Grenzüberschreitende Gesundheitsversorgung

Ein Trend zur geplanten Behandlung im Ausland

Die Zahl der Behandlungen im EU-Ausland übersteigt nach wie vor nicht die Ein-Prozent-Marke. Allerdings scheinen sich zunehmend mehr Patienten gezielt für eine medizinische Versorgung bei ausländischen Leistungserbringern zu entscheiden. Dies legt eine Studie der Techniker Krankenkasse Hessen nahe. Der Wunsch nach finanziellen Einsparungen spielt dabei eine wesentliche Rolle.

Rund 680 000 Deutsche lassen sich jährlich im EU-Ausland behandeln. Das sind knapp ein Prozent aller gesetzlich Krankenversicherten. Zu diesem Ergebnis kommt die Landesvertretung Hessen der Techniker Krankenkasse (TK) in einer aktuell herausgegebenen Studie („TK-Ergebnisanalyse zu EU-Auslandsbehandlungen 2007“). Für die Untersuchung hatte die Kasse eine Befragung unter ihren 34 000 Mitgliedern durchgeführt und die Antworten von 12 000 Teilnehmern auf Deutschland hochgerechnet.

Wenngleich die Ergebnisse der Studie nicht unbedingt als repräsentativ gelten können, entsprechen sie in etwa den bislang bekannt gewordenen Zahlen zu EU-Auslandsbehandlungen, die sich alle in einer Größenordnung von maximal ein Prozent bewegen. So gibt beispielsweise die Siemens Betriebskrankenkasse (SBKK) ihre Aufwendungen für Leistungen im europäischen Ausland für 2008 mit 0,5 Prozent der Gesamtleistungsausgaben an. In den vorhergehenden drei Jahren waren es nach Angaben der SBKK 0,6 Prozent.

Gezielte Entscheidung

Neu an der TK-Studie ist, dass sich offensichtlich immer mehr Versicherte gezielt dafür entscheiden, medizinische Leistungen im Ausland in Anspruch zu nehmen. Nach Angaben der Kasse gingen 2007 etwa 60 Prozent der Behandlungen auf einen Akutbeziehungsweise Notfall zurück. 40 Prozent der Leistungsinanspruchnahmen waren dagegen geplant und wurden nach dem Prinzip der Kostenerstattung abgerechnet. Vier Jahre zuvor seien es lediglich sieben Prozent (bezogen auf 2 100 befragte Mitglieder) gewesen, berichtet die TK

Die Auslandsbehandlungen fanden überwiegend in Spanien, Österreich, Frankreich, Italien, der Schweiz sowie Tschechien, Ungarn und Polen statt. Dabei handelte es sich vorwiegend um ambulante Leistungen, wie der Besuch eines Allgemeinarztes, Arzneioder Heilmittelverordnungen und Kuren sowie – an siebter Stelle – Zahnersatz. Nach Hochrechnungen der TK auf die gesamte GKV dürfte es sich bei den Zahnbehandlungen um eine Größenordnung von mindestens 75 000 Inanspruchnahmen im EU-Ausland jährlich handeln.

Die Gründe für Auslandsbehandlungen seien vielfältig, heißt es in der Studie. Als wichtigste Motive konnte die Kasse den Wunsch nach einem im Vergleich zu Deutschland höheren Behandlungskomfort (14 Prozent) und nach finanziellen Einsparungen bei Leistungen ausmachen, die hierzulande zuzahlungspflichtig sind, wie Zahnersatz (13 Prozent). Danach folgte die Inanspruchnahme neuer Behandlungsverfahren (sieben Prozent) sowie die Wahl von Behandlungen, die von der Schulmedizin in Deutschland nicht anerkannt werden (sieben Prozent). Als Gründe nannten die Befragten auch das gezielte Aufsuchen europäischer Spezialisten (fünf Prozent) und Spezialkliniken in Grenzregionen (drei Prozent).

Die Techniker Krankenkasse folgert daraus: „Zunehmende Tendenzen zu Kostendämpfung und Eigenleistungen im deutschen Gesundheitssystem (zum Beispiel Arzneimittel, Zahnbehandlungen, Kuren und Heilmittel) in Kombination mit der steigenden Qualität der medizinischen Behandlung im EU-Ausland könnten die Inanspruchnahme von EUAuslandsbehandlungen begünstigen.“

Für eine zukunftsweisende Entwicklung des europaweiten Gesundheitsmarktes wäre es aus Sicht der TK notwendig, europaweite Qualitätsstandards zu etablieren. Zudem hinderten derzeit noch fehlende Informationen viele Patienten daran, Gesundheitsdienstleistungen in der EU in Anspruch zu nehmen. „21 Prozent der Menschen glauben, dass sie keinen Anspruch auf eine medizinische Behandlung im EU-Ausland haben und 13 Prozent sind sich nicht sicher“, so Denise Jacoby, Sprecherin der TK.

Finanzielle Risiken

Hinzu kämen finanzielle Risiken, ungeklärte Haftungszuständigkeiten sowie sprachliche Schwierigkeiten. So haben der Studie zufolge mehr als vier Fünftel der Befragten einen Teil der Kosten für die medizinische Leistung im EU-Ausland selbst tragen müssen. Hohe zusätzliche Kosten seien in einem Drittel der Fälle auch der Hauptgrund für eine Unzufriedenheit mit der Auslandsbehandlung gewesen, schreibt die TK. 21 Prozent der Befragten hätten sich zudem schlechter behandelt gefühlt als im deutschen Gesundheitssystem.

Verträge mit Leistungserbringern im EUAusland könnten nach Meinung der TK dazu beitragen, diese Hindernisse abzubauen. Auch die Siemens BKK sieht hierin einen sinnvollen Weg: „Es wird hoffentlich nicht mehr lange dauern, bis deutsche Krankenkassen mit europäischen Ärzten, Krankenhäusern sowie Heil- und Hilfsmittelieferanten flächendeckende Verträge schließen werden“, so Günther Lorff von der SBKK in München. Lorff spricht sich zudem für die Bildung von privatrechtlich organisierten europaweiten Gesundheitsunternehmen nach dem Vorbild der Kfz-Versicherung aus, die auf der Grundlage gesetzlicher Vorschriften Leistungen gewähren sollen.

Petra Spielberg
Christian-Gau-Straße 24
50933 Köln

Weitere Bilder
Bilder schließen