Symposium der Bundesapothekerkammer

Die heimliche Pillensucht

Die Bundesapothekerkammer hat sich im Frühsommer dieses Jahres ein Thema auf die Fahnen geschrieben, das in Deutschland mit extrem großen Dunkelziffern behaftet ist: den Arzneimittelmissbrauch von frei verkäuflichen aber auch verschreibungspflichtigen Medikamenten. Der geschulte Blick des Zahnarztes ist hier gefragt. Denn ein Medikamentenabhängiger wird selten auf die Frage „Haben Sie Arzneien genommen?“ eine ehrliche Antwort geben. Eine zahnärztliche Medikation, wie die Lokalanästhesie, kann hier schnell zu Komplikationen führen. Die Arzneimittelbeauftragte der Bundesrepublik, Sabine Bätzing, MdB, beschrieb in ihrem Grußwort beim Symposium die Situation in Deutschland. Im Folgenden einige Auszüge.

Der Gebrauch psychisch wirksamer Stoffe ist fast so alt wie die Menschheit. Die meisten der heute gebräuchlichen Psychopharmaka wurden allerdings erst in den letzten Jahrzehnten entwickelt, und ständig kommen neue hinzu. Diese Medikamente lösten in der psychiatrischen Behandlung eine Revolution der Behandlung aus, die letztlich der pharmakologischen Behandlung zum Durchbruch verhalf. Die Gefahren einer Abhängigkeitsentwicklung und anderer schwerer Nebenwirkungen werden dabei leider häufig ignoriert und manchmal erst nach mehrjähriger Anwendung der Substanzen offenbar. Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 1,5 Millionen Menschen in Deutschland medikamentenabhängig sind.

Wer sind nun die Betroffenen von Medikamentenabhängigkeit, und was wissen wir über die Ursachen dieser Erkrankung?

Frauen sind sehr viel häufiger betroffen als Männer. Dem weit verbreiteten Bild von Süchtigen entsprechen sie jedoch nur wenig. Weder sind sie in der Mehrzahl jung, noch sind sie verwahrlost oder immer auf der Suche nach dem besonderen Kick. Sie nehmen vielfach auf ärztliche Verordnung ein Medikament ein, um schlafen zu können, um Angst, Nervosität, Niedergeschlagenheit oder Schmerzen wenigstens für kurze Zeit zu überwinden. Psychotrope Medikamente werden sowohl rezeptpflichtig als auch frei verkäuflich angeboten.

Schätzungen zufolge sind etwa 1,5 Millionen Menschen in Deutschland medikamentenabhängig. Dagegen steht: 1,3 Millionen sind alkoholsüchtig!

Aufgrund ihrer stimmungsverändernden Wirkung bergen sie ein hohes Abhängigkeitspotenzial. Das Suchtpotenzial dieser Mittel wird gleichwohl im Allgemeinen als gering eingeschätzt. Insbesondere die Konsumenten selber haben von den Risiken der Einnahme kaum eine realistische Vorstellung.

Suchtpotenzial wird oft unterschätzt

Zu Missbrauch und zur Abhängigkeit von psychoaktiven Medikamenten gibt es nur wenige verlässliche Daten. Im Rahmen der Repräsentativerhebung zum Gebrauch psychoaktiver Substanzen bei Erwachsenen wurden die Prävalenz und die Häufigkeit der Medikamenteneinnahme, die problematische Einnahme von Medikamenten, medikamentenorientierte Einstellung und schließlich Trends untersucht. Danach hatten mehr als die Hälfte aller Befragten in den letzten zwölf Monaten vor der Befragung mindestens ein psychoaktives Medikament eingenommen. Jeder Vierte berichtete eine häufige Einnahme von psychoaktiven Medikamenten in den letzten 30 Tagen. Frauen und ältere Personen wiesen einen höheren Medikamentenkonsum auf als Männer beziehungsweise jüngere Erwachsene.

Schmerzmittel wurden weitaus häufiger als Beruhigungs- und Schlafmittel sowie Antidepressiva eingenommen. Trotz eines Rückgangs der häufigen Einnahme von Beruhigungsmitteln und gleichbleibender Tendenz bei Schlaf- und Anregungsmitteln zeigt der Umfang der problematischen Medikamenteneinnahme leichte Steigerungen.

Wie die vorhandenen Daten zeigen, stellt sich Medikamentenabhängigkeit vornehmlich als Abhängigkeitserkrankung von Frauen dar.

