125 Jahre akademische Zahnheilkunde in Leipzig

Vom Ein-Mann-Institut zum großen ZMK-Zentrum

Barbara LangankeIm Oktober 1884 wurde das erste deutsche zahnärztliche Institut an der Universität Leipzig durch den Extraordinarius für Zahnheilkunde Professor Dr. Friedrich Louis Hesse eröffnet. Hier fand erstmals eine schulmäßige zahnärztliche Ausbildung mit theoretischen und praktischen Unterweisungen der Studierenden statt. Das Institut wurde in der Folgezeit Vorbild für den Aufbau gleichartiger Einrichtungen in Deutschland.

Noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lag die Zahnbehandlung in Deutschland in den Händen von Ärzten oder Wundärzten mit speziellem Nachweis einer manuellen Geschicklichkeit, der sogenannten „Approbatio ad mechanica“, mehrheitlich aber von nicht approbierten Zahnbehandlern und vorwiegend technisch ausgebildeten „Zahnkünstlern“. Anders in Nordamerika: Hier hatte sich die Zahnheilkunde bereits zu einem selbstständigen Fachgebiet entwickelt. So suchten an der Zahnheilkunde interessierte Ärzte Nordamerikas Dental Colleges auf. Auch der Leipziger Arzt und Anatom Dr. Friedrich Louis Hesse erwarb 1880 bis 1882 mit finanzieller Unterstützung der medizinischen Fakultät der Universität Leipzig am New Yorker College of Dentistry den Titel DDS. Zurückgekehrt eröffnete er zunächst eine zahnärztliche Praxis in Leipzig und hielt am Anatomischen Institut Vorlesungen für Zahnmediziner. Im Mai 1884 folgte das Sächsische Königliche Ministerium für Kultus dem Antrag der Medizinischen Fakultät und beauftragte Hesse mit der Ausarbeitung eines Status und eines Etats für ein zahnärztliches Institut.

Am 16. Oktober 1884 konnte Dr. med. Friedrich Louis Hesse (1849 bis 1906) als außerordentlicher Professor mit Lehrauftrag für die Zahnheilkunde seine Lehrtätigkeit vor sieben Studenten in vier kleinen Räumen eines universitätseigenen Gebäudes in der Goethestraße 5 im Zentrum Leipzigs aufnehmen. Damit war der Grundstein für eine professionelle akademische Ausbildung der Zahnärzte gelegt. Das Leipziger zahnärztliche Institut wurde in den folgenden Jahren Vorbild für die Einrichtung gleichartiger Unterrichtsanstalten in Deutschland. Hesse sah seine Aufgabe in der praktischen zahnärztlichen Ausbildung, die in zwei dem Direktor unterstellten Abteilungen erfolgte: in einer operativ-konservierenden und einer zahnärztlich-technischen Abteilung. Den Unterricht in Anatomie, Physiologie, Pathologie, Chirurgie und Arzneimittellehre erhielten die Studenten in den jeweiligen Einrichtungen der medizinischen Fakultät.

Neben der Lehrtätigkeit widmete sich Hesse weiterhin der Standespolitik und kämpfte unerbittlich weiterhin sowohl gegen die zahnärztlich tätigen Ärzte als auch gegen die nicht approbierten Zahnbehandler. Ebenso setzte er sich in berufsständigen Gremien für eine erweiterte naturwissenschaftliche und medizinische Ausbildung der Zahnärzte ein. Nach 20-jähriger unermüdlicher Tätigkeit machten sich bei Hesse zunehmend gesundheitliche Probleme mit Abnahme seiner Leistungsfähigkeit bemerkbar. 1906 ließ er sich von der Universität beurlauben und fand am 22. 10. 1906 durch Selbsttötung ein tragisches Ende

