11. Int. Symposium „Zahnärztliche Identifizierung“

Wissensaustausch nationaler und internationaler Experten

Bereits zum 11. Mal fand an der Sanitätsakademie der Bundeswehr in München das Internationale Symposium „Zahnärztliche Identifizierung“ statt. Die diesjährigen Teilnehmer – Kriminalbeamtinnen und -beamte, Zahnärztinnen und Zahnärzte sowie Rechtsmedizinerinnen und Rechtsmediziner aus dem militärischen und zivilen Bereich – reisten aus Österreich, der Schweiz, Frankreich, Norwegen, Ungarn und allen Regionen Deutschlands an. Auch in diesem Jahr lag die Moderation des Symposiums wieder in den bewährten Händen von Oberfeldarzt Prof. Dr. Ralf Vollmuth.

Abbildung 1: Friedhof für die nicht-identifizierten Tsunami-Opfer in der Nähe von Khao Lak / Thailand: 39 verschiedene Nationen haben Tsunami-Opfer zu beklagen Fotos: Grundmann

Abbildung 2: „zahnärztlicher EDV-Arbeitsplatz“ zur Eingabe der ante-mortalen Daten aus Kartei - karte, Zahnfilmen und Orthopanto - mogramm
Abbildung 3: Fingerabdrücke beider Hände (L = Linker, D = Daumen, Z = Zeigefinger, M = Mittelfinger, R = Ringfinger, K = Kleinfinger)

Nach der Eröffnung der Tagung durch Generalärztin Dr. Erika Franke und den Begutachtenden Zahnarzt der Bundeswehr, Oberstarzt Dr. Klaus-Peter Benedix, startete der wissenschaftliche Teil des Programms mit einem Vortrag von Dr. Dr. Claus Grundmann, Duisburg, zu den Veränderungen in Südthailand nach Ausbruch des Tsunamis vom zweiten Weihnachtstag 2004 bis Ostern 2009.

Thailand heute

Es konnte gezeigt werden, welche Gedenkstätten von Thailändischer Seite zwischenzeitlich errichtet wurden, ebenso der Bau und die Funktion der neu installierten Tsunami-Warntürme. Die bisher nicht identifizierten Opfer der Flutwelle waren inzwischen auf einem eigenen Friedhof bestattet worden, auf dem eine überdimensionale Marmorwelle an die verheerenden Ereignisse erinnert. Auffallend war, dass mehr als vier Jahre nach der Katastrophe nirgendwo Bild- oder Filmmaterial, das an die damaligen Ereignisse erinnert, käuflich erworben werden konnte. Offensichtlich versucht die Thailändische Bevölkerung, die verheerende Flutwelle zu verdrängen; denn „vergessen“ kann dieses Ereignis sicherlich niemand.

Die IDKO des BKA

Kriminalhauptkommissarin Petra Krumm, Wiesbaden, berichtete über den aktuellen Aufbau und die Struktur der Identifizierungskommission (IDKO) des Bundeskriminalamts (BKA) sowie über die Einsätze des zurückliegenden Jahres: Hierzu zählten die Anschläge auf die Hotels und den Bahnhof von Mumbay/Indien sowie der Absturz des Airbus A 330 der Air France über dem Atlantik auf dem Weg von Rio de Janeiro nach Paris am Pfingstmontag 2009.

Es folgte ein Vortrag von Oberstarzt Dr. Benedix zum aktuellen Stand der Zusammenarbeit der Bundeswehr mit der Identifizierungskommission des BKA. Dabei stellte Dr. Benedix die rechtlichen Grundlagen der Zusammenarbeit dar und wies in diesem Zusammenhang auf die geltenden Voraussetzungen zum Einsatz von Sanitätsoffizieren der Bundeswehr für die Identifizierungskommission hin (wie erforderliche Lehrgänge, AKFOS-Mitgliedschaft, Impfstatus und mehr).

