Neue Methode zur Präparationsmessung

Vitalitätsschutz bei der Prepometer-Präparation

„Nihil nocere!“, dieser Grundsatz ist in der gesamten Medizin Leitlinie des Handelns. Jedes Jahr werden in Deutschland rund acht Millionen Kronen für Zähne angefertigt. Ein großer Teil dieser Zähne ist vor der Überkronung noch vital. Je nach Untersucher und Beobachtungszeitraum stirbt etwa jede 20. Pulpa innerhalb von fünf Jahren nach der Überkronung ab. Dann sind endodontische Behandlungen notwendig. Im ungünstigsten Fall enden sie mit der Entfernung des Zahnes (Abbildung 1). Eine neue Methode kann verhindern, dass die Pulpa Schaden nimmt.

Eine wichtige Ursache des Vitalitätsverlustes nach Überkronung ist die Dentinwunde, über die schädigende Reize via eröffneter Dentinkanälchen auf die Pulpa einwirken können. Diese Reize gehen nicht nur von der Präparation, sondern von allen nachfolgenden Arbeitsschritten aus, die bei einer Überkronung notwendig sind: Neben der Präparation also auch von dem wiederholten Trocknen des Stumpfes, von der Abformung, der Provisorienherstellung, der Reinigung des Stumpfes sowie dem provisorischen und definitiven Zementieren.

Zur Verringerung des Risikos sollte eine minimale Dentindicke über der Pulpa nicht unterschritten werden. Bekanntlich ist die Pulpa unter der geschlossenen Dentinschicht für den Behandler nicht sichtbar, außerdem hängt der Sicherheitsabstand auch von dem Durchmesser der Dentinkanälchen ab: Beim Vorliegen enger Kanälchen darf „schärfer“ präpariert werden als bei jüngeren Patienten, deren Kanäle noch weit offen sind. In den Lehrbüchern werden für den Sicherheitsabstand Werte von 0,7 beziehungsweise 1,4 mm genannt. Die Einhaltung dieser Mindestdentindicken hat sich jedoch bislang einer klinischen Kontrolle entzogen.

Problematisch kann in diesem Zusammenhang vor allem die tief reichende Präparation von Zähnen, die gekippt oder rotiert in der Zahnreihe stehen, sein (Abbildung 2). Besonders ungünstig ist es, wenn die Präparationsgrenze im Wurzeldentin liegt: Dann können Präparationsformen mit Schultern oder ausgeprägten Hohlkehlen kontraindiziert sein. Eine pulpaschonende Präparation ist also nicht zwangsläufig die Präparationsform, bei der wenig Substanz abgetragen wird, sondern die Präparation, bei der an keiner Stelle ein biologisch verträglicher Mindestabstand, abhängig vom Durchmesser der Dentinkanälchen, unterschritten wird. Die Einhaltung dieses Mindestabstandes kann jetzt durch elektrische Widerstandsmessungen kontrolliert werden.

Prepometer

Bedeutung der Dentinwiderstandsmessung

Mit dem Prepometer wird der Realteil des elektrischen Wechselstromwiderstandes der Dentinschicht über der Pulpa gemessen. Die Höhe dieses Widerstandes hängt, wie in experimentellen Untersuchungen gezeigt werden konnte, von der Länge, der Zahl und dem Durchmesser der kontaktierten Dentinkanälchen ab, denn der elektrische Strom wird praktisch ausschließlich über den Dentinliquor in offenen Dentinkanälchen geleitet und nicht über das intertubuläre Dentin. Aus dem Widerstandswert kann auf die Dicke des Dentins geschlossen werden: Ein Dentinareal von 0,5mm2 weist bei einer Stärke von 0,7 mm über der Pulpa bei engen Dentinkanälchen denselben Widerstandswert von 25 kOhm auf, wie die dickere Dentinschicht von 1,2 mm mit weit offenen Dentinkanälchen (Abbildung 3).