Gliederung des Fachgebiets

Bei der Neubesetzung der leitenden Stelle des Instituts nach einjährigem Interregnum wurde der Entwicklung der Zahnheilkunde durch die Berufung zweier Abteilungsleiter Rechnung getragen. Für die selbständige operativ-konservierende Abteilung wurde Professor Dr. phil. Theodor Dependorf (1870 bis 1915) und für die ebenfalls selbstständige zahnärztlich-technische Abteilung Hofrat Professor Dr. Heinrich Wilhelm Pfaff (1870 bis 1942) berufen. Pfaff erhielt gleichzeitig den ersten Lehrauftrag für Orthodontie, die er bald als Pflichtfach in die zahnmedizinische Ausbildung einführte. Damit legte er den Grundstein für die Entwicklung einer wissenschaftlich geprägten Kieferorthopädie als selbstständigen Fachbereich. Die deutschen Kieferorthopäden feierten 2008 das 100-jährige Bestehen des kieferorthopädischen Lehrstuhls in Leipzig. Auch die Gründung der zahnärztlichen Werkstoffkunde geht auf Pfaff zurück. Er verpflichtete 1911 den Chemiker und späteren Professor Dr. Friedrich Schoenbeck für die Betreuung der Werkstoffkunde, an deren Entwicklung ebenfalls Leipziger Wissenschaftler bis in die heutige Zeit maßgeblichen Anteil hatten.

1910 konnte ein moderner fünfstöckiger Neubau mit geräumigen Behandlungssälen für alle Abteilungen und einem großen Hörsaal in der Nürnberger Straße 57 bezogen werden, der mit geringfügigen Umbauten und Erweiterungen von dem Fachgebiet bis heute genutzt wird. Während des Ersten Weltkrieges fand auch ein 1915 von Pfaff eingerichtetes Speziallazarett für Kieferverletzte Platz.

1919 nahm der Arzt und Zahnarzt Professor Dr. Oskar Römer (1866 bis 1952) den Ruf nach Leipzig wahr. Anlässlich seiner Amtseinführung erhielten er und Pfaff die Ehrendoktorwürde der Zahnheilkunde nachdem dieser akademische Grad in Deutschland kurz zuvor eingeführt worden war. Der große Andrang von Studierenden nach dem Ersten Weltkrieg und die weitere Spezialisierung des Faches bewogen Römer, die Leitung der konservierenden Abteilung an seinen Assistenten und späteren Professor Dr. Adolf Hille (1873 bis 1947) abzugeben. Damit wurde 1923 die notwendige Teilung der Zahnheilkunde in drei Fachbereiche endlich auch in Leipzig realisiert.

Römer, ein Pionier der modernen Zahnheilkunde, genoss sowohl bei den Studierenden als auch in der Medizinischen Fakultät hohes Ansehen. So bekleidete er von 1925 bis 1926 das Amt des Dekans der Medizinischen Fakultät und wurde am 31. 10. 1928 als erster Vertreter der Zahnheilkunde Rektor der Alma mater Lipsiensis.

Protagonisten der modernen Zahnheilkunde

Mitte der 30er-Jahre kam es durch Neuberufungen zu einem Generationenwechsel, womit weitere Spezialisierungen verbunden waren. Nachfolger Römers für die klinisch-operative Abteilung wurde 1934 Professor Dr. med. Dr. med. dent. Karl Hauenstein (1881 bis 1952). Aufgrund seiner Ausbildung zum Zahn-, Mund- und Kieferchirurgen lag ihm vor allem die Einbeziehung erweiterter medizinischer Grundkenntnisse in die Ausbildung der Zahnärzte am Herzen. Sein besonderes Verdienst war die 1937 erfolgte Eröffnung einer Bettenstation, womit gleichzeitig die Namensänderung in Klinik für Zahn- und Kieferkrankheiten verbunden war.

Für die kieferorthopädische und prothetische Abteilung wurde 1936 Professor Dr. med. Dr. med. dent. Erwin Reichenbach (1887 bis 1973) berufen. Auch er war Zahnarzt und Kieferchirurg und bereits ein Verfechter einer kombinierten kieferorthopädisch-chirurgischen Behandlung ausgeprägter Dysgnathien.

Beide Ordinarien waren Protagonisten der modernen Zahn- und Kieferheilkunde und haben sich durch ihre wissenschaftlichen Arbeiten und als Autoren und Koautoren von Fach- und Lehrbüchern im deutschsprachigen Raum einen Namen gemacht. Das Extraordinariat für die konservierende Zahnheilkunde wurde 1938 mit Professor Dr. Herbert Greth (1898 bis 1943) besetzt, der weitblickend die Parodontologie bereits als Lehrfach in den Studienplan aufnahm. So gingen von Leipzig entscheidende Impulse für die Erweiterung und Spezialisierung des Fachgebiets aus.