Im Nachmittagsprogramm des ersten Symposiumstages referierte Kriminaloberkommissar Attila Höhn, BKA Wiesbaden, über die Erhebung von post-mortalen Befunden mithilfe des „DVI (Disaster Victim Identification)-Systems International“ der dänischen Firma Plass Data. Mit stoßsicheren und wasserunempfindlichen Notebooks (sogenannte Toughbooks) werden zukünftig im Katastrophenfall eigene Netzwerke betrieben, die von den verschiedenen Identifizierungsarbeitsplätzen (Effektenbehandlung, Daktyloskopie, Rechtsmedizin und Zahnmedizin) mit Daten versorgt werden. Dieser Einsatz moderner Techniken ermöglicht die papierlose Dokumentation mit dem herausragenden Vorteil, dass jederzeit von jedem mit dem Netzwerk verbundenen Arbeitsplatz ein Zugriff auf alle Identifizierungsdaten möglich ist.

Daktyloskopie und DNA

Eine Einführung in die Methoden der Daktyloskopie gab der Erste Kriminalhauptkommissar Wolfgang Thiel, Hagen: Anfertigung von Finger-, Hand- und Fußflächenabdrücken und deren Auswertung für die Personenidentifizierung, insbesondere für die Identifizierung von Opfern von Großschadensereignissen.

Neben der forensischen Zahnmedizin und der DNA-Analyse gehört die Daktyloskopie zu den drei wissenschaftlichen, international anerkannten Identifizierungsmethoden.

Welche Bedeutung die moderne forensische DNA-Analyse bei der Identifizierung von Katastrophenopfern hat, stellte Prof. Dr. Rüdiger Lessig, Leipzig, in seinem Referat dar: Dabei wurde der Weg aufgezeigt, den eine Probe von der Entnahme bis zum endgültigen Ergebnis durchläuft.

Missbräuche und Gewalt im häuslichen Umfeld scheinen nicht nur in der Bundesrepublik Deutschland, sondern auch in der Schweiz von zunehmender Relevanz zu sein. Der Vortrag von Dr. Michel Perrier, Lausanne, beschäftigte sich mit der Diagnostik von Missbrauch und Gewalt aus zahnärztlicher Sicht. Dabei standen insbesondere die Vergehen an Kindern im Vordergrund. Einen breiten Raum nahm die sich dem Vortrag anschließende Diskussion ein, bei der aus unterschiedlicher Sichtweise über Anzeigemöglichkeiten beziehungsweise mögliche Anzeigepflichten durch Untersucherinnen und Untersucher mit dem Auditorium kontrovers diskutiert wurde.

Blick ins Nachbarland

Am zweiten Symposiumstag stellte Oberst Dr. Christoph Hundertpfund vom Landeskriminalamt Tirol den Aufbau und die Arbeitsweise des Österreichischen DVI-Teams vor. Der Zusammenstoß eines Kleinflugzeugs mit einem Helikopter in der Nähe von Zell am See, Salzburger Land, war Gegenstand des Referats von Oberstleutnant Karl H. Wochermayr vom Stadtpolizeikommando Salzburg. Hierbei handelte es sich um den ersten bilateralen Einsatz unter Beteiligung der DVI-Teams aus der Schweiz und Österreich.

Der besondere Fall

Dr. Hans-Peter Kirsch, Saarbrücken, berichtete anhand von Bildmaterial über die forensisch-odontologischen Untersuchungen an Skeletten zweier Soldaten des zweiten Weltkriegs, die im Saarland gefallen waren. Er erläuterte die verschiedenen wissenschaftlichen Methoden der forensischen Altersdiagnostik, die er an den vorhandenen Zähnen durchgeführt hatte. Dabei stellte sich heraus, dass ein Soldat zum Zeitpunkt des Todes das 20. Lebensjahr vermutlich noch nicht vollendet hatte.

In einem weiteren Referat stellte Prof. Dr. Lessig verschiedene bildgebende Verfahren und ihre unterschiedlichen Einsatzgebiete innerhalb der modernen Rechtsmedizin vor: Hierzu zählen Ultraschall- und Röntgenuntersuchungen genauso wie der Einsatz von Computer- und Magnetresonanztomographie, einschließlich der sogenannten „virtuellen Autopsie“. Vor- und Nachteile sowie die rechtliche Grundlagen, insbesondere unter Berücksichtigung des Paragraphen 81 a der Strafprozessordnung, wurden ausführlich erläutert.

