Hildegard-von-Bingen-Preis verliehen

Ein Preis für eine spitze Feder

Der Hildegard-von-Bingen-Preis, eine Auszeichnung für offene Worte und Redekunst, wurde am 13. September 2008 in Mainz an einen kritischen Zeitgeist verliehen: Preisträger Henryk M. Broder gilt als Journalist mit fein gespitzter Feder. Die auslobende Landeszahnärztekammer Rheinland-Pfalz hatte zahlreiche Gäste geladen. Alle lauschten, als Broder sprach.

Im festlichen Ambiente des Erbacher Hofs zu Mainz verliehen Staatssekretär Michael Ebeling vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur und Dr. Michael Rumpf, Präsident der Landeszahnärztekammer von Rheinland Pfalz, den Hildegard-von-Bingen-Preis für Publizistik an den Journalisten Henryk M. Broder. Rumpf erläuterte: „Wir glauben, dass es gut tut, wenn die Zahnärzte über den Tellerrand ihrer Befindlichkeiten hinausschauen.“ Diese Einstellung für soziales Engagement unterstützten viele frühere Preisträger, unter anderem Klaus Kleber vom Heute-Journal und TV-Entertainer Harald Schmidt, wie auch die zahnärztlichen Standesvertreter Dr. Dr. Jürgen Weitkamp, Dr. Jürgen Fedderwitz und Dr. Dietmar Oesterreich durch ihre Anwesenheit.

Die Auszeichnung im Namen der Hildegard von Bingen als Zeichen des gesellschaftlichen Engagements der Zahnärzte außerhalb ihres Tätigkeitsbereiches gilt dieses Jahr der Rebellion des Wortes, der Auflehnung gegen gleichgültige Folgsamkeit. Eigenschaften, in denen der diesjährige Preisträger Henryk M. Broder der Namenspatronin nicht nachsteht: Ein Journalist, der Klartext redet. Informiert und unterhält. Broders Feder ist spitz. So spitz, dass seine kleinen Gnadenstiche einen spürbaren Schmerz auslösen, der zum Denken anrege, gestand Mainz Oberbürgermeister Jens Beutel. Peter Krawietz, Kulturdezernent der Stadt Mainz, zog für die Auszeichnung des jüdischen Publizisten die historische Verknüpfung zu dem Ort der Verleihung: Die Bischöfe in Mainz, Worms und Speyer agierten im Mittelalter als Schutzherren ihrer jüdischen Mitbürger, wenn auch nicht jeder Pogrom verhindert wurde.

Geboren 1946 in Katowitze, kam Broder mit seinen Eltern, beide von KZ-Aufenthalten geprägt, als Elfjähriger über Wien nach Deutschland. Verliebte sich in das Spiel mit der deutschen Sprache, die er zu einer wirksamen Waffe gegen Gleichgültigkeit formte. Machte als Journalist seinen Weg über den WDR in Köln, die „St. Pauli-Nachrichten“, „Pardon“, „Die Tribüne“ bis hin zum „Spiegel“, weil er sich den Blick für das Ungewohnte bewahrte, ihn kultivierte, ihm Worte verlieh.

„Worte verändern, prägen Geschichte und Menschen, umkreisen nicht unbemerkt die Welt, sondern lassen sich beim Menschen nieder“, beschrieb der Generalvikar des Bistums Mainz, Prälat Dietmar Giebelmann, die Macht der Worte. Äußert man allerdings unfreundliche, gar kritische gegenüber den Mächtigen, macht man sich wenig Freunde, resümierte Staatssekretär Michael Ebeling: „Aber man bekommt einen Preis für seine herausragenden publizistischen Leistungen in der Tradition der Hildegard von Bingen, die sich auch mit den Mächtigen angelegt hat. Sie konnte mit der Art schreiben, die die Einfalt der Taube mit der Klugheit der Schlange, die Sanftmut des Lammes mit dem Mut des Löwen verbindet.“

Laudator Ahrens, Publizist, beschrieb Broders Eigenwillen: „Einen frommen Reigen der Ausgewogenheit macht er nicht mit.“ Er nutze vielmehr seine Bücher wie „Die Juden von Zion“ oder „Der ewige Antisemit“ als Sprungbretter in die Köpfe anderer, um dort mit Satire und Kommentar deren Geist zu fordern, denn er suche den Konflikt.

Warum Gott wegschaut

Wie das nun mit dem Konflikt und ihm sei, das stellte Broder mit seiner bekannt kurzweiligen Art erst einmal klar: „Ich suche den Konflikt nicht. Der Konflikt sucht mich! Und wenn er mich gefunden hat, dann kann ich natürlich nicht ,Nein‘ sagen. Das wäre unhöflich. Also biete ich ihm einen Platz an meinem Tisch an.“ Und, ganz Satiriker, schlug er augenzwinkernd vor, einen Henryk-Broder-Preis an Hildegard von Bingen zu verleihen. Er gewährte noch mehr Einblicke in seine Sichtweise. Nachdem er lange die Existenz Gottes negiert und angezweifelt habe, glaube er heute an ihn, sei dank seiner Lebenserfahrung von dessen Existenz überzeugt.

Doch er wäre nicht Henryk Broder, ließe er auf dieses Geständnis nicht die etwas andere Offenbarung folgen: „Er ist ein Sadist, Zyniker, Witzbold, Chaot!“ Denn während an einem Ort Umweltschützer sich über Artensterben ereiferten, treibe die iranische Regierung munter unbehelligt den Völkermord an den Anhängern des gewaltfreien Bahai-Glaubens voran, doch die internationalen Handelsbeziehungen blühten auf. Wie Vogelfreie ähnlich den Juden im Dritten Reich fürchteten die Bahai um ihr Leben, doch ihr Schicksal „geht deutschen Unternehmen an der Bilanz vorbei“, mahnte Broder. Was zugegeben auch an den friedliebenden Bahai liege, die eben nicht durch Terrorakte weltweite Aufmerksamkeit auf sich zögen, erinnerte Broder.

Und schloss: „Warum Gott wegschaut, wird er eines Tages vor einem Internationalen Tribunal verantworten müssen!“