EHEC und kein Ende

Kleines Bakterium macht Schlagzeilen

Die Zahl der Erkrankten und auch die Zahl der Todesfälle durch EHEC steigt weiter an. Auch nachdem der Erreger konkret identifiziert und per Schnelltest nachzuweisen ist, breitet sich die Infektion weiter aus und führt zu Krisengipfeln bei Wissenschaftlern und Politikern.

Dieses Bakterium ist Auslöser einer derzeit noch recht rätselhaften Endemie, die von Norddeutschland aus in Windeseile bundesweit und sogar über unsere Landesgrenzen hinaus verbreitet hat. Foto: OKAPIA

Besonders für Risikopatienten wie sehr alte und immungeschwächte Menschen droht durch diese E. coli-Infektion Lebensgefahr. Foto: MEV
Frischer Salat und Rohkost – mit E. coli kontaminiert – stehen als Infektionsquelle im Verdacht. Foto: MEV
Peinlichstes Reinheitsgebot für die Hände gilt auch für Praxismitglieder als die beste Prophylaxe. Foto: DAK-istockphoto

Die konsequente Untersuchung von Lebensmitteln jeglicher Art wird derzeit gefordert. Damit sollen Lehren aus der im Moment nicht nur die Medien, sondern auch Wissenschaft und Forschung beschäftigenden Infektion mit enterohämorrhagischen Escherichia coli (EHEC) gezogen werden.

Auch wird zunehmend Kritik an artenwidriger Nutztierhaltung und -fütterung laut, zum Beispiel an der Fütterung von Rindern mit Getreide. Das kann, so wird gemutmaßt, der Ausbreitung von EHECInfektionen Vorschub leisten. Doch selbst strengere Kontrollen werden künftig keinen 100-prozentigen Schutz vor Infektionen mit EHEC-Keimen bieten können. Denn EHEC verursacht unabhängig von der aktuellen Epidemie jährlich Hunderte von Krankheitsfällen allein in Deutschland.

So werden dem Robert Koch-Institut (RKI) pro Jahr rund 1 000 Infektionen mit dem Erreger gemeldet. Betroffen sind sonst vorwiegend Kinder – also anders als dieses Mal – und die Erkrankung verläuft deutlich weniger dramatisch als die aktuelle Infektion. Eine Meldepflicht besteht jedoch seit einigen Jahren schon. Zwar tritt auch in „normalen Jahren“ HUS, das sogenannte hämolytisch-urämische Syndrom, auf, aber deutlich seltener, als es jetzt der Fall ist. Im vergangenen Jahr wurden dem RKI beispielsweise 65 Fälle bekannt, nur sechs Patienten waren dabei älter als 18 Jahre, bei zwei Patienten verlief die Infektion letal.

Noch eine Reihe von Ungereimtheiten

Die jetzige EHEC-Infektion, bei der ungewöhnlich viele Erwachsene und insbesondere Frauen (sie essen nachgewiesenerweise mehr Salate und Rohkost und bereiten überwiegend die Mahlzeiten vor) betroffen sind, zeigt eine ganz andere Dramatik: Nie zuvor hat sich der Erreger derart rasant ausgebreitet und innerhalb weniger Tage ganz Deutschland von Hamburg bis München „erobert“. Weit mehr als 1 000 Menschen sind in kürzester Zeit erkrankt und die Zahl der Todesfälle liegt bereits jetzt im zweistelligen Bereich.

Diese Epidemie ist damit auch ein Lehrstück dafür, wie offen die Grenzen in unserer globalen Welt geworden sind, wie leicht und schnell sich dadurch Krankheitserreger verbreiten können und wie hilflos die moderne Medizin trotz aller Fortschritte eindringenden Bakterien – und auch Viren – gegenübersteht, solange die Infektionsquelle nicht konkret identifiziert und
behoben werden kann.

