Internationaler Parodontologie-Kongress in Slowenien

Parodontitis, ein multifaktorielles Geschehen

Vom 5. bis 8. Juni 2008 fand die „13th International Conference on Periodontal Research“„(ICPR) in Ljubljana, der Hauptstadt Sloweniens statt. Slowenien ist seit 1991 eine eigenständige Republik und seit 2004 Mitglied der Europäischen Union. Ljubljana ist eine kleine und lebendige Stadt am Fuße der Alpen mit etwa 300 000 Einwohnern und bildete mit der sehenswerten Altstadt und dem mediterranen Flair einen attraktiven Rahmen für eine Tagung. Der ICPR, der in nicht regelmäßigen Abständen tagt und dieses Jahr unter der Leitung von Professor Uros Skaleric, Ljubljana, organisiert wurde, ist eine Plattform für den wissenschaftlichen Austausch international anerkannter Forscher in der Parodontologie.

Biofilm

Die Parodontitis ist eine „Biofilm-assoziierte“ Krankheit, so leitete Professor Andrea Mombelli, Genf, den Themenkomplex Biofilm ein. Biofilme sind auf Oberflächen angeheftete, bakterielle „Gemeinschaften“, deren „Mitglieder“ durch den Austausch von Signalmolekülen („Quorum sensing“) unter gemeinsamer genetischer Kontrolle stehen. Innerhalb des Biofilms sind Bakterien in der Lage, sich in eine Matrix aus Zuckermolekülen („Extracellular polymeric substance“) einzubetten, die Antibiotika nicht penetrieren können. Daher sei eine antibiotische Monotherapie der Parodontitis nicht möglich und die mechanische Zerstörung des Biofilms unabdingbar.

Professor Anton Sculean, Nijmegen, referierte über die antimikrobielle Photodynamische Therapie (aPDT) als Zusatz zur nichtchirurgischen Parodontalbehandlung (SRP). Er erläuterte das Wirkprinzip der aPDT, bei der ein photoaktivierbarer Farbstoff („Photosensitizer“) nach subgingivaler Applikation durch Laserstrahlung aktiviert wird. Dabei entstehen freie Sauerstoffradikale, die aufgrund ihrer Zytotoxizität eine antibakterielle Wirkung aufweisen. Anhand eigener Studien zeigte der Referent, dass trotz einer signifikant stärkeren Reduktion der Sondierungsblutung im Vergleich zum SRP alleine, die klinische Relevanz der aPDT derzeit unklar ist, da keine Unterschiede hinsichtlich der Sondierungstiefenreduktion, des Attachmentgewinns sowie mikrobiologischer Testwerte gefunden werden konnten. Professor Martin Addy, Bristol, Großbritannien, stellte den zunehmenden Gebrauch von Antibiotika in Frage, da die rein instrumentelle Behandlung der Parodontitis ohne Zweifel langfristig erfolgreich sei. Lediglich bei einer Minderheit der Patienten (lokalisierte/generalisierte aggressive Parodontitis) sei eine zusätzliche systemische Antibiotikagabe indiziert. Obwohl häufig die Auswahl des Antibiotikums anhand des mikrobiologischen Befundes gefordert werde, sei ein Nutzen der mikrobiologischen Diagnostik bis heute nicht wissenschaftlich belegt. Von den gebräuchlichen Antibiotika könne derzeit nur die Kombination Amoxizillin/Metronidazol als evidenzbasiert gelten.

