Krebsentstehung

Chronische Entzündungen helfen Tumoren auf die Sprünge

Entzündungszellen sind maßgeblich an der körpereigenen Tumorabwehr beteiligt. Andererseits aber bahnen persistierende Entzündungen – auch bei nur geringer Ausprägung – der Krebsentstehung den Weg. Gut dokumentiert sind die Zusammenhänge vor allem bei gastrointestinalen Tumoren, wie bei einem internationa len Symposium der Falk Foundation e.V. im tschechischen Brno deutlich wurde.

Ein typischer Dickdarmtumor, koloskopisch aufgespürt Foto: EZD-medicalpicture

Darmkrebs, mit Kontrastmittel sichtbar gemacht Foto: BSIP/DocStock
Auch eine Parodontitis kann ein Tumorrisiko darstellen. Foto: dentimages
Quelle: Felix-Burda-Stiftung

Akute Entzündungsreaktionen sind Ausdruck eines aktivierten Immunsystems. Sie können damit dazu beitragen, Krebszellen im Körper zu eliminieren. Ganz anders sieht das bei chronisch erhöhter Entzündungsaktivität aus. So bewirkt eine persistierende Inflammation eine Immunsuppression und bahnt damit der Krebsentstehung den Weg. Sie erleichtert laut Professor Dr. Jörg Emmrich, Rostock, außerdem bei bestehenden Tumoren die Metastasierung. „Eine erhöhte Entzündungsaktivität ist somit wie eine Medaille mit zwei Seiten“, berichtete der Mediziner in Brno.

Dass es eine Krebs assoziierte Inflammation gibt, daran bestehen aus seiner Sicht keine Zweifel mehr. So gehen chronisch entzündliche Darmerkrankungen und insbesondere die Colitis ulcerosa mit einem eindeutig erhöhten Darmkrebsrisiko einher, chronische Hepatitiden steigern die Gefahr erheblich, an Leberkrebs zu erkranken, und eine Infektion mit dem Helicobacter pylori ist eindeutig Mitursache des Magenkarzinoms. Nicht verstanden wird allerdings nach den Worten des Gastroenterologen bislang, warum andere Erkrankungen mit anhaltend erhöhter Entzündungsaktivität wie die Rheumatoide Arthritis und die Psoriasis nicht mit einem deutlich erhöhten Krebsrisiko assoziiert sind. Auch ist nach wie vor unklar, warum bestimmte Personen auf die anhaltende Inflammation mit einer Tumorerkrankung reagieren, andere dagegen nicht.

Chemotherapie ist keine Utopie

Möglicherweise sind genetische Polymorphismen für die unterschiedlichen Reaktionen verantwortlich, gab in Brno Professor Dr. C. Richard Boland, Dallas, zu bedenken. Es gibt nach seiner Darstellung verschiedene Gene, die direkt oder über Interaktionen Entzündungsreaktionen initiieren, unterhalten und regulieren können. Die Zusammenhänge besser verstehen zu lernen, ist in vielen Bereichen derzeit ein wichtiges Forschungsziel, da die Wissenschaftler sich davon auch bessere Therapie- und vor allem Präventionschancen im Hinblick auf die Krebsentstehung versprechen. Dass die Chemoprävention von Tumoren keine Utopie ist, sondern in Ansätzen sogar schon Realität, zeigt nach Professor Dr. Nadir Arber, Tel Aviv, das Beispiel des Kolonkarzinoms. So konnte in Studien dokumentiert werden, dass nicht steroidale Antiphlogistika (NSAIDs), welche das Enzym Cyclooxygenase inhibieren, die Bildung von Darmpolypen als Vorstufe des Kolonkarzinoms reduzieren. Untersuchungen bei Patienten, bei denen Adenome im Darm entfernt worden waren, belegen ferner, dass die Adenomneubildung durch NSAIDs unterdrückt werden kann. „Es gab allerdings einen gewissen Reboundeffekt, was andeutet, dass das Wachstum der Adenome gehemmt, diese aber nicht völlig eliminiert werden“, so Arber.

