Medizinhistorisches Kolloquium

Ärzte und Judentum im Spiegel der Geschichte

Das seit Jahren etablierte und in Fachkreisen bekannte Medizinhistorische Kolloquium „Medizin und Judentum“ der Universität Dresden fand anlässlich seines zehnten Jubiläums erstmals in Istanbul statt. Diese Veranstaltungsreihe verfolgt vor allem das Anliegen, den mit den Verbrechen der NS-Zeit an jüdischen Medizinern und Zahnmedizinern einhergegangenen Schäden des Gesundheitswesens im In- und Ausland wissenschaftlich nachzugehen. In Istanbul diskutierten zahlreiche Experten aus verschiedenen europäischen Ländern. Sie brachten neue Aspekte ein und arbeiteten fachliche wie ethische Fragen auf.

Veranstaltungsort war das Rektoratsgebäude der Universität in Istanbul, hier mit dem Denkmal Kemal Atatürks. Foto: Kirchhoff

Univ.-Doz. Dr. Arin Namal leitete die Veranstaltung. Foto: Karan
Mitveranstalterin Prof. Dr. Caris-Petra Heidel bei ihrer Begrüßungsansprache Foto: Karan
Dr. Wolfgang Kirchhoff stellte die Stiftung Carolinum in Frankfurt vor. Foto: Nitsche
Prof. Gerhard Baader sprach über Medizin zwischen Zedaka und Sozialreform. Foto: Karan
Voll besetztes internationales Auditorium Foto: Kirchhoff
Blick auf die Altstadt von Istanbul Foto: Kirchhoff

Am 30. und 31. Oktober 2009 fand an der Medizinischen Fakultät der Universität Istanbul das X. Medizinhistorische Kolloquium zum Thema „Medizin und Judentum“ statt. Es handelte sich hierbei um eine gemeinsame Veranstaltung der Abteilung für Ethik und Geschichte der Medizin der Medizinischen Fakultät der Universität Istanbul und des Instituts für Geschichte der Medizin der Medizinischen Fakultät Carl Gustav Carus der Technischen Universität Dresden. Die Leitung und Organisation lag in den Händen zweier ehemaliger Zahnärztinnen, die sich später dem Fach Medizingeschichte zugewendet haben: Univ.-Doz. Dr. Arin Namal aus Istanbul und Prof. Dr. Caris-Petra Heidel aus Dresden. Während das Medizinhistorische Kolloquium seit 1993 regelmäßig in Dresden ausgerichtet wird, konnte anlässlich der 10. Tagung die Universität Istanbul als Veranstaltungsort gewonnen werden.

Mahnende Erinnerung

Die Dresdner Kolloquien zur Medizingeschichte haben einen interessanten Hintergrund: Zum Gedenken an die erschütternden Ereignisse des Novemberpogroms im Jahre 1938 war 1993 im Rahmen des Instituts für Geschichte der Medizin an der Technischen Universität Dresden, des Deutschen Hygiene-Museums und der Bildungs- und Begegnungsstätte für jüdische Geschichte und Kultur in Sachsen e.V. „HATiKVA – Die Hoffnung“ eine Gedächtnisveranstaltung „Medizin und Judentum“ ausgerichtet worden. Die mahnende Erinnerung an den Holocaust, an die Judenverfolgung und -vernichtung während des nationalsozialistischen Regimes, der auch zahlreiche jüdische Ärzte und Zahnärzte zum Opfer fielen, blieb nicht das ausschließliche Anliegen des wissenschaftlichen Kolloquiums. Es folgte dem Anspruch, den mit der Verfolgung, der Vertreibung und der Ermordung jüdischer Mediziner einhergegangenen physischen Verlusten und irreversiblen Schäden für das Gesundheitswesen im In- und Ausland wissenschaftlich nachzugehen.

Daraus ergaben sich inzwischen zahlreiche Untersuchungen und Dokumentationen auch in den angrenzenden Bereichen der qualifizierten medizinischen Betreuung, der sozialen Fürsorge sowie der medizinischen Ausbildung und Forschung. In diesen Zusammenhängen wurden vor allem die Beiträge und die Stellung der jüdischen Ärzte in Medizin und Sozialwesen sowie in der Sozial- und Gesundheitspolitik Deutschlands vor 1933 analysiert.

