Christine Vetter

Die etwas andere Medizin

Alternative Heilverfahren von der Homöopathie bis zum Reiki sind bei vielen Patienten en vogue und nicht selten wird auch in der Zahnarztpraxis nach „sanften Behandlungsmethoden“ gefragt. Welche Verfahren gibt es? Wie „sanft“ sind diese wirklich und was sollte man als Arzt und als Zahnarzt in puncto Alternativ- und Komplementärmedizin wissen? Ein weites Feld mit vielen Möglichkeiten und etlichen offenen Fragen.

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Pflanzenaromen sind seit Jahrtausenden „medizinisch“ im Einsatz. Foto: pixal
Moxibustion Foto: MEV
Aromatherapie Foto: MEV
Laserakupunktur Foto: MEV
und Schröpfkugeln, sie alle dienen der Ausleitung von Giften oder Stimulation zur Selbstheilung.
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Samuel Hahnemann gilt als der Urvater der Homöopathie. Foto: akg-images
Homöopathische Tropfen können bei vielen Leiden helfen, den Organismus wieder "auf die Reihe zu bringen". Foto: MEV

Am Segen der modernen Pharmakotherapie ist wohl nicht zu zweifeln und doch greifen mehr und mehr Menschen zu Bachblüten, Schüssler-Salzen und anderen Verfahren außerhalb der Schulmedizin, wenn sie unter gesundheitlichen Störungen leiden. Die Gründe hierfür dürften vielfältig sein, vom Trend „zurück zur Natur“ angefangen bis hin zu einem tief sitzenden Misstrauen gegenüber der Pharmaindustrie und allgemein gegenüber synthetischen Wirkstoffen.

Schulmedizinisch nicht bewiesen

Dass der Wunsch nach alternativen Behandlungsverfahren in der Bevölkerung groß ist, zeigen Umfragen. Darin antworten rund 70 bis 80 Prozent der Befragten, dass aus ihrer Sicht die naturheilkundlichen Verfahren in die medizinische Versorgung einbezogen werden sollten. Unter dem Begriff Alternativ- beziehungsweise Komplementärmedizin versteht man eine ganze Vielzahl an Verfahren, deren klinische Wirksamkeit jedoch nicht in den von der Schulmedizin geforderten wissenschaftlich fundierten, kontrollierten und randomisierten Doppelblindstudien bewiesen ist. Dazu gehört unter anderem die Naturheilkunde, die sich praktisch empirisch über die Jahrhunderte entwickelt hat. Verfahren aus dem Bereich der traditionellen chinesischen Medizin wie die Akupunktur zählen dazu, ebenso Behandlungsmethoden wie die Homöopathie, um deren Wirksamkeit oder Unwirksamkeit in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten immer wieder regelrechte Glaubenskämpfe in der Medizin entbrannt sind. Allerdings werden unter Alternativmedizin auch einzelne weniger verbreitete Verfahren subsumiert wie zum Beispiel die Irisdiagnostik, die Eigenblutbehandlung oder die Fußreflexzonentherapie, die von den Schulmedizinern bestenfalls belächelt oder sogar als Scharlatanerie und Geldschinderei abgetan werden.

Begriffe vermischen sich

Zu unterscheiden ist zwischen Alternativ- und Komplementärmedizin. Beide Begriffe sind in der Praxis eigentlich synonym zu benutzen, bezeichnen also die gleichen Verfahren. In der Vergangenheit sprach man nur von Alternativmedizin. Suggeriert wurde damit aber, dass es sich um Heilmethoden handelt, die alternativ zur Schulmedizin praktiziert werden. Die jeweiligen „Therapeuten“ forderten unter Umständen sogar von den Patienten, auf schulmedizinische Behandlungsverfahren zu verzichten, ein Vorgehen, das in der Ärzteschaft sehr kritisch gesehen wird. Heute weiß man, dass der Begriff der Alternativmedizin so nicht stimmig ist, deshalb wird von Schulmedizinerin wie auch von Anhängern der „Alternativverfahren“ zunehmend der Begriff der Komplementärmedizin benutzt. Damit wird ausgedrückt, dass die Heilverfahren von Homöopathie bis Akupunktur komplementär – also ergänzend – zur Schulmedizin praktiziert werden (können). Die Akzeptanz dieser Heilrichtung ist dadurch vor allem bei den Schulmedizinern deutlich gestiegen. Es geht also darum, die klassischen Therapieverfahren ergänzend zu begleiten, um ihre Wirksamkeit zu unterstützen oder mögliche Nebenwirkungen zu mildern. Entsprechend einem Vorschlag des amerikanischen „National Institute of Health“ können die alternativen/komplementären Verfahren in verschiedene Kategorien eingeteilt werden und zwar in:

• Verfahren, die Naturprodukte wie Pflanzen oder Nahrungsmittel zur Heilung von gesundheitlichen Störungen einsetzen.

