Leitartikel

Ein falscher Weg

Sehr geehrte Frau Kollegin,
sehr geehrter Herr Kollege,

wie haben Sie eigentlich die Studentenproteste der vergangenen Wochen aufgenommen? Ist es Ihnen so gegangen wie den meisten Deutschen? Antipathie war zwar keine im Spiel, aber wirkliche Betroffenheit blieb aus? Schließlich wächst dort, könnte man meinen, eine Generation ins gesellschaftliche Leben, die schon auf Grund des wachsenden demographischen Missverhältnisses zwischen Jung und Alt weniger Existenzängste haben wird als Unsereiner? Soviel zur Stammtisch-Argumentation!

Was wirklich passiert, sollte uns ganz anders aus der Reserve locken. Denn der akademische Nachwuchs muss die künftigen Lasten unserer Gesellschaft tragen. Und die bisherigen Lösungsansätze für deren Probleme können denkende Menschen bisher kaum zufriedenstellen. Schon die Betrachtung des ärztlichen und zahnärztlichen Berufsstandes reicht aus, um die Dimension der Misere zu verdeutlichen. Die ersten blinden Flecken medizinischer Unterversorgung sind bereits erkennbar. Immer weniger Ärzte sollen künftig immer mehr alte, multimorbide Menschen versorgen.

Und dieser Sachlage wird mit einer Bildungssystematik begegnet, der es ausreicht, verschiedene Berufssparten aus ganz unterschiedlichen Nationen einfach über einen Kamm zu scheren! Dabei muss angesichts unterschiedlicher Sozial- und Gesundheitssysteme, aber auch vollkommen divergierender Ausgangssituationen einzelner Heilberufe viel genauer differenziert werden. Schon hier in Deutschland arbeiten allein Ärzte und Zahnärzte unter vollkommen anderen Bedingungen. Die Auslastung der zahnärztlichen Versorgung ist – so eine Untersuchung des IDZ – auch im Jahr 2030 noch gesichert und stabil. Die Zugangsvoraussetzungen innerhalb Europas sind geklärt, der von der EU-Kommission präferierte vermehrte Eintritt von Frauen ist in unserer Berufsgruppe längst erfolgt.

Wenn "Master" und "Bachelor" – sie sind für die Studenten der Stein des Anstoßes, für Bildungsministerin Annette Schavan hingegen europäisches Diktat – unsere Probleme in Deutschland auffangen sollen, entstehen gewaltige Gefahren. Wer meint, mehr ausgebildete Akademiker, noch dazu mit unterschiedlichen Qualifizierungsgraden, könnten helfen, Bildung und Wissenschaft international konkurrenzfähig zu halten und die Versorgungsprobleme zu schmälern, denkt falsch. Ein verkürztes Zahnmedizinstudium kommt, gerade in Zeiten immer komplexerer wissenschaftlicher Erkenntnisse, für den Berufsstand nicht in Frage. Zu groß wären die Nachteile für die Patientensicherheit, zu prekär die berufsständischen Folgen wie mangelnde Einheitlichkeit der Berufsausübung und damit einhergehende Rechtsunsicherheit. "Master" und "Bachelor" wären hier ganz sicher der falsche Weg.

Deshalb hat der Medizinische Fakultätentag jüngst klare Forderungen aufgestellt, die mit den Ansinnen der Studenten übereinstimmen dürften: Die in den zurückliegenden Jahren von VHZMK, BZÄK und Studentenschaft einvernehmlich erarbeitete neue zahnärztliche Approbationsordnung soll von den zuständigen Ländergremien verabschiedet und vom BMG endlich auf den Weg gebracht werden. Die Einführung von Bachelor- oder Masterstudiengängen in der Medizin und Zahnmedizin wird als ein Forschung und Lehre gefährdender Weg ausdrücklich abgelehnt.

Wer sich die Auffassung des Medizinischen Fakultätentages vor Augen führt, erkennt, welchen Irrweg deutsche Bildungspolitiker in ihrem schematisierenden europäischen Gleichmachungswahn hier gehen. Da kann es nur wach machen, dass selbst das Bundesverfassungsgericht mit seinem Urteil zu den Lissabonner Verträgen – wenn auch nur zugeschnitten auf den Bereich der Sozialsystematik – das Recht auf nationale Eigenständigkeit hervorhebt.

Und Puristen, die eine Vermischung dieser beiden Themenbereiche nicht akzeptieren, sollten ruhig mal querdenken: Auch eine falsche Hochschulpolitik hat Auswirkungen auf die nationalen Sozialsysteme.

Mit freundlichen kollegialen Grüßen

Dr. Peter Engel
Präsident der Bundeszahnärztekammer