Standortgeschichte der Berliner Universitätszahnkliniken

Aus drei mach eins

Raumnot, Provisorien, Fusionen, Umbauten und Umzüge – die Standortgeschichte der Berliner Universitätszahnkliniken ist so wechselvoll wie bei kaum einer anderen vergleichbaren Institution in Deutschland. Die Teilung und Wiedervereinigung der Stadt hat Spuren hinterlassen, die bis heute nachwirken. Aus den Kliniken Nord, Süd und Mitte entstand nach jahrelangen und zähen politischen Entscheidungsprozessen das heutige Centrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Erstmals wird in diesem Beitrag die komplexe Orts- und Baugeschichte der Kliniken im Überblick zusammengefasst.

Foto: Increa/Fotolia.com
Das erste eigene Gebäude: Im Haus Dorotheenstraße 40 wurde 1884 das Berliner Zahnärztliche Universitätsinstitut eröffnet. Quelle: Fotosammlung der Berliner Universitäts-Zahnklinik
Grundriss des 2. Stockwerks Dorotheenstraße 40. Die Räume A bis H im Vorderhaus und Seitenflügel waren „Plombierzimmer“. Nach Aufgabe der Institutsdiener- Wohnung kamen 1889 auch die Räume des Hinterhauses hinzu. Das kleine frei bleibende Zimmer dort nutzte Miller für sein berühmtes Forschungslabor. Quelle: Fotosammlung der Berliner Universitäts-Zahnklinik
Plombierzimmer in der Dorotheenstraße Quelle: Fotosammlung der Berliner Universitäts-Zahnklinik
Der großzügige Neubau für das Zahnärztliche Institut in der Invalidenstraße, unmittelbar neben der Charité. Kurz nach Eröffnung 1912 wurde es schon zum Postkartenmotiv.
In Kliniker-Labor der Zahnklinik Invalidenstraße, 1936
Die 1946 wiedereröffnete Zahnklinik Invaliden - straße. Der durch Artilleriebeschuss während der letzten Kriegstage zerstörte Teil des Dachstuhles und die Direktoratsräume der Konservierenden Abteilung wurden erst später rekonstruiert. Quellen: Fotosammlung der Berliner Universitäts-Zahnklinik
Im Sommer 1990 werden die Anlagen der Grenzübergangsstelle Invalidenstraße abgerissen, die seit 1964 das Haupt - portal der Zahnklinik (im Bild links) blockierten. Foto: Blankenstein
Zahnklinik Invalidenstraße: Hörsaal der Prothetik (1993) Foto: Blankenstein
Der 1956 eröffnete Neubau der FU-Zahnklinik in der Aßmannshauser Straße 4-6. Quelle: Sammlung Eichner, Berlin
Drangvolle Enge in der ersten Zahnklinik der Freien Universität in der Charlottenburger Sybelstraße (um 1950) Quelle: Sammlung Eichner, Berlin
Eine Berliner Spezialität: Die Behandlungssäle der neuen FU-Zahnklinik waren in Shedbauweise errichtet worden. Quelle: Sammlung Eichner, Berlin
Die 1983 eröffnete Zahnklinik Nord an der Föhrer Straße im Wedding. Im Hintergrund das gerade zum Universitäts - klinikum erweiterte Virchow-Klinikum. Quelle: Fotosammlung der Berliner Universitäts-Zahnklinik
„Gartenseite“ der Zahnklinik Süd im Wintersemester 1959/60 Quelle: Sammlung Viohl, Berlin
Die neun Sheds der Zahnklinik Nord konnten bis zu zwölf Behandlungseinheiten aufnehmen. Eine sehr angenehme Besonderheit war die komplette Schalldämmung des Hauses. Quelle: Fotosammlung der Berliner Universitäts-Zahnklinik
Die nach zwei Fusionen erhalten gebliebene Berliner Universitätszahnklinik im heutigen Ausbauzustand, vorn links im Bild der Anbau für die Chirurgie, rechts das Haus II für Vorklinik, Bibliothek, Chefetage und Mensa. Quelle: Sammlung Viohl, Berlin
Die berühmte einhundertjährige Kastanie auf der „Gartenseite“ der Zahnklinik Nord. Das Gebäude musste um sie herum in V-Form gebaut werden. Quelle: Fotosammlung der Berliner Universitäts-Zahnklinik

