Deutscher Zahnärztetag 2009 - Kongress

Zahnmedizin – Praxis – Wissenschaft

Das wissenschaftliche Programm des Deutschen Zahnärztetages rekrutierte sich aus Vorträgen, die anlässlich der Jahrestagungen der Fachgesellschaften DGZPW und DGP sowie des Bayerischen Zahnärztetages angeboten wurden. In dieses Themenspektrum passten eine Reihe von Fachsymposien, die zum Teil von Firmen ausgerichtet wurden. Posterbeiträge und Praktikerforen flankierten das Programm ebenso wie Fortbildungsveranstaltungen für zahnärztliches Personal, und eine große Fachausstellung der Industrie präsentierte Neues vom Dentalmarkt. Hier eine Auslese aus dem umfangreichen Programm.

Tenuia-Veneers sind hauchdünn und müssen nicht mehr präpariert werden. Quelle: AG Keramik

Diese Zunge beherbergt jede Menge Bakterien, die Ursache für üblen Mundgeruch sind. Quelle: Filippi, A.: Halitosis. Quintessenz-Verlag 2005
Hypothetisches Denkmodell zur oralen Performance bei parodontalen Grunderkrankungen im Lebensbogen: Mit fortschreitender PA-Erkrankung sinkt die Performance. Eine prothetische Strategie nach Extraktion kann die Performance deutlich anheben. Sind in den ersten Zyklen keine oder festsitzende Versorgungen notwendig, kann ein hohes Maß an Performance erreicht werden. Ist das Restgebiss soweit reduziert, dass nur abnehmbare Versorgungen eingesetzt werden, erreicht die Performance nicht mehr das Ausgangsniveau (1,2) und im neuen Zyklus ist schneller wieder der Ausgangswert für den Patienten erreicht. Werden strategische Pfeiler oder festsitzende Konstruktionen eingesetzt, wird die Performance weiter angehoben und damit kann im Lebensbogen erwartet werden, dass die niedrige Ausgangsperformance des Zyklus erst einige Jahre später eintritt (3,5). Im Lebensbogen sind damit die ersten Zyklen diejenigen, die die Performance am längsten hoch halten können (5). Diagnostik und Therapie bei beginnenden PA-Erkrankungen und eine schadensadäquate prothetische Intervention haben im Lebensbogen herausragende Bedeutung. Hierdurch kann der Beginn prothetischer Interventionen im Lebensbogen hinausgeschoben werden.
Hypothetisches Denkmodell zur oralen Performance bei parodontalen Sttrategien und Interventionen im Verhältnis zur prothetischen Versorgung im Lebensbogen (auf Basis der Darstellung von Lundgreen et al. 2000): Die Performance (dargestellt als Knochenverlust) sinkt ohne Intervention schneller. Eine erfolgreiche Parodontalbehandlung verlangsamt diesen Prozess. Aber auch von einem mäßigen Erfolg der Parodontalbehandlung profitiert der Patient und der Zeitpunkt einer prothetischen Intervention kann im Lebensbogen nach hinten verschoben werden. Damit werden möglicherweise durch längeren Erhalt prarodontal kompromittierter Zähne weniger prothetische Versorgungszyklen im Lebensbogen notwendig. Grafiken: Biffar

Mit insgesamt 2 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die die Neue Messe in München besuchten, stellte die Veranstaltung einen neuen Rekord auf.

Vollkeramik im Fokus

Vollkeramische Werkstoffe, CAD/CAM-Software, NC-Fräsautomatik, Adhäsivtechnik – diese Begriffe stehen für einen der innovativsten Bereiche in der Restaurationstechnik, dessen Anfänge in der Zahnmedizin vor rund 20 Jahren liegen. Seit zehn Jahren begleitet die Arbeitsgemeinschaft für Keramik in der Zahnheilkunde (AG Keramik) die Entwicklung und berichtet alljährlich auf dem Keramiksymposium über den Stand dieser Technologien in Klinik, Praxis und Labor.

