Pandemien in der Geschichte

Der massenhafte Tod

Die in Mexiko zuerst aufgetretene sogenannte „Schweinegrippe“ hat die Bedrohung der Menschheit durch eine Pandemie wieder einmal verdeutlicht. Bisher ist nur ein verschwindend geringer Teil der fast sieben Milliarden zählenden Weltbevölkerung erkrankt und noch weniger sind gestorben. Dennoch wurde am 11. Juni die höchste Stufe auf der Pandemieskala ausgerufen. Das war das letzte Mal 1968 bei der „Hongkong-Grippe“ der Fall. In der Geschichte hatten Seuchen oft katastrophale Folgen. Doch heute gibt es gute Vorsorge und Krisenpläne.

Bei der aktuellen Influenza verfügt die Menschheit über gute Krisenpläne, die eine weitere Ausbreitung verhindern sollen. Die Erreger sind bekannt und die Medizin ist in der Lage, Impfstoffe in relativ kurzer Zeit zu erstellen und den erkrankten Personen zu verabreichen. Gute medizinische Versorgung kann heute im Falle einer Pandemie die Letalität gering halten. In früheren Jahrhunderten waren bei Pandemien den Menschen die Ursachen nicht bekannt und keine medizinischen Mittel vorhanden, um Kranke zu versorgen. Die verzweifelten Menschen suchten nach Ursachen und Schuldigen.

Seuche im antiken Athen

Bereits in der Antike wurden die Menschen von Epidemien/Pandemien heimgesucht. In seinem Werk „Der Peloponnesische Krieg“ (II, 47–54) gibt der griechische Historiker Thukydides (um 460 bis nach 400 vor Christus) einen anschaulichen Bericht über die Pestepidemie in Athen im Jahre 430/29 vor Christus. Die Seuche kam aus Äthiopien und gelangte dann nach Ägypten und Libyen und erreichte auch die Gebiete des Großkönigs, das heißt die Einflusssphäre des Perserreiches. „In Athen fiel sie plötzlich ein, zuerst ergriff sie die Menschen in Piräus, weshalb es auch hieß, die Peloponnesier hätten Gift in die Brunnen geworfen – Quellwasser gab es nämlich dort noch nicht.“ Thukydides erzählt von der Machtlosigkeit der Menschen der Krankheit gegenüber, für die es „erwiesenermaßen kein einziges Heilmittel“ gab. Er erwähnt auch den zeitweiligen, wie wir heute sagen würden, Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung: „Auch sonst war die Pest für Athen der Anfang der Sittenlosigkeit. Leichter erfrechte sich jetzt mancher zu Taten, an die er vorher nur im Geheimen gedacht hatte, da man den raschen Wandel sah zwischen den Reichen, die plötzlich starben, und den früher Besitzlosen, die nun mit einem Mal deren Hab und Gut besaßen. […] Weder Götterfurcht noch Menschensatzung hielt sie in Schranken; denn einerseits hielt man es für gleichgültig, ob man fromm sei oder nicht, da man alle ohne Unterschied dahinsterben sah, und andererseits glaubte niemand für seine Vergehen noch Gerichtsverhandlung und Strafe zu erleben, viel drohender schwebe das verhängte Schicksal über ihren Häuptern, und bevor es ganz über sie hereinbreche, sei es doch billig, sein Leben noch ein wenig zu genießen.“

Die Antoninische „Pest“

Die Antoninische „Pest“ erhielt ihren Namen nach dem Geschlecht der Antoninen, dem der Römische Kaiser Marc Aurel (161 – 180 nach Christus) angehörte (Marc Aurel war Adoptivsohn des Kaisers Antonius Pius, Kaiser von 138 bis 161 nach Christus). Während der Regierungszeit des begabten Philosophenkaisers brach die Seuche etwa um 166 nach Christus (bis circa 180) im Gebiet des Imperium Romanum aus. Anhand zeitgenössischer Beschreibungen lässt sich rekonstruieren, dass es sich bei der Pandemie möglicherweise um einen Ausbruch der Pocken gehandelt hat. Die Krankheit breitete sich über das gesamte Reich aus und wurde wahrscheinlich von römischen Truppen nach einem Feldzug gegen die Parther aus Mesopotamien in die römische Welt gebracht. Zwischen 162 bis 165 nach Christus kämpften die Armeen Roms gegen die Parther, die im Jahre 163 bei Dura Europos am Euphrat besiegt wurden. Der nachfolgende Friedensschluss könnte durch den Ausbruch der Seuche forciert worden sein.