Parodontale Medizin

Professor Robert J. Genco, Buffalo, USA, leitete im Rahmen der Helmut Zander-Vorlesung den zweiten Themenkomplex der „Parodontalen Medizin“ ein. Er stellte den Zusammenhang zwischen Parodontitis und systemischen Erkrankungen, insbesondere von Diabetes sowie kardiovaskulären Erkrankungen, dar. Parodontale bakterielle Infektionen führten nicht nur zu einem lokalen, sondern auch einem systemischen Anstieg von Entzündungsmediatoren, die letztendlich zur Entstehung und Progression von chronischen Erkrankungen beitragen können. Professor Rutger Persson, Bern, betonte, dass bekannte Risikofaktoren die Entstehung kardiovaskulärer Erkrankungen nicht vollständig erklären könnten und hob hervor, dass neben immunabhängigen Faktoren parodontalpathogene Bakterien eine Rolle in der Pathogenese spielen. Die Wissenschaftlerin Professor Pirko J. Pussinen, Helsinki, stellte die Bedeutung von im Serum vorkommenden, parodontalpathogen-spezifischen Antikörpern als Risikofaktoren für die Entstehung von Herzinfarkt und Schlaganfall dar. Der Zusammenhang zwischen Parodontitis und Frühgeburten beziehungsweise niedrigem Geburtgewicht wurde von Dr. Yiorgos Bobetsis, Athen, referiert. Dieses Thema wird in klinischen Studien kontrovers diskutiert. Er hob die schwierige Vergleichbarkeit einzelner klinischer Studien hervor, die unter anderem in uneinheitlichen Erhebungen und Definitionen der Parodontitis, populationsspezifischen (ethnischen, sozioökonomischen) Faktoren sowie Unterschieden in der Risikofaktorenadjustierung begründet sein kann. Professor Maurizio Tonetti, Genua, stellte die Notwendigkeit eines einheitlichen Therapieendpunktes (Kombination klinischer, mikrobieller und immunologischer Parameter) für die Planung und Durchführung zukünftiger Interventionsstudien zur Diskussion. Bei diesem Themenkomplex wurde deutlich, dass die zunehmende Evidenz für die Assoziation zwischen Parodontitis und systemischen Erkrankungen ein Umdenken im zahnmedizinischen Beruf erfordert. Das „oral health team“, wie es Professor Genco bezeichnete, das den Zahnarzt und den Parodontologen sowie die Dentalhygienikerinnen einschließt, trägt durch die Behandlung der Parodontitis nicht nur zur oralen, sondern auch zur allgemeinen Gesunderhaltung der Patienten bei. Aufgrund der regelmäßigen Nachsorge sieht der Zahnarzt Patienten in der Regel häufiger als der betreuende Hausarzt, was unter Public Health-Aspekten ein großes Potenzial birgt. So könnte nach Ansicht der Professoren Genco und Persson bereits in der Zahnarztpraxis ein Screening für undiagnostizierte chronische Erkrankungen, zum Beispiel durch die Messung des Body-Mass-Indexes, des Blutzuckerspiegels oder des Blutdrucks, erfolgen. Außerdem könnte der Zahnmediziner durch Raucherentwöhnung oder Ernährungsberatung zur Modifizierung von Risikofaktoren und damit zur Prävention chronischer Erkrankungen beitragen, wie es in der Schweiz zum Teil schon heute erfolgt.

Des Weiteren wurden von Professor Skaleric Studien hervorgehoben, die zeigen, dass die Parodontalbehandlung die glykämische Kontrolle bei Typ-2-Diabetikern verbessert. Damit könne der Zahnmediziner nicht zuletzt auch die medizinische Betreuung dieser Patientengruppe unterstützen. Die enge Zusammenarbeit des „oral health teams“ mit der Humanmedizin sei eine Voraussetzung für die Prävention, Diagnose und Therapie von lokalen und systemischen Entzündungserkrankungen.

Pathogenese

Mit einem Überblick über immunologische Pathomechanismen in der oralen Mukosa, insbesondere über die Interaktion parodontaler Bakterien mit Phagozyten, führte Professor Sharon M. Wahl, Baltimore, USA, in den Themenkomplex „Pathogenese“ ein.

Über die Assoziation zwischen Parodontitis und Ernährung berichtete anschließend Professor Kenneth S. Kornman, Waltham, USA. Dieser Zusammenhang ist erst in letzter Zeit erneut in das Blickfeld der Parodontologen gerückt, obwohl die Auswirkung des Vitamin-C-Mangels auf den parodontalen Kollagen- und Knochenmetabolismus schon im Jahre 1747 von James Lind beschrieben wurde. Am Beispiel der anti-inflammatorischen Omega-3 und -6 Fettsäuren hob er das zukünftige Potenzial der „Nährstoffe der dritten Generation“ hervor, womit deren Interaktion mit der Genexpression gemeint ist.