Übertragung fäkal-oral oder als Schmierinfektion

Dabei ist EHEC den Wissenschaftlern und Medizinern kein Unbekannter. Es handelt sich um Bakterien, die den Darm von Wiederkäuern wie Rindern, aber auch von Schafen und Ziegen sowie von Rehen und Hirschen besiedeln. Sie gehören zur Gruppe der STEC/VTEC, also der Shiga- oder Vero-Toxinbildenden Escherichia coli-Bakterien. Der Name zeigt bereits, dass die gesundheitlichen Gefahren nicht primär von den Bakterien ausgehen, sondern von dem von ihnen gebildeten Toxin, das die Proteinsynthese hemmt und damit als Zellgift wirkt.

EHEC wird üblicherweise direkt oder indirekt von Tieren auf Menschen übertragen, in aller Regel fäkal-oral, das heißt also durch den Kontakt mit Tierkot beziehungsweise über durch Fäkalien kontaminierte Lebensmittel oder Wasser und schließlich als Schmierinfektion durch direkten Kontakt von Mensch zu Mensch.

Ausbruchsstamm war kein Unbekannter

Inzwischen konnte der die aktuelle Epidemie verursachende Erreger in einem vom Robert Koch-Institut bestellten Konsiliarlabor am Universitätsklinikum Münster konkret als Subtyp HUSEC 41 mit dem Sequenztyp ST678 identifiziert werden. Der Ausbruchsstamm ist für die Wissenschaftler ebenfalls kein Unbekannter, wie der Direktor des Instituts in Münster, Prof. Dr. Dr. Helge Karch berichtet: „Mit diesem EHEC-Typ ist es bislang aber weder in Deutschland noch weltweit zu dokumentierten Ausbrüchen gekommen.“

Anders als sonst meist üblich ist wohl auch der Übertragungsweg: Denn bei den bisherigen EHEC-Infektionen waren zumeist rohes Fleisch und Milch die Infektionsquelle. Nun aber stehen vor allem Gemüse und Rohkost im Verdacht, kontaminiert zu sein. Vor allem Gurken, Tomaten sowie Salat könnten, so die Vermutungen, die entscheidende Infektionsquelle darstellen.

Hämolytisches-urämisches Syndrom – HUS

Gefährlich ist EHEC vor allem wegen des HUS-Risikos. Die Erkrankung macht sich zunächst mit Erbrechen, Bauchkrämpfen und vor allem mit blutigen Durchfällen bemerkbar, wobei es von der Infektion bis zum Auftreten der Symptome im Mittel drei bis vier Tage dauert. Allerdings kann die Infektion andererseits auch klinisch stumm verlaufen. Ein Teil der Patienten entwickelt infolge des Toxins jedoch das Vollbild von HUS mit einem akuten Nierenversagen sowie einer Anämie durch den Zerfall von Erythrozyten und einen Mangel an Thrombozyten. Den Patienten drohen irreversible Folgeschäden wie eine Niereninsuffizienz und möglicherweise ein letaler Ausgang des HUS.

Die Behandlungsmöglichkeiten sind limitiert. So ist das Bakterium nach derzeitiger Kenntnis resistent gegenüber Beta-Lactam-Antibiotika wie Penicillin und Cephalosporinen. Das aber ist für die Prognose der Patienten nicht relevant, da per se nicht mit Antibiotika behandelt wird. Diese nämlich können zwar möglicherweise EHEC zerstören, dabei aber würde vermehrt Toxin frei, so dass die betroffenen Patienten unter einer Antibiotikatherapie sogar einer besonders großen Komplikationsgefahr ausgesetzt wären. Die Therapie beschränkt sich daher im Wesentlichen auf eine symptomatische Behandlung mit Flüssigkeits- und Elektrolytersatz und einer Dialysebehandlung im Falle eines schweren Verlaufs mit akutem Nierenversagen.

Antikörper als „Rescue-Medikation“

Zeigt die Behandlung keinen Erfolg, wird derzeit in einigen Zentren versuchsweise auch der Antikörper Eculizumab eingesetzt. Der Wirkstoff ist zugelassen zur Behandlung der paroxysmalen nächtlichen Hämoglobinurie, einer sehr seltenen Bluterkrankung. „Erfahrungen beim durch EHEC bedingten HUS gibt es nur in vereinzelten Fällen bei Kindern“, berichtete jetzt Prof. Dr. Reinhard Brunkhorst, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie.