Der berühmte griechische Mediziner und Leibarzt Kaiser Marc Aurels, Claudius Galenus (129 bis circa 199 nach Christus), schildert in seinem Werk „Methodus medendi, vel de morbis curandis, libri XIV.“ die Krankheit ansatzweise. Es gibt Vermutungen, dass Kaiser Marc Aurel am 17. März 180 in Vindobona, dem heutigen Wien, an der Seuche starb. Allerdings hat der römische Geschichtsschreiber Cassius Dio in seiner Römischen Geschichte behauptet, dass die Ärzte seines Nachfolgers Commodus die Hände im Spiel gehabt haben sollen.

Im Laufe der Geschichte fielen immer wieder Herrscher Epidemien zum Opfer. Der frühzeitige Tod der Staatsmänner hat die politische Entwicklung oft nicht unwesentlich beeinflusst.

Die Seuche im 2. Jahrhundert scheint immer wieder in Intervallen zurückgekehrt zu sein. „Um jene Zeit brach auch eine so heftige Seuche aus, als mir nur irgend eine bekannt ist: zweitausend Menschen starben in Rom oft an einem Tag“ [Cassius Dios Römische Geschichte, übersetzt von D. Leonhard Tafel, Stuttgart 1859, S. 1684]. Das berichtet uns Cassius Dio zur Zeit des Kaisers Commodus (Kaiser von 180 bis 192).

Die Pandemie hatte auch Konsequenzen für die militärische Verteidigungsfähigkeit des Römischen Reiches, da viele Legionen von der Krankheit dezimiert worden sind. So war der erste Kriegszug gegen die Markomannen ab dem Jahr 167 dadurch beeinflusst. Inwieweit die so genannte Antoninische „Pest“ zur Krisensituation des Römischen Reiches zu Anfang des 3. Jahrhunderts nach Christus beigetragen hat, ist aus heutiger Sicht schwer zu sagen, da auch andere Negativfaktoren die politische Lage Roms gegenüber seinen Feinden außerhalb des Imperiums verschlechtert hatten.

Pandemie unter Justinian

Die Pestpandemie, die unter dem Oströmischen Kaiser Justinian I. (527 bis 565) im Jahre 541 ausbrach, kehrte in Wellen bis ins 8. Jahrhundert in den Mittelmeerraum und die damals bekannte Welt immer wieder zurück. Zuerst trat die so genannte Justinianische Pest in Ägypten auf und breitete sich über das Byzantinische Reich aus, und erreichte in den folgenden Jahren auch Westeuropa. Ein erheblicher Teil der Bevölkerung scheint durch die damalige Pandemie gestorben zu sein.

Kaiser Justinian I. erkrankte selbst an der Pest, aber er überlebte die Krankheit. Die Schilderungen von Zeitzeugen, lassen vermuten, dass es sich damals um eine echte Pest handelte. Die Seuche traf vor allem die städtischen Gebiete des östlichen Mittelmeerraumes, also das Herrschaftsgebiet des Byzantinischen Reiches und später des Kalifats der Umayyaden in Damaskus. Wegen brachliegender landwirtschaftlicher Flächen konnte die Bevölkerung nicht mehr ausreichend mit Nahrungsmitteln versorgt werden. Als Folge kam es zu Hungersnöten. Dieses Phänomen zeigte sich auch bei späteren Pandemien.

Ob die Pandemie auch die politische Entwicklung des Byzantinischen Reiches entscheidend negativ beeinflusst hat, ist in der Rückschau schwer zu sagen, da ja auch die Gegner des Oströmischen Reiches von der Seuche betroffen waren. Im Jahre 637 wartete der Kalif Umar (2. Kalif von 634 bis 644) so lange in der Wüste, bis ein Großteil der byzantinischen Truppen in Damaskus an der Pest gestorben war und nahm dann die Stadt fast kampflos ein. Aber die arabischen Eroberer wurden zwei Jahre später selbst Opfer eines erneuten Pestausbruches und mussten die Belagerung Jerusalems zunächst aufgeben [in: Die Pest, Geschichte des schwarzen Todes, Klaus Bergdolt, München 2006, S. 39].

