PROG30 – Studie des IDZ

Neue Prognose zur Zukunft der Zahnärzte

Eine neue Prognose über die Entwicklung der Zahnärztezahlen und der zahnärztlichen Leistungen bis zum Jahr 2030 (PROG30) hat das Institut der Deutschen Zahnärzte (IDZ) jetzt herausgegeben. Die Studie bezieht Erkenntnisse über Morbiditätstrends, aktuelle Approbationszahlen und das Berufswahl- und Berufsausübungsverhalten der Zahnärzte in die Betrachtung mit ein. Die möglichen Trends für 2030: Es gibt weniger Zahnärzte, mehr Kollegen im Angestelltenverhältnis und speziell mehr Leistungsbedarf in Richtung PAR.

Seit 1985 führt das Institut der Deutschen Zahnärzte (IDZ) Prognoseberechnungen für die zahnärztliche Entwicklung in Deutschland durch. Da die Gültigkeit der Schätzungen in hohem Maße von der Aktualität der Daten abhängt, ist es notwendig, diese in einem angemessenen Zeitraum zu überprüfen und veränderten Gegebenheiten anzupassen.

Das IDZ hat deshalb das letzte Prognosemodell für 2020 aus dem Jahr 2004 aktuell fortgeschrieben. Das neue Modell PROG30 berücksichtigt:

• neue Erkenntnisse aus der Vierten Deutschen Mundgesundheitsstudie DMS-IV mit Aussagen über orale Morbiditätstrends (wie Parodontalerkrankungen),

• neue Erkenntnisse der Bevölkerungsentwicklung (auf Basis der elften koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes),

• aktualisierte Approbationszahlen,

• sowie eine Reihe von neueren, soziologisch orientierten Einsichten zum Berufswahl- und Berufsausübungsverhalten der Zahnärzte.

Abhängig von den neuen Approbationszahlen und der Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes spielt das Modell PROG30 gedanklich drei Varianten durch:

• maximal (Variante 1)

• mittel (Variante 2)

• konservativ (Variante 3)

So stellt sich bei einer eher konservativen Betrachtung der Approbationszahlen und einer eher moderaten Annahme zur Bevölkerungsentwicklung in der Prognose beispielsweise die „Dichteziffer“ (das heißt: Einwohner je behandelnd tätigem Zahnarzt) wie in Tabelle 1 dar: Demnach würde in 2030 die Zahl der behandelnd tätigen Zahnärzte sinken. Andererseits sinkt die Bevölkerung in Deutschland ebenfalls, so dass sich vom Ergebnis an der „Dichteziffer“ nur wenig ändern würde.

Weniger Approbationen

Besonders die Revision zur Entwicklung der Zahnarztzahlen ist von Bedeutung, denn die Schätzungen in der Vergangenheit sind immer wieder von einer höheren Zahl an Approbationen ausgegangen. Nach heutiger Datenlage jedoch ist anzunehmen, dass sich die Approbationszahlen auf einem etwas niedrigeren Niveau einpendeln werden. Damit zeichnet sich eine Versorgungslage ab, die – anders als die früheren Prognosen nahelegen – eher von einem Ausgleich von Angebot und Nachfrage bis zum Jahr 2030 gekennzeichnet sein könnte. Im Falle eines weiteren Rückgangs der Approbationen wäre langfristig aber auch eine Unterdeckung des zahnärztlichen Leistungsbedarfs denkbar. Der Grund für den Rückgang der Approbationszahlen ließ sich im Rahmen der Recherche für PROG30 nicht endgültig aufklären, fest steht, dass die Approbationen insbesondere in 2005 und 2006 stark abgenommen haben.

Deswegen wurden die Prognosevarianten wie folgt gewählt:

• In Variante 1 wird mit 2 100 Approbationen pro Jahr die Anzahl wie in PROG20 beibehalten.

• Variante 2 verwendet eine Anzahl von 1 800 Approbationen pro Jahr anstelle der Annahme von 1 950 Approbationen pro Jahr in PROG20.

• Variante 3 verwendet eine Anzahl von 1 700 Approbationen pro Jahr anstelle der Annahme von 1 800 Approbationen pro Jahr in PROG20.

Mehr Senioren

Schon im Modell PROG20 war abzusehen, dass der Alterungsprozess der deutschen Bevölkerung zu einer deutlichen Strukturverschiebung mit einer starken Zunahme des Seniorenanteils über 65 Jahre führen wird. Diese Tendenz hat sich in der elften Bevölkerungsvorausberechnung noch verstärkt. Hinzu kommt ein zu erwartender Bevölkerungsrückgang. Man geht jetzt von einer Abnahme der Einwohnerzahl bis 2020 auf 80,1 Millionen beziehungsweise 81,3 Millionen Einwohner aus. Die Fortschreibung bis 2030 kommt zu einer weiteren Abnahme auf 77,2 Millionen beziehungsweise 79,8 Millionen Einwohner. Vom Rückgang der Bevölkerung wird insbesondere die jugendliche Bevölkerung betroffen sein, während der Anteil älterer Erwachsener und von Senioren stark zunimmt (siehe Tabelle 2).

Die Einschätzung hat Folgen für alle sozialen Sicherungssysteme in Deutschland: Es muss mit eher noch steigenden Belastungen hinsichtlich Morbidität und finanziellem Ressourceneinsatz gerechnet werden.

Morbidität verschiebt sich

Die Einschätzung der oralen Morbiditätsentwicklung konnte mithilfe der aktuellen Daten aus der DMS IV erheblich verbessert werden. Die dortigen Informationen zur Mundgesundheit bestätigen die im Prognosemodell PROG20 formulierten Erwartungen und übertreffen zum Teil noch den dort prognostizierten Zuwachs an Mundgesundheit.

Die Bevölkerungs- und Morbiditätsentwicklung wird insbesondere im Bereich der konservierenden und prothetischen Leistungen eher zu einem Rückgang des Leistungsbedarfs, oder speziell in der Prothetik zu einer Umschichtung der eingesetzten Therapiemittel (von herausnehmbar zu festsitzend), führen (Tabelle 3).

Leistungsbedarf verändert sich

Da die Bevölkerung während des Prognosezeitraums leicht abnimmt und die medizinischen Behandlungsaufwände für die Karies zurückgehen werden, ist von einem insgesamt zurückgehenden Leistungsbedarf auszugehen. Hiervon betroffen sind insbesondere die Bereiche „Füllungen“ und „Endodontie“, wegen der Bevölkerungsentwicklung bei Jugendlichen aber auch der Bereich der kieferorthopädischen Leistungen.

Im Bereich Prothetik zeichnen sich zwei gegenläufige Entwicklungen ab: Einerseits nimmt die Zahl der älteren und alten Bevölkerung zu, andererseits wird davon ausgegangen, dass ihr oraler Gesundheitszustand prothetische Leistungen in anderer Form erforderlich macht als bisher (Stichwort hier: Mehr Zahnerhalt als früher). Dabei bleibt aber unberücksichtigt, inwieweit festsitzende Zahnersatzversorgungen herausnehmbare Therapiemittel verdrängen werden. Insgesamt wird dieser Bereich stagnieren oder eher leicht zurückgehen. Deutlich zunehmen werden hingegen die parodontologischen Leistungen, da die Anzahl der verbleibenden Zähne ansteigen wird und altersbedingt Parodontalerkrankungen einen steigenden Bedarf verursachen dürften. Darüber hinaus ist die Vorkommenshäufigkeit (Prävalenz) von entzündlichen Zahnbetterkrankungen in Deutschland hoch.

All diese Prognosen beziehen sich auf eine Struktur der Zahnärzteschaft, die – in ihrer großen Mehrzahl – weiterhin einem freiberuflich geprägten Bild der Berufsausübung mit hoher bis sehr hoher Leistungsintensität verpflichtet bleibt.