Die Berliner Universitäts-Zahnklinik ist nicht nur die älteste in Deutschland, sie hat auch die mit Abstand wechselvollste Geschichte. Dass sich seit 1884 an elf Häusern irgendwann einmal ein Schild „Universitäts-Zahnklinik“ befand, liegt einerseits an vielen provisorischen und gescheiterten Erweiterungs- und Umzugsplänen. Andererseits durchlitt auch die Zahnklinik ab 1948 die Spaltung der Stadt und der Universität. Die zwei Tochterinstitute waren Nutznießer der Schaufensterfunktion beider Halbstädte, mussten nach der Wiedervereinigung aber den Prozess zweier Fusionen über sich ergehen lassen und dabei auch sachfremde Entscheidungen ertragen.

Diese politisch verursachte Topographie ist ein Alleinstellungsmerkmal des Berliner Instituts. Aber im Gegensatz zur Wissenschaftsgeschichte gibt es hierzu kaum Veröffentlichungen, und die wenigen untersuchen nur einzelne Standorte oder Zeitabschnitte. [3, 4, 7, 10, 12, 20] Eine komplette Synopse fehlt bisher. Und damit fehlt dem historisch Interessierten auch eine verlässliche Quelle. Dieser Beitrag will die Lücke mit einer kurzen Orts- und Baugeschichte schließen.

Bewegte Vorgeschichte

Schon die Vorgeschichte zur Gründung ist langwierig und sehr bewegt, wie folgende markante Eckdaten zeigen:

1855: Der Arzt Dr. Eduard Albrecht gründet seine „Öffentliche Klinik für Mundkrankheiten“, in der er auch Studenten ausbildet. [Anm. 1]

1861: Albrecht wird zum Privatdozenten für Zahnheilkunde habilitiert.

1866: Der Besuch dieser Klinik wird für die Berliner Zahnmedizin-Studenten obligat.

1868: Albrecht wird außerordent - licher Professor, sein Institut von der Universität jährlich mit 300 Talern subventioniert.

1869: Die Berliner Zahnmedizin-Studenten werden an der Universität immatrikuliert.

1875: Albrecht erhält ein staatliches Professorengehalt.

1882: Der Kultusminister plant die Errichtung einer Universitäts-Zahnklinik unter Albrechts Direktorat.

1883: Nach Albrechts Tod wird der Charité- Chirurg Prof. Friedrich Busch Leiter des Zahnärztlichen Unterrichts. Er gliedert das Fach in drei Disziplinen: Chirurgie, Prothetik und Zahnerhaltung. Dies unterscheidet das Institut von den sonst üblichen „Ein-Mann- Einrichtungen“ und wird sich bald überall durchsetzen.

1884: Am 9. Oktober wird das Institut offiziell gegründet. Eine Berliner Spezialität, der Dualismus von Charité (seit 1710) und Medizinischer Fakultät der Universität (seit 1810), verwirrt bis heute die Chronisten: Die Zahnklinik gehört von Beginn an zur Universität, nicht zur Charité.

Geschäftsführender Direktor wird Prof. Busch, die anderen Leiter erhalten Titularprofessuren: Carl Sauer für die Prothetik und der Amerikaner Willoughby Dayton Miller für die Zahnerhaltung. [Anm. 2]

Das erste Institutsgebäude

Das Wintersemester 1884 begann in dem eigens dafür umgebauten Mietshaus in der Dorotheenstraße 40, nur wenige Gehminuten vom Brandenburger Tor entfernt. [Anm. 3] Weil zunächst nur die beiden oberen Etagen frei waren, wurden in Sauers Wohnung Laboratoriumsplätze für die Prothetik eingerichtet. Mit dem ersten Tag begann also die hässliche Tradition der Berliner Universitäts- Zahnmedizin: die Raumnot. Erst 1888 konnte dieser Außenposten ins Mutterhaus einziehen.

