26. Konferenz der Society of Oral Physiology in Dresden

Orale Physiologie in allen wissenschaftlichen Facetten

Zum 50. Geburtstag der Society of Oral Physiology, die sich auf Initiative von Niels Brill, Willy Krogh-Poulsen (beide aus Dänemark) und John Osborne (Großbritannien) zum ersten Mal im Mai 1959 in Fredensborg (Dänemark) formierte, trafen sich vom 7. bis 10. Mai 2009 rund 100 Forscher und Hochschullehrer aus dem europäischen Raum und Übersee in Dresden.

Nach Königstein (1971) und Bonn (1991) war dies nun das dritte Mal, dass die renommierte Gesellschaft sich zum wissenschaftlichen und kollegialen Gedankenaustausch vornehmlich auf den Gebieten orale Anatomie, orale Physiologie und orale Dysfunktion in Deutschland zusammenfand. Im Rahmen der Konferenzen der Gesellschaft, die alle zwei Jahre an einem anderen europäischen Ort stattfinden, werden Vorträge und Posterpräsentationen durchgeführt vor dem Hintergrund einer ausreichend verfügbaren Zeit zur fachlichen Diskussion und persönlichen Begegnung. So überrascht es nicht, dass die 25 Vorträge und 34 Posterpräsentationen an zweieinhalb Tagen in Dresden eine besonders anregende und wohltuende Atmosphäre verschafften, denn gleichzeitig stattfindende Parallelsitzungen beziehungsweise eine große Zahl von Kurzvorträgen wären dieser bewusst gewählten Konferenz-Kultur der Society of Oral Physiology abträglich.

Muskulatur und orale Physiologie

Zu Beginn der Konferenz wurde die Bedeutung der Muskulatur für die orale Physiologie thematisiert. Prof. Dr. Sandro Palla, Zürich, und Mitarbeiter konnten feststellen, dass die minimale Kondylus-Fossa-Distanz von der Unterkieferlage beeinflusst wird und im Vergleich zur Ruhelage des Unterkiefers in statischer Okklusion (mit geringer muskulärer Anspannung) deutlich vermindert ist. Im Vortrag von Dr. Birgitta Häggman-Henrikson, Umea, wurde deutlich, dass mit Zunahme der Größe und der Härte des Nahrungsgutes auch die Aktivität der Hals-/Nackenmuskulatur zunimmt. Die Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Peter Pröschel, Erlangen, widmete sich der Untersuchung des Verhältnisses der Masseteraktivität der Arbeitsseite zur Balanceseite bei Verringerung der minimalen interokklusalen Distanz während des einseitigen Kauens bei gesunden Versuchspersonen und kam zum Ergebnis, dass es mit der Verringerung der interokklusalen Distanz zu einer asymmetrischeren Masseteraktivierung im Gegensatz zur (symmetrischeren) Temporalisaktivierung kommt.

Schmerzdiagnostik

Der zweite Abschnitt der Vorträge war geprägt vom Thema Schmerzdiagnostik. Ichiro Okayasu und Prof. Dr. Antoon De Laat, Leuven, konnten zeigen, dass es beim leichten Zähnepressen insbesondere bei Frauen zu einer Modulation der taktilen Detektionsschwelle kommt; darüber hinaus weisen Frauen offenbar eine geringere sensorische und Schmerzschwelle auf. Dr. Geerten-Has Tjakkes, Groningen, stellte heraus, dass es nur sehr wenige zuverlässige diagnostische Tests für den Einsatz bei bestimmten orofazialen Schmerzzuständen gibt: dazu zählen die Magnetresonanzangiographie bei Trigeminus-Neuralgie und die Magnetresonanztomographie bei Kiefergelenkarthralgie. Prof. Dr. Pentti Kemppainen, Turku, stellte Ergebnisse einer Untersuchung mittels funktioneller Kernspintomographie vor, wobei eine repetitive elektrische Pulpa-Reizung an oberen beziehungsweise unteren Eckzähnen durchgeführt wurde. In unterschiedlichen Bereichen des Gehirns (Nucleus spinalis V, Strukturen des antinozizeptiven Systems im Mittelhirn, ventrale Bereiche des Thalamus, mediale dorsale Nuclei, primärer somatosensorischer Kortex, Cingulum und Insula) konnten ipsilaterale und bilaterale Aktivitäten nachgewiesen werden. Nur auf der Ebene des Nucleus trigeminalis und des S1-Kortex waren Unterschiede in der Aktivität bei Reizung des oberen gegenüber dem unteren Eckzahn erkennbar. In einem sehr interessanten Vortrag mit Resultaten tierexperimenteller Studien lenkte Prof. Dr. Barry Sessle, Toronto, das Interesse auf die Rolle von Astrogliazellen bei nozizeptivem Verhalten und zentraler Sensibilisierung im Kontext chronischer orofazialer Schmerzmodelle.