Zeitgenössische Autoren haben das Auftreten der Seuche beschrieben. Der Historiker Prokopios von Caesarea (um 500 bis um 562), auch Prokop genannt, geht in seiner Schrift über die Perserkriege auf die Pandemie ein. Er erwähnt, dass die Seuche zuerst in der ägyptischen Stadt Pelusium ausbrach und dann in Richtung Alexandria den Rest Ägyptens erreichte. Über Palästina gelangte die Krankheit im Jahre 542 schließlich nach Konstantinopel. Bei dem byzantinischen Geschichtsschreiber werden die Pest und ihre Symptome erstmals detailliert beschrieben: „Sie bekamen plötzlich Fieber, [ … ]. Gegen früher unterschied sich dabei der Leib weder in Hautfarbe noch fühlte er sich trotz des Fieberanfalles heiß an; nicht einmal eine Entzündung war zu beobachten. Das Fieber trat vielmehr anfangs und bis zum Abend hin so schwach auf, dass die Erkrankten selbst oder der behandelnde Arzt mit keinerlei Gefahr rechneten; denn niemand von den Befallenen schien daran sterben zu müssen. Indessen entstand teils noch am gleichen, teils am darauffolgenden Tage, teils auch wenige Tage später eine Schwellung, und zwar nicht nur dort, wo auch der Bubon genannte Körperteil am Unterleib sich befindet, sondern auch in der Achselhöhle, bei einigen sogar neben den Ohren und irgendwo an den Schenkeln.“

Prokop veranschaulicht auch das Ausmaß der Pest im Jahre 542 in der byzantinischen Hauptstadt: „Die Seuche dauerte in Byzanz vier Monate lang, drei davon stand sie auf ihrem Höhepunkt. Anfangs lag die Zahl der Sterbefälle nur wenig über dem gewohnten Maß, dann aber nahm das Unheil weiter zu, bis die Todesopfer täglich etwa fünftausend und schließlich zehntausend und mehr erreichten. Zunächst sorgte jeder für die Beisetzung der in seinem Hause Verstorbenen, wobei man freilich die Leichen auch in fremde Gräber warf und dies heimlich oder unter Gewaltanwendung tat. Später geriet alles durcheinander; denn Sklaven blieben ohne Herren, vorher schwerreiche Leute mußten der Hilfe ihres Gesindes entbehren, das entweder krank darnieder lag oder gestorben war, und viele Häuser standen sogar völlig menschenleer. [ … ] Alle Arbeit ruhte, die Handwerker stellten ihre sämtlichen Tätigkeiten ein und ließen liegen, was sie an Vorhaben gerade zu erledigen hatten. So herrschte in einer Stadt, die großen Überfluß an allen möglichen Gütern hatte, schwere Hungersnot“ [in: Prokop, Perserkriege, Buch II, 22, S. 359, und 23, S. 365, 369, übersetzt aus dem Griechischen von Otto Veh, München 1970].

Auch der Kirchenhistoriker Euagrios aus Antiochia gab Zeugnis ab über die Auswirkungen der Pestseuche. Weil viele Menschen aus den betroffenen Städten aufs Land geflohen sind, konnte sich die Krankheit noch schneller ausbreiten. Von Gregor von Tours erfahren wir von den hohen Opferzahlen in französischen Städten.

Der Schwarze Tod

Heute wird allgemein davon ausgegangen, dass der für die Pandemie in der Mitte des 14. Jahrhunderts verantwortliche Erreger das Bakterium Yersinia pestis war. Der ursprüngliche Ort des Ausbruchs der Pandemie soll China gewesen sein. Von dort verbreitete sich der Erreger langsam in circa 15 Jahren bis nach Europa. Im Jahre 1347 hatte er die damalige Metropole Konstantinopel und Ägypten erreicht. Von da an ging es dann sehr schnell, weil die Krankheit durch genuesische Schiffe nach Messina und weiter ins übrige Europa gebracht wurde. Im Jahre 1352 musste auch Moskau unter der Pest leiden.

