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Adipositas-Chirurgie

Die Prävalenz der Adipositas steigt seit Jahrzehnten an. Das gilt ebenso für die massive Adipositas. Liegt der Body-Mass-Index über 40 kg/m3, so besteht eine Indikation zur chirurgischen Therapie, wobei verschiedene Operationsverfahren zu einer erheblichen Gewichtsreduktion führen können.

Die Fettsucht ist keinesfalls nur ein kosmetisches Problem. Sie ist wegen der mit dem massiven Übergewicht verbundenen hohen Morbidität und Mortalität bereits seit 1987 durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) offiziell als Erkrankung klassifiziert. Von einer Adipositas ist ab einem Body-Mass-Index (BMI) von mehr als 30 kg/m3 auszugehen. Ab Werten über 40 kg/m3 besteht eine so genannte morbide Adipositas (Adipositas Grad III).

Die Zahl der adipösen wie auch der stark adipösen Menschen steigt dabei seit Jahren kontinuierlich. Nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland, wie die hier erhobenen Gesundheitssurveys aktuell belegen.

Konservative Therapie wenig erfolgreich

Die Leitlinien der Deutschen Adipositas-Gesellschaft sehen für die Behandlung der Patienten primär ein umfassendes Therapieprogramm aus Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie vor. Damit allein aber lässt sich bei den Patienten, die oftmals zahlreiche Diätversuche und Bewegungsprogramme hinter sich haben, eine befriedigende und vor allem anhaltende Gewichtsreduktion meist nicht induzieren. Im Gegenteil: Infolge des Jo-Jo-Effektes sind die Patienten trotz initialer Gewichtsreduktion nach wenigen Wochen meist schwerer als zuvor. So konnte bislang für kein konservatives Verfahren gezeigt werden, dass morbid adipöse Patienten mehr als zehn Prozent ihres Körpergewichtes abnehmen und das reduzierte Gewicht über mindestens zwei Jahre halten können.


Aus Sicht der Zahnmedizin

Die morbide Adipositas ist vor allem aufgrund der häufig bestehenden Komorbiditäten (metabolisches Syndrom mit Hypertonus, Diabetes mellitus Typ II, Fettstoffwechselstörung oder Schlaf-Apnoe-Syndrom) ein Risikofaktor für die zahnärztliche Behandlung. Aber auch die direkten Auswirkungen müssen beachtet werden. So kann Dyspnoe bei sehr flacher oder Kopftieflage auftreten, ebenso ein ösophagealer Reflux. Es sollten daher keine sedierenden Medikamente oder solche, die die Magensäureproduktion anregen, verabreicht werden. Nach operativen Eingriffen muss eine Immobilisation vermieden beziehungsweise eine effiziente Thromboembolieprophylaxe betrieben werden.

Bariatrische Operationen sollen und können die Langzeitfolgen der Adipositas wie erhöhte Krebsrate (zum Beispiel bei Colon-, Pankreas- und Mammakarzinom), Entwicklung eines Typ II Diabetes, koronare Herzerkrankung, degenerative Gelenkschäden und mehr reduzieren. Allerdings wird dieser Effekt zumindest teilweise aufgehoben durch die perioperative Mortalität, Verstärkung der bestehenden Beschwerden ( Refluxösophagitis) und neu entstandene Risiken.

Diese sind vor allem Defizite an Mineralien und Vitaminen (wie Eisen-, Kalzium- und Zinkmangel) infolge einer reduzierten Resorption, ein sekundärer Hyperparathyreoidismus und eine abnorme bakterielle Besiedlung des Dünndarms, die ebenfalls zu Mangelerscheinungen führen kann. Das Risiko einer Osteoporose wird ebenfalls diskutiert. Die anatomisch veränderten Resorptionsverhältnisse wirken sich nicht nur auf die Nahrung, sondern auch die oral applizierten Medikamente aus. Wirklich erfolgreich ist die operative Behandlung bei Patienten, die große Mengen an Nahrungsmitteln auf einmal zu sich nehmen (wie Binge Eating Disorder), da dies die bariatrische Operation verhindert. Jedoch werden andere Essstörungen nur eingeschränkt und Probleme der Adipositas nicht beseitigt, worauf die erhöhte Suizidrate bei diesen Patienten schließen lässt.

Das Anpassen des herausnehmbaren Zahnersatzes nach der radikalen Gewichtsabnahme dürfte von den Patienten eher positiv wahrgenommen werden. Da die Patienten aber überwiegend weiblich und jung (mittleres Alter 39,4 Jahre) sind, ist davon nur ein kleiner Teil betroffen.

Dr. Dr. Monika Daubländer
Johannes-Gutenberg-Universität Mainz
Klinik und Poliklinik für Zahn-,
Mund- und Kieferkrankheiten
Augustusplatz 2
551131 Mainz


Anders sieht das bei den chirurgischen Verfahren, den sogenannten bariatrischen Operationen aus, die in aller Regel eine nachhaltige Gewichtsreduktion bei Patienten mit morbider Adipositas induzieren. Es gibt verschiedene Behandlungsalternativen bei der Adipositas-Chirurgie, von den restriktiven Verfahren, wie dem Legen eines Magenbandes, bis hin zu Methoden, die eine Malabsorption nach sich ziehen, wie dem Magenbypass, sowie anderen kombinierten Eingriffen.

Metabolische Chirurgie

Die Operationen zielen darauf ab, das massive Übergewicht der Patienten abzubauen und damit zugleich die mit der Adipositas assoziierten gesundheitlichen Risiken zu minimieren. Das betrifft nicht nur die Gelenke des Patienten, sondern mehr noch die Stoffwechselsituation, weshalb bei bariatrischen Operationen auch bereits von einer „metabolischen Chirurgie“ gesprochen wird. So lässt sich durch die Operation nach Professor Dr. Rudolf A. Weiner, Frankfurt, nicht nur eine aktive Prävention des Typ 2-Diabetes erwirken, es können auch bereits manifeste Stoffwechselveränderungen rückgebildet werden.

Sogar ein eingetretener Typ 2-Diabetes lässt sich wieder beheben, wenn dieser nicht länger als 15 Jahre besteht, schreibt der Mediziner im „AdipositasSpektrum“. Neben dem Diabetes können durch die Adipositas-Chirurgie und die damit induzierte, meist massive Gewichtsreduktion weitere mit der Fettsucht assoziierte Stoffwechselstörungen normalisiert werden.

Dennoch wird diese spezielle Chirurgiemethode hierzulande nur zögerlich praktiziert. Weiner hierzu: „Bei der Zahl der operativen Eingriffe pro Kopf nimmt Deutschland noch immer einen hinteren Platz in Europa ein“, so der Mediziner.

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