Dort zeigten sich aber immer mehr bau - liche Probleme, und der große Zustrom erzeugte mittlerweile eine drangvolle Enge. Miller stand für seine Forschung nur ein 3,7 Quadratmeter großes Labor zur Verfügung, was ihm noch den Neid seiner Kollegen einbrachte. Aber bis 1904 scheiterten mindestens sechs Umzugs- beziehungsweise Erweiterungspläne am preußischen Finanzminister.

Erst als 1906 ein Kongress wegen Einsturzgefahr baupolizeilich untersagt wurde, reagierte das Ministerium: Um die akute Not zu lindern, zog die konservierende Abteilung in die Universitätskliniken in der Ziegelstraße. Miller hatte da die Universität schon frustriert verlassen. Den neu berufenen Professoren Fritz Williger (Chirurgie), Hermann Schröder (Prothetik) und Wilhelm Dieck (Zahnerhaltung) versprach man Ende 1907 endlich einen Neubau.

Neubau in der Invalidenstraße

Die neue Zahnklinik sollte möglichst nahe bei einem großen Krankenhaus errichtet werden, wofür sich die Charité anbot. Deren nördliche Begrenzung bildete die Invalidenstraße, dort entstand zwischen 1910 und 1912 ein sehr komfortabel eingerichtetes Haus. Dessen vier Flügel gruppierten sich um einen Innenhof, wodurch einige Räume von zwei Seiten Tageslicht erhielten. In jeder Abteilung lag ein Hörsaal mit 50 Plätzen, dazu kam der große Saal für 240 Hörer. Die Konservierende Abteilung beispielsweise verfügte über 61 Behandlungsstühle.

Von der Charité blieb die neue Zahnklinik aber getrennt. Statt durch eine Tür musste man einen etwa 800 Meter langen Umweg gehen. Nur während des Ersten Weltkrieges, als die Zahnklinik zum Reservelazarett wurde, gab es das „Professorentürchen“ für den kurzen Weg in die Charité.

Mit der Unterabteilung „Chirurgische Prothese“ begann damals eine andere Berliner Tradition, die Defektprothetik. Sie nutzte im Universitätsklinikum eine Station mit 36 Betten. Zwei Schüler Schröders profilierten sich dort: Franz Ernst und Arnold Ehricke, deren Namen heute eher mit Nebensächlichem verknüpft sind: der „Ernstschen Ligatur“ und dem „Ehricke- Löffel“.

Schon 1931 wurde es wieder eng. Und traditionell scheiterten alle Erweiterungspläne am Geldmangel. Eine Ausdehnung auf das Charité-Gebiet hätte die Angliederung der Zahnklinik erfordert und unterblieb auch deshalb.

Die politischen Entwicklungen ab 1933 machten keinen Bogen um die Zahnklinik, rigoros entließ man „nichtarische“ Mitarbeiter und Dozenten, unter anderem Konrad Lipschitz, Fritz Münzesheimer, Fritz Trebitsch und Konrad Cohn. 1935 wurden zwei Etagen des östlichen Nachbarhauses mit der Zahnklinik verbunden. Dort entstand das „Zahnärztliche Materialprüfungsamt“ ZÄMPA unter Leitung von Friedrich Schoenbeck. [Anm. 4] Die Zahnklinik erlitt im November 1943 erstmals Bombenschäden, wurde jedoch kurzfristig wiederhergestellt. Im April 1945 trafen mehrere Granaten das Haus, nachdem Bombeneinschläge in der Umgebung schon das Dach abgedeckt und sämtlich Fester eingedrückt hatten.