• Traditionelle Verfahren, die sich auf eigenständige Theorien und Praktiken der Heilsweise berufen, wie zum Beispiel die Homöopathie, aber auch die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) sowie die Tibetische Medizin und Ayurveda.

• Manuelle Verfahren wie Osteopathie und Chirotherapie.

• Methoden, die eine Einheit von Körper und Geist postulieren und die entsprechenden Wechselwirkungen therapeutisch nutzen wollen. Hierzu zählen Methoden wie Yoga, Tai-Chi, Entspannungstechniken und Körpertherapien wie Feldenkrais.

• Methoden, die mit „Energiefeldern“ arbeiten, wie etwa Reiki oder die Behandlung mittels elektromagnetischer Felder. Jede dieser Katogorien umfasst dabei eine Vielzahl an einzelnen Methoden und Verfahren, die hier nur exemplarisch vorgestellt werden können.

Das uralte Wissen der Naturheilkunde

Das, was heutzutage als „alternative“ oder „komplementäre“ Medizin propagiert und praktiziert wird, hat zum Teil eine lange Tradition. Dies gilt mindestens für die klassische Naturheilkunde, also Heilverfahren, die auf Naturheilmittel wie Wärme, Kälte, Luft und Pflanzen zurückgreifen. An der klinischen Wirksamkeit dieser Hydro- oder Thermotherapie wird auch von Kritikern der sogenannten Alternativmedizin nicht ernsthaft gezweifelt und es steht außer Frage, dass durch eine gesunde und ausgewogene Ernährung und durch regelmäßige körperliche Aktivität – und damit auch durch eine Ernährungsoder eine Bewegungstherapie – beachtliche Heileffekte zu erzielen sind. So gibt es Befunde, wonach sich durch eine adäquate Ernährung und regelmäßige sportliche Aktivität das Rezidivrisiko bei Krebserkrankungen um bis zu 40 Prozent mindern lässt.

Der Begriff der Naturheilkunde umfasst aber mehr als „nur“ die Ernährungs- und die Bewegungstherapie. Gut etabliert ist auch die Phytotherapie als eines der ältesten Heilverfahren in der Medizin. Dabei werden pflanzliche Inhaltstoffe genutzt, um physiologische Prozesse im Körper zu regenerieren oder zu stabilisieren oder auch um pharmakologische Effekte zu vermitteln. Eingesetzt werden ganze Pflanzen oder auch Pflanzenteile wie etwa Blüten, Blätter, Samen oder Wurzeln. Die Inhaltstoffe werden üblicherweise extrahiert und zu Fertigarzneimitteln aufgearbeitet, wobei die jeweiligen Phytopharmaka oft eine Vielzahl an Inhaltsstoffen enthalten und die erzielte Wirkung in aller Regel nicht einer Substanz alleine zuzuordnen ist. Meist gibt es zwar Leitsubstanzen, die allerdings oft für sich alleine genommen nicht die gleiche Wirkung im Körper erzielen wie der Pflanzenextrakt.

Von Digitalis bis Heilfasten

Die Wirksamkeit der Phytopharmaka ist sehr unterschiedlich. So werden zum Teil Giftstoffe – und somit Arzneimittel mit enger therapeutischer Breite – angewandt wie etwa das früher bei der Therapie der Herzinsuffizienz gebräuchliche Digitalis, das aus dem roten Fingerhut gewonnen wurde. Weitere Beispiel für breit genutzte Heilpflanzen sind das Johanniskraut, mit dem milde bis mittelschwere Depressionen behandelt werden oder die Rosskastanie sowie das rote Weinlaub zur Therapie von Venenerkrankungen. Sehr weit verbreitet ist außerdem die Behandlung mit Umckaloabo® bei der akuten Bronchitis. Das Präparat basiert auf der Kapland-Pelargonie, einer in Südafrika beheimateten Pflanze, die bereits seit Jahrhunderten als Heilpflanze genutzt wird. Auch Präparate aus dem Ginkgo-Baum (Ginkgo biloba) sind hierzulande weit verbreitet. So wird dem Ginkgo biloba eine durchblutungsfördernde Wirkung zugesprochen und der Extrakt aus Ginkgoblättern wird vor allem zur Förderung der kognitiven Leistungsfähigkeit bei dementiellen Syndromen eingesetzt. Eine weitere hierzulande breit genutzte Heilpflanze ist der Purpursonnenhut (Echinacea purpureae). Schon den alten Indianern soll die Heilpflanze als Mittel gegen Husten und Halsschmerzen gedient haben.

