Treffen der Länderpressereferenten in Berlin

Mut zur Wahrheit

Patientenorientierung ist im Gesundheitswesen ein Topthema – besonders im Hinblick auf die Therapie. Welche Folgen diese neue Kultur der Offenheit und Transparenz für die Praxis hat, wurde auf der Koordinierungskonferenz Öffentlichkeitsbeauftragte am 25. und 26. September in Berlin diskutiert.

„Der Patient entscheidet über die Therapie – der Arzt leistet die dafür notwendige Aufklärungsarbeit“, definierte BZÄK-Präsident Dr. Peter Engel eingangs den Part des Mediziners bei der Wahl der Behandlung. Oberstes Ziel: auf der Basis von Qualitätssicherung den Patienten zufriedenzustellen. Engel: „Patientenorientierung und Patientensicherheit sind im Zusammenhang mit der Therapiefreiheit zu sehen, und zwar der Therapiefreiheit aufseiten des Patienten.“

Dass die Patientensicherheit ein zentrales Thema der ärztlichen Selbstverwaltung darstellt, bestätigte Dr. Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin und Vorsitzender des Aktionsbündnisses Patientensicherheit. Erster Schritt für den Mediziner: die Perspektive wechseln. Denn: „Leistung ist nicht das, was der Arzt macht, sondern das, was beim Patienten ankommt.“ Der medizinische Fortschritt impliziere eine immer komplexere Medizin, verbunden mit steigenden Ansprüchen an die Ärzte. Jonitz: „Allerdings müssen Ärzte keine Angst mehr davor haben, über ihre Fehler zu reden. Ausschlaggebend ist, dass sie sagen, was sie daraus gelernt haben.“ Die entscheidende Frage, um Systemfehler zu erkennen und zu beheben, sei freilich nicht wer, sondern was schuld war. Auch dabei spiele der Patient eine große Rolle, weil er sofort wahrnehme, wenn etwas schief läuft. Jonitz appellierte, das System zu humanisieren, und zwar nicht nur auf Patienten-, sondern auch auf Behandlerseite. „Es braucht Mut zur Wahrheit und eine öffentliche Wertediskussion“, bilanzierte Jonitz. Am Ende stehe eine bessere und auch kostengünstigere Medizin, verbunden mit einem höheren Ansehen, mehr Vertrauen, weniger Leid und damit mehr Freude am Beruf.

Eine gestiegene Nachfrage an gesundheitsbezogener Beratung registrierte Marcel Weigand von der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD). Die vom GKV-Spitzenverband finanzierte Organisation verzeichnete demnach 43 000 Beratungsfälle von Januar bis Juni 2009 – 84 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Etwa die Hälfte der Anfragen falle auf Leistungen der Kostenträger, gut 14 Prozent auf Zahnbehandlungen.

Götter in Weiß waren gestern

„Patientenorientierung ist ein wichtiger Teil aktiver Professionspolitik“, so die Replik von BZÄK-Vizepräsident Dr. Dietmar Oesterreich. Der Umgang mit den Patienten erfordere jedoch mehr als die entsprechende Fachlichkeit. Elementar sei auch die Vertrauensarbeit – nicht allein bezogen auf den einzelnen Behandler, gefragt sei der Berufsstand als Ganzes. Oesterreich: „Götter in Weiß waren gestern. Heute entscheidet der Patient, welche Versorgung er will.“ Er regte eine Grundwertediskussion innerhalb der Zahnärzteschaft an. Dies auch im Umgang mit einem Fehlermanagementsystem auf freiwilliger, anonymer und nicht justiziabler Grundlage.

Der KZBV-Vorsitzende Dr. Jürgen Fedderwitz schilderte eine neue Strömung: Zunehmend gingen die Patienten ins Internet, um ihr Informationsbedürfnis zu stillen. Und mehr und mehr tummelten sich dort unseriöse Anbieter, die mit als Patienteninformation getarnter Werbung Geschäfte machen wollen. Fedderwitz: „Dieses Defizit müssen wir auffangen, denn klar ist: Die Einheitsinfo kann die individuelle Beratung des Arztes nicht ersetzen.“

Einen Einblick in die EU-Politik gab der Hauptgeschäftsführer der BZÄK, Florian Lemor. Er stellte fest: „Immer mehr Entscheidungen werden in Brüssel getroffen. Die Kommission versucht verstärkt Einfluss auf die nationale Gesundheitspolitik zu nehmen.“ Was laut Lemor aber auch bedeute: „Die EU-Politiker haben Beratungsbedarf. Insgesamt ergibt sich daraus eine Win-Win-Situation für politische Entscheider und die Interessenvertreter.“

Abschließend stellten Jochen Gottsmann und Sven Tschoepe, beide BZÄK, den Heilberufsausweis für Zahnärzte vor. Ihr Fazit: Vor 2012 kommt der HBA nicht in die Praxis!