Kriegsbedingte Einschränkungen

Schon zu Beginn des Zweiten Weltkrieges und verstärkt ab 1941 wurden Lehre, Forschung und Betreuung durch Einberufungen sowohl der Ordinarien als auch von Mitarbeitern erheblich behindert. Zusätzlich fiel ein beträchtlicher Teil des Gebäudes der Universitäts-Zahn- und Kieferklinik dem großen Luftangriff auf Leipzig am 4. 12. 1943 zum Opfer. Nur die inzwischen in das benachbarte ehemalige Haus der Leipziger Sängerschaft St. Pauli verlagerte Bettenstation blieb weitestgehend unbeschädigt, so dass Lehr- und Forschungsräume dorthin ausgelagert werden konnten. Die Anweisung zum totalen Kriegseinsatz der Studenten in Deutschland vom 6. 9. 1944 beendete den gesamten Studienbetrieb.

Im Februar 1946 wurde die studentische Ausbildung an der Universität Leipzig unter sehr schwierigen Lebens- und Arbeitsbedingungen bei absoluter Mangelsituation auf allen Gebieten wieder aufgenommen. Die kommissarische Leitung der gesamten Klinik wurde weiterhin dem 1939 zum außerordentlichen Professor berufenen Dr. Rudolf Kleeberg (1892 bis 1970) übertragen, der bereits in den letzten Kriegsjahren als Prothetiker die Hauptlast der Lehre und Betreuungspraxis zu tragen hatte.

Nach mehrjähriger Beurlaubung kehrte Hauenstein 1949 als Ordinarius und Direktor der Abteilung für klinisch-operative Zahnheilkunde mit angegliederter Bettenstation zurück. Gleichzeitig übertrug man ihm die kommissarische Leitung der Abteilung für konservierende Zahnheilkunde. Dem unermüdlichen persönlichen Einsatz von Kleeberg und Hauenstein war es zu danken, dass 1951 mit dem Wiederaufbau der Klinik begonnen wurde. Mit der Eröffnung am 30. 06. 1953 wurde die Einrichtung in Klinik für Zahn-, Mund- und Kieferkrankheiten (Klinik für ZMK) umbenannt. Hauenstein war es durch seinen plötzlichen Tod 1952 nicht vergönnt, diesen Tag zu erleben.

40 Jahre Sozialismus

Nach seiner Berufung 1949 zum Ordinarius für Prothetik und Kieferorthopädie bekleidete Kleeberg von 1949 bis 1961 das Amt des Prodekans und später des Dekans der Medizinischen Fakultät. Trotz der vielfältigen Belastungen sah er es als seine Pflicht, die theoretische und praktische Ausbildung der Studenten selbst zu übernehmen, was ihm hohes Ansehen bei Mitarbeitern und Studenten einbrachte Der Beiname „Papi Kleeberg“ zeugte davon. Ungeachtet der schwierigen Bedingungen der Nachkriegszeit initiierten Kleeberg und Hauenstein bereits im Januar 1948 die Gründung einer Medizinisch-Wissenschaftlichen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde an der Universität Leipzig. Auf der Gründungssitzung am 10. 01. 1948 wurde Hauenstein zum ersten Vorsitzenden gewählt. Kleeberg wurde sein Nachfolger.

Die Gesellschaft hat die komplizierten Zeiten des Sozialismus mit Isolierung und Reglementierungen überstanden und konnte 2008 ihr 60-jähriges Jubiläum würdig feiern.

Mit der zweiten Hochschulreform wurden 1951 in der DDR die Grundlagen für eine Ideologisierung des geistigen Lebens an den Universitäten und Hochschulen unter anderem durch die Einführung des Pflichtfaches Marxismus-Leninismus in allen Studiengängen geschaffen. Gleichzeitig wurde das Studium in einem Zehn-Monate-Rhythmus mit festen Studienplänen straff organisiert. Das Studium der Zahnmedizin wurde von acht auf zehn Semester verlängert, wobei medizinische Inhalte stärker integriert wurden. 1957 erfuhr die Zahnmedizin durch Gründung der Fachrichtung Zahnmedizin eine gewisse Aufwertung. In den Folgejahren wurden Abteilungen für Parodontologie und Kinderzahnheilkunde etabliert.