Frauen präferieren Psychopharmaka

Hinsichtlich der Verordnungen bei Psychopharmaka besteht ein großer Unterschied zwischen Männern und Frauen:

Psychopharmaka werden mehr als zweimal so häufig Frauen verordnet, vor allem Frauen in den Wechseljahren und Frauen ab etwa 60 Jahren. Alles in allem sind 70 Prozent aller Medikamentenabhängigen Frauen, und Medikamentenabhängigkeit wird oft als die stille, heimliche Sucht von Frauen bezeichnet. Neben den Ergebnissen der Bundesstudie gibt es auch einige Daten aus Sonderauswertungen beziehungsweise Daten aus anderen, zum Teil qualitativen Untersuchungen.

Sie zeichnen ein bedenkliches Bild:

• Ab dem 60. Lebensjahr steigen die Verschreibung und der Konsum psychotroper Medikamente beträchtlich an: 50-jährigen Frauen werden zum Beispiel doppelt so häufig Neuroleptika verordnet wie zehn Jahre jüngeren Frauen.

• Die meisten Langzeitverordnungen benzodiazepinhaltiger Schlaf- und Beruhigungsmittel gehen an Frauen über 55 Jahre. Rund 5 Prozent aller Frauen zwischen 50 und 80 Jahren erhalten kontinuierlich benzodiazepinhaltige Medikamente.

• Zahlreiche Verschreibungen psychotroper Medikamente, insbesondere von Antidepressiva, erfolgen bereits bei Spannungszuständen, Angst, Trauer und Klimakteriumsbeschwerden, also nicht erst dann, wenn eine depressive Erkrankung vorliegt.

• Medikamentenverschreibungen stehen in einem engen Zusammenhang mit der sozialen Schichtzugehörigkeit.  Über die Gründe dafür, warum Frauen häufiger als Männer psychotrope Arzneimittel konsumieren und ihnen diese häufiger ärztlich verordnet werden, gibt es viele Vermutungen:

Frauen gehen häufiger zum Arzt als Männer. Etwa drei Viertel aller Arztbesuche unternehmen Frauen. Ein Grund hierfür dürfte sein, dass es Frauen eher als Männern zugestanden wird, „krank“ zu sein und um Hilfe zu bitten und dass Frauen eine erhöhte Körpersensibilität zugeschrieben wird. Frauen leiden auch häufiger als Männer unter Depressionen und depressiven Verstimmungen. Frauen sprechen anders über ihr Befinden. Aus Befragungen von Ärzten und Ärztinnen wissen wir, dass Männer die körperlichen Symptome von Krankheit mehr in den Vordergrund stellen, Frauen dagegen die emotionalen und sozialen Aspekte betonen. Umgekehrt werden die Leiden von Frauen häufiger von vornherein als psychosomatisch eingestuft.

Bildungsstand und Medikamentensucht

Aus älteren qualitativen Studien, die im Auftrag des damaligen Bundesministeriums für Gesundheit durchgeführt wurden, ist bekannt, dass insbesondere weniger qualifizierte Frauen, die keiner Erwerbstätigkeit nachgehen, einen auffälligen Konsum psychoaktiver Medikamente aufweisen: Die befragten medikamentenauffälligen Frauen hatten niedrige Schul- und Berufsabschlüsse, mehr als ein Viertel von ihnen hatte keine abgeschlossene Berufsausbildung. Ihre soziale Belastung bezeichneten sie als sehr hoch. Insgesamt schienen die Frauen mit Medikamentenproblemen ein stark belastetes und wenig freudvolles Leben zu führen. Die Hypothesen, denen zufolge Frauen mit auffälligem Medikamentenkonsum negativere Einstellungen gegenüber einem genussvollen Leben haben als alkoholauffällige Frauen und Frauen ohne Substanzkonsum, bestätigten sich eindrucksvoll. In belastenden Situationen reagierten sie deutlich depressiver und ängstlicher. Besonders interessant ist, dass die befragten Frauen die Medikamente in sehr viel höherem Maße zur Erhaltung der Funktionsfähigkeit einsetzten als alkoholauffällige Frauen dies mit Alkohol tun. Die Ergebnisse bestätigten andere Befunde, wonach problematischer Medikamentenkonsum in einem späteren Alter als problematischer Alkoholkonsum beginnt und medikamentenabhängige Frauen älter sind als alkoholabhängige. Auch wird in älteren nationalen und internationalen Studien ein Zusammenhang zwischen Gewalterfahrung von Frauen und Mädchen und einem hohen Konsum von Medikamenten beschrieben. Trotz ihrer Abhängigkeit bleiben die Betroffenen in ihrem Alltag meist lange unauffällig. Medikamentenabhängige fallen nur selten „aus der Rolle“.