Im Mittelpunkt des 9. Keramiksymposiums, standen die Navigation durch das große Angebot vollkeramischer Werkstoffe, die Bedingungen an die Präparationstechnik sowie das Konstruktionsverfahren mit dem „digitalen Wachsmesser“. Der Einsatz der verschiedenen Keramiken orientiert sich laut PD Dr. Sven Reich, Aachen, an einem Ordnungssystem, dessen Endpunkte von der Ästhetik und von der klinischen Belastbarkeit (und in diesem Zusammenhang auch vom Einsatzort im Kieferbogen) bestimmt werden. Damit steht für jede Indikation die passende Keramik zur Verfügung. Prof. Karl-Heinz Kunzelmann, München, stellte erprobte Präparationsgeometrien für den konservierenden Einsatz vor, die eine lange Haltbarkeit der Keramikrestauration gewährleisten; Dr. Andreas Kurbad, Vier-sen, weitete diese Richtlinien auf die Kronentechnik aus und empfahl, mit exakten Präparationsgrenzen den Kronenrand zu stützen und die Herstellerangaben für Wandstärken nicht zu unterschreiten. Die Resultate der Langzeit-Feldstudie in niedergelassenen Praxen (Ceramic Success Analysis) zeigten laut Dr. Bernd Reiss, Malsch, dass die Überlebensraten von Inlays und Teilkronen aus Silikatkeramik auch nach 13-jähriger Beobachtung im Qualitätskor- ridor von Gussrestaurationen liegen. Diesen Aspekt weitete Prof. Matthias Kern, Kiel, aus, der Veneers aus leuzitverstärktem Silikat (siehe Abbildung), Kronen und Brücken sowie Adhäsivbrücken aus Oxidkeramik hohe Überlebensraten bescheinigte.

CAD/CAM-Workshop

Im anschließenden CAD/CAM-Workshop der AG Keramik in der Poliklinik für Prothetik der Universität München stellten Prof. Daniel Edelhoff, PD Dr. Florian Beuer, Zahnarzt Peter Neumeier, ZT Marlis Eichberger und ZT Josef Schweiger die Arbeitsweise verschiedener CAD/CAM-Systeme vor. Edelhoff betonte, dass erzielbare Qualität und Passgenauigkeit der ausgeschliffenen, vollkeramischen Gerüste durchweg auf hohem Niveau liegen. Das anatoforme Gerüstdesign ist zu bevorzugen, weil die Höckerunterstützung hilft, die Verblendschicht zu stützen und Verblendfrakturen (Chippings) auf Zirkoniumdioxid(ZrO2)-Gerüsten zu vermeiden. Das Konditionieren der Gerüstaußenfläche durch Abstrahlen mit 50 µm-Korund unter geringem Strahldruck fördert laut Beuer die Benetzung mit den Verblendmassen. Da ZrO2 grundsätzlich ein schlechter Wärmeleiter ist, empfahl Schweiger, beim Sinterbrand die Aufheiz- und Abkühlzeiten zu verlängern, um Gefügespannungen vorzubeugen.

Rund um die Halitosis

Referenten aus dem In- und Ausland trafen sich, um in einem Workshop ein Tabuthema zu behandeln, an dem mehr Menschen leiden, als man denkt. Prof. Dr. Andreas Filippi, Basel, machte deutlich, dass „übler Mundgeruch“ mit weit über 90 Prozent oralen Ursprungs ist und dass die Mär, „das kommt vom Magen“, endlich begraben werden sollte. Filippi und seine Koreferenten gaben folgende Tipps: Die professionelle Zungenreinigung ist bei Halitosis obligat und „halten Sie die Zuge fest, damit sie nicht wegrutscht“. In der Diskussion „Schaber versus Zungenbürste“ ist man sich seitens der Referenten uneins. Filippi verwendet die Bürste zur Applikation von Wirkstoffen, also einer Zungenpaste, die 0,3 Prozent Triclosan und 0,75 Prozent Zinkcitrat enthält. „Zink fällt die flüchtigen organischen und übelriechenden Stoffe aus und sorgt für bis zu vier Stunden Geruchsfreiheit!“ Dr. Stefan Koch aus Sonnenberg schabt lieber gründlich die vier mal sechs Zentimeter große Zungenoberfläche belagfrei. Dass Halitosis zunehmend zum psychosozialen Problem des Patienten werden kann, machte Koch weiter deutlich. Er rät, bei der Erstkonsultation ein bis zwei Stunden für den Patienten anzusetzen, um umfassend auf sein Problem eingehen zu können. „Erst dann erkennen Sie, ob es sich sogar um ein rein psychogenes Problem handelt, was meist mit zehn Prozent der Fall ist.“ Wenn keine orale oder psychogene Komponente im Spiel ist, so empfiehlt Dr. Sebastian Michaelis, Dortmund, als nächstes das Konsil eines Hals-, Nasen- Ohren-Arztes.