War die Pestpandemie des 14. Jahrhunderts schon schlimm genug, so traf sie die jüdische Bevölkerung umso schrecklicher. In der bereits angespannten Situation zwischen Juden und Christen seit den Kreuzzügen kam während der Pandemie das Gerücht auf, die Juden seien Schuld an der Krankheit, weil sie die Brunnen verseucht hätten. In ganz Europa brach eine Vernichtungswelle über die jüdischen Bürger herein. Vielfach, wie in der Schweiz, wurden die Juden so lange gefoltert, bis sie die Vergiftung der Brunnen gestanden. An vielen Orten war die jüdische Bevölkerung bereits ausgerottet, bevor sie die Seuche erreicht hatte. Selbst der Einspruch Papst Clemens VI. im Jahre 1348 half nichts.

Die allgemeine Psychose im Zeichen der Pestpandemie ging weiter und führte dazu, dass in vielen Städten und Regionen Europas bis in die Neuzeit keine Juden mehr lebten. So geschehen auch beispielsweise in Köln. Nicht nur die Pogrome gegen Juden veränderten die Gesellschaft nachhaltig. Durch die vielen Todesfälle fehlten europaweit Arbeitskräfte. Viele Ortschaften, die im frühen Mittelalter entstanden waren, verödeten und verfielen. In die von Menschen geräumten Flächen zogen wieder Flora und Fauna ein. Tiere wie Bär, Wolf oder Luchs, die in vielen Teilen Europas fast ausgerottet waren, kehrten zurück. Circa 250 Jahre dauerte es, bis die Bevölkerung Europas wieder den Stand wie vor der Pandemie erreicht hatte.

Aberglaube und Hilflosigkeit

Die Menschen suchten auch abergläubische Erklärungsversuche für die Pestseuche. So meinte der umbrische Arzt Gentile da Foligno allen Ernstes, dass die Seuche wegen einer ungünstigen Planetenkonstellation von Mars, Jupiter und Saturn am 20. März des Jahres 1345 entstanden sei: „Dadurch seien giftige Ausdünstungen von Meer und Land in die Luft geströmt, dort erhitzt und als aer corruptus auf der Erde wirksam geworden. Der eingeatmete Pesthauch aber werde um Herz und Lunge gesammelt und dort nochmals zu einer „Giftmasse“ umgebildet. Die ausgeatmete Luft eines Kranken könne dann auch andere Menschen anstecken“ [in: Europa im Spätmittelalter 1215–1378, Ulf Dirlmeier, Gerhard Fouquet, Bernd Fuhrmann, München 2003, S. 21]. Diese Annahme des italienischen Arztes zeigt, wie hilflos die Mediziner des Mittelalters der globalen Krankheit gegenüber standen. Durch den Schwarzen Tod bekam auch die Bewegung der so genannten Flagellanten Zulauf, die die Pest als Strafe Gottes betrachteten und zur Buße aufriefen.

Sehr eindrücklich beschrieb der Dichter und Humanist Giovanni Boccaccio (1313 – 1375) in seinem Werk Decameron die Auswirkungen der Pestseuche auf seine Heimatstadt Florenz: „1348 Jahre waren seit der heilbringenden Fleischwerdung des Gottessohnes vergangen, als die edle Stadt Florenz, die schönste Stadt Italiens, von der todbringenden Pest heimgesucht wurde. […] Das Unglück hatte in den Seelen von Männern und Frauen einen solchen Schrecken verbreitet, dass alle sich gegenseitig im Stich ließen – der Bruder den Bruder, der Onkel den Neffen, die Schwester den Bruder, oft auch die Frau den Mann. Was aber noch schwerer wiegt und kaum zu glauben ist: Väter und Mütter weigerten sich, ihre kranken Kinder zu besuchen.“