Es ist also möglich, mit einem einzigen Widerstandswert, der nicht unterschritten werden darf, die bislang „akademische Forderung“ nach einer vom Dentinkanaldurchmesser abhängigen Mindestdentinstärke einzuhalten. Auch zeigte sich im Tierversuch an Prämolaren des Hausschweines, dass der mit dem Widerstandsmessgerät registrierte Wert ein gutes Maß für die biologische Reaktion der Pulpa auf einen standardisierten Reiz darstellt. Beim Unterschreiten eines Mindestwertes war die Reaktion der Pulpa sehr viel stärker ausgeprägt als bei höheren Widerstandswerten.

Klinische Messungen mit dem Prepometer

Der elektrische Strom wird im Dentin über den Dentinliquor in den Dentinkanälchen geleitet. Deswegen wird der elektrische Kontakt zum Dentin über eine Elektrode, die mit physiologischer Kochsalzlösung benetzt ist, hergestellt. Die Spitze der Messelektrode besteht aus einem Kapillarröhrchen aus rostfreiem Stahl, auf das zur Begrenzung der Kontaktfläche ein gummielastisches Röhrchen aufgeschoben ist. Eine weitere Elektrode wird in der Mundhöhle des Patienten an beliebiger Stelle auf der feuchten Schleimhaut platziert. Die Messelektrode wird vor Beginn der Messungen mit ihrer Spitze in einen Tropfen Kochsalzlösung gehalten, so dass die Lösung kapillar in das Röhrchen eindringt. Dann wird die Dentinoberfläche des präparierten Zahnes mit der Messelektrode abgetastet (Abbildung 4a und b). Dabei wird darauf geachtet, dass die Messwerte nur dann abgelesen werden dürfen, wenn die Messelektrode dem Zahn mit etwas Druck senkrecht anliegt, da nur dann die Dichtmanschette wirksam ist. Die Messwerte werden auf einer LED-Skala farbkodiert angezeigt: „Grün“ steht hier für völlig unbedenklich, „gelb“ steht für einen ausreichenden Abstand. Wird aber noch eine deutlich tiefere Präparation angestrebt, sollte das Gerät für den untersuchten Zahn feinjustiert werden sollte. Das bedeutet, dass der elektrische Widerstand der Wurzelpulpa bestimmt werden muss. Für diese Feinjustierung ist eine einzige zusätzliche Messung erforderlich, bei der an der Dentinoberfläche eine zweite Elektrode angelegt wird. Bei einem „Klick“ auf die Funktionstaste des Prepometers führt dieses dann die Messung vollautomatisch durch und ist damit auf den betreffenden Zahn abgestimmt. Eine Feinjustierung ist jedoch nur in seltenen Ausnahmefällen erforderlich, in der Regel reicht das einfache Abtasten der Präparationsoberfläche. Der Zeitbedarf für die Messungen ist gering und beträgt pro Zahn und Präparation insgesamt nur ein bis zwei Minuten. In der Mehrzahl der Fälle gestaltet sich die Präparation so zügig und einfach wie bisher: Die Messung ergibt auf allen präparierten Flächen eine grüne Anzeige, so dass man die Bestätigung für eine biologisch verträgliche Präparationstiefe erhält. Häufig darf man sogar tiefer präparieren als man bislang vermutet hat, so dass man zum Beispiel im Frontzahnbereich mehr Platz für besonders ästhetische Verblendungen schaffen oder elongierte Zähne ausreichend kürzen kann (Abbildung 5). Der entscheidende Vorteil besteht darin, dass man jetzt feststellen kann, wo eine tiefere Präparation erlaubt ist.

In Einzelfällen kann die Präparation jedoch auch etwas länger dauern. Das ist der Fall, wenn die Prepometer-Messungen eine zusätzliche Information liefern, die in die Behandlung miteinbezogen werden muss. Wenn sich beispielsweise beim Beschleifen eines elongierten Molaren oder Prämolaren herausstellt, dass für eine okklusale Verblendung nicht überall genug Platz geschaffen werden kann, muss mit dem Patienten besprochen werden, ob für ihn die Verblendung oder die Vitalität des Zahnes Vorrang hat. In jedem Fall ist dies jedoch weniger zeit- und kostenaufwendig als eine später möglicherweise notwendige Trepanation der neuen Krone und die sich anschließende Wurzelkanalbehandlung.

