Editorial

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

breit andiskutiert, aber wenig gelöst scheint die Problematik des Überalterns unserer Gesellschaft. Dass die ehemals gesunde Alterspyramide – die breite Basis der Jungen stützt die schmale Spitze der Alten – schon längst zum statistischen „Tannenbaum“ mutierte, müsste Warnung genug sein. In den nächsten Jahrzehnten wird sich das Bild weiter umkehren, die Pyramide sukzessive auf ihre eigene Spitze stellen. Die strukturelle Stabilität ist dahin. Das wissen inzwischen Politiker, Kind und Kegel.

Trotzdem spielt sich – oberflächlich betrachtet – an vorzeigbaren Ergebnissen in der breiten Öffentlichkeit strukturell bisher noch wenig ab. Vielleicht sind die Tatsachen der Politik zu erdrückend, die Erfolgsaussichten zu gering. Denn am Grundsatzproblem lässt sich – zumindest kurz- bis mittelfristig – nichts mehr ändern: Wir haben zu wenig Kinder. Aber jeder von uns hat Eltern und wird selbst auch immer älter. Eine profane, bevölkerungspolitisch aber ausnehmend bittere Erkenntnis.

Wer jedoch vorbehaltlos nachdenkt, das zeigen die in unserer Titelstory vorgestellten Programme, kommt durchaus auf Ideen, die weiter helfen können. Agiert wird meist nach der Maxime: Wenn schon nicht grundlegend repariert werden kann, muss zumindest „geflickt“ werden.

Ein praktikabler Hebel sind sicherlich ökonomische Ansätze. Denn es ist der zunehmende Mangel an Fachkräften, der Deutschlands großen und kleinen Unternehmen bereits heute den produktiven Alltag erschwert. Bisher vorrangig deshalb, weil sogenannte „Zweiverdienerpaare“ in Familiengründungszeiten vorübergehend aus dem Berufsleben ausscheiden müssen. Hier fördert Vater Staat inzwischen Modelle, die Arbeitgebern wie Eltern zusätzliche Flexibilität schaffen. Elternzeiten werden durch einen Wiedereinstieg im Teilzeitprogramm verkürzt, die Rückkehr der jungen Eltern an ihren Arbeitsplatz wird durch Betreuungsangebote attraktiver gemacht. Hier ist durchaus Bewegung im Spiel. Hinter manch verschlossener Bürotür wird also längst mehr als nur Pionierarbeit geleistet. Zum Wohle beider Seiten, die der Arbeitgeber wie die der Arbeitnehmer. Es sind Modelle, die sich nicht nur menschlich, sondern auch bilanziell auszahlen, meinen zumindest fachbezogene Ökonomen.

Dass wir uns um den zahlenmäßig leider zu klein geratenen Nachwuchs kümmern müssen, liegt auf der Hand, ist aber nur die Vorkehrung, die eine Seite des Problems abzuschwächen. Wie wir mit dem zunehmenden Pflegebedarf der Alten in unserer Gesellschaft umgehen müssen, bedarf wahrscheinlich weit größerer Anstrengungen.

Sicher ist aber, dass Modelle der Flexibilisierung und einer gesunden Kombination von Arbeits- und Familienwelt auch hier ein Ansatz sind, der die Probleme nicht lösen kann, aber Freiraum schafft, mit den anstehenden Herausforderungen vernünftiger umgehen zu können. Zum Wohle der jungen wie der alten Menschen und letztlich – angesichts der Umstände – auch zum Wohle eines praktikablen Arbeitsalltags in den Unternehmen – sei es der Konzern oder die Zahnarztpraxis.

Gute Anregungen beim Lesen wünscht

Ihr

Egbert Maibach-Nagel
zm-Chefredakteur