Eine neue Methode mit auswechselbaren Abutments

Mini-Implantate zur KfO-Verankerung

Die skelettale Verankerung hat wegen ihrer Unabhängigkeit von der Patientencompliance das kieferorthopädische Behandlungsspektrum enorm erweitert. Unter den verschiedenen skelettalen Verankerungssystemen haben sich mittlerweile insbesondere die Mini-Implantate aufgrund ihrer geringen chirurgischen Invasivität und der relativ geringen Kosten etabliert [1 bis 6, 8, 10]. Der vorliegende Beitrag gibt eine Übersicht.

Bei den herkömmlichen Mini-Implantatsystemen stößt man bisweilen an Grenzen, wenn es um die Verbindung vom Mini-Implantat zur KFO-Apparatur geht. Hier bot das Orthosystem von Straumann aufgrund der Fixierungsmöglichkeit eines Abutments (Stahlkappe) auf dem Implantat eine Vielfalt an individuellen Nutzungsmöglichkeiten im Oberkiefer (wie Molarenverankerung und -distalisierung) [7]. Jedoch ist der chirurgische, finanzielle und organisatorische Aufwand größer als bei der Verwendung von Mini-Implantaten. Zudem sollte nach Insertion des Orthosystems eine Einheilzeit von drei Monaten abgewartet werden [7]. Werden Mini-Implantate mit der Möglichkeit des Aufschraubens eines Abutments verwendet (Benefit Mini-Implantate Mondeal, Mühlheim, Abbildung 1 a+b), entfällt diese Einheilungsphase. Weiterhin ist sowohl die Insertion als auch die Entfernung weniger invasiv [9].

Kieferorthopädische Mini-Implantate werden in der Regel aus einer Titan-Legierung (Titan Grad V: Ti-6AI-4V) hergestellt, um eine möglichst hohe Bruchfestigkeit zu erreichen. Sie werden in Längen von 5 mm bis 14 mm sowie mit einem Durchmesser von 1 mm bis 2 mm angeboten. Um eine einfache Entfernung zu gewährleisten, ist die Oberfläche glatt poliert. Bei Abutment-Mini-Implantaten werden für die meisten Indikationen Durchmesser von 2 mm verwendet, da diese eine höhere Stabilität erreichen [11-14].

Bei manchen Behandlungsaufgaben ist die Anfertigung der kieferorthopädischen Apparatur im Labor empfehlenswert und somit die Übertragung der Situation vom Patientenmund auf das Labormodell erforderlich (Abbildungen 2 a-d).

Klinische Einsatzmöglichkeiten

Aufgrund der wechselbaren Abutments und der damit verbesserten Kopplungsmöglichkeiten zwischen Mini-Implantat und kieferorthopädischer Apparatur ergibt sich ein großes Spektrum an Anwendungsgebieten: Distalisierung oder Aufrichtung von Molaren, Molaren- und Frontverankerung im Oberkiefer, Gaumennahterweiterung, die Einordnung retinierter Zähne sowie die Nutzung des Systems als temporärer Zahnersatz.

Molarendistalisierung

Eine der klassischen Indikationen für eine skelettale Verankerung und insbesondere für Mini-Implantate mit Abutments stellt die Molarendistalisierung im Oberkiefer dar (Abbildung 3). Mittels des so genannten „Benesliders“ können die Molaren körperlich distalisiert werden, um Platz für die Frontzähne zu gewinnen. So kann in manchen Fällen die Extraktion von bleibenden Zähnen vermieden werden. Werden zwei Mini-Implantate verwendet und es steht kein Schweiß- oder Löt-Gerät zur Verfügung, empfiehlt sich die Verwendung einer Beneplate (Mondeal, Mühlheim) mit bereits ab Werk angeschweißtem Draht (Abbildung 1 b).

Molarenaufrichtung

n zahnlosen Arealen des Alveolarfortsatzes kann das Mini-Implantat wie ein dentales Implantat parallel zur Zahnachse inseriert werden. Häufige präprothetische Indikationen sind die Aufrichtung gekippter Molaren sowie die Pfeilerverteilung. Dabei kann das Bracket-Abutment unmittelbar nach Mini-Implantat-Insertion aufgeschraubt werden. Somit sind Abdruck, Modellherstellung und Laborprozess hierbei nicht notwendig (Abbildung 4).

Gaumennahterweiterung

Fehlt bei gewünschter Gaumennahterweiterung (GNE) eine suffiziente anteriore Abstützung, können zu diesem Zweck zwei Benefit Mini-Implantate inseriert werden. Hier werden mit 2 x 7 mm oder 2 x 9 mm etwas kürzere Schrauben als bei der Insertion median verwendet. Aufgrund der sowohl dentalen als auch skelettalen Verankerung wird diese Apparatur als Hybridhyrax bezeichnet (Abbildung 5). Insbesondere wenn die gleichzeitige Protraktion des Oberkiefers mittels einer Gesichtsmaske geplant ist, ist die skelettale Verankerung der GNE-Apparatur sinnvoll, um eine unerwünschte Mesialwanderung der Oberkieferseitenzähne zu minimieren (Abbildung 6).