Erster Nutzer nach dem Ende der Kämpfe war eine Kavallerieeinheit der Roten Armee. Schon im Mai begann das Aufräumen. Pläne, den teilzerstörten Westflügel als Baumaterial für den Ostflügel abzureißen, gab man auf, als die Studenten die Enttrümmerung und Instandsetzung massiv unterstützten. Trotzdem musste das erste Nachkriegssemester das Zoologische Institut nutzen. Im März 1946 startete die Ausbildung wieder im Hause, im Frühjahr 1947 galt es offiziell als wiederhergestellt. Nur die teilzerstörte Werksteinfassade des Hauptportals zeugt heute noch von den Kriegsschäden. [Anm. 5]

Nun aber lag das Institut plötzlich direkt an der Grenze vom sowjetischen zum britischen Sektor, aus der im Juni 1948 eine Währungsund schließlich auch eine politische Grenze wurde.

Die Teilung

Wie schon 1919 drängten viele Kriegsheimkehrer an die Universität zurück, sahen sich nun aber einer restriktiven Zulassungspolitik ausgesetzt: Der Alliierte Kontrollrat hatte bestimmt, dass aktive Mitglieder der NDSAP und ihrer Unterorganisationen keinesfalls für ein Studium zugelassen würden. Die sowjetische Besatzungsbehörde verschärfte dies deutlich. Ihr ging es um die „Brechung des bürgerlichen Bildungsprivilegs“, weshalb Arbeiter- und Bauernkinder so lange zu bevorzugen waren, bis ein gerechter sozialer Ausgleich erreicht sei [6].

So wurden gerade auch Zahnmedizin- Studenten im Herbst 1948 zu den Gründungs-Aktivisten einer alternativen, freien Universität in den Westsektoren, der sich aus politischen und wirtschaftlichen Gründen auch einige Professoren anschlossen. Carl Ulrich Fehr, seit dem Wintersemester 1946 mit Lehrauftrag für Prothetik am Institut beschäftigt, setzte sich an die Spitze der Bemühungen um eine neue Zahnklinik. [Anm. 6]

FU: Sybelstraße und Zahnklinik Süd

Die neue Zahnklinik der Freien Universität (FU) startete unter Fehrs Direktorat in denkbar schlechten Räumen: Sie bekam acht Wohnungen eines Mietshauses in der Sybelstraße zugewiesen, wo nach raschem Umbau schon Anfang Dezember 1948 der Lehrbetrieb startete. Die Studenten arbeiteten meist an Tretbohrmaschinen und Feldbehandlungsstühlen, was ebenso wie die „drangvoll fürchterlich“ genannte Enge vom Enthusiasmus der Gründer wettgemacht wurde. 1952 aber drohte die baupolizeiliche Schließung, weil sich die Deckenbalken unter der Last der Technik und der vielen Menschen durchzubiegen begannen.

Jetzt endlich akzeptierte man die Notwendigkeit eines Neubaues und im Oktober begann die Planung. Unklar war zunächst der Standort: Sollte er möglichst nahe der Vorklinik in Dahlem oder der Klinik in Westend liegen? Die Entscheidung für ein fiskalisches Grundstück im Bezirk Wilmersdorf (U- und S-Bahnhof Heidelberger Platz) genau in der Mitte zwischen diesen beiden Standorten wirkt sich bis heute negativ aus: Die Klinik ist jetzt das einzige Centrum der neuen Charité außerhalb eines Campus und erfordert einen gewissen Studententourismus.

Fehr erlebte die Krönung seines Lebenswerkes nicht mehr. Er starb im Dezember 1955. Genau ein Jahr später wurde die „Poliklinik und Klinik für Zahn-, Mund- und Kieferkrankheiten“ in der Aßmannshauser Straße 4–6 eröffnet. Ihr wichtigster Gebäudeteil war in der für diesen Zweck erstmals genutzten sogenannten Shed-Bauart errichtet: Neun quer liegende Sheds (geplant waren zwölf) ergaben einen lang gestreckten Trakt mit außen verlaufenden getrennten Zugängen für Patienten und Personal. Jeder Saal enthielt zehn Behandlungsstühle. Damit vermied man die sonst üblichen labyrinthartigen Riesensäle. Erster Klinikdirektor wurde Ewald Harndt. [Anm. 7]