Auch bei der Colitis ulcerosa gibt es Hinweise darauf, dass eine Chemoprävention möglich ist. Das Krebsrisiko der Patienten korreliert laut Professor Dr. Milan Lukas, Prag, mit der Krankheitsausdehnung und auch mit der Krankheitsdauer. Es liegt bei zwei Prozent nach einer Krankheitsdauer von zehn Jahren und steigt auf acht Prozent nach 20 und sogar auf 18 Prozent nach 30 Jahren. Deutlich senken lässt sich die Krebsgefahr laut Lukas durch eine regelmäßige Behandlung mit Mesalazin, eine ebenso wie die NSAR entzündungshemmende Medikation. Dass bei Kenntnis der zugrunde liegenden Mechanismen eine gezielte Krebs-Chemoprävention möglich ist, zeigt sich nach Professor Dr. Peter Malfertheiner, Magdeburg, auch beim Magenkarzinom. Hauptrisikofaktor ist bei diesem Tumor eine Infektion mit dem Bakterium Helicobacter pylori und es gibt inzwischen gute Belege dafür, dass die Infektion die Krebsentstehung triggert. „Immerhin sind rund 70 Prozent der distalen Magenkarzinome mit einer H. pylori-Infektion assoziiert“, sagte Malfertheiner. Damit besteht auch die Möglichkeit, durch eine gezielte Eradikationsbehandlung bei Patienten mit dokumentierter H. pylori-Infektion Krebsprävention zu realisieren.

Inflammation als Krebs-Trigger

Auch beim Ösophaguskarzinom spielen Entzündungen laut Professor Dr. Kenneth E. L. McColl, Glasgow, offenbar eine entscheidende Rolle: „Der Reflux von Magensaft und weiteren Verdauungssäften induziert Gewebeschädigungen, Entzündungen, Erosionen und Ulzerationen.“ Anders als die Magenmukosa ist die Schleimhaut des Ösophagus nicht widerstandsfähig gegen solche Reizungen, es kommt zur Metaplasie und in der weiteren Entwicklung zur Ausbildung eines Barrett-Ösophagus. Solche Veränderungen aber gehen mit einem erhöhten Karzinomrisiko einher, wobei die Barrett-Mukosa durch chronische Entzündungsreaktionen gekennzeichnet ist.

Zusammenhänge zwischen einer erhöhten Entzündungsaktivität und der Krebsentstehung werden davon abgesehen vor allem beim hepatozellulären Karzinom (HCC) gesehen. Denn rund 85 Prozent der Leberzellkarzinome entstehen auf dem Boden einer Leberzirrhose, die sich ihrerseits aus einer chronischen Hepatitis entwickelt. Als ein weiteres Beispiel für eine enge Assoziation zwischen chronischer Entzündung und der Krebsentstehung wurde in Brno das Pankreaskarzinom genannt, das maßgeblich durch eine chronische Pankreatitis gefördert wird.

Die grundlegenden Mechanismen der Krebsentstehung auf dem Boden einer erhöhten Entzündungsaktivität sind bei den verschiedenen Tumoren wohl weitgehend gleich: Es kommt zur vermehrten Bildung proinflammatorischer Zytokine und dadurch allem Anschein nach zu Gewebe- und Zellschädigungen, die sich auch in Form von DNA-Schäden manifestieren. Der Organismus reagiert darauf mit einer vermehrten Zellproliferation, was schließlich in ein unkontrolliertes Wachstum und damit in eine Krebserkrankung münden kann. Es wird deshalb intensiv daran gearbeitet, Optionen zu entwickeln, mit denen sich diese Prozesse durchbrechen lassen, um künftig eine effektivere Tumortherapie und Tumorprävention realisieren zu können.

Christine Vetter
Merkenicher Straße 224
50735 Köln

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