Body Modification

Grenzenlose Körper

Für viele Menschen sind vorherrschende Schönheitsnormen bedeutungslos. Sie unterwerfen ihren Körper lieber ihrer persönlichen Definition von Ästhetik. Bei einigen ist das Ideal schon mit einem extremen Make-up erreicht, manche stehen auf Piercings, Tattoos oder Implantate. Nicht nur die physischen, auch die ethischen Grenzen verwischen dabei zunehmend.

Glätteisen oder Dauerwelle? Menschen treffen täglich Entscheidungen, die ihren Körper verändern, sei es ein neuer Haarschnitt oder lackierte Fingernägel. Hier bräunt man seine Haut, dort legt man Wert auf vornehme Blässe. Auch bei der Fitness gehen die Wünsche auseinander: Die einen wollen Muskeln wie Schwarzenegger, die anderen trainieren für die schlanke Linie.

In der Soziologie fallen alle Maßnahmen der Körperveränderung – vom künstlichen Fingernagel bis zum Intimpiercing – unter den Begriff Body Modification. Gemeint ist der menschliche Drang, den Körper zu gestalten, ihn zu verbessern. Gesundheitliche Risiken werden dabei in der Regel ausgeblendet. Anhänger des Vampirkults lassen sich zum Beispiel die Schneidezähne, manchmal auch das komplette Gebiss, spitz zufeilen, um ihrem Vorbild zu entsprechen.

Und auch beim Zungen- oder Labretpiercing schaltet das ästhetische Ideal den Gedanken an körperliche Abwehrreaktionen aus. Dabei ist jedes fünfte Piercing, meldete der Spiegel, Ursache von Entzündungen und Allergien. Das größte Problem beim Piercing in der Mundhöhle: Entzündungen als Folge mangelnder Hygiene während des Piercens. Darüber hinaus gibt es eine ganze Reihe weiterer möglicher Komplikationen. Die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mundund Kieferheilkunde (DGZMK) rät deshalb dem Zahnarzt, den Patienten über die lokalen und systemischen Risiken eines Piercings rückhaltlos zu informieren. Überpünktliche Mundkontrollen sind für Gepiercte Pflicht. Bei der Behandlung sollte man die Fremdkörper vor elektiven Eingriffen und vor Röntgenuntersuchungen entfernen. Besteht der Verdacht auf systemische Gesundheitsschäden, muss sofort der behandelnde Arzt hinzugezogen werden. Treten lokale Schäden auf, gilt es, das Piercing so schnell wie möglich zu entfernen. Welche Folgen ein Piercing im Mundbereich für die Zähne haben kann? Zum Beispiel massivste Abrasionen an den Palatinal- und Inzisalflächen der Frontzähne. Dafür ist der harte kugelförmige Dekorationskörper auf dem Zungenrücken verantwortlich, der als Dauerreiz im Sinne von Parafunktionen wirkt. Eine weitere belegte „Nebenwirkung“: Schmelzsprünge, die den Zahn langfristig völlig zerstören können.

Wechselhaftes Symbol

Zwischen den Wunschvorstellungen für das eigene Aussehen liegen Welten. Zwischen den Motiven für die Veränderung auch. Ein Blick auf die Geschichte der Tätowierung zeigt, wie viel gesellschaftlicher Sprengstoff in den Praktiken der Body Modification schlummert – und wie schnell aus einem Schocker ein Mainstream werden kann.

Die Tätowierkunst geht auf die Urvölker der einzelnen Kontinente zurück. Hautbemalungen waren schon bei den Ureinwohnern Australiens vor 60 000 Jahren üblich. Auch auf ägyptischen Mumien und dem Steinzeitmann Ötzi entdeckten Forscher Tätowierungen. Seinen 5 300 Jahre alten Körper schmücken insgesamt 47 Motive, unter anderem Streifen um seinen rechten Fußknöchel und ein Kreuz hinter dem rechten Knie. Bei den Naturvölkern der Südsee erfüllten Tattoos verschiedene Aufgaben: Sie symbolisierten den Rang oder die Stammeszugehörigkeit und markierten als Initiationsritus den Übergang vom Mädchen zur Frau oder vom Jungen zum Krieger.