Ob der nur als Rescue-Medikation bei sehr schwer kranken, anders nicht mehr therapierbaren HUS-Patienten eingesetzte Antikörper die Infektion günstig beeinflussen kann, ist noch unklar. Da entsprechende Therapieerfahrungen fehlen, ist zudem wenig zum Risikoprofil des Antikörpers bekannt.

Hygiene, Hygiene, Hygiene

Um eine weitere Ausbreitung der Infektion zu vermeiden und wohl auch aufgrund der eng begrenzten Therapiemöglichkeiten, setzen die Experten derzeit vor allem auf das grundsätzliche Vermeiden der Infektion und raten der Bevölkerung zum Verzicht auf Gurken, Tomaten, Salat und generell auf Rohkost sowie zu hygienischen Maßnahmen. Vor allem Schwangere sollten außerdem auf Rohmilch und Rohmilchprodukte verzichten, erklärt die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie.

Pasteurisierte und ultrahocherhitzte Milch werden dagegen als sicher angesehen. Problematisch kann allerdings rohes Fleisch sein. Ebenso können sich EHEC-Bakterien in Rohwürsten wie etwa der Zwiebelmettwurst oder der Teewurst verstecken.

Zu den allgemeinen hygienischen Maßnahmen gehört im Alltag das gründliche Waschen der Hände mit Wasser und Seife vor der Zubereitung von Speisen und nach dem Kontakt mit rohem Fleisch. Rohes Fleisch sollte außerdem getrennt von anderen Lebensmitteln gelagert und zubereitet werden. Das ist auch beim sommerlichen Grillen zu beachten. Ebenso ist es ratsam, hierzu verschiedene Bretter, Teller, Messer und Zangen zu verwenden, wie eine Informationsschrift der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) empfiehlt.

Vorsicht also auch bei belegten Brötchen vom Bäcker oder an der Imbissbude, die mit einem knackigen Salatblatt verziert sind. Tücher, die bei der Zubereitung von rohem Fleisch verwandt wurden, müssen anschließend ausgewechselt und bei mindestens 60 Grad Celsius gewaschen werden.

Obst und Gemüse sollen, wenn sie roh gegessen werden, intensiv gewaschen werden. Besser ist es, Nahrungsmittel derzeit in gekochter Form zu verzehren. Dabei müssen nach Angaben des Bundesinstituts für Risikobewertung allerdings mindestens zwei Minuten lang 70 Grad im Kern des jeweiligen Lebensmittels erreicht werden, damit der Erreger tatsächlich unschädlich wird. „Gegenüber anderen Umwelteinflüssen wie einem sauren Milieu, Kälte, Austrocknung oder hohen Salzkonzentrationen sind die Bakterien relativ unempfindlich“, teilt das Bundesinstitut aktuell mit.

Personen mit Durchfall sollten, so die Empfehlung des RKI, eine strikte Hände-Hygiene einhalten, insbesondere gegenüber Kleinkindern und immungeschwächten Personen. Ferner wird betont, dass Personen mit blutigem Durchfall unbedingt einen Arzt aufsuchen sollten, der seinerseits einen EHECNachweis im Stuhl anstreben soll. Ein spezieller Test ist aktuell entwickelt worden. Nur ein geringer Teil der Patienten entwickelt jedoch tatsächlich HUS.

Da immer noch nicht klar ist, wer besonders gefährdet ist, müssen zudem Patienten mit blutigem Durchfall engmaschig überwacht werden und beim ersten Anzeichen eines HUS an ein versiertes Behandlungszentrum überwiesen werden.

Für eine Arzt- oder Zahnarztpraxis gelten nach wie vor die aktuellen Hygiene-Richtlinien, die das Robert Koch-Institut für Praxen vorgibt, so die Aussage der Bundeszahnärztekammer.

Christine Vetter
Merkenicher Str. 224
50735 Köln

Aktuelles zu diesem Thema nach Redaktionsschluss unter www.zm-online.de

Weitere Bilder
Bilder schließen