Berliner Modellprojekt erhält Wrigley-Preis

Eine bessere Mundgesundheit für Bewohner von Behinderteneinrichtungen anstreben

Der Erhalt der Zahn- und Mundgesundheit durch Prophylaxemaßnahmen ist eine wichtige Aufgabe für Menschen mit Behinderungen und ihre Betreuer. Ein Beispiel einer Betreuungssituation aus Berlin ist in diesem Jahr mit dem Wrigley-Prophylaxepreis prämiert worden. Hier eine Zusammenfassung des Projekts.

Bisherige Studien haben gezeigt, dass bei den in Wohneinrichtungen lebenden Menschen mit Behinderungen die Mund- und Mundhygiene erhebliche Mängel aufweist. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Wesentlicher Faktoren neben dem Zeitmangel des Personals scheinen hierbei das fehlende Wissen um die Wichtigkeit der Zahn- und Mundhygiene für den allgemeinen Gesundheitszustand und die nur unzureichende Instruktion der Bewohner selbst (entsprechend ihrer Kooperativität) sowie auch der Betreuer in der Durchführung der Zahnpflege zu sein.

Bereits während des Pilotprojekts des Arbeitskreises „Zahnärztliche Behindertenbehandlung“ der Zahnärztekammer Berlin zur Verbesserung der Zahn- und Mundgesundheit für erwachsene Menschen mit Behinderungen wurden 2006 56 Wohneinrichtungen mit 940 Bewohnern und 345 Betreuern aus elf Berliner Stadtbezirken betreut [Kaschke et al, 2007]. Das Gruppenprophylaxeprogramm zielte auf die konsequente Fortsetzung der Prophylaxe bei erwachsenen Menschen mit Behinderungen, die derzeit nicht von den Krankenkassen bezahlt wird. Die Pilotphase war zunächst auf ein Jahr begrenzt. Finanziert und unterstützt wurde die Pilotphase des Projekts vom gemeinnützigen Verein „Berliner Hilfswerk Zahnmedizin e.V.“.

Nach Abschluss der Pilotphase wurde die Weiterfinanzierung des Gruppenprophylaxeprojekts mit Unterstützung der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales gewährleistet. Ziel der hier vorliegenden Untersuchung war die Bewertung des Anschlussprojekts.

Effizienz durch Mitarbeiterschulung

Es wurde beurteilt, inwieweit durch gezielte Schulung und praktische Fortbildung des Betreuungspersonals in Zusammenarbeit mit den Bewohnern die Durchführung der Zahn- und Mundhygienemaßnahmen verbessert werden konnte.

Hierzu wurden aus 31 Wohnbereichen für Menschen mit Behinderungen in Berlin 193 Probanden, von denen 95 Probanden zu einer Wartekontrollgruppe und 98 zu einer Interventionsgruppe gehörten, in die Untersuchung einbezogen (siehe Tabelle).

Die statistische Auswertung erfolgte mithilfe des Statistikprogramms SPSS 13.0 für Windows. Zur Analyse der Häufigkeitsverteilungen zum ersten und zweiten Befragungstermin wurde der Chi-Quadrat-Test angewendet. Zum Vergleich der Werte (durchschnittliche Dauer der Zahnpflege) zwischen der Wartekontroll- und der Interventionsgruppe für den ersten und zweiten Befragungstermin wurde der Mann-Whitney-U-Test genutzt. Der Vergleich der Vorher- und Nachher-Messungen (durchschnittliche Dauer der Zahnpflege) innerhalb der jeweiligen Gruppe wurde mittels des Wilcoxon-Tests durchgeführt.

Im Anschluss an die Datenerhebung zur Mundhygienesituation (auf einem speziell entwickelten Datenblatt) in beiden Gruppen, erfolgten in der Interventionsgruppe die theoretische Fortbildung mit einem standardisierten PowerPoint-Vortrag sowie die praktischen Zahn- und Mundpflegeübungen für die Bewohner mit ihren Betreuern unter Anleitung von zwei Prophylaxeteams. Vier Wochen nach der Erstbefragung wurden die Daten zur Mundhygienesituation in beiden Gruppen erneut erhoben.

Beim Vergleich der Daten zum zweiten Befragungstermin zwischen Wartekontrollund Interventionsgruppe zeigte sich, dass in der Interventionsgruppe umfangreiche, statistisch signifikante Veränderungen in der Durchführung der Zahn- und Mundhygiene erreicht werden konnten. So verwendeten nahezu die Hälfte (49 Prozent) dieser Probanden zum zweiten Befragungstermin eine behindertengerechte Zahnbürste (anfangs 6 Prozent) und fast zwei Drittel (70 Prozent) von ihnen eine für Behinderte empfohlenen Zahnpasta (anfangs 6 Prozent). Eine regelmäßige Fluoridanwendung erfolgte für 68,4 Prozent der Probanden dieser Gruppe (anfangs 4 Prozent). Die Zahnpflege nach dem Essen am Morgen war nun für 79 Prozent dieser Bewohner garantiert (anfangs 28 Prozent ) und fast alle Teilnehmer dieser Gruppe putzten ihre Zähne ein bis zwei Minuten oder länger.

Schlussfolgerung

Als Schlussfolgerung für die Praxis ergeben sich aus den vorliegenden Ergebnissen sowohl die Forderung nach individuell abgestimmten Mundhygienemaßnahmen für Bewohner von Behinderteneinrichtungen als auch die Forderung nach entsprechenden Fortbildungsangeboten für Fachpersonal zur Zahn- und Mundgesundheit. Darüber hinaus sollten spezifische Prophylaxeprogramme für Menschen mit Behinderungen – und zwar für alle Altersgruppen – entwickelt werden. Nur so kann für Menschen mit Behinderungen eine der Restbevölkerung entsprechende Mundgesundheit erreicht werden. Mit dem vorgestellten Gruppenprophylaxeprogramm konnte das Mundhygieneverhalten von Bewohnern und deren Betreuern in Berliner Behindertenwohneinrichtungen verbessert werden. Unabdingbare Voraussetzung für den Erhalt des erreichten Niveaus der Mundgesundheit sind neben regelmäßigen Folgeunterweisungen vor allem die langfristige Sicherstellung der Finanzierung dieser Maßnahmen als gesamtgesellschaftliche Aufgabe im Sinne der Daseinsfürsorge für Mitmenschen mit Behinderungen.

Dr. Imke Kaschke
Managerin Healthy Athletes
Special Olympics Deutschland
imke.kaschke@specialolympics.de

Wartekontrollgruppe

Teilnehmer

N = 95

1. Befragung

4 Wochen

Pause

2. Befragung und

unmittelbar anschließende

Intervention:

• Theoretische Fortbildung

der Betreuer

• Praktische Mundhygieneunterweisungen

Betreuer mit Bewohnern

Interventionsgruppe

Teilnehmer

N = 98

1. Befragung und

unmittelbar anschließende

Intervention:

• Theoretische Fortbildung

der Betreuer

• Praktische Mundhygiene -

unterweisungen Betreuer

mit Bewohnern

4 Wochen

Pause

2. Befragung

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