Die Zahl der Studienbewerber stieg bald rasant an; dementsprechend entstanden Pläne für eine Erweiterung und eine zweite Zahnklinik im Norden der Stadt. Wie gewohnt, verzögerte sich die Angelegenheit, sodass nach massiven Studentenprotesten zum Wintersemester 1971/72 nördlich der überfüllten Zahnklinik zunächst eine Behelfsbaracke mit 20 Behandlungsstühlen errichtet wurde. Erst 1977 begann der Bau von „Haus II“, das seit 1980 Vorklinik, Mensa, Bibliothek, Verwaltung und Forschung beherbergt. Jetzt erhielt die Klinik ihr heute noch bekanntes Namenskürzel Zahnklinik Süd, denn inzwischen lag im Wedding der Grundstein für die neue Zahnklinik Nord.

FU: Zahnklinik Nord

Man wollte nicht alte Fehler wiederholen und wählte diesmal ein Grundstück möglichst nahe an einer Klinik, dem städtischen Rudolf-Virchow-Krankenhaus (RVK) in der Föhrer Straße im Wedding, wo es endlich auch genügend Patienten für die klinischen Praktika gab. Mit der Nähe zu U- und S-Bahn war auch eine günstige Verkehrsanbindung gegeben.

Für das ursprünglich geplante kompakte Gebäude hätten jedoch einige Bäume, darunter auch eine 100 Jahre alte Kastanie gefällt werden müssen, was der Bausenator verweigerte [20]. Um die Kastanie zu bewahren, nutzte man die in der Aßmannshauser Straße schon bewährte Shedbauweise, passte die Maße und die Raumverteilung aber den modernen Bedingungen an. Die insgesamt neun Sheds im zweigeschossigen Längstrakt waren für zehn bis zwölf Arbeitsplätze mit liegender Behandlung ausgeführt. Wie auch im „Süden“ wurden darunter zwei große Studentenlabore eingerichtet. Der dreigeschossige Haupttrakt nahm im Erdgeschoss Verwaltung, Cafeteria und Hörsäle auf, der erste Stock gehörte der Chirurgie/Röntgenologie, im zweiten Stock befanden sich Forschungslabore und die Räume der fünf Abteilungsleiter. Die Zahnklinik Nord erhielt eine moderne Struktur mit jeweils C4-Professuren für Oralchirurgie, Zahnerhaltung, Prothetik, Kieferorthopädie und Parodontologie. [Anm. 8] Die separate MKG-Chirurgie befand sich gegenüber in der Kopfklinik des Virchow- Krankenhauses.

Auch dieses Projekt benötigte vom Planungsbeginn bis zur Eröffnung am 6. April 1983 elf Jahre, weshalb man ab 1981 in der einstigen Kinderklinik Groninger Straße ein Provisorium mit 20 Behandlungsplätzen einrichtete. Das Konzept der beiden FUZahnkliniken sah die gemeinsame Vorklinik im Süden vor, nach dem Physikum ging die Hälfte der Studenten an den Standort Nord. Beide Häuser bildeten – einmalig in Deutschland – eine eigene Fakultät.

HU: Zahnklinik Mitte

In Ost-Berlin fügte 1951 ein Verwaltungsakt nun endlich zusammen, was längst schon zusammenwuchs: Die Kliniken der Humboldt- Universität (HU) und die Zahnklinik Invalidenstraße wurden mit der Charité vereint. Allerdings gab es weiterhin keinen direkten Zugang von der Zahnklinik zur Charité. [5] [Anm. 9]

Das änderte sich erst nach dem Mauerbau am 13. August 1961: Plötzlich lag die Zahnklinik an einer Sackgasse. Und weil die an der 150 Meter entfernten Sandkrugbrücke eingerichtete Grenzübergangsstelle immer mehr expandierte, geriet 1964 auch das Portal zur Invalidenstraße in das Sperrgebiet. Über Nacht wurden deshalb zwei Fenster der Südfront zu Türen erweitert und damit der noch heute benutzte Haupteingang direkt vom Charité-Gelände geschaffen. [Anm. 10] Die Klinik trug nun die Bezeichnung „Fachbereich (später Fachrichtung) Stomatologie“, 1984 wurde sie zu einer Sektion aufgewertet.