Rückblick

Prof. Dr. Tore Solheim, Oslo, ehemaliger Präsident der „International Organization for Forensic Odontostomatology (IOFOS)“, ging in seiner Präsentation ausführlich auf die Identifizierungstätigkeiten des Norwegischen DVI-Teams im Rahmen des Tsunami 2004 in Thailand ein. Dabei zeigte er auch die Probleme auf, die sich beim ersten Großeinsatz verschiedener nationaler Identifizierungsteams aus zahlreichen Ländern mit ihren unterschiedlichen Sichtweisen und Standards ergeben haben. Erfreulicherweise waren sämtliche norwegischen Tsunami-Opfer innerhalb weniger Wochen identifiziert worden. Ausschlaggebend hierfür war die fast regelmäßige Anfertigung von Bissflügelaufnahmen bei der zahnärztlichen (Erst-)Untersuchung durch norwegische Zahnärztinnen und Zahnärzte im Rahmen ihrer regulären Praxistätigkeit.

Brand eines Reisebusses

Einen aktuellen Fall zur Identifizierung von Opfern eines Großschadensereignisses stellte Joachim Eidam, Rechtsmediziner aus Hannover, vor: Dabei handelt es sich um die Identifizierung von zwanzig Brandopfern eines Reisebusses auf der Autobahn bei Hannover-Garbsen. In Sekundenschnelle waren die Busreisenden durch eine Feuerwalze bis zur Unkenntlichkeit verkohlt. Mithilfe des Zahnstatus konnten die meisten Opfer aber eindeutig identifiziert werden. Im vorliegenden Fall handelte es sich um eine geschlossene Reisegruppe – überwiegend aus dem Osten von Hannover –, so dass eine Beibringung von zahnärztlichen Unterlagen (Karteikarte, Röntgenbilder und mehr) durch die Kriminalpolizei innerhalb kurzer Zeit sichergestellt werden konnte. Diese Tatsache führte auch zu einem schnellen Ergebnis, so dass den Verwandten innerhalb weniger Tage ihre sicher identifizierten Familienmitglieder zur Bestattung zurückgegeben werden konnten.

Wehrpathologische Sammlung

Am dritten Tag des Symposiums führte Stabsfeldwebel Bernhard Skasa-Weiß durch die Wehrpathologische Lehrsammlung der Sanitätsakademie der Bundeswehr. Anhand zahlreicher Präparate können hier auf eindrucksvolle Art und Weise ausgefallene Krankheiten und Verletzungen demonstriert werden. Diese einzigartige Sammlung hat einen hohen Stellenwert in der Aus- und Fortbildung von Sanitätsoffizieren sowie deren Assistenzpersonal.

Zusammenfassung

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass auch das 11. Internationale Symposium „Zahnärztliche Identifizierung“ – aufgrund der Vielfalt des dargebotenen Programms – ein großer Erfolg war. Dies „beweisen“ die zahlreichen Referentinnen und Referenten sowie Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem In- und Ausland, die sich teilweise seit mehreren Jahrzehnten mit der (zahnärztlichen) Identifizierung wissenschaftlich beschäftigen.

Termin 2010

Das 12. Internationale Symposium „Zahnärztliche Identifizierung“ soll vom 30.11. bis 03.12.2010 wieder an der Sanitätsakademie der Bundeswehr in München stattfinden.

Dr. med. Dr. med. dent. Claus Grundmann
AKFOS-Schriftführer
Viktoriastr. 8
47166 Duisburg
clausgrundmann@hotmail.com

Dr. med. dent. Klaus-P. Benedix
Oberstarzt
Begutachtender Zahnarzt der Bundeswehr
Dachauer Str. 128
80637 München
SanABwBGZBw@Bundeswehr.org

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