Studie zum Europäischen Gesundheitsmarkt

Suche nach dem großen Wurf

Freie Wahl des Sozialversicherungsträgers, eine Klassifizierung aller medizinischen Leistungen der solidarischen Krankenversicherung, Krankenhäuser als interdisziplinäre Gesundheitszentren sowie eine Finanzierung nach marktwirtschaftlichen Prinzipien – sieht so der europäische Gesundheitsmarkt der Zukunft aus? Wenn es nach den Vorstellungen des in Salzburg ansässigen Europäischen Gesundheitsinstituts (EGI) geht, ja. Bei der Europäischen Kommission stößt das Konzept auf offene Ohren. Ärzte sind skeptisch, und die Durchsetzbarkeit ist mehr als fraglich.

Ein Aufbrechen von verkrusteten Strukturen im Gesundheitswesen ist nur über einen europaweiten Markt möglich. So lautet die Kernbotschaft des Berichts, den das EGI, das zur Europäischen Akademie für Wissenschaft und Künste in Salzburg gehört, im Auftrag der Europäischen Kommission verfasst hat. Der Leiter der Akademie, der Salzburger Herzchirurg Professor Felix Unger, ist davon überzeugt, dass der Medizinbetrieb nur bezahlbar bleibt, wenn sich die Grenzen für den Wettbewerb im Gesundheitswesen öffnen und die Finanzierung auf völlig neue Beine gestellt wird. Das Denken in rein nationalen Grenzen bei der Gesundheitsversorgung sei „gefährlich provinziell“ und „überholt“, so Unger. „Wir brauchen einen großen Wurf.“

Konkret heißt das: Alle solidarisch finanzierten Krankenkassen sollen auf Privatbasis umgestellt und einem Hauptverband unterstellt werden. Die Aufteilung in Arbeitnehmer- und Arbeitgeberbeiträge soll erhalten bleiben. Jeder Patient soll nach den Vorstellungen des EGI zugleich das Recht bekommen, überall in Europa über seinen individuellen Versicherungsumfang selbst entscheiden zu können.

Um die Finanzierungsbasis abzusichern, sollen zusätzliche Mittel über einen bei den Finanzministerien angesiedelten und aus Steuergeldern gespeisten Gesundheitsfonds bereitgestellt werden. Medizinische Leistungen sollen gegen Rechnung grundsätzlich dort bezahlt werden, wo sie erbracht werden, so Unger, „egal ob das jetzt in Palermo ist oder in Düsseldorf oder in Salzburg“. Für die Qualitätskontrolle sollen die Versicherungen zuständig sein.

Das EGI setzt zudem auf einen Hausarztzentrierten Ansatz und eine Umstrukturierung stationärer Einrichtungen zu modernen interdisziplinären Gesundheitszentren, vornehmlich auf der Basis von öffentlich-privaten Partnerschaften.

Die Erstattung der Behandlungskosten soll auf der Grundlage einer Klassifizierung medizinischer Leistungen nach evidenzbasierten Kriterien erfolgen. Damit will das Institut mehr Transparenz im Gesundheitswesen herstellen und den europaweiten Wettbewerb zwischen den Gesundheitsdienstleistern ankurbeln.

Derzeit hat der europäische Gesundheitsmarkt ein Volumen von rund 25 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Das EGI schätzt, dass der Anteil bis 2020 auf rund 30 Prozent steigen wird. Hinter der Strategie steckt ein Team aus Medizinern, Angehörigen von Heilhilfsberufen, Vertretern der Gesundheitsindustrie sowie Forschungseinrichtungen und politische Entscheidungsträger.

Großer Anklang bei der Kommission

Eine solche Kehrtwende in der Gesundheitspolitik mit Öffnung der EU-Gesundheitsmärkte würde den Einfluss der Europäischen Union auf nationale Entscheidungen zwangsläufig stärken. Kein Wunder also, dass das Konzept bei der EUKommission großen Anklang findet. Der Ansatz sei integrativ und überwinde das im Gesundheitswesen vorherrschende Kastendenken, so die EU-Kommissare Androulla Vassiliou (Gesundheit) und Günter Verheugen (Industrie) in ihrem Vorwort zum Bericht des EGI. Nur mit einem ganzheitlichen Ansatz sei es möglich, die Potenziale der europäischen Gesundheitswirtschaft voll auszuschöpfen und die Herausforderungen in der medizinischen Versorgung zu meistern.

