Leitartikel

Kontinuität und Kreativität

Foto: KZBV / Marc Darchinger

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

was lange währt, wird endlich gut? Das Thema Entbudgetierung der zahnärztlichen Vergütung scheint laut Ankündigung der Regierungskoalition zumindest in dieser Hinsicht doch noch auf das richtige Gleis gesetzt zu werden. Es wurde Zeit, jetzt sollen die Zahnärzte auch in diesem Feld endlich das erhalten, was für die Ärzte schon seit Längerem Status quo ist. Also ist die Legislative doch gewillt, ihr auf dem Deutschen Zahnärztetag 2010 in Frankfurt uns gegenüber erneuertes Versprechen einzuhalten. Und das nicht trotz, sondern gerade wegen unseres im Vorfeld des letzten Zahnärztetages gezielt geäußerten öffentlichen Protests.

Auch im letzten Jahr hatten die berufspolitischen Diskussionen alle Facetten. Sie reichten vom Kurs bedingungslosen Mitschwimmens im gemächlichen Strom schwarz-gelber Reformpolitik bis zur Totalverweigerung eines politischen Dialogs. Unsere Strategie des selbstbewussten politischen Diskurses hatte gerade auch in den Zeiten, in denen wir öffentlich Kritik äußerten, im eigenen Lager nicht nur Freunde.

Wir haben – und das gilt letztlich für die gesamten sechs Jahre dieses KZBV-Vorstands – den berufspolitischen Pfad des gezielt-kontrollierten Realismus nie verlassen. Dieses konsistente Beharren auf dem klar nachvollziehbaren argumentatorischen Kurs, die Qualität der vertragszahnärztlichen Versorgung in Deutschland unbedingt zu erhalten, hat uns zu anerkannten Gesprächspartnern innerhalb der gesundheitspolitischen Szene werden lassen. Unser Weg, die zahnmedizinische Versorgung unserer Patienten nie in Frage zu stellen, aber trotzdem Wege aufzuzeigen, mit denen das angeschlagene GKV-System zumindest im Bereich der Zahnmedizin teilentlastet werden konnte, hat uns ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Das förderte letztlich trotz des bedingungslosen Sparwillens fast aller Gesundheitspolitiker die Einsicht, dass auch wir „Sparweltmeister“ unsere deutlichen Grenzen dort haben, wo es um die Versorgungslage unserer Patienten geht. Letztlich wissen Politiker und Krankenkassen inzwischen, was ihnen diese Politik eingebracht hat. Und sie können anhand der klaren Argumentation auch absehen, wo für unseren Berufsstand diese Grenzen des Erträglichen errreicht sind.

Und auch in dieser letzten Phase der jetzt angekündigten, längst überfälligen Entbudgetierung haben wir immer wieder klar machen können, dass es sich hier eben nicht um unangemessene Geschenke des Staates an unseren Berufsstand handelt. Das Lösen dieser Versorgungsfessel ist ein zwangsläufiger Schritt, diese damals erzeugten Versorgungsengpässe endlich wieder abzubauen und die mittlerweile zusätzlich belastenden Strukturverwerfungen endlich einmal anzugehen.

Wir haben schon immer unsere Bereitschaft erklärt, auf den finanziellen und strukturellen Baustellen der GKV mitverantwortlich mitzuarbeiten. Das war in der Vergangenheit so, das gilt jetzt für das anstehende Versorgungsgesetz und das wird auch beim Patientenrechtegesetz so sein.

Dass wir dabei immer die nicht nur betriebswirtschaftlich notwendigen Freiheitsgrade unserer Berufsausübung im Auge behalten, versteht sich von selbst – versteht auch „die andere Seite“. Kante zeigen hat noch nie geschadet, kuscheln hier noch nie geholfen.

Dass wir Zahnärzte unsere Verlässlichkeit, aber auch unsere anerkannte Sachkompetenz künftig mehr denn je brauchen werden, signalisieren die anstehenden Herausforderungen der kommenden Monate und Jahre. Auch mit der jetzt zugesagten Entbudgetierung sind längst nicht alle Weichen gestellt, die ein sicheres Reisen in eine sorglose Versorgung erlauben. Hier bleibt Vieles zu tun, was es mit Kontinuität und Kreativität anzupacken gilt.

Mit freundlichen kollegialen Grüßen

Dr. Jürgen Fedderwitz
Vorsitzender der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung