Akademie Karlsruhe: Nobelpreisträgerin Maathai hält „Mund auf-Vortrag“ 2009

Baumpflanzen als treibende Kraft für Demokratie und Frieden

Ihre kenianischen Landsleute nennen sie respektvoll „Mutter der Bäume“: Die Biologin Prof. Dr. Wangari Maathai, Friedensnobelpreisträgerin des Jahres 2004, hielt den diesjährigen Karlsruher „Mund auf“-Vortrag der Akademie für Zahnärztliche Fortbildung. Kenias stellvertretende Ministerin für Umweltschutz beeindruckte durch ihren nachhaltigen Einsatz gegen Landschaftszerstörung, Unterdrückung und Gewalt. Ihr bisher anspruchsvollstes Projekt: Sieben Milliarden Baumpflanzungen bis zur Kyoto-Nachfolgekonferenz im Dezember dieses Jahres in Kopenhagen – für jeden Menschen dieser Erde einen Baum.

Akademiedirektor Prof. Dr. Winfried Walther hatte es in seinen einleitenden Worten angekündigt: Für das aus allen Teilen Deutschlands angereiste Publikum wurde das Treffen mit Prof. Maathai zur außergewöhnlichen Begegnung. Die Kenianerin erwies sich als diejenige Frau, die der Leiter der Karlsruher Akademie versprochen hatte – ein Mensch von „unglaublicher Präsenz, treffsicher im Urteil, beeindruckend“.

Ihr Einsatz gilt der Natur und den Menschen, die die Folgen der Holzrodung in Afrika zu tragen haben. Die Gründerin der „Green Belt Movement“ habe bis heute nicht nur erreicht, dass Millionen von Bäumen gepflanzt wurden, sondern eine Gemeinschaft zur politischen Kraft gemacht, die inzwischen „weltweit als vorbildlich gilt“.

Frauen unterstützen

Maathai, die ihre akademische Ausbildung in den USA und in Deutschland erhielt, hat in ihrem Buch „Unbound“ beschrieben, wie die Baumrodung in ihrer Heimat schon zu Zeiten ihrer Kindheit schwerste Umweltschäden geschaffen hat. Beeindruckend beschrieb die inzwischen von internationalen politischen Spitzenvertretern anerkannte Biologin, welche Chancen die von afrikanischen Frauen ausgehende Bewegung für die nachhaltige Wiederaufforstung schaffen konnte.

Ihr Ziel war es, die Zerstörung „eingeborener Pflanzen“ zugunsten zwar schnell wachsender, aber das Bio-Gefüge des afrikanischen Waldes vernichtender Kulturpflanzen wie Tee oder Kaffee zu verhindern. Es gehe darum, „biologische Vielfalt zu erhalten“.

Schnell hätten gerade die Vereinten Nationen erkannt, dass eine erfolgreiche Strategie erforderte, Frauen zu unterstützen und „sprechen zu lassen“. Die Frauen sähen, so Maathai, eher die Notwendigkeit, den Bedarf an Lebensmitteln und sauberem Wasser durch einen sinnvollen Umgang mit ihrer Umwelt zu sichern.

Und es war, so schilderte die Afrikanerin dem sichtlich beeindruckten Publikum, die Befassung mit dem Erhalt der Wälder, die zur Auseinandersetzung mit den auf Industrialisierung setzenden politischen Machthabern führte. Über die „Green Belt Movement“ hätte die kongolesische Bevölkerung verstanden, „wie sie regiert wurde“. Die in Afrika von den einzig an natürlichen Ressourcen interessierten Machtgruppierungen provozierten Stammesfehden dienten der persönlichen Bereicherung Weniger.

Folglich war es eine logische Folge der Bewegung, so Maathai, sich massiv für die Schaffung demokratischer Grundvoraussetzungen einzusetzen: „Wir wurden von friedlichen Baumpflanzern zu Leuten, die die Regierung zum Umdenken und zur Schaffung demokratischer Grundsätze gebracht haben.“

Auch im Krisengebiet von Darfur, wo eigentlich „Araber gegen Schwarze kämpfen“, gehe es weniger um ethnische Auseinandersetzungen, sondern einzig um die Macht über Ressourcen.

Der zweitgrößte Baumbestand der Welt

Die in diesem Teil Afrikas sehr konservativ betriebene Landwirtschaft zerstöre im Kongo den zweitgrößten Waldbestand der Welt. Wichtig für die von Maathai angestrebte Nachhaltigkeit im Umweltschutz ist auch, dass 20 Prozent der weltweiten Treibhausgase aus der Abholzung von Wäldern entstehe. Zusammen mit dem, was Menschen und Tiere an klimarelevantem Kohlendioxid erzeugten (23 Prozent), entstünden somit mehr Treibhausgase als im weltweiten Straßenverkehr.

Selbst wenn die erforderlichen Schritte vielleicht zu spät kämen und der Planet Erde sich vielleicht an die neuen naturschädigenden Verhältnisse adaptieren werde, sei nicht klar, ob die Menschen es schaffen könnten, sich den veränderten Verhältnissen anzupassen.

Maathai hat mit ihrem weltweiten Einsatz für die „Green Belt Movement“ inzwischen weltweit viel erreicht. Zum Beispiel ist mit britischen und norwegischen Geldern eine Stiftung zum Schutz des afrikanischen Waldes gegründet worden. Solche Modelle, so zeigte sich die Nobelpreisträgerin überzeugt, seien auch für die Probleme am Amazonas geeignet. Frau Maathai appellierte auch an ihre Zuhörer, ihre Einflüsse geltend zu machen, damit die in diesem Jahr im Dezember in Kopenhagen tagende Kyoto-Folgekonferenz zu nachhaltigen Beschlüssen befähigt werde.

Mehr noch: „Sagen Sie auch Ihren Kindern, dass wir Bäume pflanzen“, forderte die Kongolesin. Im Rahmen ihrer Kampagne will sie erreichen, dass bis zur Kopenhagener Konferenz weltweit für jeden der rund sieben Milliarden Menschen ein Baum gepflanzt wird.

Arme leben in „Nairobis“, nicht in „Karlsruhes“

Außergewöhnlich für den diesjährigen „Mund auf“-Event war auch die Dankesrede des ehemaligen UN-Umweltdirektors Prof. Dr. Klaus Töpfer an seine Freundin Wangari Maathai. „Armut, Gewalt und Korruption“ gebe es nicht nur in Afrika, aber 70 Prozent der Menschheit lebe „in Nairobis und nicht in Karlsruhes“. Maathais Vortrag sei nicht der einer Professorin, sondern „die Rede eines Menschen, der andere mitnehmen will“. Die von ihr angestrebte nachhaltige Entwicklung sei der Inbegriff von Frieden. Und der könne nur erhalten bleiben, wenn die Menschen „ihren Frieden auch mit der Natur machten“.

Akademie-Direktor Walther vermerkte anlässlich der in der Öffentlichkeit auch in diesem Jahr viel beachteten Veranstaltung, dass gerade die auffällig hohe Teilnahme zahnärztlicher Standespolitiker wieder einmal aufzeige, welchen Stellenwert gesellschaftliches Engagement für die deutsche Zahnärzteschaft habe. mn

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