Um endlich einmal „klare Fakten zu schaffen“, wie DGZMK-Präsident Prof. Dr. Thomas Hoffmann sich ausdrückte, wurde anlässlich dieser Veranstaltung der Interdisziplinäre Arbeitskreis Halitosis in der DGZMK ins Leben gerufen. In einer Wahl wurde Dr. Karl Seemann, Konstanz, zum ersten Vorsitzenden berufen, ihm zur Seite stehen der Praktiker Dr. Sebastian Michaelis, Dortmund, als Schriftführer sowie Prof. Filippi als Beisitzer. Auftrag des Arbeitskreises ist, so Hoffmann, Aufklärungsarbeit zu betreiben sowie einheitliche, interdisziplinäre Richtlinien für Diagnostik sowie Therapie der Halitosis zu erarbeiten.

Perio-Prothetik: Schlagabtausch zweier Disziplinen

Zwei zahnmedizinische Disziplinen, zwei Sichtweisen, aber ein nur ein Patient mit einer Ausgangssituation, die jeder anders lösen würde. Hier einen Konsens zu finden, das war die Aufgabe aller Hauptvorträge, die von der Dramaturgie so perfekt geplant waren, dass sich – nach der Darstellung einer Ausgangssituation durch den Praktiker Prof. Hannes Wachtel, München – in einem „Streitgespräch“ zwischen dem Parodontologen Prof. Thomas Kocher und dem Prothetiker Prof. Reiner Biffar, beide Greifswald, ein spannender Schlagabtausch ergab. Beide Wissenschaftler spielten sich Argumente für die eine oder die andere Therapiestrategie zu, diskutierten das Für und Wider und griffen dabei in ihre jeweilige „Erfahrungskiste“. Deutlich wurde, dass – in einem Lebensbogen betrachtet – an jeder Stelle, also zu verschiedenen Zeiten, verschiedene Therapiestrategien einsetzen können, um einen Zahnerhalt zu gewährleisten. Beide Wissenschaftler waren sich darin einig, dass jede Intervention eines Zahnarztes zwar die Überlebenszeit eines Zahnes und damit die Lebensqualität des Patienten erhöht, aber gleichzeitig auch weitere Risiken integriert. So stellte Biffar die Frage, ob man eventuell ein besseres Ergebnis erzielt, wenn parodontal fragwürdige Zähne in eine prothetische Therapieplanung mit einbezogen würden, oder ob es besser sei, nur „parodontal sichere“ Zähne für den Zahnersatz zu verwenden. Die Argumente flogen hin und her, schließlich sagte Kocher: „Lassen Sie uns auch mal zufrieden sein mit einer mäßigen Parodontalbehandlung!“ Man wurde sich schließlich einig: Je weniger restaurative Lösungen erfolgen, desto sicherer ist, dass der Patient – bezogen auf seinen Lebensbogen – später mit mehr Zähnen leben wird. Einigkeit bestand auch darüber, dass das oralhygienische Verhalten des Patienten ein wesentliches Korrektiv darstellt.

Die Vertreter beider Fachdisziplinen gaben folgende Tipps:

• Es ist wichtig, den Beginn von Zahnersatz hinauszuzögern.

• Zahnersatz muss parodontalhygienisch sein.

• festsitzenden Zahnersatz anstreben

• möglichst keine Freiendsituationen planen

• Abnehmbarer Zahnersatz stellt ein erhöhtes Risiko bei geringer Restbezahnung dar.

• Ziel sollte sein: 20 eigene Zähne im Alter

Schleifen UND Scalen

Als Fazit kann festgehalten werden: Im Fokus stehen die Gesundheit des Patienten, die Funktion seines Gebisszustands, sein Spracherhalt, die Fähigkeit einer gesunden Nahrungsaufnahme, die Ästhetik und damit seine Lebensqualität. Dies alles ist gepaart mit der Finanzierbarkeit, also abhängig von den finanziellen Mitteln, die der Patient hierfür aufbringen kann.

Einigkeit bestand darin, dass es bislang zu wenig Kooperation zwischen beiden Fachbereichen gebe und dass diese auch auf die studentische Ausbildung ausgedehnt werden müsse. Und es muss heißen: Schleifen UND Scalen! Aber alles zu seiner Zeit, denn je früher man mit der „Paro“ beginnt, desto später kann man auch mit dem Zahnersatz beginnen!

Prognose ist dynamisch

Eine Prognose ist immer eine Momentaufnahme, gilt also nur, solange die vorausliegenden Kriterien gleich geblieben sind. Sowie sich diese verändern, verändert sich folglich auch die Prognose! Das kann zum Beispiel bereits durch einen einjährigen Auslandsaufenthalt der Fall sein, wie sich Prof. Eickholz ausdrückte.

 

 


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