Nach Europa gelangte der Klassiker der Körperkunst durch christliche Pilger, die sich als Souvenir von ihren Reisen Bilder in die Haut stechen ließen. Die christliche Kirche sah in der Tätowierung allerdings einen Ableger des Heidentums. Ihrer Überzeugung zufolge wurde der Körper nach dem Vorbild Gottes erschaffen – es war eine Sünde, ihn zu verändern. Im Jahr 787 verhängte Papst Hadrian I. schließlich ein Tätowierverbot.

Damit ist die Geschichte bekanntlich nicht zu Ende: Im Zuge der Entdeckerfahrten des englischen Seefahrers James Cook verbreiteten sich Tattoos in Europa in großem Stil. Nach seiner Rückkehr aus dem Pazifik berichtete er in den 1770ern von einer Tradition der Körperbemalung, die die Südseeinsulaner „Tatau” nannten. Schnell entstand daraus das Wort Tattoo. Seemänner waren die Ersten, die sich Tätowierungen stechen ließen. Da Alkoholexzesse und Bordellbesuche beim Landgang der Matrosen zur Tagesordnung gehörten, galten die Hautbilder schnell als verrucht. Als sie sich bald darauf unter Kriminellen und Prostituierten verbreiteten, wurden sie als Erkennungszeichen der Unterschicht abgestempelt.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte sich das Tattoo plötzlich zum Modetrend in den europäischen Königshäusern. Vertreter des Hochadels, etwa Kaiser Wilhelm, Zar Nikolaus oder Kronprinz Rudolph von Österreich, ließen sich Bilder stechen. Sie waren besonders beeindruckt von den kunstvollen Hautbildern der japanischen Tätowierer. Eine dauerhafte Aufwertung bedeutete das allerdings nicht.

In die Nachkriegsgesellschaft gelangte die Tattoo-Tradition wieder dank der Seefahrer: Von ihnen schauten sich in den 1950ern und 60ern amerikanische Straßengangs und Rocker wie die Hells Angels den Körperschmuck ab. In den späten 1970ern machte eine neue Subkultur sie zum Symbol ihrer Rebellion: die Punks.

Sturm vor der Ruhe

An den Körpern von Punks wurden Tätowierungen zum vorerst letzten Mal zum Auslöser heftiger gesellschaftlicher Kontroversen. Angewidert vom Konformismus und der Konsumwut ihrer Umgebung stiegen die Punks aus der Gesellschaft aus. Ihre Ablehnung trugen sie vor allem durch ihr Äußeres zur Schau: Kleider aus der Mülltonne, Irokesenhaarschnitte und Tattoos sollten schocken. Eine weiteres, äußerst wirksames, Mittel der Provokation waren Piercings, meist in Form von Sicherheitsnadeln, mit denen sich die Punks – ohne Betäubung – Ohrläppchen, Lippen, Augenbrauen und Wangen durchstachen. Der selbstverletzende Schmuck und der damit verbundene körperliche Schmerz entsprachen ihrem inneren Gefühl des Verlorenseins in einer Gesellschaft, deren Werte sie verachteten.