Da das Prepometer für die Messungen auf Dentinkanälchen angewiesen ist, kann es nur auf vitalem Dentin verwendet werden. An marktoten Zähnen oder Aufbaufüllungen sind keine aussagekräftigen Messungen möglich. Auf glasigen Dentinarealen wird man unabhängig von der Dentindicke immer den Messwert „grün“ erhalten, da hier die Kanälchen obliteriert sind und den elektrischen Strom nicht oder nur sehr schlecht leiten. Aber gerade dort, wo man keine vermehrte Sekundärdentinapposition und deswegen eine große Ausdehnung der Pulpa erwarten darf, sind die Messungen aussagekräftig: Zum Beispiel an Labialflächen, die vor der Präparation keine Füllung und keinen Defekt aufwiesen, oder im Bereich von Höckerspitzen von Zähnen, die für okklusale Verblendungen oder wegen einer Elongation gekürzt werden sollen. Gerade wenn Materialien oder Techniken für den Zahnersatz eingesetzt werden, für die relativ viel Platz geschaffen werden muss, wie für Vollkeramikrestaurationen oder Doppelkronen, ist die Kenntnis der individuellen Pulpaausdehnung für den Behandler sehr vorteilhaft.

Die Kostenfrage

Die entstehenden Kosten sind vergleichsweise gering: Die Investition in das Gerät ist kleiner als die Anschaffung eines zusätzlichen Winkelstückes, die Betriebskosten durch Batterieverbrauch und Dichtungen niedrig. Abgerechnet werden kann der Einsatz des Gerätes privat als „analoge Leistung“. Hier bietet sich die Position GOZ 240 (elektrometrische Bestimmung der Länge eines Wurzelkanals) an, die pro kontrollierter Fläche einmal abgerechnet wird. Nach unseren Erfahrungen sind die Patienten zur Übernahme dieser Kosten bereit und über den Einsatz der Widerstandsmesstechnik erleichtert: Tief im Inneren vieler Patienten besteht die große Furcht, dass der Zahnarzt „zu tief bohren und den Nerv des Zahnes schädigen könne“. Das Arbeiten mit dem Prepometer ist also nicht nur eine Maßnahme, die der Qualitätsverbesserung der Behandlung dient, sondern es fördert auch das Vertrauen des Patienten in unsere schonende Arbeitstechnik und dient damit auch der Patientenbindung.

Leichte Anwendung

Die Anwendung des Prepometers ist leicht zu erlernen und wird seit dem Sommersemester 1997 in den klinisch prothetischen Kursen an der Zahnklinik Marburg mit Erfolg eingesetzt. Wissenschaftlich ist die Einführung des Prepometers in die Lehre durch eine Dissertation begleitet worden. Diese Nachuntersuchungen zeigten auch, dass infolge der Einführung der Widerstandsmesstechnik bei Zähnen, die im Rahmen der Staatsexamensprüfungen überkront wurden, jetzt wesentlich weniger pulpitische Reaktionen auftraten als vor Einführung des Prepometers. Zur Anwendung der Dentinwiderstandsmessung wird auch in den Stellungnahmen „Präparationstechnik als Grundlage der Qualitätssicherung“ und „Empfehlungen zur Verringerung des Risikos des Vitalitätsverlustes bei Überkronung“ von der DGZMK und der DGZPW geraten. Im Internet können weitere Informationen unter www.prepometer.info eingesehen werden.

Prof. Dr. Michael Gente
Medizinisches Zentrum für ZMK
Georg-Voigt-Straße 3
35033 Marburg
michael@gente.de

Marburger Zahnklinik schaffte den „Sprung ins Land der Ideen“

Am 2. Mai 2007 wurde die Marburger Zahnklinik für die Entwicklung des Prepometers von der Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ ausgezeichnet. Diese Initiative wird getragen von der Bundesregierung und der Wirtschaft, vertreten durch den Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und führende Unternehmen. Schirmherr ist Bundespräsident Horst Köhler, auf den die Formulierung „Land der Ideen“ zurückgeht.

„Deutschland – ein Land der Ideen: Das ist nach meiner Vorstellung Neugier und Experimentieren. Das ist in allen Lebensbereichen Mut, Kreativität und Lust auf Neues, ohne Altes auszugrenzen“, so der Bundespräsident.



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