Alternative Heilmethoden in der EU

Der Kampf um Anerkennung

Seit Jahrzehnten kämpfen Vertreter komplementärer und alternativmedizinischer

Heilmethoden (CAM) in ganz Europa darum, diese der Schulmedizin

gleichzustellen. Doch obwohl sich immer mehr EU-Bürger der „sanften“ Medizin

zuwenden, spielt die Alternativmedizin in der staatlichen Gesundheitsversorgung

in den meisten europäischen Ländern bislang noch eine untergeordnete

Rolle. Auch gehen in der Branche die Meinungen darüber auseinander,

welche Qualitätsmaßstäbe für CAM gelten sollten, um deren Stellenwert

zu verbessern.

„Wer heilt, hat Recht“, lautet eine alte Weisheit. Deshalb, so meinen Vertreter komplementärer und alternativer Heilrichtungen, seien komplementäre und alternative Heilmethoden (Complementary and Alternative Medicine CAM) der Schulmedizin gleichzustellen. „Zahlreiche EU-Regierungen verhindern jedoch die freie Wahl der Therapie durch die Bevorzugung schulmedizinischer Verfahren“, kritisiert John Hart von der „Europäischen Aktion für Therapiefreiheit, Recht auf Gesundheit“ (EATRG) aus Maastricht. Auch Professor Stefan Willich von der Berliner Charité bemängelt, dass sich Patienten häufig zwischen konventionellen und alternativen oder ergänzenden Therapien entscheiden müssten. Willich ist Mitbegründer des Forums „Pluralismus in der Medizin“, das sich für das gegenseitige Verständnis von schulmedizinischen Verfahren und CAM einsetzt.

Denn alternative und ergänzende Heilmethoden und Arzneimittel machen der konventionellen Medizin immer mehr Konkurrenz. Schätzungen der Branche zufolge schwören bereits über 150 Millionen EUBürger auf die sogenannte sanfte Medizin. Etwa 150 000 Ärzte bieten EU-weit entsprechende Verfahren an. Gefragt sind unkonventionelle Heilmethoden vor allem zur Behandlung von Allergien, Kopf- und Rückenschmerzen, rheumatischen Beschwerden oder depressiven Verstimmungen. Aber auch so mancher Krebskranke erhofft sich Linderung oder gar Heilung durch CAM.

Die Hersteller alternativer und ganzheitlicher Produkte, meist kleine und mittlere Unternehmen, setzen nach Angaben des europäischen Dachverbandes für homöopathische und anthroposophische Medizinprodukte Echamp pro Jahr insgesamt rund eine Milliarde Euro um. Das entspricht einer jährlichen Steigerungsquote von rund fünf Prozent sowie einem Anteil von sieben Prozent am Gesamtvolumen der nicht verschreibungspflichtigen Arzneimittel in der EU.

Die Anhänger der „sanften“ Medizin sind jedoch keineswegs gleichmäßig über Europa verteilt. Die meisten Abnehmer finden alternative und ganzheitliche Produkte in Frankreich, Deutschland und Italien. Hier setzen die Hersteller allein 699 Millionen Euro um. Mit einigem Abstand folgen die Niederlande, Spanien, Belgien, Großbritannien, Polen, Österreich und die Schweiz. In den übrigen EU-Ländern spielen CAM so gut wie keine Rolle.

Toskana ganz weit vorne

Auch sind CAM von Land zu Land unterschiedlich gut in die staatliche Gesundheitsversorgung integriert. Als wegweisend gilt die Toskana. In der italienischen Provinz sind Akupunktur, Pflanzenheilkunde, Homöopathie und die sogenannte manuelle Medizin anerkannte Heilverfahren. Deshalb, so Dr. Elio Rossi, Berater des toskanischen Gesundheitsministeriums, seien sie Teil der regionalen Gesundheitsversorgung. Die meisten anderen europäischen Länder sind hiervon noch weit entfernt, auch wenn, wie in Frankreich, alternative und ergänzende Heilmethoden inzwischen fester Bestandteil der Medizinerausbildung sind.

Den Schlüssel für eine europaweite Integration von CAM in die staatliche Gesundheitsversorgung sieht Dr. Claudia Witt vom Berliner Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitswirtschaft in einem umfassenden Qualitätsmanagement. Die EATRG fordert jedoch, CAM nicht mit den Maßstäben der evidenzbasierten Medizin zu bewerten. „Die alternative Heilkunde basiert auf individuellen Diagnosen und einem persönlichen Behandlungsplan“, so Hart. Daran und nicht an schulmedizinischen Maßstäben müsse sich der Nachweis der Wirksamkeit von CAM orientieren. Denn die derzeit gültige Arzneimittelgesetzgebung mit ihren hohen Anforderungen zur Zulassung von CAMProdukten für den europäischen Markt führe dazu, dass immer mehr Naturheilpräparate vom Markt verschwänden.

Petra Spielberg
Rue Belliard 197/b4
B-1040 Brüssel

 

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