1963 führten die auch in der DDR stark gestiegenen Studentenzahlen zu einigen Erweiterungsplänen, von denen keiner umgesetzt wurde: 1973 kam erstmals das südlich der Zahnklinik liegende Haus der einstigen chirurgische Nebenstation („Nebenchirurgie“) als Erweiterung ins Gespräch; hier war während der Errichtung des Bettenhochhauses die Kieferklinik interimistisch untergebracht.

Ein kompletter Zahnklinik-Neubau außerhalb des direkten Grenzgebietes kam nie über das Ideen-Stadium hinaus. Ab 1978 plante eine Arbeitsgruppe unter Roland Kluge den Umzug in den Gebäudekomplex der einstigen Universitäts-Frauenklinik zwischen Tucholsky- und Monbijoustraße, wo die mit Abstand großzügigste Lösung für eine Berliner Zahnklinik in ihrer gesamten Geschichte entstanden wäre. Der fertige Plan wurde 1984 jedoch zugunsten der alten Erweiterungsidee in der Nebenchirurgie wieder aufgegeben. Lediglich die neu geschaffene Forschungsabteilung residierte nun in der Tucholskystraße. Jetzt sollten Verwaltung, Bibliothek, Vorklinik, Kinderzahnmedizin und Kieferorthopädie in die Nebenchirurgie verlagert werden, damit sich die anderen Abteilungen (inklusive der gerade verselbstständigten Periodontologie) im Stammhaus ausbreiten konnten. Eine Brücke sollte beide Gebäude miteinander verbinden. 1988 begannen die Arbeiten, wurden jedoch nur schleppend vorangetrieben und im Frühjahr 1991 ganz eingestellt. Denn nach der deutschen Wiedervereinigung hatte Berlin nun drei Zahnkliniken. Und ein riesiges Haushaltsloch.

Fusion Mitte-Nord und Schließung Mitte

Für die Charité begann nun eine befreiende, manchmal auch schmerzhafte Erneuerung. Struktur- und Berufungskommissionen krempelten Klinikum und Fakultät um, alle wissenschaftlichen Mitarbeiter mussten sich auf ihre Stellen neu bewerben, die Professuren wurden deutschlandweit ausgeschrieben.

Mitten hinein in diesen Prozess platzte am 24. Juni 1992 die Meldung, der Berliner Senat wolle die Zahnklinik Invalidenstraße, die im allgemeinen Sprachgebrauch jetzt „Zahnklinik Mitte“ hieß, ad hoc schließen. [2] Dazu kam es nach lautem Protest zwar nicht, aber die politische Forderung nach Studienplatzabbau blieb akut. Während im Hintergrund schon am Gesetz für eine Fusion gearbeitet wurde, berief der Senat noch drei der fünf Zahnmedizinischen Ordinarien. [Anm. 11] Mit Wirkung zum 1. April 1994 aber wurde die Gesamtberliner Ausbildungskapazität von 270 auf 160 jährliche Immatrikulationen gesenkt. Die zahnmedizinische Fakultät der FU wurde aufgelöst und die Zahnklinik Süd dem Steglitzer Universitätsklinikum zugeordnet. Dagegen ging die Zahnklinik Nord als klinische Ausbildungsstätte zur Charité über und fusionierte mit der Zahnklinik Mitte, wo nur die Vorklinik verblieb.

Es erwies sich als segensreich, dass zur Leitung dieses Prozesses ein auswärtiger Fachmann berufen wurde: Der Schweizer Parodontologe Prof. Rateitschak [Anm. 12]. Nach dessen Mandatsende wurde Klaus-Peter Lange Direktor des neuen „Zentrums für Zahnmedizin“.