Anders als bei den Urvölkern, für die Piercings – und Tattoos – gemeinschaftsstiftendes Symbol waren, nutzten die Punk-Bewegung und andere Subkulturen des 20. Jahrhunderts sie als Zeichen der Abgrenzung. Die Veränderung ihres Körpers bedeutete eine Positionierung abseits des Mainstreams. Heute ist keine der beiden Techniken zwingenderweise eine Provokation. Sie sind zum modischen Accessoire geworden, das auch die Körper von Stars wie Angelina Jolie oder David Beckham ziert. Mittlerweile trägt jeder fünfte Deutsche zwischen 15 und 25 Jahren ein Tattoo. Die WHO schätzt, dass in der westlichen Welt jeder Zehnte tätowiert ist. Wegen eines Tattoos oder eines einfachen Nasenrings muss niemand mehr mit Sanktionen rechnen. Die über Jahrzehnte gewachsene Akzeptanz für diesen Körperschmuck sorgt allerdings auch dafür, dass ihm die Kraft als Abgrenzungsmerkmal verloren geht. Um heute noch zu schocken oder sich von der Masse abzusetzen, muss man das Ausmaß der Modifikation auf die Spitze treiben. Ein Beispiel ist der amerikanische Aktionskünstler Erik Sprague alias Lizardman, dessen ganzer Körper mit einem Schuppenmuster tätowiert ist. Seine oberen Schneidezähne sind spitz zugeschliffen, seine Zunge gespalten, damit sie der von Eidechsen gleicht. Seine Zähne seien direkt nach der Behandlung empfindlich gewesen, das habe sich aber schnell gelegt, so Sprague. Noch ein weiteres Problem ergab sich aus seiner Körperveränderung: Wegen seiner gespaltenen Zunge musste der Künstler Sprachübungen machen, um wieder problemlos sprechen zu können. Mit seiner Kunstfigur Lizardman markiert Sprague eine neue Ebene der Körperveränderung.

Leere Leinwand

Theoretisch, so die Prognose von Soziologen, ist es durchaus möglich, dass Menschen sich irgendwann ein zweites Paar Arme einpflanzen lassen werden. Tatsache ist, dass schon heute Körperveränderungen in Form von Amputationen einzelner Gliedmaßen oder der Implantierung von Fremdkörpern wie Ringen oder Perlen unter die Epidermis vorgenommen werden.

Der Magdeburger Diplom-Psychologe Erich Kasten hat sich mit dem Thema Body Modification intensiv auseinandergesetzt und ein Buch über dessen psychologische und medizinische Aspekte geschrieben. Das Denken über den Körper hat dem Wissenschaftler zufolge einen Paradigmenwechsel durchlaufen. „Frühere Generationen arbeiteten sieben Tage die Woche vom ersten Hahnenschrei bis zum Sonnenuntergang, der Körper diente dazu, das eigene und das Überleben der Familie zu sichern“, sagt Kasten. „Heute leben wir zunehmend in einer Freizeitgesellschaft, in der Maschinen, Computer und Automaten die menschliche Arbeitskraft zusehends ersetzen. Der Kampf ums tägliche Brot ist dem Kampf ums Überleben gewichen. Und schließlich wird selbst der eigene Körper zum „Fun-Faktor”, den man formen kann”, beobachtet der Psychologe.

Die Folge: Körperliche Unversehrtheit wird nicht mehr automatisch als erstrebenswertes Gut akzeptiert. Viele Menschen betrachten ihren Körper als leere Leinwand, die erst schön und einzigartig wird, wenn sie sie beschrieben, sprich künstlich verändert haben: sei es durch eine Brustvergrößerung oder durch selbst beigebrachte Narben, sogenannte Cuttings. Kasten zitiert hierzu eine Frau: „Jedes Bild erzählt eine Geschichte; mein Körper ist ein großes, abstraktes Kunstwerk! (…) Ich fühle mich stark, wann immer ich meine Narben sehe, sie sehen wundervoll aus. Ich bin stolz darauf.” Viele von Kastens Gesprächspartnern berichteten auch, dass Schmerzerlebnisse ihnen ein Gefühl von Kontrolle und Lebendigkeit vermitteln.

