Auslandszahnersatz

Der Import nimmt zu

Gabriele PrchalaDer Import von Zahnersatz aus dem Ausland nimmt zu, Dentaltourismus bleibt aber eine Randerscheinung. Und dem Patienten kommt es nicht nur auf Kosten und Nutzen an, sondern vor allem auch auf das vertrauensvolle Verhältnis zu seinem Zahnarzt. Dies ist die Quintessenz einer neuen Studie des Instituts der Deutschen Zahnärzte (IDZ), die BZÄK und KZBV am 9. Juli in Berlin auf einer Pressekonferenz der Öffentlichkeit vorstellten.

Hier die Kernergebnisse der Studie (Details im nachfolgenden Bericht ab Seite 30): Befragt wurden Patienten und Zahnärzte. Von den befragten Personen gaben 2,3 Prozent an, bereits im Ausland gefertigten Zahnersatz zu tragen. Unter den Zahnärzten gaben 12,3 Prozent an, „häufig“ Auslandszahnersatz einzugliedern. 15,3 Prozent tun dies „gelegentlich“, 23,4 Prozent „eher selten“ und 49 Prozent „gar nicht“. Über alle Zahnärzte gerechnet beträgt der Anteil des Auslandszahnersatzes an den Prothetikfällen im Durchschnitt rund 10 Prozent. Für die Untersuchung, die vom Institut der Deutschen Zahnärzte (IDZ) in Köln in Zusammenarbeit mit dem Institut für empirische Gesundheitsökonomie (IfEG) durchgeführt wurde, waren insgesamt 1 368 Versicherte und 300 Zahnärzte befragt worden. Grenzüberschreitende Gesundheitsdienstleistungen sind in den letzten Jahren verstärkt in das öffentliche Interesse gerückt, außerdem sind Patienten zunehmend mobiler geworden, was die Versorgung im Ausland angeht. Grund genug für das gemeinsam von BZÄK und KZBV getragene IDZ, eine umfassende und bevölkerungsrepräsentative Studie zum Ausmaß von und zur Versorgung mit Auslandszahnersatz durchzuführen, um auf diesem Gebiet erstmals verlässliche Zahlen zu präsentieren. Die frisch gedruckte Studie wurde auf einer gemeinsamen Pressekonferenz vorgestellt, auf der der KZBV-Vorsitzende Dr. Jürgen Fedderwitz, der Vizepräsident der BZÄK, Dr. Dietmar Oesterreich und der wissenschaftliche Referent des IDZ, Dr. David Klingenberger, der Presse Rede und Antwort standen. Zwei Gründe sieht der KZBV-Vorsitzende Fedderwitz für das wachsende Interesse an Zahnersatz aus dem Ausland: zum einen den verstärkten Wettbewerb auf dem Versorgungsmarkt aufgrund der Internationalisierung der Gesundheitsmärkte und zum anderen das Festzuschusssystem, das im Jahr 2005 eingeführt wurde. Dadurch, so erläuterte Fedderwitz vor rund 40 Vertretern von Fernsehen, Rundfunk und Printmedien im Haus der Bundespressekonferenz, habe die Preissensitivität der Versicherten zugenommen. Der Markt habe auf die Umstellung zu den Festzuschüssen mit einem erweiterten Spektrum an prothetischen Versorgungsangeboten reagiert. Das sei auch vom Gesetzgeber politisch so gewollt gewesen. Unter Slogans wie „Zahnersatz zum Nulltarif“ habe sich daraus aber teilweise eine Discount- und Basarmentalität entwickelt. Und das vor dem Hintergrund, dass der größte Kostenfaktor beim Zahnersatz in der Regel die Zahntechnik sei, Material- und Laborkosten machten rund 60 bis 70 Prozent der Gesamtkosten aus. Ganz wichtig sei, so Fedderwitz, das seriöse und kostenbewusst kalkulierte Versorgungsangebot des Zahnarztes. Andererseits zeige sich inzwischen ein offensives, manchmal auch aggressives Marketingverhalten verschiedener Akteure. Oft träten beispielsweise Zahntechnik-Unternehmen mit kostengünstigen Angeboten sogar direkt an die Patienten heran. Für den Zahnarzt sei das nicht unbedingt einfach, denn er allein trage gegenüber dem Patienten die Gesamtverantwortung für die Qualität der Behandlung.

Fragen der Qualität

Unbeantwortet ist bis jetzt die Frage nach der Qualität von Auslandszahnersatz. Es ist aber davon auszugehen, dass Auslandszahnersatz eher für Standardversorgungen geeignet ist. Je komplexer die Behandlungssituation und je höher die Patientenansprüche, umso wichtiger wird eine wohnortnahe Versorgung. Indizien für eine gesundheitliche Bedenklichkeit von Auslandszahnersatz lägen bisher nicht vor. Doch ebenso wenig existierten repräsentative klinische Studien über dessen Qualität.