Es wurde der Frage nachgegangen, ob und unter welchen gesellschaftlichen, sozialen und politischen Bedingungen oder Voraussetzungen eine Gleichberechtigung der Juden erreicht werden und sich eine Emanzipation des deutschen Judentums herausbilden konnte, die sich dann auch in dem Anteil der Juden am wissenschaftlichen Fortschritt, der medizinischen Forschung einschließlich der Spezialisierung der Medizin und dem akademischen Status spiegelte.

Es folgten als übergeordnete Themen das Bild des jüdischen Arztes in der Literatur, die wissenschaftlichen Ergebnisse über die Einflüsse jüdischer Emigranten auf Sozialpolitik und Wissenschaft in den Aufnahmeländern sowie über den Einfluss des Zionismus auf Medizin und Gesundheitswesen und die Zusammenhänge von Naturheilkunde und Judentum.

Die Tagungsergebnisse wurden regelmäßig in Buchform veröffentlicht [1].

Zahnmedizin vertreten

Von Anbeginn der Veranstaltungsreihe an war die Zahnmedizin mit wissenschaftlichen Beiträgen vertreten. Die Schicksale jüdischer Zahnärzte und Dentisten in Leipzig und Dresden, die soziale Zahnheilkunde durch Alfred Cohn und Julius Misch oder Alfred Kantorowicz und Hermann Nelki, Curt Proskauer und seine Kulturgeschichte der Zahnheilkunde und die Einflussnahme von Alfred Kantorowicz auf die wissenschaftliche Zahnheilkunde in der Türkei wurden dem internationalen Publikum ebenso detailreich vorgetragen, wie der Versuch gemacht wurde, eventuellen Einflüssen des Zionismus oder ganzheitlich-„biologischen“ Ansätzen in der Zahnmedizin nachzugehen.

Umfassendes Programm

Diese inhaltliche, zahnmedizinisch orientierte Tradition sollte auf der Jubiläumsveranstaltung in Istanbul fortgesetzt werden. Der wissenschaftlich längst eingeführte Terminus „Hygiene der Juden“ umschreibt die aus der jüdischen Religionslehre begründeten Vorschriften für Hygiene und Gesundheit, die jüdischen Hygiene-Traditionen sowie deren Einfluss und Bedeutung für die medizinische, gesundheits- und sozialpolitische Entwicklung. Deutlich weniger, darüber hinausführende Erkenntnisse liegen über heilkundliche medizinische Intentionen, Konzeptionen oder Praktiken vor, die originär auf das Judentum zurückzuführen sind. Insofern widmete sich diese Tagung der eingrenzenden Frage „Was war ’jüdisch’ an der Medizin?“. Es wurde versucht, die Untersuchungen eines möglichen Zusammenhangs von Judentum und medizinischer Konzeption nicht eindimensional auf wissenschaftliche Ergebnisse, auf die Begründung eigenständiger medizinisch-wissenschaftlicher Forschungsrichtungen oder auf die Prägung medizinischer Spezialgebiete beziehungsweise Fachbereiche zu beschränken. Deshalb wurde die Problemstellung unter anderem auf das Gesundheits- und Fürsorgewesen einschließlich der medizinischen Vor- und Nachsorge sowie auf die Krankenpflege ausgedehnt.

Im Rahmen des Kolloquiums wurde versucht, Fragen der Art zu beantworten, welche immanenten organisatorisch-strukturellen Bedingungen dem Judentum eigen waren, um das prägend „Jüdische“ an einem „Jüdischen Krankenhaus“ entstehen zu lassen. Antworten auf diese Fragestellungen zu geben, bemühten sich Wissenschaftler aus der Türkei, Frankreich, der Schweiz, Polen, Israel, Österreich und Deutschland in einem zeitlichen Spannungsbogen über viele Jahrhunderte. Die türkischen Referenten befassten sich schwerpunktmäßig mit den jüdischen Heilkundigen nicht nur im Altertum, im mittelalterlichen Orient oder im Osmanischen Reich, sondern auch mit ihren Behandlungsmethoden und schriftlichen Werken.