Traditionelle Chinesische Medizin und Akupunktur

Heutzutage wird Echinacea als Fertigarzneimittel zur Stärkung der Abwehrkraft eingesetzt. Unabhängig davon gibt es zahlreiche Heilpflanzen mit unterschiedlichsten Leitsubstanzen und entsprechend vielfältigen Zubereitungen und Indikationen. Zur Naturheilkunde gehören neben der Phytotherapie aber zahlreiche weitere Verfahren. Sie zielen im Wesentlichen darauf ab, die natürliche Ordnung im Organismus wiederherzustellen und die Selbstheilungskräfte zu stärken. Zur klassischen Naturheilkunde zählen neben den genannten Methoden auch die Hydro- und die Balneotherapie, die Diätetik bis hin zum entschlackenden, den Körper reinigenden Heilfasten sowie die Ordnungstherapie, also das Streben nach einer ausgewogenen Lebensweise im Rhythmus und im Einklang mit der Natur.

Die wohl bekannteste Therapieform der Traditionellen Chinesischen Medizin ist die Akupunktur. Dabei werden dünne Einmal-Nadeln in bestimmte Körperpunkte, die auf sogenannten Meridianen liegen, gestochen und verbleiben dort für etwa 20 Minuten. Die Nadeln beeinflussen – so die Vorstellung – den Fluss der Lebensenergie Qi und vermitteln über diesen Weg gesundheitsrelevante Wirkungen. Das Verfahren wird vor allem im Rahmen von Schmerzsyndromen eingesetzt, zum Beispiel bei der Prophylaxe der Migräne sowie zur Behandlung von Schmerzen bei der Gonarthrose, wobei die Kosten von einigen Krankenkassen sogar übernommen werden.

Es gibt inzwischen eine ganze Reihe an Abwandlungen und speziellen Entwicklungen der Akupunktur. Dazu gehört beispielsweise die Ohr-Akupunktur, bei der nur einige Punkte im Ohr gestochen werden sowie die koreanische Handakupunktur, bei der nur Punkte in den Händen genutzt werden. Abwandlungen des Verfahrens sind ferner die Laserakupunktur sowie die Moxibustion, bei der die jeweiligen Punkte erwärmt werden, und die Akupressur, bei der quasi als Druckmassage Druck auf bestimmte Körperpunkte ausgeübt wird.

Zu den Methoden der TCM gehört auch die Zungendiagnostik. Beurteilt werden dabei die Oberfläche, die Größe und die Form der Zunge, deren Spannkraft und deren Beweglichkeit sowie auch das Aussehen der Zungenunterseite. Denn die Zunge gilt als Träger von Reflexzonen für den gesamten Körper, wobei Veränderungen entsprechend der TCM-Lehre direkt Rückschlüsse auf gesundheitliche Störungen zulassen.

Osteopathie und Chiropraktik

Ziel der Osteopathie ist es, Bewegungseinschränkungen aufzuspüren und durch manuelle Behandlungsformen zu lösen. Dadurch können der Theorie zufolge vielfältige Beschwerden gebessert werden, da Körper, Geist und Seele miteinander verbunden sind und Wechselwirkungen aufeinander ausüben. Dies macht das Verfahren sich zunutze. Es handelt sich somit um einen ganzheitlichen Ansatz, wobei es drei verschiedene Richtungen gibt, die sogenannte parietale, die viszerale und die kranioskrale Osteopathie. Die parietale Osteopathie behandelt vorwiegend Störungen im muskulo-skelettalen Bereich, also zum Beispiel Rückenschmerzen, Gelenkbeschwerden oder ein Schleudertrauma, während die viszerale Osteopathie eher auf die Weichteile zielt und bei Verdauungsbeschwerden oder zum Beispiel Menstruationsschmerzen eingesetzt wird und während die kraniosakrale Osteopathie Kopfschmerzen, Schwindel und einen Tinnitus lindern soll. Infolge des ganzheitlichen Ansatzes sind jedoch Überlappungen zwischen den Bereichen nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