Wird dagegen angenommen, dass die gegenwärtige Tätigkeit durch eine Reduktion der zahnärztlichen Leistungsintensität beeinflusst wird, würde der Ausgleich von Leistungsnachfrage und Leistungsangebot schon über kürzere Sicht nicht mehr möglich sein.

Neue Formen der Berufsausübung

Um Merkmale der Berufsausübung zu identifizieren, die in weiterer Zukunft für die Abschätzung des Leistungsangebots Anhaltspunkte bieten können, wurde in PROG30 die Mitgliederbefragung der Bayerischen Landeszahnärztekammer durch das Institut der Freien Berufe (2008) zu Rate gezogen. Danach identifiziert sich die große Mehrheit der Kammermitglieder durchaus mit dem traditionellen freiberuflichen Leitbild des Zahnarztes. Daneben gibt es aber – insbesondere unter den jüngeren Mitgliedern – auch eine teilweise deutliche Minderheit, die sich nicht traditionelle Berufsausübungsformen vorstellen kann oder anstrebt: So ziehen etwa 26 Prozent der männlichen und 44 Prozent der weiblichen Zahnärzte eine Tätigkeit als angestellter Zahnarzt in Betracht, vier Prozent (Männer) und acht Prozent (Frauen) als angestellter Zahnarzt in einem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) und sieben Prozent (Männer) beziehungsweise elf Prozent (Frauen) als niedergelassener Zahnarzt in einem MVZ. PROG30 ging deshalb im Sinne einer soziokulturell veränderten „work-life-balance„ der nachwachsenden Zahnärztegeneration davon aus, dass die in Betracht gezogene Tätigkeit als angestellter Zahnarzt langfristig bei einem Teil der Zahnärzteschaft in ein dauerhaftes Anstellungsverhältnis einmündet.

Geänderte Behandlungszeiten

Änderungen sind laut Prognosemodell PROG30 auch bei zahnärztlichen Behandlungszeiten zu erwarten (siehe Grafik). Insgesamt ist mit einem Sinken der Nachfrage sowohl wegen des verbesserten Mundgesundheitszustands als auch wegen der sinkenden Bevölkerungszahl zu rechnen.

Der bei Variante 1 annähernd konstante beziehungsweise bei den Varianten 2 und 3 sinkende Umfang des zahnärztlichen Leistungsangebots aufgrund der veränderten Approbationsraten führt im Lauf des Prognosezeitraums tendenziell zu einem Überangebot an zahnärztlicher Behandlungszeit, die jedoch insbesondere bei Prognosevariante 3 mit einem langfristigen ungefähren Ausgleich von Angebot und Nachfrage verbunden sein dürfte.

Die Deckung des Bedarfs an zahnärztlichen Leistungen wäre langfristig nur noch dann gegeben, wenn die Approbationszahlen wieder auf der derzeitigen Grenzkapazität des Ausbildungssystems von 2 100 pro Jahr steigen, was gegenwärtig jedoch unrealistisch scheint. pr

Der Forschungsbericht ist unter dem Titel „Prognose der Zahnärztezahl und des Bedarfs an zahnärztlichen Leistungen bis zum Jahr 2030“ als IDZ-Information Nr. 1/2009, 26. 2. 2009 erschienen.

Die Autoren sind: Dr. Josef Georg Brecht/In- ForMed Ingolstadt, Dr. Victor Paul Meyer/IDZ und Dr. Wolfgang Micheelis/IDZ.

Exemplare der IDZ-Information können kostenlos beim IDZ angefordert werden (Universitätsstr. 73, 50931 Köln, Fax: 0221/404886) oder sind unter http://www.idz-koeln.de als Download abrufbar.

Jahr

behandelndtätige Zahnärzte

Dichteziffer

2010

66243

1236

2020

64798

1236

2030

61283

1260

Tabelle 1

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