Es muss davon ausgegangen werden, dass Medikamentenmissbrauch und -abhängigkeit von Frauen auch durch ärztliche Verschreibungen gebahnt werden. Oft werden Arzneimittel verschrieben anstatt sich Zeit für die Patientin zu nehmen und nachzufragen. So ist die hohe Zahl der von Beruhigungsmitteln abhängigen Frauen ein Beispiel dafür, wie das Gesundheitswesen selbst einen Beitrag zur Entstehung von Problemen leistet.

Trotz ihrer Abhängigkeit bleiben die Betroffenen in ihrem Alltag meist lange unauffällig. Medikamentenabhängige fallen nur selten „aus der Rolle“.

Es scheint zudem, so formulierte die Suchtbeauftragte in ihrem Grußwort in Berlin weiter, dass viele Verschreibungen nicht zur Behandlung akuter medizinischer Probleme erfolgen, sondern dass sie faktisch zur langfristigen Suchtunterhaltung und zur Vermeidung von Entzugserscheinungen dienen, weil nicht gründlich genug über andere Alternativen in der Behandlung nachgedacht wird. Den niedergelassenen und Hausärzten kommt in diesem Kontext eine besondere Verantwortung zu.

Selbstmedikamentation und Apothekenhopping

Ein Wort zur Selbstmedikation: Die Selbstmedikation mit psychotropen Arzneimitteln ist ein Problem für sich. Selbstmedikation, obwohl sie zunächst das Gesundheitssystem zu entlasten scheint, spart häufig nicht wirklich Kosten – im Gegenteil. Patienten, die sich ihre Medikamente frei beschaffen, gehen in mehrere Apotheken oder bestellen online im Apothekenversandhandel. Daher ist aus suchtpräventiver Perspektive der Online-Handel mit Arzneimitteln ein großes Risiko: Bereits abhängige Patienten können sich so ohne eine angemessene Kontrolle und Beratung Medikamente im Internet bestellen. Dadurch besteht die Gefahr, dass die Zahl der Medikamentenabhängigen weiter zunehmen wird und bereits Abhängige nicht adäquat beraten werden.

Auch über die Lösung dieses Problembereichs muss nachgedacht werden und darüber, ob ein integriertes Behandlungssystem hier Abhilfe schaffen kann. Der „Aktionsplan Drogen und Sucht“ hat das Ziel festgeschrieben, den Missbrauch von psychoaktiven Medikamenten zu reduzieren, Früherkennung und Frühintervention bei unsachgemäßem Gebrauch zu fördern. Durch gezielte Aufklärung sollen insbesondere Frauen angesprochen werden, auf psychische Befindlichkeitsstörungen und Belastungssituationen nicht mit dem Konsum psychoaktiver Arzneimittel zu reagieren. Zudem soll dafür gesorgt werden, dass mehr medikamentenabhängige Menschen einer spezifischen Behandlung zugeführt werden. Um die Erreichbarkeit der medikamentenabhängigen Personen zu erhöhen, ist anzustreben, dass eine Medikamentenabhängigkeit frühzeitiger in der ärztlichen und zahnärztlichen Praxis, im Krankenhaus, aber auch im Rahmen anderer spezifischer Unterstützungssysteme erkannt wird und die Betroffenen zu einer Behandlung motiviert werden. Schließlich muss bei der Verschreibung von psychoaktiven Arzneimitteln eine besondere Sorgfalt angestrebt werden, die dem Grundsatz „weniger ist mehr“ entspricht. Hierfür forderte die Drogenbeauftragte eine enge Kooperation zwischen den Experten für Arzneimittel, den Apothekerinnen und Apothekern und den Hausärzten.

Leitfaden gibt Auskunft

Der neue Leitfaden, der ab sofort für Apotheken und Ärzte erhältlich ist, liefert Informationen darüber, wie Medikamentenabhängige in Apotheken und Praxen auffallen und wie ihnen zu begegnen ist, um sie auf ihr Fehlverhalten anzusprechen und einer Behandlung sprich einem Entzug zuzuleiten.

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