Neben der Dramatik im menschlichen Miteinander, schildert Boccaccio auch die ökonomischen Folgen der Pestseuche: „In den verstreut liegenden Landhäusern und auf den Feldern hatten die elenden, armen Landarbeiter und ihre Familien keinen Arzt, der ihnen half, und keinen Diener, der sie pflegte. [ … ] Wie die Stadtbewohner wurden sie nachlässig in ihrer Lebensführung; sie kümmerten sich nicht um ihr Eigentum und nicht um ihre Pflichten. [ … ] Sie fragten nicht mehr nach der Zukunft ihrer Tiere und ihrer Äcker, [ … ].“ Wenn die landwirtschaftliche Produktion gestört war, mussten auch die Städter unter Nahrungsmittelknappheit leiden. Die Machtlosigkeit der Ärzte gegenüber der Pest manifestiert sich in den folgenden Sätzen Boccaccios: „Zur Heilung dieser Krankheit erwiesen sich weder ärztlicher Rat noch die Kraft irgendeiner Arznei als wirksam oder nützlich. Mehr noch: Sei es, weil diese Krankheit ihrer Natur nach keine Rettung zuließ, sei es wegen der Unwissenheit der Ärzte (deren Zahl ständig zunahm, denn darunter gab es nicht nur solche, die Medizin studiert hatten, sondern auch Männer und Frauen, die nie eine medizinische Ausbildung erhalten hatten), die den Grund der Krankheit nicht kannten und folglich kein wirksames Gegenmittel finden konnten, jedenfalls wurde niemand geheilt. Vielmehr starben fast alle innerhalb von drei Tagen nach dem Auftreten der genannten Symptome, der eine früher, der andere später, die meisten ohne Fieber oder sonstige Komplikationen“ [vgl. Giovanni Boccaccio, Poesie nach der Pest, Der Anfang des Decameron, neu übersetzt und erklärt von Kurt Flach, Mainz 1992, S. 211, 223, 233 und 213f.].

Cholera in Europa

Im 19. Jahrhundert kam die Cholera in vier Pandemie-Intervallen nach Europa. Die katastrophalen hygienischen Bedingungen in den europäischen Städten der beginnenden Industrialisierung boten dem Choleraerreger einen hervorragenden Nährboden. Die erste Welle erreichte 1830 Moskau und gelangte 1831 in die russische Hauptstadt St. Petersburg, und von dort in das Baltikum und nach Mittel- und Westeuropa. Von Großbritannien aus wurde auch die französische Hauptstadt von der Seuche betroffen. In Paris wurde der Schriftsteller Heinrich Heine Zeuge der Choleraepidemie. In seiner Reihe „Französische Zustände“ berichtete er in Artikel VI vom 19. April 1832, ähnlich wie zuvor Thukydides und Boccaccio, über den Seuchenausbruch: „Es war eine Schreckenszeit, weit schauerlicher als die frühere, da die Hinrichtungen so rasch und so geheimnisvoll stattfanden. Es war ein verlarvter Henker, der mit einer unsichtbaren Guillotine ambulante durch Paris zog. ’Wir werden einer nach dem andern in den Sack gesteckt!’ sagte seufzend mein Bedienter jeden Morgen, wenn er mir die Zahl der Toten oder das Verscheiden eines Bekannten meldete. Das Wort ’in den Sack stecken’ war gar keine Redefigur; es fehlte bald an Särgen, und der größte Teil der Toten wurde in Säcken beerdigt. Als ich vorige Woche an einem öffentlichen Gebäude vorbeiging und in der geräumigen Halle das lustige Volk sah, die springend munteren Französchen, die niedlichen Plaudertaschen von Französinnen, die dort lachend und schäkernd ihre Einkäufe machten, da erinnerte ich mich, daß hier während der Cholerazeit, hoch aufeinandergeschichtet, viele hundert weiße Säcke standen, die lauter Leichname enthielten, und daß man hier sehr wenige, aber desto fatalere Stimmen hörte, nämlich wie die Leichenwächter mit unheimlicher Gleichgültigkeit ihre Säcke den Totengräbern zuzählten und diese wieder, während sie solche auf ihre Karren luden, gedämpfteren Tones die Zahl wiederholten oder gar sich grell laut beklagten, man habe ihnen einen Sack zuwenig geliefert, wobei nicht selten ein sonderbares Gezänk entstand. Ich erinnere mich, daß zwei kleine Knäbchen mit betrübter Miene neben mir standen und der eine mich frug, ob ich ihm nicht sagen könne, in welchem Sacke sein Vater sei.“

Obrigkeit als Sündenbock

Im Jahre 1831 war in Berlin der Philosoph Friedrich Hegel (geboren 1770) an der Krankheit gestorben. Das Schicksal teilten mit ihm circa 1 500 weitere Berliner. Auch im Zeitalter nach der Aufklärung suchten die Menschen Sündenböcke für die Seuche. Diesmal traf der Hass die Obrigkeit, Behörden, Ärzte und die Mächtigen und Reichen. Es wurde behauptet, sie wollten mit der Cholera die armen Schichten der Bevölkerung dezimieren. „Flugblätter warnten vor den vermeintlichen ‘Giftmischern’. In aufgepeitschter Stimmung stürmte der Mob an manchen Orten in Europa, so in St. Petersburg, Königsberg und Paris, Verwaltungsgebäude, Polizeistationen, Apotheken und verübte gelegentlich Lynchjustiz auf der Straße. [ … ] Doch bei der Epidemie in München 1856/ 57 fiel im Gegenteil auf, daß sie die wohlhabenderen Kreise stärker heimsuchte“ [in: Leven, Karl-Heinz, Die Geschichte der Infektionskrankheiten, Von der Antike bis ins 20. Jahrhundert, Landsberg/ Lech 1997, S. 111].