Spätestens hier stellt sich die Frage: Liegen Selbstverletzungen noch im Rahmen mentaler Gesundheit oder sind sie Ausdruck psychischer Krankheiten? Was bedeutet es, wenn sich jemand die Lippen zusammennäht oder Körperteile wie Zunge oder Penis spaltet? Die Meinungen, ob und in welchem Ausmaß Anhänger der Body Modification psychische Abweichungen zeigen, gehen laut Kasten „beträchtlich auseinander”. Viele Studien hätten ergeben, dass das Tragen von Körperschmuck zwar nicht mit Verhaltensstörungen verbunden sei, aber als ein Indikator für deutlich höheres Risikoverhalten gelte. Tätowierte und gepiercte Menschen zeigten außerdem eine geringere soziale Konformität und die Einnahme harter Drogen korrelliere hoch positiv mit der Anzahl der Piercings. Auch Motive für Selbstverletzungen, wie Cuttings oder Brandings, wurden in zahlreichen Studien unter die Lupe genommen: Armando Favazza, der 1996 das zentrale Buch zu diesem Thema veröffentlichte – „Bodies Under Siege” –, sieht in den selbstverletzenden Handlungen eine morbide Form der Selbsthilfe, die nicht den Tod zelebriert, sondern vielmehr ein Versuch sei zu überleben. Mehr als jeder zweite Selbstverletzte bezeichnete seine Kindheit als miserabel, ein Drittel als durchschnittlich und weniger als jeder zehnte als glücklich. Kasten berichtet, dass selbstverletzendes Verhalten auch eine neurobiologische Basis hat. Ein zu niedriger Serotoninspiegel könne beispielsweise zu Fremd- oder Autoaggressionen führen.

Kasten: „Sicherlich gibt es eine kleine Gruppe Betroffener, die Tätowierungen, Piercings und andere Möglichkeiten der Body-Art als Selbstverletzung benutzen. Doch wie bereits erwähnt, kann man keinesfalls davon ausgehen, dass jeder, der sich ein Tattoo oder Piercing machen lässt, sich damit verletzen will.”

Absolutes Neuland

Für Kasten bleiben Körperveränderungen „eine Frage der persönlichen Vorliebe”. Unbestreitbar sei, dass die natürlichen Grenzen des menschlichen Körpers schon durch heute praktizierte Techniken weit überschritten seien. Fakt ist, dass auch die moderne Medizin Neuland betritt: Im November 2005 nahmen Ärzte bei einer 38-jährigen Französin, deren Gesicht durch Hundebisse verunstaltet war, eine Gesichtstransplantation vor. Die Frau erhielt Teile des Gesichts einer hirntoten Spenderin. Obwohl im Dienste der Wissenschaft und zum Wohl der Patienten, kratzt dieser Fall deutlich am Limit des bisher Möglichen.

Körperschmuck, insbesondere wenn er in den Bereich der Schönheitschirurgie fällt, stellt Ärzte vor ethische Herausforderungen. Der Präsident der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe, hat erst vor Kurzem zum Kampf gegen „den grassierenden Schönheitswahn in unserer Gesellschaft” aufgerufen. Es sei ein sehr beunruhigendes Zeichen, dass zunehmend mehr Teenager ihr Aussehen als korrekturbedürftig empfänden und sich für Schönheitsoperationen interessierten, sagte Hoppe. Mediziner, Eltern, Medienmacher und Werbetreibende sind ihm zufolge in der Verantwortung, dass junge Menschen sich nicht allein über ihr Äußeres definieren.

Grenzüberschreitungen sind laut Kasten freilich ein natürlicher Instinkt: „Wie in allen Bereichen des menschlichen Lebens dehnen einige Menschen die Grenzen immer weiter aus, um sie dann zu überschreiten. Bislang gibt es innerhalb der Internationalen Klassifikationen mentaler Störungen noch keinen Diagnoseschlüssel, der sich mit Dingen wie der Ganzkörpertätowierung oder mit Extremformen des Genitalpiercings beschäftigt. Aber sind Menschen mit modifizierten Körpern überhaupt krank?” Pauschal will der Experte das nicht beantworten. Sein Buch versteht er stattdessen als „Plädoyer, die Psyche eines Menschen niemals allein danach zu beurteilen, wie sein Körper aussieht”. Gefordert wird vom Betrachter ein sensibles und flexibles Nachdenken über den Zusammenhang zwischen unserer äußeren und inneren Hülle.

Fest steht: Der Körper bleibt ein zentraler Schauplatz, auf dem Individuum und Gesellschaft gegeneinander antreten – mit mehr oder weniger extremen Waffen.

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