fordert den Arzt (und Psychologen) im Zahnarzt.  hh  



 

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