Die Chiropraktik legt dagegen ihren Schwerpunkt auf die Gelenke der Wirbelsäule als zentralen Mittelpunkt des Bewegungsapparats. Durch manuelle Techniken wird versucht, Blockaden der Gelenke zu lösen und dadurch Schmerzen zu lindern und die Beweglichkeit wieder zu verbessern.

Homöopathie und Schüssler-Salze

Begründer der Homöopathie ist Samuel Hahnemann. Er postulierte im 18. Jahrhundert die These, dass sich „Ähnliches durch Ähnliches“ heilen lasse, was zu einem Leitsatz der Homöopathie wurde (Ähnlichkeitsprinzip/Simile-Prinzip). Demnach sollen Substanzen, die im Körper bestimmte Symptome hervorrufen können, genau diese Beschwerden auch lindern können. Hahnemann entwickelte per Arzneimittelprüfung einen Katalog an Substanzen, beobachtete deren Wirkung im Körper und ordnete den Stoffen bestimmte Indikationen zu, ein Prozess, der von den Verfechtern der Homöopathie bis heute fortgeschrieben wird.

Bei den homöopathischen Arzneimitteln kann es sich um die unterschiedlichsten Substanzen handeln von pflanzlichen über tierische Stoffe bis hin zu Mineralien und Nosoden. Die Herstellung des homöopathischen Arzneimittels erfolgt entsprechend dem von Hahnemann erarbeiteten Homöopathischen Arzneibuch und das je nach Löslichkeit der Ausgangssubstanz auf Basis einer Urtinktur oder einer Verreibung. So werden feste und unlösliche Stoffe mit Milchzucker verrieben, aus löslichen Materialien wird eine Urtinktur hergestellt, die anschließend schrittweise mit einem Ethanol-Wasser- Gemisch verdünnt wird. Die Verdünnung – in der Homöpathie Potenzierung genannt – erfolgt bei den D-Potenzen in Zehner-Schritten (1:10), wobei die Flüssigkeit jeweils in einem Glasbehälter verschüttelt wird. C-Potenzen werden im Verhältnis 1:100 verdünnt und gelten als wirksamer als die D-Potenzen, obwohl sie keine stoffliche Grundlage besitzen. Dies gilt mehr noch für die Hochpotenzen, die LM-Potenzen, die im Verhältnis 1:50 000 verdünnt werden.

Zentrale Kritikpunkte von Schulmedizinern an der Homöopathie sind neben dem rituellen Vorgehen bei der Verdünnung vor allem das Fehlen einer stofflichen Grundlage im Arzneimittel. „Da wo nichts ist, kann auch nichts wirken“, so die vielfach geäußerte Kritik schulmedizinisch orientierter Personen.

Einen Beweis der klinischen Wirksamkeit der Homöopathie entsprechend den schulmedizinischen Kriterien sind die Anhänger des Verfahrens bislang schuldig geblieben. Sie argumentieren, dass Doppelblindstudien, wie sie von der Schulmedizin gefordert werden, gar nicht zu erbringen sind, da es sich bei der Homöopathie um ein Heilverfahren handelt, dass direkt individualisiert erfolgt und damit einen Doppelblindversuch per se ausschließt.

Aus der Homöopathie ging die Entwicklung der Schüssler-Salze hervor, die auf den Thesen von Dr. Wilhelm Heinrich Schüssler beruht. Er postulierte zwölf Funktionsmittel, wobei es sich um homöopathische Präparate handelt und zwar um Mineralstoffe, die bestimmte Funktionen im Körper unterstützen sollen. So wird zum Beispiel das Salz Nr. 5, Kalium phosphoricum, als „Nervenund Muskelmittel“ bezeichnet, Salz Nr. 9, Natrium sulfuricum, als „Ausscheidungsmittel“ und Salz Nr. 12, Calcium sulfuricum, als „Regenerationsmittel“. Entsprechend der jeweiligen Wirkanteile werden die Salze dann bei unterschiedlichsten Beschwerden vom Infekt bis hin zum Krampfaderleiden angewandt.

