Repetitorium

Morbus Bechterew

Rund sieben Jahre dauert es vom Auftreten erster Symptome bis zur Diagnose „Morbus Bechterew“. Durch den konsequenten Einsatz bildgebender Verfahren ließe sich in vielen Fällen die Diagnose frühzeitiger stellen und durch eine adäquate Behandlung konsequenter den drohenden Versteifungen und Verformungen der Wirbelsäule entgegenwirken.

Der Morbus Bechterew gehört zu den Spondylarthropathien, einer Gruppe von Erkrankungen mit entzündlichen Veränderungen im Bereich des Achsenskeletts. Betroffen von der Entzündung sind vor allem die Wirbelkörper. Es besteht somit eine Spondylitis mit dem Risiko einer ossären Fusion. Die Erkrankung kann damit zur Versteifung (Ankylose) führen, weshalb der Morbus Bechterew synonym auch als Spondylitis ankylans oder als ankylosierende Spondylitis bezeichnet wird. Die chronisch-entzündliche Erkrankung gehört zum rheumatischen Formenkreis und wird im Volksmund gelegentlich auch als „Wirbelsäulen-Rheuma“ bezeichnet. Primär betroffen sind neben den Wirbelkörpern vor allem die Sakroiliakalgelenke, wobei die Entzündung aber auch auf periphere Gelenke, auf Sehnenansätze sowie auf die Augen und innere Organe übergehen kann. Der Begriff Morbus Bechterew geht auf den Erstbeschreiber, den russischen Neurologen Wladimir Bechterew, zurück.


Aus Sicht der Zahnmedizin

Da beim M. Bechterew (ankylosierende Spondylitis) neben der chronisch entzündlichen rheumatologischen Symptomatik vor allem die frühzeitige Ankylose der Wirbelkörper im Vordergrund steht, ergeben sich hieraus auch Probleme bei der zahnärztlichen Behandlung. Aufgrund der morgendlichen Probleme der Patienten (Steifigkeit, Schmerzen) sollte die Terminierung der Therapie im Verlaufe des Tages erfolgen, auch die Lagerung auf dem Behandlungsstuhl oder OP-Tisch kann für den Patienten schmerzhaft und unbequem sein.

Kurze Behandlungszeiten, gegebenenfalls Pausen sowie Lagerungshilfen (Patienten leiden an Lendenlordose, Brustkyphose mit gegebenenfalls fixiertem Rundrücken und Ventralisierung der HWS) sind zu empfehlen. Die durch die Versteifung von BWS und HWS bedingte Behinderung der Mundöffnung erschwert zum einen die zahnärztliche Behandlung, zum anderen aber auch die Intubation erheblich. Eine Hyperplasie des Processus coronoideus (einund beidseitig) kann zusätzlich die Beweglichkeit der Mandibel einschränken.

Entsprechend der bestehenden analgetischen beziehungsweise antiinflamma torischen Medikation sind sowohl bei der zahnärztlichen Behandlung also auch der Medikamentverordnung die entsprechenden Risiken und Wechselwirkungen zu beachten. Die prolongierte Einnahme von NSAIDs stellt sowohl das Risiko für gastrointestinale Blutungen als auch ein erhöhtes lokales Blutungsrisiko infolge der Thrombozytenaggregationshemmung dar. Die Medikation mit Cortison und Methotrexat erhöht das lokale Infektionsrisiko.

Eingesetzt werden inzwischen auch TNF-α-Blocker wie Adalimumab, Etanercept und Infliximab. Auch hierdurch wird die Infektanfälligkeit des Patienten erhöht. Neuere Therapieansätze sind Pamidronat (Bisphonat) mit dem Risiko der Knochennekrose, Thalidomid (Conterganwirkstoff, TNF-α-Hemmung) und das radioaktive Isotop Radium 224.

Priv.-Doz. Dr. Dr. Monika Daubländer
Johannes-Gutenberg-Universität Mainz
Klinik und Poliklinik für Zahn-, Mund- und
Kieferkrankheiten
Augustusplatz 2, 551131 Mainz


Neben dem Morbus Bechterew gehören reaktive Arthritiden (Reiter-Syndrom) sowie die juvenile Spondylarthropathie, die Psoriasis-Arthritis und entzündliche Veränderungen im Achsenskelett bei Patienten mit chronisch entzündlicher Darmerkrankung zu den Spondylarthropathien. Die Erkrankungen sind in aller Regel nicht auf das Skelettsystem beschränkt. Es können vielmehr verschiedenste Symptome und Begleiterkrankungen auftreten.

Männer und Frauen gleich häufig betroffen

Die Häufigkeit der Spondylarthropathien wird allgemein auf etwa ein Prozent der Bevölkerung geschätzt, wobei die Prävalenz der gesichert diagnostizierten ankylosierenden Spondylitis nach Angaben der Deutschen Vereinigung Morbus Bechterew bei 0,1 bis 0,2 Prozent liegt. Kernspinuntersuchungen aber lassen vermuten, dass die Prävalenz einschließlich der milden Verlaufsformen eher bei 0,8 bis 0,9 Prozent der Bevölkerung liegen dürfte. Das aber würde bedeuten, dass in Deutschland rund 700 000 Menschen mit einem Morbus Bechterew leben, der damit nach der rheumatoiden Arthritis die zweithäufigste entzündlich-rheumatische Erkrankung darstellt. Das zunächst vorherrschende Krankheitssymptom ist der Rückenschmerz, wobei geschätzt wird, dass bei rund fünf Prozent der Menschen mit chronischen Rückenschmerzen eine ankylosierende Spondylitis vorliegt.

Bei den Häufigkeitsangaben ist eine gewisse Dunkelziffer nicht auszuschließen. Denn nicht immer nimmt der Morbus Bechterew einen eindeutigen Verlauf mit ausgeprägter Symptomatik. Das dürfte auch erklären, warum lange Zeit angenommen wurde, das Krankheitsrisiko sei bei Männern fünfmal höher als bei Frauen. Tatsächlich scheint der Morbus Bechterew bei Männern und Frauen gleich häufig aufzutreten. Die Wirbelentzündung wurde früher jedoch bei Frauen offensichtlich seltener als ankylosierende Spondylitis erkannt und entsprechende Veränderungen im Röntgenbild wurden nicht selten längere Zeit übersehen, da die Störung bei Frauen typischerweise zunächst einen eher milderen Verlauf zu nehmen scheint. Dies hat eine Erhebung der Deutschen Vereinigung Morbus Bechterew ergeben.

In einer Patientenumfrage stellte die Organisation weiter fest, dass die knöcherne Versteifung bei Frauen offenbar langsamer verläuft als bei Männern. Allerdings geben Männer – anders als Frauen – an, dass die Schmerzen nach einer Krankheitsdauer von 30 bis 40 Jahren langsam wieder abnehmen.

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