Gegenstand umfangreicher Diskussion mit dem Auditorium war die Vorstellung der Ergebnisse einer Verlaufsstudie über vier Jahre durch Prof. Dr. Pentti Kirveskari, Turku, die 183 Frauen als Probanden (keine Patienten zu Beginn!) einschloss. Eine Teilgruppe A (n=93) wurde zu Beginn auf okklusale Interferenzen untersucht und sorgsam okklusal eingeschliffen; bei einer zweiten Gruppe B (n=90) wurde zu Beginn nur scheinbar eingeschliffen. Insgesamt wiesen die Personen der Gruppe A mehr symptomfreie Monate (bezogen auf Probleme im fazialen und zervikobrachialen Bereich) auf als Personen der Gruppe B; die Eliminierung okklusaler Interferenzen bei Frauen hat die Wahrscheinlichkeit deutlich reduziert, aufgrund von Symptomen im fazialen und zervikobrachialen Bereich innerhalb einer Vier-Jahres-Beobachtung um Behandlung nachzusuchen. Die Hypothese, dass okklusale Interferenzen ein Gesundheitsrisiko bei Frauen darstellen, kann somit nicht verworfen werden.

Interessante Einblicke über die Wechselwirkungen zwischen oraler Funktion beziehungsweise Dysfunktion und nicht-orofazialer Funktionen sowie Störungen lieferten drei Vorträge. Prof. Dr. Merete Bakke, Kopenhagen, beschrieb in zwei Fallberichten die Wirkung von Botulinum-Toxin und tiefer Hirnstimulation auf oromandibuläre Dystonien, wobei festzustellen war, dass flankierende perorale Medikamentation in jedem Fall weitergeführt werden musste. Dr. Martin Schimmel, Genf, stellte die Auswirkungen eines Schlaganfalls bei Patienten mit unilateralen Lähmungen im Gesichtsbereich und im Bereich der oberen Extremitäten auf Kaueffizienz, maximale voluntäre Beißkraft und Lippenkraft dar; Kaueffizienz und Lippenkraft waren durch Schlaganfall deutlicher beeinträchtigt als die Beißkraft. Hinsichtlich der Einflussnahme des sensomotorischen Kiefersystems auf Haltungskontrollmechanismen des Körpers lieferte Prof. Dr. Per-Olof Eriksson, Umea, bemerkenswerte Befunde.

Vertigo und Tinnitus

Eine häufige Beziehung zwischen Vertigo und Tinnitus zu verschiedenen Formen von Kopf- und Gesichtsschmerzen konnte eine italienische Querschnittsstudie (Dr. Alessandro Ugolini et al., Turin) ermitteln und ihre Prävalenz mit Druckempfindlichkeit in der kraniozervikalen Muskulatur deutlich korrelieren, womit sich die Muskelpalpation als wichtiger klinischer Untersuchungsschritt bei Patienten mit Kopf- und Gesichtsschmerzen unbedingt empfiehlt. Die Ergebnisse einer kontrollierten Ein-Jahres-Therapiestudie an 45 Tinnitus-Patienten mit Kaumuskelsymp tomen legt nahe, dass Aufbissschienen (bei Non-Respondern um klassische chinesische Akupunktur ergänzt) einen guten Effekt auf die patientenbezogene Einschätzung des Tinnitus haben und die Anzahl druckempfindlicher Muskelstellen deutlich reduzieren.

Therapiestrategien

Hinweise auf erfolgreiche Therapiestrategien lieferten Vorträge am Sonntag Vormittag. Prof. Dr. Boudewijn Stegenga, Groningen, wies mit Verweis auf Resultate einer Therapiestudie auf die effektive Wirkungsweise der Arthrozentese (Gelenkspülung) bei Patienten mit aktivierter Arthrose im Kiefergelenk hin. Marika Doepel, Turku, zeigte anhand der Ergebnisse einer kontrollierten, prospektiven und randomisierten Studie (insgesamt 64 Personen), dass ein präfabrizierter Aufbissbehelf im Frontzahnbereich (Relax) bei myofaszialen Schmerzpatienten dieselbe gute Wirkungsweise nach einer Zwölf-Monatsbeobachtung aufweist wie die klassische Stabilisierungsschiene; lediglich bei einem Patienten wurde die Entwicklung eines offenen Bisses während der Anwendung des Relax-Behelfes über den Untersuchungszeitraum festgestellt. Schließlich belegte Dr. Chantal Milani, Turin, die deutlich positive Wirkung eines kognitiven und physiotherapeutischen Heimübungsprogramms bei Patienten mit Kopfschmerzen/Schulter-Nackenschmerzen.

Durch die engagierte Konferenzleitung in der Hand von Prof. Dr. Karl-Heinz Utz, Bonn, und seinem Team wurde die Tagung zum 50. Bestehen der Gesellschaft in sächsischem Ambiente ein besonders eindrückliches Erlebnis. Die Abstracts der Vorträge und Posterpräsentationen werden in absehbarer Zeit im „Journal of Oral Rehabilitation“ veröffentlicht.