Viele Verfahren der komplementären Medizin zielen darauf ab, die gesundheitliche Situation durch das Element der Entspannung zu fördern. Egal ob es sich um die Muskelentspannung nach Jacobsen, um Yoga, um Autogenes Training oder um Tai-Chi – das chinesischen Schattenboxen – handelt, die Verfahren folgen einem ganzheitlichen Ansatz, der den Körper wieder mit sich und seiner Umwelt ins Gleichgewicht bringen soll.

In die gleiche Richtung wirkt Qi Gong, eine Methode, die den bewusstem Umgang mit Lebensenergien propagiert, während beim Feldenkrais ein etwas anderes Konzept verfolgt wird: Es handelt sich hierbei um eine Art „Lernmethode“, die auf den israelischen Physiker Moshé Feldenkrais zurück geht. Durch systematische Bewegungen soll der Körper beim Feldenkrais dazu gebracht werden, erlernte Verhaltens- und Bewegungsmuster umzuprogrammieren, Bewegungen bewusster wahrzunehmen und schließlich in gesundheitsadäquatere Bewegungsabläufe und Verhaltensmuster umzusetzen.

Kinesiologie und Reiki

Bei der Kinesiologie, einem Verfahren, das in den 60er-Jahren entwickelt wurde, wird versucht, mithilfe funktioneller Muskeltests, bei denen der Patient aufgefordert wird, einen Gegendruck mit Armen oder Beinen zu erzeugen, Informationen über Körperfunktionen zu erhalten und meridiane Blockaden zu eruieren, die anschließend behandelt werden. Dahinter steht die Vorstellung, dass sich gesundheitliche Probleme in Form von Muskelschwächen zeigen, die ihrerseits Ungleichgewichte im Organismus und Dysfunktionen aufdecken können. Das Verfahren hat – so die Sicht der Verfechter – nicht nur diagnostische, sondern auch therapeutische Bedeutung, da sich mit den Muskeltests – so die Theorie – auch erproben lässt, ob bestimmte, meist homöopathische Medikamente beim individuellen Patienten wirksam sein werden oder nicht.

Beim Shiatsu, einer japanischen Heilmethode, steht dagegen die entlang der Meridiane fließende Energie des menschlichen Körpers im Mittelpunkt. Mit der Behandlung, die in kraftvollem Berühren besteht, soll der Energiefluss ausgeglichen werden, Blockaden sollen gelöst werden und der Körper soll zu einer inneren Harmonie zurückfinden. Das Verfahren ist aus der traditionellen chinesischen Massage hervorgegangen und findet auch hierzulande mehr und mehr Anhänger.

Ebenfalls zu den japanischen Heilmethoden, die auch in Europa zunehmend praktiziert werden, gehört Reiki, eine Behandlungsform, die ebenfalls den Energiefluss im Körper durch die Hände des Therapeuten leiten soll, das allerdings berührungsfrei, wobei die Hände des Behandlers in einem gewissen Abstand über den Körper des Patienten streichen, was über eine „universelle Energie“ Wirkeffekte vermitteln soll.

Aromatherapie, Eigenharn, Bachblüten und Eigenblut

Ozontherapie, Thymustherapie oder Bioresonanz, von der Farb- über die Aromatherapie, von Ayurveda bis zur Magnetfeldbehandlung, von der Steinheilkunde über die Klangtherapie bis hin zur Eigenblutanwendung – die Liste der alternativen und komplementären Verfahren, denen von ihren jeweiligen Anhängern Heilwirkungen zugesprochen werden, ist unüberschaubar lang. Die einzelnen Heilmethoden sind mehr oder weniger traditionsreich und auch mehr oder weniger gut in der breiten Öffentlichkeit bekannt und akzeptiert.

Den aufgeführten Verfahren gemeinsam ist, dass es bislang an von der Schulmedizin akzeptierten Wirksamkeitsbeweisen fehlt. Das heißt im Umkehrschluss jedoch nicht, dass die jeweiligen Verfahren nicht wirksam sind oder nicht zumindest bei bestimmten Patienten und in bestimmten Situationen Heileffekte erzielen können – was allerdings bei den schulmedizinischen Verfahren keineswegs anders ist.

