Ludwig Heinrich Hollaender

Mutiger Kämpfer für die Zahnheilkunde

Ludwig Heinrich Hollaender (1833–1897) gehört zu den Pionieren der Zahnheilkunde in Deutschland; er legte den Grundstein für eine der ältesten Universitätszahnkliniken des Landes in Halle an der Saale. Ein Ziel seiner Arbeit war die Gleichwertigkeit der Zahnmedizin gegenüber den anderen medizinischen Disziplinen zu erreichen.

1873 hielt Ludwig Heinrich Hollaender im Rahmen seiner Antrittsvorlesung in Halle eine Rede, die er mit den Worten begann: „Hodie etiam ars dentistica semper a medicina et chirurgia neglegitur.“ Die Geringschätzung der Zahnheilkunde zu beseitigen war eines der Hauptziele seiner Arbeit. Seine Worte zeigen, wie modern aus heutiger Sicht der Wissenschaftler in seinem Denken war.

Hollaender sprach in seiner Rede weiter: „Die Kraft, die Anstelligkeit, die der Zahnarzt nötig hat, und das Vertrauen mit der Technik, deren er bedarf, haben vielleicht eine Trennung der Zahnärzte und Ärzte hervorgerufen und auch bis in die neueste Zeit glaubten, ja glauben jetzt sogar noch viele Ärzte und Laien, daß die Erziehung in der zahntechnischen Kunst das Höchste und einzige Erfordernis eines Zahnarztes sei. Die zahnärztliche Kunst selbst, die Kenntnis über Pathologie und Therapie der Zahnkrankheiten, die Erkenntnis, wie weit die gesunden und nützlichen Zähne sich auf die Gesundheit des ganzen Körpers erstrecken, die Lehre über die Beziehungen, die zwischen zahnärztlicher Kunst einerseits und Medizin und Chirurgie anderseits bestehen, schien bisher von geringerer Bedeutung zu sein. Aber kein Gedanke könnte törichter sein, als die Krankheitsursache der Glieder und Organe, von denen die Ernährung des ganzen Körpers geschieht oder geschehen konnte, von der übrigen Körperverfassung zu trennen und für läppisch zu halten und diese nur einer bestimmten Kunst zuzuerteilen“ [aus dem lateinischen Original; Ferdinand Besche, Das Leben und Wirken des Hallenser Professors der Zahnheilkunde Ludwig Heinrich Holländer, Dissertation Düsseldorf 1937].

Prominente Wurzeln

Hollaender wurde am 4. Februar 1833 im oberschlesischen Leobschütz geboren. Sein Vater war der Königliche Kommerzienrat und Wollwarenfabrikant Benjamin Hollaender (1809–1884), der ursprünglich Benjamin Rachel hieß und wie seine Frau jüdischen Glaubens war. Im Jahre 1837 wurde Benjamin Rachel offiziell vom preußischen Staat die Erlaubnis erteilt, sich Hollaender zu nennen. Die Mutter Helene (1812–1876) war eine geborene Bruck, die neben Ludwig Heinrich noch sieben weiteren Kindern – fünf Mädchen und zwei Söhnen – das Leben schenkte. Zu den Nachfahren des Bruders von Benjamin Hollaender, Siegmund, gehören auch der weltberühmte Komponist Friedrich Hollaender („Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ aus der „Blaue Engel“ mit Marlene Dietrich) und sein Vater, der Operettenkomponist Victor Hollaender und der Schriftsteller Felix Hollaender.

Ludwig Heinrich Hollaender besuchte ab 1851 das Gymnasium in Leobschütz. Danach ging er zum Studium der Medizin nach Breslau, Würzburg und Berlin. Mit der Inauguraldissertation „De corneae et scleroticae conjunctione“ promovierte er 1856 und im darauf folgenden Jahr legte Hollaender sein Staatsexamen ab. Ludwig Heinrich war Bundesbruder in der Burschenschaft „Breslauer Ratzeks“, wo er den Anatom und Pathologen Leopold von Auerbach (1828–1897) kennen lernte. Im Haus von Auerbach und seiner Frau Arabella traf Hollaender Bertha Hess. Nach einem „turbulenten“ Einstand in der Familie Hess – man musste sich erst an den neuen Schwiegersohn gewönnen – wurde die Hochzeit zwischen Ludwig Heinrich und der etwas jüngeren Bertha Hess für den Frühsommer 1857 geplant. Bertha Hess war die Tochter des Großherzoglichen Landrabbiners Dr. Mendel Hess und seiner Frau Henriette. Die Hochzeit fand in Eisenach statt.

Auswanderung nach Südafrika

Plan des Brautpaares war es, direkt nach der Hochzeit über London in die britische Kolonie Südafrika auszuwandern. Ziel war die Stadt Burghersdrop am Ostkap, die 1847 gegründet worden war. Die Stadt war bereits Auswanderungspunkt einer Reihe von Kaufleuten und Medizinern geworden, die dort ihr Glück versuchten. Darunter war auch die mit Bertha Hess verwandte Familie Mosenthal, die dem jungen Paar den Weg ins ferne Südafrika wies.