Prof. Dr. Alfons Hugger
Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik
Westdeutsche Kieferklinik
Heinrich-Heine-Universität
Moorenstr. 5, 40225 Düsseldorf

INFO

Poster und mehr

Die bei der Konferenz vorgestellten Poster behandelten eine breite Palette an Themen: Eine in-vitro-Studie zum Einfluss der Höckergradneigung von Seitenzähnen auf die maximale Beißkraft und Durchdringungsrate von unterschiedlichem Nahrungsgut konnte zeigen, dass eine profilierte Kaufläche vergleichsweise die geringste Kraftaufwendung zur Durchdringung von Nahrungsgut benötigt (Prof. Dr. Paul Wright et al., London). Priv.-Doz. Dr. Thomas Morneburg, Erlangen, verglich das Verhältnis der Masseter-Muskelaktivität der Arbeitsseite zur Balanceseite beim (unilateral intermittierenden) Aufbiss auf unterschiedlich harte beziehungsweise elastische Objekte mit unterschiedlicher Dicke im Vergleich zum unilateralen Kauen von Weingummi; aufgrund propriozeptiver Mechanismen ist neben einer minimalen interokklusalen Distanz die Nachgiebigkeit (Resilienz) des Aufbissobjekts bedeutsam, um kauähnliche Aktivierungsmuster beim bloßen Aufbeißen auszulösen. In einer biomechanischen Untersuchung von Priv.-Doz. Dr. Hans-Jürgen Schindler, Heidelberg, zu Muskelund Gelenkkräften bei variablen Gleichgewichtszuständen der Mandibula, die unterschiedliche okklusale Abstützungssituationen darstellten, ergab die unisowie bilaterale Molarenabstützung bei Anwendung submaximaler Beißkräfte – in der Größenordnung ermittelter Kaukräfte – eine geringere Muskel- und Gelenkbelastung als eine nur auf Prämolaren oder Frontzähne abgestützte Okklusionssituation. Dr. Mauro Farella, Zürich, und Mitarbeiter untersuchten das Rekrutierungsmuster motorischer Einheiten des Masseters an 14 Probanden ohne Myoarthropathien des Kausystems bei niedriger, lang anhaltender Kontraktion (3 bis 5 Prozent der maximalem Beißkraft über 30 Minuten) und fanden heraus, dass bei acht Probanden motorische Einheiten zu ermitteln waren, die nahezu über die gesamte Kontraktionszeit aktiv waren, und dass damit ein erhöhtes Vulnerabilitätsrisiko für Mikroläsionen verbunden sein kann. Im Rahmen standardisierter Kauuntersuchungen wurde die Muskelarbeit des rechten und linken Masseters bei 18 funktionsgesunden Probanden an jeweils drei verschiedenen Tagen bestimmt; dabei konnte festgestellt werden, dass die berechneten Parameter eine gute bis exzellente Reliabilität (Reproduzierbarkeit) aufwiesen und verschiedene Personen unterschiedliche Strategien bei der bilateralen Masseteraktivierung beim freien beziehungsweise festgelegten Kauen anwenden (Prof. Dr. Alfons Hugger, Düsseldorf). Eine systematische Analyse publizierter Studienergebnisse zur Wirksamkeit der physikalischen Therapie bei kraniomandibulären Dysfunktionen ergab, dass signifikante Unterschiede zwischen Behandlungs- und Kontrollgruppen bezüglich der Unterkiefermobilität durch die Länge der Nachuntersuchung und bezüglich der Schmerzstärke durch die Behandlungsdauer beeinflusst wurden; in den jeweiligen Behandlungsgruppen wurden deutliche Unterschiede in der Schmerzstärke über die Zeit durch die Anzahl der Patienten determiniert (Dr. Bart Craane, Leuven). Ergebnisse einer Untersuchung zur Diskusposition im koronalen Magnetresonanztomogramm bei 41 funktionsgesunden Probanden weisen darauf hin, dass bei geschlossener Kieferposition der Diskus leicht nach medial orientiert ist und bei geöffneter Position diese Medialtendenz sich weiter verstärkt; außerdem scheint der zentrale Bereich des Diskus bei Kieferöffnung einer gewissen Kompression ausgesetzt zu sein (Priv.-Doz. Dr. Ingrid Peroz, Berlin). In einer Studie zur Wirksamkeit von Okklusionsschienen bei der Behandlung von Bruxismus wurden jeweils drei verschiedene Schienentypen (nicht-äquilibrierte Tiefziehfolienschiene, intraoral äquilibrierte Schiene, voll äquilibrierte Zentrik-Schiene unter Heranziehung individueller dynamischer Funktionsparameter aus instrumenteller Funktionsanalyse) in randomisierter Reihenfolge bei 21 Patienten zum Einsatz gebracht sowie Symptome und klinische Befunde fortlaufend erfasst; es zeigte sich, dass alle drei Schienentypen zu einer Verbesserung der klinischen Befunde beitragen, jedoch die intraoral äquilibrierte Schiene in der subjektiven Beurteilung die beste Einschätzung erhielt (Prof. Dr. Wilhelm Niedermeier, Köln).

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