Professor Lorne Golub aus New York referierte über sub-antimikrobiell wirksame Tetrazykline und deren Rolle als Inhibitoren der Matrixmetalloproteinasen und damit der Hemmung des parodontalen Bindegewebeabbaus. Chemisch-modifizierte Tetrazykline werden seit einigen Jahren nicht nur in der Therapie der Parodontitis, sondern auch in der Behandlung weiterer matrixabbauender Erkrankungen, wie der rheumatoiden Arthritis, der koronaren Herzerkrankung, der Osteoporose, dem Pemphigoid und der Akne, erprobt.

Parodontale Regeneration

Der Abschluss des Kongresses war der „parodontalen Regeneration“ gewidmet. Professor Leonardo Trombelli, Ferrara, Italien, legte dar, dass der atraumatischen Behandlung des Weichgewebes eine Schlüsselrolle bei chirugischen Eingriffen zur parodontalen Regeneration zukomme. In den letzten Jahren sei erkannt worden, dass die Form des zugrunde liegenden Knochendefektes ausschlaggebend für die Wahl der Schnittführung und der regenerativen Technik sei. Um die Gewebetraumatisierung zu verringern, empfahl er, nach Möglichkeit auf die Mobilisierung des lingualen beziehungsweise palatinalen Gewebes zu verzichten.

Dr. Boris Gaspirc, Ljubljana, Slowenien, berichtete über den Effekt des Er:YAG-Lasers in der Parodontalbehandlung. Anhand eigener Daten zeigte er, dass zumindest bei einwurzeligen Zähnen mittels laserunterstützter parodontaler Chirurgie mehr klinisches Attachment gewonnen und mehr Blutungsreduktion erreicht werden könne als mit dem klassischen modifizierten Widman-Lappen. Bei Deckungen von Rezessionen der Miller-Klasse I mit koronal verschobenem Lappen ließe sich durch die zusätzliche Konditionierung der Wurzeloberfläche und der Bindegewebsseite des Lappens mit dem ER:Yag-Laser ebenfalls mehr klinisches Attachment gewinnen sowie der prozentuale Anteil der Deckung der Rezession erhöhen. Professor Ulf Wikesjö, Georgia, USA, referierte über die biologischen Grundlagen der parodontalen Wundheilung, ohne deren genaues Verständnis die Entwicklung erfolgreicher regenerativer Therapien undenkbar sei. Die mechanische Stabilität einer parodontalen Wunde in der frühen Heilungsphase sei besonders wichtig, um anstelle eines langen Saumepithels ein neues bindegewebiges Attachment zu erhalten.

Professor Vincent Iacono, New York, USA, zeigte, dass die Kompensation von Hartund Weichgewebsdefekten eine Voraussetzung für eine erfolgreiche Implantatbehandlung sei. Mittlerweile gebe es eine Vielzahl von chirurgischen Techniken – vom lateralen Kieferkammaufbau mit Knochenersatzmaterial über den Sinuslift bis hin zur vertikalen Augmentation mit Blocktransplantaten – mit denen die meisten Fälle für Patient und Behandler vorhersagbar und zufriedenstellend zu lösen seien. Die Grundvoraussetzung für den Langzeiterfolg sei die kompromisslose parodontale Vorbehandlung.

Nach drei Tagen ging ein spannender und intensiver Kongress zu Ende, der eindrucksvoll die Richtung der parodontologischen Forschung für die nächsten Jahre aufzeigte. Die Vielzahl bemerkenswerter und auch klinisch relevanter Forschungsergebnisse auf diesem Kongress unterstrich einmal mehr, dass die Parodontologie und die ganze Zahnmedizin ein integraler Bestandteil der Medizin sind und sein müssen.

Dr. Nicole Pischon
Dr. Dogan Kaner
Institut für Parodontologie
CharitéCentrum 3
für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde,
Charité – Universitätsmedizin Berlin
Augustenburger Platz 1, 13353 Berlin
nicole.pischon@charite.de
dogan.kaner@charite.de

 

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