Von besonderem zahnmedizinischem Interesse waren die Gedanken zur medizinischen Handschrift des osmanischen Arztes Musa Hamon aus dem 16. Jahrhundert. In anderen Beiträgen wurden unter anderem einzelne jüdische Arztpersönlichkeiten wie Ernst Weiß, Max Hirsch, Felix A. Theilhaber, Sigismund Asch und Richard Bier thematisiert. Historisch konsequent wurden die aus den deutschsprachigen Ländern 1933 oder später nach Istanbul emigrierten Wissenschaftler herausgehoben, die damals halfen, in der Türkei eine naturwissenschaftlich determinierte Medizin/Zahnmedizin zu etablieren; dazu gehörten Erich Frank, Gustav Liepmann, Philipp Schwartz und Rudolf Nissen. Sowohl die Diskussionen der Referate als auch ein Film über Erich Frank zeigten, dass der international renommierte Zahn- und Sozialmediziner Alfred Kantorowicz (in den zm Nr. 19/2009 wurde über Kantorowicz berichtet [2]), der von 1933 bis 1950 in Istanbul Zahnmedizin lehrte, hier aufgrund seiner Verdienste bis zum heutigen Tage unvergessen geblieben ist. So wurde nicht nur die Istanbuler Medizinische Bibliothek nach ihm benannt, sondern seine Persönlichkeit und sein Wirken waren häufiger Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Gerade die Mitveranstalterin Arin Amal nutzte mehrfach die Gelegenheit, Kantorowicz zu würdigen; so unter anderem in der „Festschrift 100 Jahre Zahnmedizinische Fakultät der Universität Istanbul“ [3] oder in ihrem Beitrag über Wissenschaftsemigranten, die im Zuge der türkischen Universitätsreform an der Universität Istanbul beschäftigt worden waren [4]. Damit bestätigen sich Annahmen [5,6], dass Alfred Kantorowicz in der Vergangenheit in Deutschland weitaus weniger gewürdigt wurde als im internationalen Bereich.

Wissenschaftlich thematisiert wurden die Beteiligung jüdischer Ärzte am Kampf gegen die Sozialkrankheiten im Polnischen Königreich von 1894 bis 1914, die „Medikalisierung“ des Holocaust und die medizinische Versorgung durch jüdische „Krankenbehandler“ in Berlin von 1938 bis 1945 sowie die Berliner Privat-Sanatorien und die Auseinandersetzungen über die Rolle des Jüdischen Krankenhauses in Berlin.

Aufarbeitung

Den Auftakt zu zwei spezifisch zahnmedizinischen Beiträgen gab der „Doyen“ der westdeutschen Medizinhistoriker, der in der Zeit des Zweiten Weltkriegs eigene leidvolle Erfahrungen von Zwangsarbeit und Arbeitslager machen musste und hinsichtlich der Aufarbeitung der Medizin im Nationalsozialismus sehr frühzeitig publizierend [7] hervorgetretene, inzwischen seit langer Zeit emeritierte Prof. Gerhard Baader aus Berlin, der im achten Lebensjahrzehnt nach wie vor auf der internationalen Kongressbühne präsent ist.

Baader sprach über die „Sozialmedizin zwischen Zedaka und Sozialreform“. Im Judentum war die religionsbegründete freiwillige Armut des Christentums nicht bekannt. Im Judentum wurde die Armut als „schlimmer als fünfzig Plagen“ angesehen und andererseits die Ausübung der Wohltätigkeit als religiöse Pflicht und Imitatio dei gewertet. In der Armenpflege bedeutete Zedaka den Anspruch auf materielle Unterstützung im Sinne von Gerechtigkeit.

Die Industrialisierung im sich entwickelnden Kapitalismus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts brachte ein neues Krankheitsspektrum mit neuen Behandlungsnotwendigkeiten hervor, das zum umkämpften Bestandteil der gesellschaftlichen und sozialpolitischen Auseinandersetzungen wurde. Der Einfluss von Ärzten jüdischer Abstammung auf die Gründung des „Sozialdemokratischen Ärztevereins“, später des „Vereins sozialistischer Ärzte“, aber auch auf einzelne medizinische Fachrichtungen wie unter anderem Sozialhygiene, Sexualberatung oder Alkoholbekämpfung war evident. Gleichwohl kam Baader zu dem Fazit, dass diese Pioniere der Sozialmedizin keine Vertreter einer spezifisch jüdischen Medizin, sondern meist sozialistisch oder kommunistisch orientierte jüdische Ärzte waren, denen als Maßstab die Politik der Sozialreform und nicht der Zedaka galt [8].