Beim Ausbruch der vierten Cholera-Pandemie von 1883 bis 1894 erforschte Robert Koch die Cholera und entdeckte den Erreger. Dafür war der Mediziner extra nach Ägypten und Indien gereist (siehe in zm 24/ 2006, S. 101). Besonders stark wurde die Stadt Hamburg 1892 von der Cholera getroffen. Das Urteil von Robert Koch fiel hart aus. Seiner Meinung nach war der schlimme Ausbruch der Seuche in der Hansestadt die „Folge von liberalistischer Laisser-faire-Politik, Eigennutz der herrschenden Klassen, Kurzsichtigkeit der Regierenden, bürokratischer Schlamperei, Unfähigkeit der Verantwortlichen und mancherlei unglücklichen Umständen“.

Die Behörden der Stadt Hamburg hatten erst zu spät offiziell Seuchenalarm gegeben. Von Sommer bis Herbst 1892 erkrankten fast 17 000 Personen, von denen über 50 Prozent an der Krankheit verstarben.

Die „Spanische Grippe“

Gegen Ende des Ersten Weltkrieges, etwa Anfang September 1918, trat die sogenannte „Spanische Grippe“ bei amerikanischen Soldaten in der Militärbasis Camp Devens in der Nähe von Boston auf. Sehr schnell kam der Influenzaerreger auch nach Europa. Bis 1920 erkrankten weltweit Hunderte Millionen Menschen; über 20 Millionen überlebten die Krankheit nicht. Es gibt auch Schätzungen, die von einer höheren Letalität ausgehen.

Ursache der Pandemie war eine Variante des Vogelgrippevirus H1N1. Der Influenzavirus hatte leichtes Spiel, traf er doch auf eine Bevölkerung, die durch die schlechte Versorgungslage wegen des Krieges geschwächt war. Es gibt Vermutungen, dass der Virus in einer harmloseren Variante bereits im Jahre 1916 Soldaten befallen hatte. Die gesellschaftlichen Auswirkungen der Seuche fielen damals nicht so auf, weil sie mit den Umwälzungsprozessen nach dem Ersten Weltkrieg zusammenkamen. Prominentes Opfer der Grippewelle war unter anderem der österreichische Maler Egon Schiele (1890–1918).

Sars schnell eingedämmt

Der Ausbruch der Sars-Epidemie, zu Anfang dieses Jahrhunderts in China, wurde von den dortigen Verantwortlichen zunächst verschwiegen. So konnte sich der Sars-Virus in Ostasien, aber auch bis nach Kanada ausbreiten. Ähnlich wie bei der Pandemie 1918 bis 1920 handelte es sich bei dem Sars- Erreger um eine Variante des Vogelgrippevirus. Vor der Sars-Epidemie hatte es seit der so genannten „Spanischen Grippe“ noch andere Grippewellen gegeben, wie 1968 die so genannte Hongkong-Grippe. Durch ein schnelles Handeln der WHO (World Health Organization) und der CDC (Center for Disease Control and Prevention) in Atlanta konnte eine Pandemie großen Ausmaßes beim Sars-Virus verhindert werden. Länderübergreifender Informationsaustausch führte zu einer sehr schnellen Herstellung eines Impfstoffes gegen Sars. Die Erfahrungen, die Behörden und Wissenschaft bei der Sars-Epidemie gemacht hatten, trugen dazu bei, dass bei dem aktuell aufgetretenen „Schweinegrippe-Virus“ die Krisenpläne zügig anliefen.