Zwischen Brautvater und Bräutigam war vor der Abreise ein Streit entbrannt, ob nun das teuere Dampfschiff oder das kostengünstigere Segelschiff genommen werden sollte. Es blieb schließlich beim Segelschiff und die Hollaenders segelten ganze drei Monate bis Kapstadt. Dann folgte ein mühsamer Weg mit Ochsenkarren auf der über 700 km langen Strecke von Kapstadt durch die Wildnis bis nach Burghersdrop. Dort lies sich Ludwig Heinrich Hollaender als praktischer Arzt nieder.

In einem Beitrag der Zeitschrift Globus beschrieb er sehr anschaulich sein Ärztedasein im südlichen Afrika: „Nachdem sämtliche Flaschen der Hausapotheke verbraucht … und wenn auch bereits Dachsharn nichts geholfen hat und alle die verschiedenen Umschläge von frisch gelegtem, noch warmem Kuhmist nicht gelindert haben, … dann erst wird der Arzt aus dem nächsten Dorf geholt.“ Während des achtjährigen Aufenthaltes in Afrika wurden die drei Söhne von Ludwig Heinrich und Bertha Hollaender, Ludwig, Georg und Eugen, geboren. Die Tochter Johanna kam erst nach der Rückkehr in Deutschland zur Welt.

Die Rückreise erfolgte wohl nicht ganz freiwillig. Hollaender soll wegen seiner Sympathie für die Buren in Südafrika von den Briten ausgewiesen worden sein.

Nach der Rückkehr 1865 praktizierte Hollaender in Berlin und wandte sich der Zahnheilkunde zu, die er in Berlin und London erlernte. Der Pathologe Friedrich Theodor von Frerichs (1819–1885) und der spätere Prof. für Zahnheilkunde Heinrich Wilhelm Eduard Albrecht (1823–1883) sollen ihn für die Zahnmedizin interessiert haben. Im Preußisch-Österreichischen Krieg von 1866 war Ludwig Heinrich Hollaender Chefarzt im Johanniter-Reserve-Lazarett im sächsischen Zittau, wo er für die verwundeten Österreicher zuständig war. Als Dank erhielt er von den Österreichern das Ritterkreuz des k. und k. Franz-Josef-Ordens. Auch am Krieg gegen das französische Kaiserreich 1870/ 71 nahm er teil.

Im Februar 1873 habilitierte sich Hollaender an der Universität zu Halle im Fach Chirurgie und hielt seine Antrittsvorlesung zu dem Thema: „De dentium ex ordine rodentium structura penitiori“. Im Jahre 1878 erhielt der Mediziner den Professorentitel.

Kampf um die Etablierung

Sein steter Kampf für die Etablierung des Faches Zahnheilkunde an der Universität Halle war nicht direkt von Erfolg gekrönt. Die zuständigen Behörden des Preußischen Staates hatten zunächst Bedenken. Zudem hatte Hollaender das Universitätskuratorium gegen sich, dessen Mitglieder die zukunftsweisenden Ideen Hollaenders nicht begreifen wollten. Im Jahre 1880 erstellte er ein Studienprogramm für die Zahnmedizin, das den Studierenden eine gründliche Ausbildung ermöglichen sollte. Im November 1883 konnte er den ersten Erfolg erzielen, indem er für die eigene „Zahnärztliche Klinik“ Räume im Erdgeschoss der sogenannten alten Residenz in Halle bekam. Die Ausstattung war zunächst sehr bescheiden und der Jahresetat belief sich auf ganze 150 Mark. Eine besoldete Professur bekam Hollaender aber bis zum Ende seiner Medizinerkarriere nicht. Die Klinik blieb praktisch Privatinstitut. Durch Hörgeld von Studierenden und durch seine Arbeit als Mediziner verdiente er sein Geld.

Die Raumnot des Instituts blieb auch in den folgenden Jahren bestehen, bis 1893 das Oberbergamtsgebäude am Domplatz in Halle bezogen werden konnte.

Die Studenten wurden von Hollaender und einem Privatassistenten in den wichtigen Bereichen der Zahnheilkunde, wie dem korrekten Füllen der Zähne und der Zahnextraktion, unterrichtet. Sein Stil soll sehr einprägsam und bisweilen sogar fesselnd gewesen sein. Die Vorlesungen waren didaktisch gut strukturiert. Hollaender gebrauchte eine klare und teilweise drastische Sprache, mit der er bei seiner Umgebung auch aneckte. Sogar von Beschwerden von Patienten wird berichtet. Im Jahre 1896 sah sich Hollaender einer Anklage wegen Körperverletzung ausgesetzt, die aber fallengelassen wurde.

