Repetitorium

Die Myasthenia gravis

Die Myasthenie wird als Krankheitsbild oft lange verkannt. Es handelt sich um eine seltene Autoimmunerkrankung, deren charakteristisches Merkmal eine Muskelschwäche ist, die sich unter Belastung verstärkt. Unbehandelt kann die Erkrankung, die durch verschiedenste Medikamente noch getriggert werden kann, unter Umständen dramatisch verlaufen.

Der Begriff Myasthenie, medizinisch Myasthenia gravis, beschreibt eine neuromuskuläre Autoimmunerkrankung, bei der Autoantikörper gegen den Acetylcholinrezeptor (AChR) gebildet werden. Es kommt als Folge zu einer Störung der Reizübertragung zwischen Nerven und Muskeln in der neuromuskulären Endplatte und dadurch bedingt als zentrales Symptom zu einer sich unter Belastung verstärkenden Muskelschwäche.

Denn die polyklonalen IgG-Antikörper binden an den nikotinischen Acetylcholinrezeptor, so dass das Aktionspotenzial nicht auf die Muskelzelle weitergeleitet wird. Durch das Fehlen des elektrischen Impulses wird der Muskel nicht erregt. Es kann zudem durch die immunologische Reaktion auch zu einer Reduktion der Zahl an AChR kommen und damit zu strukturellen Veränderungen im synaptischen Spalt, was die Erregungsleitung weiter behindert.


Aus Sicht der Zahnmedizin

Das Krankheitsbild ist für den Zahnarzt in zweifacher Hinsicht von Bedeutung. Zum einen bei der Diagnosestellung, zum anderen bei der Beachtung als Risikofaktor im Rahmen der Behandlung. Das Auftreten von Doppelbildern, Kau-, Sprech- und Schluckstörungen unter Belastung (wie lang dauernde Zahnarztbehandlungen) oder in der zweiten Tageshälfte können erste Symptome der Immunerkrankung sein. Auch eine unterschiedlich weite Lidspalte deutet möglicherweise auf die abnorme Ermüdung proximaler Muskelgruppen hin. Die okuläre Myasthenie betrifft die äußeren Augenmuskeln unter Einschluss des M. levator palpebrae, Folge sind Doppelbilder und Ptose.

Die Überweisung zum Neurologen ist in solchen Fällen angebracht. Bei zehn bis 20 Prozent der Patienten bleibt es bei dieser Symptomatik, die übrigen entwickeln im Laufe der Jahre eine generalisierte Form. Störungen der Schlund- und Atemmuskulatur können zu lebensbedrohlichen Zuständen im Rahmen einer myasthenen Krise führen.

Bei der zahnärztlichen Behandlung müssen alle Maßnahmen und Medikamente vermieden werden, die die Erregungsübertragung an der motorischen Endplatte negativ beeinflussen. Zu den neuromuskulär blockierenden Medikamenten zählen: Lokalanästhetika vom Estertyp (zum Beispiel Procain, Tetracain, Benzocain), Benzodiazepine (wie Diazepam, Midazolam, Lorazepam), Antidepressiva (Amitriptylin), Antikonvulsiva (Carbazepin), Antibiotika (unter anderem Makrolide (Erythromycin), Gyrasehemmer (Cibrofloxacin), Tetrazykline, Sulfonamide, Aminoglykoside, Penicilline in hoher Dosierung), Analgetika (Flupirtin, Morphine). Generell sollte im zahnärztlichen Setting auf sedierende Medikationen bei diesen Patienten verzichtet werden.

Im Falle einer immunsuppressiven Therapie des Patienten ist diese ebenfalls als Risikofaktor zu berücksichtigen. Glukosteroide und Azathioprin (Immurek®) sind die Mittel der ersten Wahl bei der Therapie der Myasthenia gravis, aber auch andere Immunsuppresiva, wie auch Cyclosporin A, Methotrexat, Tacrolimus, kommen zum Einsatz. Aufgrund der geringen Inzidenz von 0,25 bis 2,0 pro 100.000 Menschen und der unterschiedlichen Verlaufsform (okulär, generalisiert) mit differierender Ausprägung (leicht, mittel, schwer) ist dem Zahnarzt im konkreten Fall eine enge Kooperation mit den behandelnden Kollegen anzuraten.

Dr. Dr. Monika Daubländer
Johannes-Gutenberg-Universität Mainz
Klinik und Poliklinik für Zahn-, Mund- und Kieferkrankheiten
Augustusplatz 2, 551131 Mainz


Betroffen ist nur die quergestreifte Muskulatur. Das erklärt, dass Muskelfunktionen, die auf die glattgestreifte Muskulatur zurückgehen, von der Erkrankung unbeeinträchtigt sind. Auch die Funktion des Herzmuskels wird nicht geschwächt.

Häufig sind zugleich Veränderungen des Thymus festzustellen, dem offenbar eine Rolle bei der Pathogenese der Myasthenie zukommt.

Eine sehr seltene Autoimmunerkrankung

Die Myasthenie gehört zu den seltenen Erkrankungen: Die Zahl der Patienten wird für Deutschland auf 8 000 bis maximal 12 000 geschätzt, wobei die Mehrzahl der Betroffenen erst jenseits des 50. Lebensjahres erkrankt. Dies erklärt die zunehmende Inzidenz der Autoimmunerkrankung, die wegen der Manifestation im höheren Lebensalter vor allem der demografischen Entwicklung zugeschrieben wird.

Die Myasthenie wurde nach derzeitiger Kenntnis im 17. Jahrhundert erstmals am Fall eines Indianerhäuptlings beschrieben. In Deutschland fand die Erkrankung im 19. Jahrhundert in die Literatur Eingang und wird seitdem als Myasthenia gravis bezeichnet.

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