Ende der 50er- und Anfang der 60er-Jahre wurden die drei Ordinariate neu besetzt durch Berufung von Professor Dr. Dr. Joachim Weiskopf (geb. 1927) für Kieferorthopädie und Prothetik, von Professor Dr. Dr. Wolfgang Bethmann (1920 bis 1990) für Zahn-, Mund- und Kieferchirurgie und von Professor Dr. Walter Künzel (geb. 1928) für konservierende Zahnheilkunde einschließlich der Kinderstomatologie. Die Abteilungen erhielten 1965 den Status der Selbstständigkeit. 1968 wurden die Ordinariate in Lehrstühle umgewandelt. Damit verbunden war, auch bedingt durch weiter gestiegene Studentenzahlen, die Entwicklung hin zu größeren Polikliniken und einer angesehenen Klinik. Die Selbständigkeit der Disziplinen Kieferorthopädie, Parodontologie und Kinderzahnheilkunde ließ noch auf sich warten.

Weiskopf engagierte sich neben seiner wissenschaftlichen und Lehrtätigkeit von 1973 bis 1980 als Dekan der Medizinischen Fakultät. Bethmann erwarb sich Verdienste um die Entwicklung des Fachgebiets der Kieferchirurgie in der DDR und Künzel begründete mit seinen Arbeiten zur Kariesprophylaxe die präventive Zahnheilkunde. Alle drei Ordinarien erwarben sich durch ihr Engagement für das Fachgebiet und ihre wissenschaftlichen Arbeiten Wertschätzung und Anerkennung weit über Leipzig hinaus. Ihre Verdienste wie auch das ihrer leitenden Mitarbeiter und ihrer Nachfolger können im Rückblick nicht hoch genug eingestuft werden, kämpften sie doch auch gegen Bevormundung, Dirigismus und Mangel in allen Bereichen. So machte die überalterte und überlastete Bausubstanz sowohl des Hauptals auch des Bettenhauses in den 70er-Jahren auf sich aufmerksam. Ambulanter und stationärer Bereich mussten ausgelagert und die Gebäude saniert werden. In der DDR fast unlösbare Probleme, die bewältigt werden mussten.

Neuanfang

Die einschneidenden politischen Veränderungen 1989/90 führten auch im Zentrum für ZMK zu einer Neuorientierung. Nach einer Übergangszeit wurden Lehrstühle neu besetzt, teilweise durch Berufungen aus den alten Bundesländern. Es kam aber auch gewollt zu einem kontinuierlichen Abgang von Mitarbeitern, die einmal die Chancen zur Selbstständigkeit in eigener Praxis wahrnahmen, zum anderen aber der Unsicherheit der weiteren Entwicklung der Hochschulen der neuen Bundesländer entgehen wollten.

Im alten Gebäude konnten die Polikliniken binnen kurzer Zeit technisch und räumlich modernisiert werden. Jetzt verfügbare neue Techniken und Materialien erweiterten und vereinfachten Therapieverfahren. Der stationäre Bereich der Kieferchirurgie zog in die neu errichtete benachbarte Kopfklinik. Im Rahmen der komplexen Rekonstruktion des Universitätsklinikums ist jetzt ein Neubau auch für das Zentrum für ZMK vor dem alten Gebäude in der Planung.

Anlässlich der Feierlichkeiten zum 125 jährigen Bestehen der akademischen Zahnheilkunde in Leipzig wird in einem akademischen Festakt am 14. 05. 2009 in Anwesenheit von Nachfahren Hesses die Namensgebung in Friedrich-Louis-Hesse-Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde und orale Medizin erfolgen.

Professor Dr. Dr. Barbara Langanke
Zentrum für Zahn-, Mund- und
Kieferheilkunde
Universitätsklinikum Leipzig AöR
Nürnberger Straße 57, 04103 Leipzig
b_langanke@t-online.de

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