Nun aber kam es zu einer sehr unterschiedlichen Entwicklung an FU und HU: An der HU wurde die ohnehin noch junge Zahnklinik technisch und wissenschaftlich weiter modernisiert, zum Beispiel verselbstständigte sich die Kinderzahnmedizin (leider wurde die Berufungsliste nie umgesetzt) und warb die Parodontologie das erste zahnmedizinische Graduiertenkolleg Deutschlands ein. 2001 begann die Überlegung, dem Spagat zwischen den zwei Standorten durch den freiwilligen Umzug auch der Vorklinik in den Norden ein Ende zu setzen. Die sehr großzügige Gestaltung des Gebäudes in der Föhrer Straße erlaubte dies relativ unkompliziert.

An der Zahnklinik Süd hätte es ähnlich laufen können, denn parallel zu einer Grundsanierung hatte man hier gerade die 1954 erzwungene Verkürzung des Behandlungstraktes „geheilt“: Hinter dem letzten Shed wurde ein Anbau für die chirurgische Poliklinik errichtet. Mit diesem im März 1992 fertig gestellten Bauteil erhielt der Komplex sein heutiges Gesicht.

Das 1994 in Kraft getretene „Neuordnungsgesetz Zahnmedizin“ brachte dem Süden jedoch eine gegensätzliche Entwicklung: Nach der mühseligen administrativen Eingliederung in das Klinikum Steglitz kam 1996 wie aus heiterem Himmel die Entscheidung, diese Zahnklinik zu schließen. Nur ein Formfehler rettete das Haus, dessen Etat nun aus dem Steglitzer Klinikum kam, das sich selbst einem immer schärferen Kürzungsdruck ausgesetzt sah. Also wurde weiter Personal abgebaut, fielen die vakanten Professuren von Oralchirurgie und Werkstoffkunde weg, wurde die Eckprofessur Zahnerhaltungskunde auf C3 herabgestuft. An die überfällige Verselbstständigung von Parodontologie und Kinderzahnmedizin war nicht mehr zu denken. Um Kosten zu senken, vermietete die Zahnklinik zirka acht Prozent ihrer Fläche unter anderem an das Fortbildungsinstitut der Zahnärztekammer, welches nun zwar gut an die Universität angebunden ist, aber auch wertvolle Räume blockiert.

Fusion Nord-Süd und Schließung Nord

Das berüchtigte Berliner Haushaltsloch aber wuchs und bald geriet die Universitätsmedizin wieder in den Fokus. Im Januar 2002 wollte die Landesregierung durch die Umwandlung des Klinikums Steglitz in ein regionales Versorgungskrankenhaus jährlich 90 Millionen Euro einsparen, was auch die Aufgabe der Zahnklinik Süd bedeutet hätte. Den Protesten setzte der Senat wiederum eine „Expertenkommission“ entgegen, welche diese Summe durch eine erneute Fusion zu erzielen können glaubte.

Also wurde das „Steglikum“ 2003 zum „Campus Benjamin Franklin“ der Charité. Um die Freie Universität nicht ihrer Medizin zu berauben, schuf man eine gemeinsame Gliedkörperschaft von FU und HU, die „Charité – Universitätsmedizin Berlin“. En passant wurde erneut die Zahl der Zahnmedizin- Studienanfänger auf jetzt 80 halbiert. Offen blieb, wo diese Studenten auszubilden seien.

Die frisch fusionierte Fakultät entschied dieses Problem politisch statt sachlich: Zwar schnitt die Zahnklinik Nord bei den fünf geprüften Kennzahlen (wirtschaftlicher Ertrag, wissenschaftlicher Output, Ausrüstungsgrad und baulicher Zustand sowie Lage auf einem Campus ) jeweils besser ab. In der Fakultät aber gab es die Furcht, die Schließung der Zahnklinik Süd könne der Anfang vom Ende des Steglitzer Campus sein. Also votierte der Fakultätsrat im Juni 2004 mit knapper Mehrheit für den Standort Süd, der nun einziger Außenstandort der Charité ist. Das Gebäude der Zahnklinik Nord wurde im September 2008, 25 Jahre nach seiner Er-öffnung, geräumt und einem Forschungs-institut zugewiesen.