Aids – die Dauerpandemie der Gegenwart

Der HIV-Erreger zählt zu den sogenannten Zoonosen, also Krankheiten, die vom Tier auf den Menschen überspringen können. Forscher nehmen an, dass der Virus vor circa 100 Jahren vom Affen auf den Menschen übertragen wurde. Dem Virus war es gelungen, sich an den Menschen anzupassen. Aber erst seit Beginn der 1980er Jahre wuchs sich die Krankheit zu einer Pandemie aus. Heute kommt sie auf allen Erdteilen vor. Weil die Übertragung des Virus nicht so einfach ist wie bei einem Influenza-Virus, blieb die Zahl der infizierten Menschen relativ gering. Aber trotz Aufklärungskampagnen der Regierungen, vor allem in der westlichen Welt, und obwohl die Übertragungswege des Virus bekannt sind und jeder um den effektiven Schutz durch Kondome weiß, haben viele Menschen die Bedrohung durch die Pandemie geleugnet. In vielen Entwicklungsländern oder autoritären Staaten wurde die Gefahr zunächst verdrängt und erst spät wirklich ernst genommen. Vor allem in Schwarzafrika hatte und hat die Pandemie katastrophale Folgen. Dort ist ein großer Teil der Bevölkerung infiziert und viele Tausende sind bereits gestorben. Da besonders der beruflich aktive Teil der Bevölkerung unter den Folgen der Krankheit leidet, hat die Pandemie auch enorme wirtschaftliche Konsequenzen. Virenforscher warnen davor, dass in der Zukunft neue Viren den Weg vom Tier zum Menschen finden könnten. Vor allem in den tropischen Gebieten unserer Welt finden sich immer wieder neue Erreger. Da die moderne Zivilisation immer weiter in die bislang unberührten Regionen vordringt, steigt die Gefahr, dass neue Krankheiten auch die Zentren der Welt erreichen können. Die unbeschränkten Verkehrsmöglichkeiten über den ganzen Globus hinweg tragen dazu bei. Erst kürzlich entdeckten Forscher in Sambia und Südafrika einen neuen Virus, „Lujo“ genannt, der normalerweise in Nagetieren vorkommt. Ähnlich wie beim Ebola-Virus führt der Lujo-Virus zu Blutungen im Körper. Im vergangen Jahr hatten sich auf dem afrikanischen Kontinent fünf Menschen infiziert, von denen vier daran starben.

Es ist gut zu wissen, dass die zuständigen Organisationen, Wissenschaftler und Mediziner wie im aktuellen Fall des „Schweinegrippe-Virus“ eng zusammenarbeiten. Bei der erneuten Gefahr einer Pandemie scheint die Menschheit gut gewappnet zu sein.

Kay Lutze
Lievenstraße 13
40724 Hilden
kaylutze@ish.de

INFO

Zahl der Schweinegrippe-Fälle nimmt weiter stark zu

Die Zahl der Schweinegrippe-Infektionen in Deutschland nimmt weiter zu. Am stärksten seien Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen betroffen, erklärte der Vizepräsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Reinhard Burger, kürzlich in Berlin. Die Behörden versicherten, dass die Finanzierung der geplanten Massenimpfung stehe. Etwa ein Viertel der neu erkrankten Patienten hätten sich in Deutschland angesteckt, größtenteils gingen die neuen Fälle jedoch auf Reiserückkehrer zurück, sagte Burger. Bislang bleibe es bei milden Krankheitsverläufen, allerdings sei bei der erwarteten weiteren Zunahme der Schweinegrippe-Infektionen künftig auch eine wachsende Zahl gravierender Fälle zu befürchten. Es gelte, die weitere Entwicklung „genau, aber gelassen“ zu beobachten. Presseberichten zufolge ist die Pharmaindustrie für eine mögliche Pandemie gerüstet. Eigene Pandemiepläne sicherten die Produktion von Impfstoffen und Medikamenten auch im Ernstfall, die Notpläne gälten weltweit. Die Gesundheitsminister von Bund und Ländern sehen Deutschland für eine Pandemie ebenfalls gut vorbereitet. Trotz steigender Krankheitszahlen bestehe in Deutschland keine allgemeine Infektionsgefahr. Mit einem Impfstoff wird erst im Herbst gerechnet. pr/ÄZ/DÄB/dpa

Die BZÄK hat eine aktuelle Stellungnahme zur Influenzapandemie aus zahnärztlicher Sicht herausgegeben, siehe Seite 6. Stets aktuelle Informationen zur Schweinegrippe finden sich unter www.rki.de

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