Wie aber lässt sich die Spreu vom Weizen trennen, wie können begründete Heilweisen von Scharlatanerie unterschieden werden? Konkrete Kriterien hierfür gibt es, so Prof. Dr. Josef Beuth, Leiter des Instituts zur wissenschaftlichen Evaluation naturheilkundlicher Verfahren in Köln, leider nicht. Einen Rat aber sollten all jene, die naturheilkundliche Verfahren zur Gesunderhaltung oder zur Heilung bei Krankheiten nutzen wollen, aus seiner Sicht beherzigen: Schrillen sollten die Alarmglocken, wenn Therapeuten alternative Verfahren zu horrenden Preisen anbieten und wenn sie bei schweren Erkrankungen Heilungsversprechen machen und/oder von ihren Patienten fordern, auf eine schulmedizinische Behandlung ihres Leidens zu verzichten.

Auch unabhängig davon ist nach Beuth stets eine gewisse Skepsis geboten, da Naturheilverfahren keineswegs ohne Risiken sind. Offensichtlich und gut bekannt ist das, wenn Präparate aus Giftpflanzen wie Digitalis zum Einsatz kommen. Weniger bekannt ist, dass zum Beispiel eine hochdosierte Vitamin-C-Behandlung während einer Chemotherapie zu vermeiden ist, um nicht die Wirksamkeit der verabreichten Zellgifte zu mindern. Nicht jedes Naturheilmittel ist somit in jeder Situation hilfreich und unbedenklich, sodass man vor der Anwendung fachkundigen Rat einholen sollte.

Anders ist das bei etablierten Verfahren der Naturheilkunde, die nach Beuth bei praktisch jedermann der Gesundheit zuträglich sind, wie dem Verzicht auf sogenannte Genussgifte wie Alkohol, Nikotin und Drogen, einer gesunden, ausgewogenen Ernährung, dem Bewahren von Normalgewicht und einer regelmäßigen ausreichenden körperlichen Aktivität.

Christine Vetter
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zm-Info

Vor allem Krebspatienten setzen sehr häufig auf Methoden der Komplementärmedizin, um ihre Heilung zu unterstützen und/oder Nebenwirkungen der Behandlung besser zu verkraften. Von der Schulmedizin lange als Scharlatanerie abgetan, öffnen sich derzeit sogar medizinische Fachgesellschaften zu - nehmend dem Bedürfnis der Patienten nach natürlichen Heilverfahren. So hat die Deutsche Krebsgesellschaft jüngst die Arbeitsgemeinschaft „Prävention und Integrative Onkologie“ gegründet, die vier Kerngebiete beackern will, und zwar die Prävention, die Ernährung, Sport und die komplementäre Medizin. „Wir wollen die Themen Prävention, Ernährung und Sport weiter vorantreiben und das Wissen um die Möglichkeiten der komple - mentären und alternativen Therapieverfahren vertiefen“, sagte dazu Prof. Dr. Jutta Hübner aus Frankfurt als Sprecherin der Arbeits - gemeinschaft.

Hinsichtlich der Komplementärmedizin will die Wissenschaftlergruppe den verschiedenen Verfahren genau auf den Zahn fühlen und – vor allem – auch wissenschaftlich unter - suchen, welche Methoden Krebspatienten tatsächlich in bestimmten Situationen helfen können und wovon unbedingt abzuraten ist. Denn die Annahme, alternative Verfahren hätten keine Nebenwirkungen, ist nach Prof. Hübner falsch: „Die komplementäre Medizin kann durchaus Nachteile für den Patienten haben, etwa wenn Behandlungs - verfahren zur falschen Zeit angewandt werden oder wenn die Methode per se unnötig oder sogar schädigend ist. Das merkt man als einzelner Arzt in der Praxis meist nicht. Im guten Glauben, zum Wohle des Patienten zu handeln, können Verfahren zum Einsatz kommen, die ihm eher schaden. Da man dies am Einzelfall nie erkennen oder über - prüfen kann, halten wir es für wichtig, die verschie denen Mög lichkeiten in ihrer An - wendung in bestimmten Situationen wissenschaftlich zu unter suchen“. cv