Außerordentlich hilfreich waren Hollaenders Übersetzungen medizinsicher Werke für die Zahnheilkunde. 1877 übersetzte er Charles S. Tomes Schrift „Manual of Dental Anatomy Human and comparative” in die deutsche Sprache. Vier Jahre später folgte die Übersetzung von Norman W. Kingsleys Werk „Die Anomalien der Zahnstellung und die Defekte des Gaumens.“

Ludwig Heinrich Hollaender verfasste auch eine Reihe eigener Texte für die Zahnheilkunde:

•„Die Zahnheilkunde und ihre Bedeutung für Laien und Ärzte“, Berlin 1861

•„Beiträge zur Zahnheilkunde“, Leipzig 1881

•„Die Extraction der Zähne für Ärzte und Studierende“, Leipzig 1881/ 82

•„Das Füllen der Zähne mit Gold und anderen Materialien“, Leipzig 1885

•„Das Füllen der Zähne. Ein Leitfaden für Anfänger und Geübtere“, Leipzig 1896

Hollaenders Werke waren gefragt. Sie erschienen in mehrfacher Auflage. Sein Buch über „Die Extraktion der Zähne für Ärzte und Studierende“ wurde 1894 bereits in 4. Auflage herausgegeben.

Pionier der Prävention

Bei seiner Lehre legte Hollaender vor allem großes Augenmerk auf die behutsame Extraktion der Zähne. Voraussetzung für eine ordentliche Extraktion war für ihn die genaue Kenntnis der Anatomie des Mundraumes. „In der Tat ist die Extraktion nämlich nicht sehr leicht, sondern es ist für sie eine große Geschicklichkeit nötig. Am wenigsten folge ich daher der Meinung des Volkes, sondern bestehe auf meiner Meinung. Heute sage ich, es ist besser, den Zahn zu erhalten, als zu ziehen; die zahnärztliche Kunst ist am meisten zu loben, die die Zähne, die für den Gebrauch so nötig sind, erhält, als die, die sie mit größter Gewandtheit zieht. …Auch der Chirurg nimmt den Kopf nicht ab, wenn er schmerzt!“ [in: Ferdinand Besche, Das Leben … , S. 10].

Aus den Worten Hollaenders ergibt sich zwangsläufig ein weiterer Schwerpunkt seiner Arbeit: die konservierende Zahnbehandlung. In seinen Schriften ging Hollaender im Detail auf die Substanzen zum Füllen der Zähne ein. Bereits in seinen Beiträgen zur Zahnheilkunde von 1881 riet er beim Füllen der Zähne mit Amalgamen: „Sie (die Amalgame) dürfen erstens: keine Metalle beigemengt haben, welche lösliche Salze bilden, die im Munde, oder von da in den Magen eingeführt, schädlich wirken; sie müssen zweitens: in die Höhle eingeführt nach kurzer Zeit einen bestimmten Härtegrad erreichen und dürfen drittens: sich nicht verfärben, obgleich Mischungen verschiedener Metalle kaum ganz von Verfärbung im Munde frei bleiben können, wo verschiedenartige Säuren und andere chemische Stoffe, wie der so überaus schädliche Schwefelwasserstoff, auf sie fortwährend einwirken. Viel wichtiger ist es viertens, dass: Amalgame, wenn sie erst in die Höhle eingebracht sind, ihre Form nicht mehr verändern.“

Sehr genau geht Hollaender in seinem Beitrag auf die Vor- und Nachteile der verschiedenen Amalgame ein. Seiner Meinung nach ist ein Amalgam legiert aus Zinn, Silber und Gold ein „ausserordentlich werthvolles Präparat, das sich fast gar nicht contrahirt, sich nur sehr wenig verfärbt, sehr schnell erhärtet und einen sehr hohen Härtegrad erreicht.“ Er versäumt es auch nicht, auf eine mögliche Idiosynkrasie auf Quecksilber bei einigen Patienten hinzuweisen. Der klare und prägnante Schreibstil Hollaenders macht seine Werke auch für fachfremde Leser gut verständlich.

Ludwig Heinrich Hollaender forschte auch auf den Gebieten der Orthodontie und Pharmakologie. Mit dem Kollegen Schneidemühl schieb er auch ein Handbuch der zahnärztlichen Heilmittellehre [Leipzig 1890].

Hollaender wurde mit seiner wissenschaftlichen Tätigkeit auch im Ausland bekannt. Er blieb aber der Universität Halle treu und folgte 1881 nicht einem Ruf nach Genf. Im Jahre 1896 bat Ludwig Heinrich Holländer darum, dass man ihn von der Leitung der Zahnklinik entbinde. Er litt unter Rheumatismus. Am 12. März 1897 starb Ludwig Heinrich Hollaender in Halle.

Der Zeit weit voraus

Der Wissenschaftler war seiner Zeit weit voraus. Die ihn gebührende Anerkennung blieb ihm zu Lebzeiten verwehrt. In der Rückschau ist es nur schwer verständlich, warum Hollaender trotz seiner großen Verdienste nie eine besoldete Professur bekam. Heute wird seine Pionierarbeit für die Zahnheilkunde an der Kieferorthopädischen Klinik in Halle sehr gewürdigt. Eine Tafel mit seinem Konterfei erinnert an den großen Zahnmediziner. Die Lebensleistung Hollaenders ist um so größer einzuschätzen, wenn man bedenkt, dass noch sein Großvater Samuel Rachel (1780–1830) ein kleiner Gastwirt im oberschlesischen Loslau gewesen ist.

Kay Lutze
Lievenstraße 13, 40724 Hilden
kaylutze@ish.de

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