Vereint an einem Ort

124 Jahre nach ihrer Gründung fand die bewegte Topographie der Universitäts- Zahnklinik nun ihren Endpunkt. Die wünschenswerte Verlagerung auf einen Campus bleibt angesichts der Finanzlage eine Utopie. Immerhin gönnte man dem Haus in der Aßmannshauser Straße einige dringend nötige Modernisierungen, eine auskömmliche Personalausstattung und die weitere Hoffnung auf die Besetzung des kommissarisch verwalteten Parodontologie-Lehrstuhles.

Und wenn all die Energie, die während der letzten 18 Jahre durch die Arbeit in längst untergegangenen Gremien, durch aufgeblähte Bürokratie, durch Umzüge und Umbauten endlich wieder in Forschung und Lehre fließen kann, wird man sich 2014, im 130. Jahr dieser längsten und kompliziertesten Zahnklinik-Geschichte Deutschlands, auch wieder eine pompöse Feier gönnen. – Falls dem Berliner Senat bis dahin nicht die nächste Halbierung der Mittel einfällt.

Dr. Felix H. Blankenstein
Charité Centrum für
Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde –
Abteilung für Zahnärztliche Prothetik,
Alterszahnmedizin und Funktionslehre
Aßmannshauser Str. 4-6, 14197 Berlin

INFO

Halle – Leipzig – Berlin: Streit um die Erstgründung

Seit Jahrzehnten schwelt zwischen Berlin, Halle und Leipzig der Streit, wo das erste Zahnärztliche Universitätsinstitut Deutsch - lands gegründet wurde: Halle bezieht sich auf das Jahr 1883 [18], Leipzig bestreitet dies und verweist seinerseits auf den 16. Oktober 1884 [14], womit man auch den Berlinern um wenige Tage voraus wäre. Der Anfang in Berlin ist nicht einfach zu datieren. Bereits 1829 gab es an der Universität das „Studium der Beflissenen der Zahnheilkunde“, das aber nicht zur Approbation führte. Die „Beflissenen“ waren mangels Hochschulreife auch nicht immatrikuliert. Mitunter wird 1855, das Gründungsjahr von Albrechts Privatklinik [11, 19] genannt. Auch die Professur für Albrecht 1868, die staatliche Subventionierung ab 1873 oder die Berufung eines Charité-Professors in Nachfolge Albrechts 1883 hätte man jeweils zum Gründungsjahr erheben können. Aber für ein vollwertiges Universi tätsinstitut bedarf es der Erfüllung einiger Kriterien [21]:

• Alle Studenten sind an einer Fakultät immatrikuliert.

• Die Leiter gehören zur medizinischen Fakultät und werden staatlich besoldet.

• Die Institutsräume gehören der Univer - sität.

• Der Etat wird von der Universität komplett getragen.

Diese Kriterien waren in Berlin erst mit der am 9. Oktober 1884 verkündeten Institutsinauguration gegeben, der Jahresetat lag bei 33 000 RM. Dort hielt man sich in der Folgezeit immer an diese Unterscheidung zwischen Privat- und Staatsinstitut und beging im Oktober 2009 folgerichtig „erst“ das 125. Jubiläum. [1, 15]. Die Hallenser be gannen mit einem Jahresetat von 150 Reichsmark [17]. Die Einrichtung des Leipziger Instituts wurde erst durch ein privates Legat ermöglicht. Beide Kliniken waren also zunächst Privatinstitute, die sich in erster Linie selbst finanzieren mussten. Ein Status, den die Albrechtsche Klinik in Berlin schon 1868 hatte. Dieser Sichtweise schlossen sich zuletzt auch die Leipziger in ihrer 2009 erschienen Festschrift an [9]. Damit bleibt die Ehre der Erstgründung in Berlin, was freilich die Leistungen der beiden mitteldeutschen Kliniken nicht schmälert.

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