Bei deutschen Ärzten, Zahnärzten, Kliniken und Krankenversicherungen hingegen dürfte das Konzept auf wesentlich mehr Skepsis stoßen. Diesen Schluss legt jedenfalls eine kürzlich vorgestellte Studie des Unternehmens Janssen-Cilag nahe. Auch hier ging es unter anderem um ein Szenario für das Jahr 2020, bei dem marktwirtschaftliche Elemente im Gesundheitswesen auf der Grundlage eines privatisierten Krankenversicherungsmarkts und privatwirtschaftlich organisierten medizinischen Dienstleistungsunternehmens vorherrschen.

Zwar sehen Leistungserbringer und Kostenträger unisono dringenden Reformbedarf im Gesundheitswesen. Den freien Wettbewerb als ordnende Kraft im Medizinbetrieb lehnen aber insbesondere Ärzte und ärztliche Einrichtungen ab. Sie fürchten den Verlust der Solidarität und der Qualität der medizinischen Versorgung. Auch die Versicherten zeigten wenig Begeisterung für ein marktwirtschaftlich dominiertes Gesundheitswesen.

Durchsetzung fraglich

Eine Durchsetzbarkeit des Marktideals im Gesundheitswesen erscheint somit auch bei den politischen Entscheidungsträgern mehr als fraglich. Für Unger ist dies dennoch kein Problem. Seine Erwartungen an eine schnelle Umsetzbarkeit der vom EGI vorgeschlagenen Strategie hat er bewusst niedrig gesteckt. Er setzt vielmehr auf Zeit und will mit dem Konzept zunächst auch nur die Diskussion über eine grundlegende Reform der Gesundheitsmärkte in Europa anstoßen. Frühestens in 15 Jahren, so Unger, sei mit einem ersten Umdenken zu rechnen.

Petra Spielberg
Christian-Gau-Str. 24
50933 Köln

INFO

Die Delphi-Studie

Die fünfte Janssen-Cilag Delphi-Studie „Perspektive 2020 – Gesundheit als Chance!“, hat sich mit der Frage beschäftigt, wie unser Gesundheitssystem im Jahr 2020 aussehen kann. Sie wurde Anfang November 2008 vorgestellt. Unter wissenschaftlicher Betreuung des Berliner IGES-Institutes und mit Beratung von Professor Jürgen Wasem, Gesundheitsökonom an der Universität Duisburg-Essen, wurden in der Studie drei mögliche Zukunftsszenarien für ein Gesundheitssystem 2020 entwickelt. Diese stellten sich im Anschluss der Bewertung durch eine Fachöffentlichkeit, Patientenorganisationen sowie die Bevölkerung.

Jedes Delphi-Szenario ist von einer Leitidee geprägt und sollte technisch wie politisch realisierbar sein. Ziel bei der Entwicklung der Szenarien war es zudem, die Bandbreite der möglichen Handlungsoptionen abzubilden. So sind im Szenario A Versorgungszentren in der Führungsrolle: Sie übernehmen für Qualität und Kosten der Versorgung die Gesamtverantwortung und bestimmen maßgeblich, ob und wie sie neue Leistungen in die Versorgung einbringen. Im Szenario B bestimmen gesetzlich klar definierte Kriterien die Versorgung: Neue Leistungen werden erst dann allen zugänglich, wenn ihr Nutzen bewiesen ist und sie nicht zu teuer sind. Allerdings kann jeder Bürger staatlich geförderte private Zusatztarife abschließen, um auch nicht gesetzlich versicherte Leistungen zu nutzen. Das Szenario C verändert die Rolle der Versicherten fundamental: Patienten- und Konsumentenvereinigungen handeln Gruppenverträge mit Krankenversicherungen aus, welche die Bedürfnisse dieser Gruppe möglichst zielgenau abdecken. Die Versicherungen können ihre Angebote dafür freier ausgestalten, solange sie einem gesetzlich definierten Mindestanspruch genügen. ps


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