Auch im Rahmen der Behandlung von oro - fazialen Beschwerden werden von Patienten komplementäre und alternative Behandlungen zunehmend nachgefragt und auch ganz bewusst in Anspruch genommen. Dies ist insbesondere der Fall bei chronischen Krankheitsverläufen mit einem unklaren Beschwerdebild und bei psychosomatischen Krankheitsbildern. Häufig fühlen sich die Patienten von den „Schulmedizinern“ nicht ernst genommen oder sind enttäuscht über nicht erfolgreiche Therapieverläufe. Selbst absurde ätiologische und pathogenetische Theorien alternativer Behandler werden von den Patienten, die sich selbst als völlig hilflos erleben, als glaubhaft angenommen und umgesetzt. Leider endet dies nicht selten in iatrogenen Schädigungen an Körper und Seele. Häufig werden dann aufgrund fragwürdiger Befunde im Rahmen alternativer Diagnostik Füllungen ausgetauscht, Zähne entfernt oder Kieferknochen reseziert. Das Ergebnis sind ein persistierendes oder ein aggraviertes Beschwerdebild und zusätzliche Funktionsstörungen. Trotzdem sind viele Patienten bereit, hierfür erhebliche finanzielle Mittel zu investieren. Im günstigsten Fall kann ein Placeboeffekt erzielt werden, der jedoch nur eine überschaubare Zeit anhält, da er sich abnutzt.

Zusammenarbeit erwünscht

Komplementärmedizinische Verfahren können hingegen, selbstverständlich in Abhängigkeit von der Indikation, durchaus sinnvoll und erfolgreich eingesetzt werden. Voraus - setzungen hierfür sind, wenn die Therapien nicht in Personalunion durchgeführt werden, qualifizierte Behandler auf beiden Seiten und eine enge Kooperation, was einen Austausch bezüglich der Diagnose und dem angestrebten Vorgehen voraussetzt. So können zum Beispiel Homöopathie, die Traditionelle Chinesische Medizin oder manuelle Verfahren sehr gut in die Behandlung integriert werden. Gerade bei der Behandlung von Patienten mit chronischen Schmerzen und insbesondere muskulo-skelettalen Beschwerden haben sich inzwischen körperbezogene, entspannende Therapieverfahren wie Yoga, Chi Gong, Thai Chi und mehr im Rahmen der nicht medikamentösen Therapie etabliert und werden im Rahmen eines multimodalen Settings neben der Trainingstherapie angeboten. Selbstverständlich sind sie jedoch auch im Rahmen einer allgemeinen Gesundheitspflege auch für das zahnärztliche Team empfehlenswert.

Im Einsatz bei Tumorerkrankungen

Komplementäre und alternative Medizin bei Tumorerkrankungen sind Chance und Risiko zugleich. Therapeutische Möglichkeiten der komplementären und alternativen Medizin (CAM-Produkte) werden in zunehmender Anzahl auch von Patienten mit Tumorerkrankungen bei gleichzeitig stattfindender konventioneller Therapie genutzt. Ist die klinische Wirksamkeit und Verträglichkeit erbracht, wie beispielsweise für die Akupunktur zur Schmerzkontrolle, wird der Einsatz auch „schulmedizinisch“ immer mehr anerkannt. Nichtsdestotrotz kann ein unkontrollierter Einsatz von CAM-Produkten zu einer nicht unerheblichen Gefährdung betroffener Patienten führen.