Molarenmesialisierung

Der „Mesialslider“ dient der Mesialisierung von Seitenzähnen im Oberkiefer. Dabei ist sowohl die beidseitige als auch einseitige Mesialisierung mittels skelettaler Verankerung im anterioren Gaumen möglich. Aufgrund der direkten Verankerung im anterioren Gaumen kann bei gewünschtem einseitigen Lückenschluss auch eine Mittenkorrektur erfolgen (Abbildung 7).

Brückenpfeiler bei Lückenverkleinerung

Bei gewünschter präprothetischer Lückenverkleinerung verformt sich der kieferorthopädische Behandlungsbogen bei großen Lücken oft so stark, dass eine Zahnbewegung nicht mehr möglich ist. In diesen Fällen erweist sich die so genannte „Brückentechnik“, also das Einsetzen eines Mini-Implantats mit Bracket-Abutment auf halber Strecke zur Stabilisierung des Bogens und Verankerung, als nützlich (Abbildung 8).

Verlagerte Zähne

Mini-Implantate mit Bracket-Abutment können auch zur Einordnung verlagerter Zähne genutzt werden. Dies kann insbesondere in der Lingualtechnik hilfreich sein. Aber auch die Behandlungszeit mit vestibulärer Apparatur lässt sich geschickt verkürzen, wenn zunächst die retinierten Zähne eingeordnet werden. Bei manchen Patienten kann möglicherweise sogar auf die Bebänderung verzichtet werden. Zu diesem Zweck kann auf das Benefit-Implantat ein Bracket-Abutment aufgesetzt und anschließend ein Teilbogen zur Einordnung verlagerter Zähne eingebracht werden. Auch hier kann das Bracket-Abutment unmittelbar nach Mini-Implantat-Insertion aufgeschraubt werden. Und auch hier sind Abdruck, Modellherstellung und Laborprozess prinzipiell nicht notwendig, verkürzen aber die Stuhlzeit zum Biegen des Teilbogens (Abbildung 9).

Temporärer Zahnersatz / Verankerungszahn

In manchen klinischen Situationen ergibt sich der Bedarf für einen temporären Zahnersatz. Insbesondere bei jugendlichen Patienten, wo eine definitive implantologische Versorgung noch nicht möglich ist, kann mittels eines temporären Ersatzzahnes der Zeitraum von der kieferorthopädischen Therapie bis zur definitiven Versorgung überbrückt werden. Noch nicht sicher ist bis dato, ob auf diese Weise die Knochenatrophie verringert oder verhindert werden kann. Herstellung des Ersatzzahnes: Ein Prothesenzahn wird zunächst so beschliffen, dass er auf das Standard-Abutment aufgesetzt werden kann. Anschließend erfolgt die Verbindung mit dem Abutment sowie das Auffüllen der Lumina mit Kunststoff. Nach der Politur kann der Ersatzzahn aufgesetzt werden (Abbildung 10). Ein temporärer Zahnersatz kann im Rahmen einer aktiven kieferorthopädischen Behandlung auch mit einem Bracket beklebt und als „Verankerungszahn“ genutzt werden (Abbildung 11).

Molarenverankerung

Bei geplanter Frontretraktion ist in manchen Fällen eine maximale Verankerung der Oberkiefermolaren erforderlich. Auch in diesen Fällen bietet sich die anteriore Gaumenregion als Insertionsort für ein Mini-Implantat an und kann somit der Verankerung der Molaren gegen eine Aufwanderung nach mesial dienen (Abbildung 12).

Frontverankerung

Ist eine Verankerung der Frontzähne im Oberkiefer erforderlich bei gewünschtem Lückenschluss nach mesial, ist die Kopplung mittels eines T-Bogens an die Mini-Implantate sinnvoll, um ein Kippen der Frontzähne nach palatinal zu verhindern. Der T-Bogen wird mittels Adhäsivtechnik an den Palatinalflächen der mittleren Inzisivi befestigt (Abbildung 13).

Zusammenfassung

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich durch die Integration eines Mini-Implantat-Systems mit aufschraubbaren Abutments viele innovative Therapiemöglichkeiten für die Kieferorthopädie ergeben. Die Insertions-Region anteriorer Gaumen ist aufgrund des guten Knochenangebots sehr gut geeignet, als Verankerungspunkt für viele Therapieansätze im Oberkiefer zu dienen. Als klinisch-praktischer Vorteil erweist sich hierbei die Tatsache, dass die Abutment-Fixierschraube fest in das Abutment integriert ist. So werden ein Verlieren und die mögliche Aspiration des Fixier-Schräubchens verhindert sowie das Einsetzen vereinfacht.

OA Dr. Benedict Wilmes
Prof. Dr. Dieter Drescher
Poliklinik für Kieferorthopädie
Westdeutsche Kieferklinik, UKD
Moorenstr. 5, 40225 Düsseldorf
Tel.: 02 11 81/1 86 71
Fax: 02 11 81/1 95 10
e-mail: wilmes@med.uni-duesseldorf.de

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