Stiftung Carolinum

Dr. Wolfgang Kirchhoff referierte über „Die Freiherr Carl von Rothschild’sche Stiftung Carolinum in Frankfurt und ihre historische Bedeutung für die zahnmedizinische Versorgung“. Jüdische Stiftungen waren Beiträge zur Förderung von Emanzipation, Akkulturation, gesellschaftlicher Integration und positiver Beeinflussung des Ende des 19. Jahrhunderts herrschenden, starken Antisemitismus. Wenn Stiftungen nicht im Sinne Bismarck’scher Beschwichtigungspolitik zur Stabilisierung gravierender sozialer Ungerechtigkeiten eingesetzt wurden, konnten sie gelegentlich auch gravierende Defizite gesamtgesellschaftlicher und/oder kommunaler Gesundheitspolitik spiegeln. In Frankfurt – als einem bedeutenden Zentrum der damals kraftvollen Arbeiterbewegung – wurde die Verantwortlichkeit des bis dahin rein karitativen Zwecken dienenden Carolinum alsbald in öffentliche Hände gelegt; dieser Vorgang ermöglichte die Hinwendung des Projekts in eine gezielte, gesundheitspolitisch bedeutsame Richtung: Prävention in der Kinder- und Jugendzahnheilkunde und Kuration unter Beibehaltung karitativer Elemente.

Dieses Konzept erhielt seine besondere bildungspolitische Bedeutsamkeit, nachdem die Stiftung 1915 in die Gründung der Frankfurter Stiftungs-Universität eingebracht wurde [9]. Betroffenheit unter den Zuhörern rief die Erinnerung daran hervor, dass die jüdische Stiftung Carolinum von 1915 bis 1936 von dem rassistisch orientierten, späteren Steigbügelhalter der NSDAP, Otto Loos, geleitet wurde, ohne dass in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg eine bemerkenswerte Distanzierung von dieser Person erfolgt wäre [10].

Sozialethik

Caris-Petra Heidel, Expertin in Fragen der Zahnheilkunde unter besonderer Beachtung sozialer, standes- und bildungspolitischer Aspekte des 18. bis 20. Jahrhunderts und von Medizin und Zahnmedizin im Nationalsozialismus, referierte – inhaltlich anschließend an das Vorangegangene – über „Jüdische Sozialethik in der Zahnmedizin“. Sie arbeitete, aus dem Talmud abgeleitet, den aus dem erniedrigenden und demütigenden Zustand der Armut entstandenen Anspruch auf Leistungen durch die Gemeinschaft heraus.

- seIm Judentum hatten sich im Gegensatz zur christlichen Fürsorgetradition Kategorien sozial-rechtlicher Verbindlichkeiten herausgebildet. Als Ausdruck der Durchsetzung von gesellschaftlicher Gerechtigkeit, Gleichheit und Rechtsverbindlichkeit im Rahmen der sozialethischen Verpflichtung innerhalb der Zahnmedizin wurde beispielhaft personalisiert die sukzessive Etablierung der Schulzahnpflege zu Beginn des 20. Jahrhunderts interpretiert.

In diesem Sinne war für Konrad Cohn (1866–1938) die Schulzahnpflege auch keine mildtätige Gabe für die Armen, sondern eine gesellschaftliche Pflicht. Mit seinem ausgeprägten Engagement gab Cohn der Entwicklung der Schulzahnpflege unter anderem im Zentralkomitee für Zahnpflege in den Schulen (1909) oder als Lehrbeauftragter für soziale Zahnheilkunde an der Universität Berlin (1919) bedeutende Impulse. Er trat dafür ein, die Schulzahnpflege als einen Teil der allgemeinen Schulgesundheitspflege unter der Leitung von den Städten, Landkreisen und kommunalen Verbänden durchzuführen und – soweit vorhanden – an die Zahnkliniken der Krankenkassen anzubinden. Cohn wurde im Mai 1933 aufgrund seiner jüdischen Herkunft und sicherlich als Folge seiner sozialpolitischen Vorstellungen von sämtlichen Funktionen entbunden und aus dem Hochschuldienst entlassen [11].

Dr. Wolfgang Kirchhoff, Marburg
kuwkirchhoff@gmx.de

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