Was den Dentaltourismus angeht, so kommt die neue IDZ-Studie zu einem überraschenden Ergebnis: Nur etwa einer von 100 befragten Versicherten ist bisher für eine prothetische Versorgung ins Ausland gefahren. Entgegen des aufgrund von stark aufgebauschten Medienberichten vermuteten großen Patienteninteresses bewegt sich der Dentaltourismus also auf einem niedrigen Niveau. Fedderwitz: „Das ist aus zahnärztlicher Sicht gut so. Viele Zahnersatzversorgungen sind komplex und brauchen Vor- und Nachbehandlung. Sie sind kein Quickfix, den man zwischen Balaton und Budapest im Kurzurlaub erledigen sollte.“

Fedderwitz verwies auf mögliche juristische und finanzielle Nachteile bei Auslandsbehandlungen, falls nach der Rückkehr der Gewährleistungsfall eintrete oder medizinische Komplikationen aufträten. Zudem hat das Bundessozialgericht vor Kurzem bestätigt, dass vor Beginn einer Therapie – auch im Ausland – ein Heil- und Kostenplan des behandelnden Zahnarztes erstellt werden muss, der von der Krankenkasse zu genehmigen ist. Das würde bedeuten, dass der Patient bereits vor der eigentlichen Behandlung ins Ausland reisen müsste.

Zahnarztbindung

Aus Sicht der BZÄK stellt die Studie nicht nur einen wichtigen Beitrag zur Gesundheitsökonomie dar, sondern liefert auch wichtige Erkenntnisse zur Versorgungsforschung: Eine simple Kosten-Nutzen-Betrachtung des Themas greife zu kurz, verdeutlichte BZÄKVizepräsident Dr. Dietmar Oesterreich gegenüber der Presse. Motive und Gegenmotive des Patienten für oder gegen Auslandszahnersatz und Dentaltourismus waren neben dem Preisargument vor allem die hohe Bedeutung der emotionalen Zahnarztbindung und eine skeptische Qualitätsvermutung. Er verwies auf die Ergebnisse der DMS IV-Studie, der zufolge 70 Prozent der Gesamtbevölkerung regelmäßig den Zahnarzt aufsuchten und die Zahnarztbindung in Deutschland außerordentlich stark ausgeprägt sei: Rund 90 Prozent der Patienten gingen immer zu demselben Zahnarzt.

Die IDZ-Studie belege erneut, welche große Rolle das vertrauensvolle Zahnarzt-/Patienten-Verhältnis besitze. Somit zeige sich, dass die Entscheidung des Patienten nicht allein über den Preis der Versorgung getroffen werde – auch wenn eine Sozialschichtenabhängigkeit bestehe.

Oesterreich unterstrich auch berufsrechtliche Aspekte. Der Zahnarzt sei schließlich gegenüber dem Patienten in der Verantwortung und nehme diese trotz zunehmendem Wettbewerb und trotz verstärktem Kostendruck von politischer Seite wahr. Die mit zahlreichen Qualitätssicherungsmaßnahmen ausgebaute zahnmedizinische Versorgung in Deutschland schaffe in der Bevölkerung eine organisierte Vertrauenskultur. Zudem stünden einem günstigen Preis im Ausland nicht unerhebliche Reisekosten gegenüber. Gleichzeitig müsse der Patient wissen, dass haftungsrechtliche Ansprüche bei Fehlbehandlungen nur im Ausland durchgesetzt werden können.

Beratung wichtig

Eine besondere Bedeutung im Versorgungsalltag habe das Modell der Partizipativen Entscheidungsfindung, bei der Zahnarzt und Patient gemeinsam Diagnose und Therapieoptionen besprechen und die Therapie festlegen, erklärte Oesterreich den Journalisten. Neben dem Preis spielten auch Qualitätsüberlegungen, ästhetische Ansprüche oder Komfortüberlegungen beim Entscheidungsprozess eine Rolle. Umso mehr erhöhe sich der Bedarf an Information und Beratung für den Patienten. Oesterreich verwies auf das von den zahnärztlichen Organisationen gut ausgebaute Netzwerk von Patienteninformationen, Patientenberatung, Zweitmeinungsmodellen bis hin zu Gutachterwesen und Schlichtungsstellen von Kammern und KZVen sowie auf die BZÄK-Patienten-Hotline, unter der die jeweils zuständige Patientenberatungsstelle zu erfragen ist. Hilfestellung geben auch die von BZÄK und DGZMK herausgegebenen wissenschaftlich abgesicherten Patienteninformationen.

INFO

Große Medienresonanz

Das Medienecho auf die Pressekonferenz von BZÄK und KZBV war groß: So gab es Fernsehberichte unter anderem in der Tagesschau und in einigen ARD-Regionalsendern sowie Rundfunksendungen unter anderem im Deutschlandfunk und im Bayerischen Rundfunk. Auch die großen Nachrichtenagenturen und zahlreiche überregionale und regionale Print- und Online-Medien berichteten – zum Teil sehr ausführlich – über die Studie.


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