Verunreinigungen bei CAM-Produkten

Die Gefahr einer teilweise nur mangelhaft gewährleisteten Qualitätssicherung bei der Herstellung von CAM-Produkten ist immanent. So wurde in der vergangenen Zeit unter anderem von Verunreinigungen von Pytotherapeutika durch Warfarin (orales Antikoagulans), Diethylstilbestrol (chemisches Östrogen), Indome - tacin (NSAID), Alprazolam (Benzodiazepin), Digitalis (herzaktives Glykosid) und Aristolochiasäure (nephrotoxischer und mutagener Wirkstoff) berichtet. Der sichere Einsatz derar - tiger Produkte müsste ebenso kritisch hinterfragt werden. Phytoestrogene (Isoflavone, insbesondere aus Sojaprodukten) sollten beispielsweise nicht bei Patienten mit Endometriumkarzinom sowohl bei Brustkrebspatienten mit estrogen-positivem Status oder bei gleichzeitiger Tamoxifentherapie (selektiver Estrogenrezeptormodulator) eingesetzt werden. Auf der anderen Seite könnte die Verwendung derartiger Produkte bei Prostatakarzinomen durchaus sinnvoll sein. Johanniskraut findet seine Anwendung bei der Behandlung von Depressionen. Durch Induktion des Cytochrom P450 3A4 kann es gleichzeitig zu einer Abschwächung chemotherapeutischer Wirkstoffe (wie Vinca-Alkaloide und Ifosfamid) kommen. Patienten mit gesteigerten Risiken für die Entwicklung eines Bronchialkarzinoms weisen unter höher dosiertem Vitamin A (eigentlich tumorpräventiv-antioxidant) paradoxerweise eine erhöhte Tumorinzidenz auf. Auch bei latenten Prostatakarzinomen könnte die Vitaminsupplementation zu einem erhöhten Risiko der Entwicklung klinisch manifester Karzinome führen. Hohe Dosen an Vitamin C und Vitamin E werden mit gerinnungshemmenden Effekten assoziiert und sind daher bei Tumorpatienten vor einer Operation oder bei thrombozytopenen Patienten kontraindiziert. Zusammenfassend zeigen die Untersuchungen die Wichtigkeit der standardisierten Aufbereitung und Reinigung von CAM-Produkten weshalb hier, besonders in Zusammenhang mit den beschriebenen Nebenwirkungen, dieselben Ansprüche der klinischen Prüfung wie auch für die „klassische“ Medizin zu fordern sind. Kritisch ist die oft bestehende Eigen - medikation der Tumorpatienten – auch am Arzt vorbei – zu bewerten, da hier, wie an den Beispielen gezeigt, nicht einkalkulierbare Risiken bestehen können.

Präoperativ zu beachten

Die Bedeutung der Erfassung komplemen - tärer und alternativer Medikation im präoperativen Setting ist groß.

Die Selbstmedikation mit Substanzen der komplementären und alternativen Medizin (CAM) hat in den letzten Jahrzehnten in der Bevöl kerung breite Akzeptanz gefunden. Gründe dafür mögen die oft niedrigeren Kosten, die Erhältlichkeit ohne Rezept und die Vermarktung als Naturprodukt – somit vermeintlich sicher und gesundheitsfördernd – sein. Allerdings werden auch potentiell toxische Medikamente (Digitalis – Fingerhut, Chinin – Chinarindenbaum, Vincristin – rosafarbene Catharanthe, Paclitaxel – tropische Eiche) direkt aus Pflanzen gewonnen. Unter dem Etikett „Naturprodukt“ verstecken sich also nicht immer nur harmlose Präparate ohne Nebenwirkungen. Besonders präoperativ ist es wichtig, für den behandelnden Arzt und Zahnarzt, sich einen Überblick über die Medikation zu verschaffen, um Risiken und potenzielle Nebenwirkungen abschätzen zu können. Bei der Anamnese werden in der Regel die Patienten von den Zahnärzten nicht gezielt nach der Anwendung von Phytotherapeutika und mehr gefragt. Patienten verschweigen diese oder glauben, dass es sich bei Kräuterprodukten nicht um Medizin im eigentlichen Sinne handelt. Allerdings sind bei Einnahme von CAMProdukten Einflüsse auf die Koagulation (Steigerung der Blutungsneigung bei Knoblauch, Ginkgo und Ginseng), den Blutdruck (Hypotension bei Fischöl und Co-Enzym Q-10), den Elektrolythaushalt (wie durch Sägepalmenpräparate, grünen Tee und Mariendisteln) und Hypoglykämie (durch Glukosamin) bekannt und nicht auszuschließen. Eine ungewollte Verlängerung anästhetischer Effekte (wie durch Ginseng) ist möglich. Aufgrund dieser Nebenwirkungen besteht eine Empfehlung der American Society of Anesthesiologists, alle CAM-Produkte zwei bis drei Wochen vor elektiven operativen Eingriffen abzusetzen. Zusammenfassend besteht aufgrund der umfassenden Wirkungsinteraktionen von CAMProdukten die Notwendigkeit der Schaffung von exakten präoperativen Richtlinien sowie einer erweiterten Patientenedukation.

PD Dr. Dr. Monika Daubländer
Universitätsmedizin KöR der
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Poliklinik für Zahnärztliche Chirurgie
Augustusplatz 2, 55131 Mainz

Dr. Peer Kämmerer
Klinik für Mund-, Kiefer- und
Gesichtschirurgie
Augustusplatz 2, 55131 Mainz

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