Leitartikel

Schuld und Schelte

Liebe Kolleginnen und Kollegen

zu lesen war das provokante „Desaster“ zuletzt auf stern.online: Die Wurzelbehandlung „ist oft die letzte Möglichkeit, einen entzündeten Zahn zu retten. In unnötig vielen Fällen scheitert aber der Eingriff. ... Die nach Experteneinschätzung entscheidende Schwachstelle ist mangelnde Spezialisierung.“

Harter Tobak für uns gemeine „Wald- und Wiesenzahnärzte“, die als lebenslang fortbildungswillige Generalisten tagtäglich über Jahrzehnte auf das durch gute Arbeit erlangte Vertrauen unserer Patienten bauen müssen.

Neu sind derartige Vorwürfe für Ärzte und Zahnärzte nicht. Bisher kamen solche Töne von Krankenkassen und kontrollwütiger Politik; auch die Ziele waren leicht zu durchschauen: Knausern bei den Entgelten und noch mehr regulieren und reglementieren. Aber trotz „Gewöhnungseffekt“: Was „stern-online“, „Apotheker-Umschau“, und im letzten November „Die Welt“ als Expertenmeinung präsentieren, hat blutdrucksteigernde Wirkung.

Totales Unverständnis kommt auf, wenn man erfährt, dass der Absender dieser Botschaften ein endodontologischer Fachwissenschaftler – also ein Berufskollege – ist.

Die KZBV fragte schon damals bei ihm nach und wurde beschwichtigend ruhig gestellt: Alles so nicht gesagt und vor allem nicht gemeint. Erstaunlich nur: Die für den gesamten zahnärztlichen Berufsstand äußerst schädlichen Aussagen, die sich noch dazu auf Untersuchungen stützen, kursieren mit gleichem Absender immer noch in den Medien. So groß kann der Ärger wohl nicht gewesen sein, wenn auf der Homepage der von dem Kollegen vertretenen Fachgesellschaft der vermeintliche Frust abgeladen wird („Wir über uns“), der zum Ärger Anlass gebende Artikel mit direktem Link immer noch abrufbar ist. Dazwischen als „Beleg“ mittlerweile überwiegend betagte Veröffentlichungen – meist von unserem Kollegen als Autor –, die die Mißstände belegen sollen. So keimt denn eher ein Verdacht: Das Ganze ein Versuch mit dem Holzhammer, die rund sechs Millionen Wurzelbehandlungen pro Jahr in die Hände ausgewiesenen Spezialisten zu legen? (Zumal auch auf ein frisch aufgelegtes Masterstudium verwiesen wird) ... Nachtigall, ick hör dir trapsen ...

Für den Kollegen, die Fachwelt, verunsicherte Patienten und auch die an der Nase herumgeführte Öffentlichkeit deshalb noch einmal ganz deutlich: Es gibt keine geprüften oder gar bestätigten Hinweise, dass Wurzelbehandlungen vom Generalisten nicht fachgerecht ausgeführt werden. Die in den Medien wiederholt veröffentlichte Einschätzung der endodontischen Behandlungen in deutschen Zahnarztpraxen stützt sich nach bisherigen Erkenntnissen auf methodisch fragwürdige Grundlagen. Ein empirisch realistisches Abblid der Versorgungssituation im Bereich der Endodontie ist auf diesem Wege nicht möglich, ein negatives Zerrbild der Behandlungsqualität fast zwangsläufig.

Aber zugegeben: es passt so schön ...

Es passt so schön, um für Masterstudiengänge und Spezialisten zu werben; es passt so schön in die an der Basis noch nicht angekommene Diskussion um die berufsfähigen, aber nicht berufsfertigen Kolleginnen und Kollegen mit frischer Approbation. Wer hier Mängel sieht, muss die Approbationsordnung ändern – und nicht zum Master (ver-) führen!

Dazu klar und deutlich: Der wissenschaftliche Fortschritt bedingt Fort - und Weiterbildung als Verpflichtung besonders für den Generalisten. Und ebenso klar ist: Den wissenschaftlichen Fortschritt erarbeiten unsere wissenschaftlich tätigen Kollegen – auch die Endodontologen. Für mich heißt das: Mittlerweile international gültige Standards gelten mehr als das jahrzehntelang erfolgreiche Arbeiten nach subjektiv bewährter Methode. Auch – oder gerade – für uns als Generalisten tätige Allgemeinzahnärzte.

Für eine umfassende Betreuung unserer Patienten brauchen wir Generalisten bisweilen den Spezialisten: als sinnvolle, hilfreiche Ergänzung – nicht als Ersatz! Bei (an-) erkannten Versorgungsmängeln und Behandlungsfehlern ist Schuld ganz klar angesagt. Bei Markt und Mammon eher Schelte.

Es ist zu hoffen, dass „unser“ Master of Desaster (s.o.) das auch so sieht.

Mit freundlichen, kollegialen Grüßen

Dr. Jürgen Fedderwitz
Vorsitzender der KZBV